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Auf tönerner Spur

Title: Auf tönerner Spur

No Entry , 2026 , 544 Pages

Autor:in: Christoph Scholz (Author)

StorySphere: Novels & Short Stories
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Summary Excerpt Details

Musik ist für Simon Waldmann seit Kindheitstagen mehr als Leidenschaft – sie ist Zuflucht, Trost und der einzige Ort, an dem seine Welt heil bleibt. Während er im strengen Nachkriegsdeutschland aufwächst, wird Musik zu seinem inneren Kompass: Sie trägt ihn durch die Kälte des Elternhauses, durch Jahre des Missbrauchs im Klosterinternat und schließlich hinein in die erste große Liebe – zu Helena, einer jungen Organistin, die selbst zwischen Glaube und Freiheit ringt.

Als erwachsener Musiker folgt Simon den feinen Rissen in seiner Familiengeschichte. Nach dem Tod des Vaters stößt er auf verschüttete Wahrheiten, die weit zurückreichen – bis in die Wirren von Krieg, Flucht und moralischem Zusammenbruch. Was er entdeckt, verändert sein Verständnis von Herkunft, Schuld und eigener Identität radikal.

Christoph Scholz erzählt mit großer Empathie und narrativer Kraft die Lebensreise eines Mannes, dessen innere Stimme aus Klang besteht – und der erst Frieden findet, als er den Mut aufbringt, die Schatten der Vergangenheit auszuhalten.

„Christoph Scholz schreibt mitreißend und berührend. Sein Roman trifft mitten ins Herz der Leser:innen!“ – Hera Lind

Excerpt


Auszüge aus dem Buch

Cover: Auf tönerner Spur

Sommer 1950 Münsterland

Für Daniel, Peter, Sophia, Christoph, Mira

Sommer 1950 Münsterland

„Was fällt dir ein, du unverschämter Lümmel!“

Wütend stieß Vati die Tür auf, dass sie ächzend in den Raum flog, packte mich am Hosenbund und riss mich vom Fußboden hoch, wo ich mit meiner Holzbahn spielte.

„Bist du noch ganz bei Trost, elender Lausejunge!“

In rasendem Zorn griff er sich den Rohrstock vom Schrank, den ‚Gelben Onkel‘, der da einsatzbereit lag, warf mich über den Stuhl und drosch auf mich ein. Seine Stimme schneidende Schärfe.

„Du weißt doch“, presste er unter den Schlägen hervor, die satt auf mein Hinterteil klatschten, „dass du mich nicht stören darfst“, keuchende Wut über mir, „wenn ich unten arbeite“, seine Linke ein eiserner Schraubstock, „und Musik höre“, heißer Atem streifte mich. „Herrgott nochmal, wie oft soll ich dir das noch sagen!“

Die Glasmurmeln, mit denen ich den Güterwagen belud und rangierte, waren mir aus dem Beutel gefallen und hüpfend über den dünnen Bretterboden über Vatis Arbeitszimmer gekollert. Zwei hatte ich aufschnappen und ihr Poltern verhindern können, als sich bereits das Knarren der Stufen unerbittlich in heraufschwebende Klänge verbiss. Aber die anderen ...

„Dir werde ich’s zeigen, Bürschchen.“ Erbarmungslos sauste der Stock. „Mir die Musik kaputtzumachen!“

Krampfhaft lauschte ich, von Vatis eisernem Griff im Nacken über die Stuhllehne gebogen, den Klängen, die durch die offene Tür und die rissigen Bodendielen aus Vatis Arbeitszimmer herauf fluteten und inmitten des hereinbrechenden Zornsturms freie Bahn hatten. Plötzlich traute ich meinen Ohren nicht.

Unvermutet hielt Vati inne. Der ‚Gelbe Onkel‘ verharrte unschlüssig in der Luft.

„Hörst du?“ Jäh glätteten sich die Zornesfalten auf seiner Stirn, wie ich aus den Augenwinkeln bemerkte, als ich verstört aufsah. Ich unterdrückte mein jämmerliches Schluchzen und lauschte. Ich hörte es auch:

‚Ach schlage doch bald‘.

