Vorstellungsmuster – Eine semantische Theorie sprachlicher Kategorien


Forschungsarbeit, 2010

21 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1. Vorbemerkungen
1.2. Merkmalsemantik
1.3. Prototypensemantik

2. Vorstellungsmuster – eine evolutionär-semantischer Ansatz
2.1. Vorbemerkungen
2.2. Vorstellungsmuster – eine neue Kategorisierungstheorie

3. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1.1. Vorbemerkungen

Eines der Grundprinzipien der Evolution ist, das Überleben des einzelnen Lebewesens zu sichern. Zu einer erfolgreichen (Über-)Lebensstrategie gehört, dass man die einen um-gebende Welt erfasst und richtig beurteilt. Diesem Prinzip kann sich der Mensch nicht entziehen, denn in unserer komplexen und pluralistischen Welt, ist es nötiger denn je, die Umwelt schnell kategorisieren zu können.

Kategorisierungen geschehen dabei nicht nur in Bezug auf Tiere und Pflanzen, sondern auch in Bezug auf den Menschen und bezüglich aller anderen Bereiche, die die Lebensform Mensch betreffen, mithin auch die sozialen Strukturen des Einzelnen.

Um zu begreifen, wie Kategorisierungen vorgenommen werden, nach welchen Kriterien sie konstruiert werden und wie sich Kategorien voneinander abgrenzen lassen, gibt es mehrere Ansätze. Die beiden bekanntesten sind die Merkmalsemantik und die Proto-typensemantik. In den folgenden Abschnitten der Einleitung werden zunächst diese beiden Theorien kurz skizziert, um deren Argumentationsstrukturen zu verfolgen.

In den darauf folgenden Abschnitten werde ich einen Ansatz präsentieren, der die Gedanken der Prototypentheorie nicht ganz fallen lässt, jedoch nicht eine bloße Er-weiterung und Verbesserung der Theorie darstellt, sondern mittels einer neuen Herangehensweise ganz neue Antworten auf semantische Fragen liefert, die von keiner Theorie bisher hinreichend beantwortet werden konnten.

1.2. Merkmalsemantik

Die Merkmalsemantik basiert auf der Annahme, dass sich die Bedeutung von Lexemen strukturalistisch analysieren lässt. (Vgl. Pottier 1978) Es handelt sich folglich um eine Dekompositionstheorie. Wörter, genauer gesagt, die Bedeutung eines Wortes könne also in semantisch diskrete Einheiten zerlegt werden, in sog. atomare Bestandteile. (Vgl. Lewandowski 1990:207 u. Lyons 1980:328f.)

Der Grundannahme nach gebe es elementare, nicht weiter zerlegbare semantische Merk-male, die als Seme bezeichnet werden. (Vgl. Busch u. Stenschke 2007:102). Zur Identifizierung dieser Merkmale werden semantische Minimalpaare gebildet, deren Eigenschaften bis auf eine identisch sind. So bildet Junge / Mädchen ein solches Minimalpaar, dessen einzige Differenz im Geschlecht liegt:

Junge […, MÄNNLICH]

Mädchen […, WEIBLICH]

Aus der Minimalpaarbildung folgt daher, dass [MÄNNLICH] und [WEIBLICH] Seme sind. Sie sind zusätzlich komplementär. Aus der Abwesenheit von [WEIBLICH] kann man daher (in den meisten Fällen) auf die Anwesenheit von [MÄNNLICH] schließen. Diese Relation wird anhand von + und – dargestellt. Die Seme der Merkmalsemantik sind somit binär. (Vgl. Goddard 1998:45)

Junge [+MÄNNLICH], [-WEIBLICH]

Mädchen [-MÄNNLICH], [+WEIBLICH]

Ein Problem der Merkmalsemantik ist jedoch die Frage, welche Merkmale überhaupt dafür in Frage kommen, als Seme gelten zu können.

Idealerweise seien sie

1. atomar (nicht weiterzerlegbar),
2. generell (vertreten allgemeine Eigenschaften),
3. sprachlich motiviert (enthalten kein Weltwissen) und
4. universell (für alle Sprachen gültig).

[MÄNNLICH] und [WEIBLICH] scheinen diese Charakteristika zu erfüllen, doch wie ist es mit Semen, die die Bedeutung von Verben darstellen sollen?

Zum Beispiel das Verb impfen: Wie ließe sich der semantische Gehalt dieses Wortes anhand elementarer Seme beschreiben? Man könnte sich vorstellen, dass [ZUM SCHUTZ VOR KRANKHEITEN] ein solches Merkmal ist, doch ließe sich dieses wirklich nicht weiter zerlegen? (Vgl. Löbner 2003:204)

Aufgrund dieser Problematik werden die Seme in zwei Gruppen eingeteilt. Zum einen in die sog. Marker, denen man die oben genannten idealen Charakteristika (zweifelsfrei) zuschreiben kann und die sog. Distinguisher, deren Status in Bezug auf die Ideal-vorstellungen zweifelhaft ist.

Doch es gibt noch weitere Kritikpunkte an der Merkmalsemantik, denn es lassen sich nicht alle Wörter auf diese Art und Weise analysieren. Für Farbwörter wie blau oder gelb ist es fraglich, ob sich binäre Seme finden lassen, mittels derer eine semantische Beschreibung möglich ist.

Zudem lassen sich graduelle Unterschiede (vgl. das Kontinuum kaltkühllauwarmwarmheiß) mit binären