Vati schaute verzückt. „Ganz wunderbar!“

Ich verstand nicht, verbiss mir aber weiteres Wimmern, denn ich hörte von unten so herzergreifende Musik, rotgolden glühend, dass sie mir wiegende Sehnsucht einbrannte und Honigsüße über den reißenden Schmerz träufelte. Aber diesen Gesang – immer wieder ‚Ach schlage doch bald‘ – brauchte Vati doch gar nicht!

„Von Bach.“ Seine Stimme hatte plötzlich wieder ihre sonore Tiefe gewonnen. „Bachkantate“, schob er hinterher. „Die wollte ich hören, ungehöriger Bengel, verstehst du?“ Er erwartete wohl keine Antwort und ich hätte auch keine gewusst. Stattdessen lauschte ich: Sel’ge Stunde, Glockenschlag. Oboen tropften sanft von fern goldnen Honig in mein Herz, wiegten mich leise im Glöckchenlicht. Ich fing wieder an zu weinen, konnte nichts dagegen tun. Das kam jetzt nicht vom Stock. Den hatte Vati sinken lassen und summte versonnen mit:

„Den allerletzten Glockenschlag.

Komm, komm, ich reiche dir die Hände.

Komm, mache meiner Not ein Ende.“

Er unterbrach sich plötzlich, wie aufgetaucht aus einer fernen Welt, packte mich wieder, sodass ich mich in Erwartung weiterer Schläge verspannte. Stattdessen schüttelte er mich wie einen nassen Hund und wischte mir brüsk die Tränen ab.

„Ein Junge weint doch nicht, he?“

Ich schniefte und schluchzte ein letztes Mal auf:

„Ich bin ja wieder lieb!“

„Na endlich. Hoffentlich ein für alle Mal. Verstanden?“

Ergeben nickte ich und richtete mich mühsam auf. Schmerzstrahlen feuerten bis zu den Kniekehlen hinab.

Vati hatte den ‚Gelben Onkel‘ griffbereit abgelegt, sich das graue Jackett mit den Ellbogenschonern übergestreift, das ihm herabgerutscht war und wandte sich wortlos zur Tür. Er musste sich bücken. Seine große hagere Gestalt schlotterte im weit gewordenen Anzug. Auf der obersten Treppenstufe drehte er sich noch einmal um und musterte mich prüfend:

„Lass es dir eine Lehre sein. Ich dulde keine weitere Störung mehr. Das nächste Mal ziehe ich andere Saiten auf, klar?“ Ich nickte ergeben. „Du willst doch nicht wieder eingesperrt werden, oder?“ Ich schüttelte hilflos den Kopf.

„So“, nachdem er bereits bis zur untersten Stufe gepoltert war, „und jetzt marsch nach draußen mit dir, damit ich meine Ruhe habe.“

Der immer noch laufenden Bachkantate mit allen Sinnen zugewandt, stand ich wie angewurzelt.

„Na wird’s bald. Was ist?“ Vati zögerte, räusperte sich und klang plötzlich unerwartet versöhnlich:

„Du weißt ja, ein lieber Junge macht Vati und Mutti glücklich. Nicht wahr? Also, du willst wieder artig sein?“ Diesmal hauchte ich: „Ja.“

„Na gut. Dann darfst du ausnahmsweise kurz in mein Arbeitszimmer mitkommen. Wir hören die Kantate noch einmal gemeinsam.“ Drohend sein Finger: „Aber still sitzen!“ Er betrachtete mich nachdenklich.

„Sie scheint dir ja zu gefallen.“

Vatis Reich! Mühsam humpelnd betrat ich das Allerheiligste. Staunte. Selten war mir diese Gunst zuteilgeworden. Süßlich herber Geruch schlug mir entgegen, spärlich fiel Licht durch ein von bodenlangen Gardinen verhangenes Fenster mit ausladenden Schabracken. In der Mitte des Raums der klobige Schreibtisch auf hölzernen Löwentatzen, beladen mit einem Stoß Papier, offenen Notenheften, Partituren und einigen Büchern. In einem gelochten marmorierten Steinblock steckten Bleistifte, Schreibfedern, Schere, ein Füllhalter und eine Stimmgabel. Am Rand eine verschrammte Adler-Schreibmaschine. Grünhaubig wölbte sich ein Lampenschirm über den Arbeitsplatz. An der Rückwand hing über dem Klavier eine Geige, auf der Vati mir Schlaflieder vorgespielt hatte, als ich kleiner war. Sehnsüchtig zog es in meiner Brust.

„Setz dich dahin.“ Vati deutete auf den abgewetzten Sessel links an der Wand. In der Ecke ein nierenförmiges Tischchen mit angestaubten Strohblumen des letzten Sommers, darüber das Bild eines sandigen Birkenwegs, der sich in hügelig blauer Ferne verlief. Vati trat rechts zum Bücherschrank, raumhoch überladen mit sich türmenden Zeitschriftenstapeln, und griff in dem spärlichen Licht der fransenumsäumten Deckenlampe nach dem Gerät auf dem Schrankbord mit der schwarzen Scheibe, die sich unablässig drehte, und machte sich daran zu schaffen. Plötzlich hörte ich sie wieder, die wunderbare Musik von eben, Instrumente, Gesang.

Vati räusperte sich, ließ sich hinter dem Schreibtisch nieder, griff zur Pfeife, stopfte sie, und bald kräuselten sich mit heimeligen Geruch dünne Rauchwolken in die Klänge versponnen zur Decke.

Die Worte fanden keinen Halt in mir, ich hörte an ihnen vorbei auf die Töne, bis Vati die Pfeife aus dem Mund nahm und wieder mitsang:

„Du arge falsche Welt.

Dein sündlich böses Leben

Durchaus mir nicht gefällt.“

Fahrig fuhr er sich mit der Hand durch sein dichtes, gewelltes Grauhaar.

Und dann kam es wieder: ‚Ach schlage doch bald, sel’ge Stunde‘. Unwohl wand ich mich in meinem tiefen Sessel.

Hatte er was bemerkt? Vati stand auf, murmelte: „Na, ist wohl zu lang für dich“, trat an das schwarzbraune Klavier an der Rückwand mit seinen Kerzenhaltern am kunstvoll durchbrochenen Notenpult. „Jetzt noch der Schlusschoral; pass mal auf!“ Er spielte und sang ihn mit.

„Denn wo du bist, da komm ich hin.

Dass ich stets bei dir leb und bin;

Drum fahr ich hin mit Freuden.“

„Na, gefällt’s dir?“ Er sah mich auffordernd an.

„Ja, sehr“, entrang ich mir zaghaft.

„Siehst du, dann los: Sing mal mit!“ Er stimmte den Schlusschoral noch einmal an, und da ich ihn ja soeben gehört hatte, sang ich ihn mit – also die schöne klare Melodie. Die Worte wusste ich nicht, aber die konnte man ja ersetzen: „La, la, la, ...“

„Eine schöne Stimme hast du; heller Sopran.“ Vati nickte zustimmend. Das tat so gut. „Jetzt aber mal was Leichtes.“ Er kramte in einer Kiste, die er halb aus dem Schrank zog. „Meine Schatzkiste“, nuschelte er mit der Pfeife im Mund. „Ja, hier, das könnte dir gefallen: Operettenmusik von Suppé: ‚Leichte Kavallerie‘ und ‚Dichter und Bauer‘.“ Er zog eine Plattenhülle hervor. Mit einem Kopfnicken zu mir: „Halte mal!“ Aufgeregt trat ich hinzu und nahm andächtig das Plattenalbum entgegen. Bunte Girlanden umkränzten lächelnde Gestalten zu Fuß und zu Pferd.

„So, gib mal her.“ Vati zupfte behutsam die Platte aus der weißen Innenhülle, pustete über die seltsam schimmernde Oberfläche, gab sie mir, „Ganz vorsichtig!“, und nahm Bach vom Plattenteller. Andächtig hielt ich mit spitzen Fingern die schwarze Scheibe. Wo war denn da die Musik? Schon wurde sie mir abgenommen und auf das Gerät gelegt. „Das hier ist der Tonarm mit einer winzigen Nadel. Die tastet die Rillen ab und dann hören wir die Musik, verstehst du?“ Ich nickte folgsam.

Vorsichtig senkte Vati die Zaubernadel auf die geheimnisvolle Rillenwelt und verzog sich wieder hinter Schreibtisch und Gewölk. Atemlos stand ich vor der sich unverdrossen drehenden Scheibe. Knisternd entzündete sie in mir ein sprühendes Feuerwerk: mit einem Tonpinsel hingeworfene Farbtupfer, schillernde Striche, wilde Tonkleckse, tosende Klangmeere unter einer leuchtenden Sonne.

Ich schluckte und – ich weiß nicht warum – fühlte plötzlich den feinen Stab in der Hand, den ich beim Reinkommen auf dem Notenpult erspäht hatte, gab den feurigen Lichtschlangen, Blumenblitzen, Farbfontänen Melodiekaskaden schwungvolle Einsätze. Ausgelassen hüpfte und tanzte mein Herz durch die klingende Zauberwelt.

„So, jetzt ist’s aber mal gut, Simon. Ab mit dir nach draußen, kleiner Dirigent. Aber zackig!“

Ein Lächeln huschte Vati übers Gesicht.

*****

„Simon, aufwachen! Beeil dich, ich muss gleich los.“ Schläfrig drehte ich mich zur Seite. „Bin noch so müde, Mutti.“

„Nichts da, du Schlafmütze!“ Rabiat zog Sie mir die Decke weg, dass ich unwillig brummte, schüttelte mich an der Schulter und riss auch noch das Fenster auf. Ein schneidend kalter Luftzug fuhr mir in die Glieder, sodass ich aufstöhnte. „Mutti, nein!“

„Ich werd‘ dir Beine machen, mein Junge!“

Ich gab noch nicht auf. „Aber ich hab‘ doch heute...“

Ich sprach zu leeren Wänden, denn sie war bereits wieder weg. Ich hörte sie hin und her rennen, in der Küche hantieren, Türen schlagen, „Simon!“ rufen, mit Töpfen klappern, mit Vati reden, „aufwachen!“, Treppen laufen, „Hörst du?“

Die Kälte kroch mir in Mark und Bein. Widerwillig erhob ich mich, und als ich herunterkam, vom Duft des Mittagessens angelockt, das Mutti vorgekocht hatte, fand ich sie in üblicher Eile, mit geblümtem Kopftuch, den Mantel in der Hand. „Da, Simon, dein Frühstück. Vati macht das Mittagessen warm.“ Auf dem Herd dampfte ein Bohneneintopf. Zum Glück nicht Brotsuppe aus aufgeweichten und zerkochten Brotresten mit Kümmel. Allein beim Gedanken würgte es mich.

„Spiel schön und wehe, du machst dich wieder dreckig. Deine Jacke hat Mutti frisch gewaschen, draußen an der kalten Pumpe.“

So zierlich sie auch war, hatte sie doch ungeahnte Kräfte, wie ich schmerzlich erfahren musste, wenn sie mich wegen Ungezogenheiten züchtigte.

„Es ist deine einzige. Mach mir nicht noch mehr Arbeit!“ Sie packte mich am Kragen und drückte meinen Kopf zum Eimer, in dem sie Schmutzwäsche einweichte. „Siehst du?“ Die Schärfe der Lauge stach mir in die Nase. „Schone die Sachen, du weißt, wir haben alles verloren.“

Was denn? Ich hab doch nichts verloren, wunderte ich mich, sagte das aber nicht laut.

Mutti öffnete die Feuerklappe und stocherte in der Glut. „Setz‘ die Mütze auf, wenn du nach draußen gehst.“ Sie griff nach den Briketts und legte eins nach. „Sag guten Tag, wenn du Frau Tekatte siehst, und ärgere nicht wieder ihre Hühner.“

Ich starrte gebannt in die Glut. „Hast du gehört?“

„Ja, Mutti.“

Sie schloss die Klappe und griff nach ihrer mit Kompott und Gekochtem prall gefüllten Tasche.

[...]

[...]

Juni 1970 Israel

„Wie bist du überhaupt zur Bratsche gekommen, Simon? Und du hast wirklich gleich damit angefangen und nicht mit Geige, wie die meisten?“

Ich saß am Gang neben Ariane, erste Geigerin unseres Streichquartetts an der Hochschule. Wahnsinn! Als Bratscher im Weltjugendorchester. Saß aufgeregt im Flugzeug, zum ersten Mal in meinem Leben. Auf zum Meeting nach Israel! Mit einer Handvoll weiterer junger Instrumentalisten aus Deutschland. Welch ein Glück, schoss es mir durch den Kopf, dafür ausgewählt worden zu sein. Wie viele hätten es verdient! Aber du bist dabei, der kleine verängstigte Junge, der heimlich durch einen verbotenen Dachboden stöberte und da einen seltsamen Kasten fand, der sein ganzes Leben umkrempeln sollte.

„Ja, ja“, antwortete ich etwas zerstreut, „gleich Bratsche. Also, damals war ich im Internat, habe zufällig das Instrument gefunden, das ich anfangs tatsächlich für eine Geige hielt“, ich schüttelte belustigt den Kopf, „ja, und dann habe ich Unterricht bekommen. So simpel war das:“ Ich war froh, die Geschichte unbeschwert erzählen zu können.

„Also Edelbratscher! Wow!“

„Ja, kein heruntergekommener Geiger.“ Ich machte eine gewichtige Miene zum üblichen Spiel und lachte. „Nach dem Abi fiel mir nichts Besseres ein, als Musik zu studieren. Und dann ging es richtig ab.“ Ich unterstrich die Worte mit einer rasanten Handbewegung.

„Waren deine Eltern auch Musiker?“ Ariane musste fast schreien gegen die dröhnenden Triebwerke, denn wir waren immer noch im Steigflug.

„Mein Vater ja. Er hatte leider einen Schlaganfall und ist schon lange in einem Pflegeheim. Daher kam ich ins Internat und später zu Onkel und Tante, weil das mit Schule praktischer war.“ Es tat mir gut, so leichthin zu sprechen.

„Und die Bratsche hast du behalten? Ist ja offensichtlich ein gutes Instrument.“

„Was hast du gesagt?“ Ich beugte mich zu ihr rüber.

„Ein gutes Instrument offensichtlich, finde ich mit meinen bescheidenen Geigenohren.“ Sie zog den Mund breit zu einem aufgesetzten Grinsen.

„Es müsste eigentlich ‚offenhörbar‘ heißen! Gibt es das Wort überhaupt?“ Statt einer Antwort schrak sie zusammen, denn das Flugzeug schwankte und rüttelte plötzlich stark. Instinktiv klammerte sie sich an mich und atmete heftig.

„Ach, sicher bloß ein paar Luftturbulenzen“, tat ich souveräner, als mir zumute war.

„Ja, die Bratsche“, sie hatte mich losgelassen und sich wieder beruhigt, als wir durch die Wolken gestoßen waren und endlich störungsfrei durch die azurblaue Weite dahinglitten. Fasziniert beugte ich mich über sie zum Fenster hin und staunte über das Schauspiel der Wolkengebirge unter uns. „Unglaublich! Guck mal!“

„Wenn du nicht so unglaublich schwer wärst, bekäme ich vielleicht wieder Luft und könnte rausgucken!“ Sie klang nur halb belustigt.

„Oh sorry! Das ist mein erster Flug und deshalb bin ich so euphorisch.“ Ich löste mich von ihr. „Was meintest du von der Bratsche?“, versuchte ich den Faden wieder aufzunehmen.

„Sie klingt so dunkel, kräftig, sonor, finde ich.“

„Liegt natürlich nur an meinem Spiel“, brüstete ich mich kokett, „Quatsch, ich bin sehr zufrieden mit ihr. Hab doppeltes großes Glück gehabt: Als mein Onkel hörte, dass ich das Instrument vermisste, das ich im Internat zurücklassen musste, als ich da wegging“, – wie leicht man etwas sagen kann, was in Wirklichkeit zentnerschwer war, schoss mir durch den Kopf, – „ja, da ist er spontan hingefahren und hat es denen abgekauft. Keine Ahnung, wie er das geschafft hat und wie viel er bezahlt hat. Jedenfalls bin ich ihm unendlich dankbar.“ Wieder beugte ich mich, jetzt vorsichtig, zum Fenster hin und sah, wie die Wolken aufrissen und das endlose Mittelmeer mit der strahlenden Bläue des Himmels verschmolz. Wir verstummten vor der majestätischen Natur und hingen eigenen Gedanken nach.

Von Tel Aviv ging es in unser Domizil ans Mittelmeer. Mitglieder des Israel Philharmonic-Orchesters betreuten uns, nahmen die Auditions vor für die passende Besetzung und studierten die Literatur mit uns ein. Wie in Trance schwebte ich, der ich nie eine vergleichbare Reise gemacht hatte, durch die Tage: die Proben, die Musik, die kulinarischen Highlights, das milde Strandklima, das Zusammenspiel der über hundert jugendlichen Musiker aus aller Herren Länder, die Begegnungen und Gespräche. Aber das Eigentliche kam ja erst noch:

Der berühmte junge Maestro flog wenige Tage vor den geplanten Konzerten aus Los Angeles ein und übernahm die Leitung: Zubin Metha, der gebürtige indische Dirigent, schlug mich völlig in den Bann. Mit welcher Souveränität, ja fast Lässigkeit, andererseits absolutem und unbändigem Ausdruckswillen, mit welcher Präzision, welchem Feuer und welchen Ideen er neben Berlioz‘ ‚Römischem Karneval‘ und Beethovens Violinkonzert vor allem Mahlers erste Sinfonie zu einem wahrhaft titanischen Klangereignis befeuerte, hätte ich mir nie vorstellen können. Manchmal schien mir im Konzert, er dirigiere allein mit seinen bezwingenden Blicken und führe uns in ungekannte überirdische Welten. Da keimte in mir das glühende Verlangen auf, einst davon mit allem, was ich vermochte, weiterzugeben. In Caesarea, dem römischen Amphitheater mit Blick aufs Mittelmeer, in Jerusalem und in Tel Aviv stürmten wir wie im Traum durch rauschende Konzerte vor enthusiastischem Publikum und gönnten uns im Anschluss an das Orchestertreffen noch eine Fahrt zu viert mit dem Auto runter zum Toten Meer, legten uns fasziniert in die heiße salzige Brühe und kämpften uns durch die glühende Hitze am Rand der Negevwüste bis nach Eilat am Roten Meer, wo man, wie wir gehört hatten, in Korallen schnorcheln und die Nacht problemlos am Strand verbringen könne.

„Weißt du noch, wie wir abends keine Stelle fanden, wo jemand lag und schließlich weit außerhalb im Dunklen allein irgendwo übernachten wollten und ich einen Wüstenfuchs in Panik mit dem Auto verfolgte?“ Wir waren inzwischen auf dem Rückflug von unserem beeindruckenden Trip.

„Was sagst du?“ Ariane war eingenickt und blickte mich verständnislos an.

„Ich dachte gerade an Eilat. Weißt du noch?“

„Klar“; sie zupfte an ihren Haaren, „phantastisch war das. Wie wir alle vier am Strand geschlafen haben, und zwar direkt in der Stadt“, sie gluckste wissend, „und am nächsten Morgen durch die Korallen geschnorchelt sind.“ Sie gähnte. „Herrlich!“

„Ja, aber erst, nachdem wir im Dunklen nach Eilat zurückgefahren waren und den Stadtstrand endlich übersät fanden mit Schlafenden.“

„Und das tolle Konzert zum Abschluss in Tel Aviv mit Leonard Bernstein, dem Israel Philharmonic und den Brahms-Sinfonien.“ Ich nickte versonnen und ließ alle großen Sinfonien, die ich bislang in studentischen Jugendsinfonieorchestern erlebt hatte, in Gefühls-, Bild- und Klangkaskaden an mir vorbeirauschen: Bruckner klang auf mit seiner Fünften im Aachener Dom, Schumann, Schubert, Dvoraks 8., César Franks d-Moll-Sinfonie in der Kathedrale im belgischen Tongeren, Brahms, Mendelssohn ... Ab und zu stockte die Vorstellung und einzelne Szenen traten hervor ...

„Was meinen Sie?“, Prof. S., unser charismatischer Dirigent mit der wunderbar bildhaften Vermittlungsgabe trat in der Konzertpause in Tarragona, Spanien, auf uns Stimmführer zu, nahm einen tiefen Zug seiner Zigarette, „Schumann, der langsame Satz – weglassen?“ Wir wussten augenblicklich, was er meinte, und waren uns einig: unbedingt! Bei dem Publikum! Es wird während der Musik geschwätzt, geraucht – und dann sollen wir diese klangliche Kostbarkeit seiner 2. Sinfonie, diese subtile Steigerung in unsagbare Grenzregionen menschlichen Denkens und Fühlens einer unsensiblen Meute zum Fraß vorwerfen? Wir brauchten keine Bedenkzeit, um ihm aus tiefstem Herzen zuzustimmen. Oh wir Kleingeister allesamt in unserem hehren Weisheitstempel der Kunst!

Ich sehe noch den Spanier nach dem Konzert in unsere Garderobe stürmen: „Wie können Sie es wagen ...! Dieser Frevel an der Musik ...! Eine Schande ...! Gewalttat an Schumann ...!“ Wie recht er hatte! Wir hatten in arroganter Anmaßung der Musik das Herz ausgerissen ...

Oder Südfrankreich, Brahms Dritte mit dem elegischen Pianissimo-Schluss:

Alle Blechfanfaren sind ausgestoßen, Holzmelodien in den Vordergrund geblasen, die Bläser haben sich versöhnt zu Choralanklängen, und wir Streicher winden unermüdlich Sechzehntelgirlande um Girlande im Pianissimo um die ausklingende Melodie. Halten nicht ein im Bemühen, dem Blick in eine unsagbare Ferne zu verklärtem ersterbenden Glanz zu verhelfen, in entrückter Zartheit uns heranzutasten; und dann, im Verklingen des Letzten das Physische hinter uns zu lassen: Der Taktstock schwebt, die Bögen berühren die Seite, berühren sie sie noch?, schweben sie?, wo ist der Punkt? Plötzlich ein unmerklicher Ruck; unser Dirigent fasst das Notenpult, hält sich, kommt zurück; wir alle mit; es ist ein Akt, wieder ganz da zu sein. Der Beifall hilft ...

Ach, als Bratscher bei solchen Werken im Zentrum des Geschehens, als belebendes Herz der Musik, als ihre sensible Mitte! Ich gönnte mir den Moment der Selbstverliebtheit. Es rauschte wieder in meinem Kopf; ich schloss die Augen.

„Warum grinst du?“ Ariane beugte sich zu mir rüber.

„Weißt du, es sollte eigentlich glückliches Lächeln werden“, bog ich die leicht anmaßende Anwandlung gerade, „über tolle Konzerterinnerungen!“

„Ach so. Übrigens: Du weißt, dass wir in zwei Wochen einen Quartettauftritt haben? Da gibts noch ne Menge zu tun. Hoffentlich ist uns da nachher auch nach Lächeln zumute. Wenn ich an das Beethoven-Quartett denke ...“ Sie schwenkte bedenklich ihre Hand.

[...]

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Details

Title
Auf tönerner Spur
Author
Christoph Scholz (Author)
Publication Year
2026
Pages
544
Catalog Number
V1683319
ISBN (eBook)
9783389170397
ISBN (Book)
9783389170403
Language
German
Tags
Hera Lind Auf tönerner Spur Christoph Scholz Hera Lind Empfehlung Nachkriegsroman Deutschland Kindheit im Münsterland Familiengeschichte Nachkriegszeit Kriegstrauma und Erinnerung Flucht aus Schlesien 1945 Generationenroman Musik als Lebensmotiv Bach Kantaten Literatur Gewalt in der Familie Nachkriegszeit Vater-Sohn-Beziehung Literatur Verlust und Trauer Roman Deutsche Nachkriegsliteratur Kindliche Perspektive im Roman Flucht und Vertreibung Zweiter Weltkrieg Musikpädagogik im literarischen Kontext Trauma und Verarbeitung Literatur Provinzleben Nachkriegsdeutschland Historischer Roman 20. Jahrhundert Erinnerungskultur Literatur Musik und Identitätsbildung Roman
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Christoph Scholz (Author), 2026, Auf tönerner Spur, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1683319
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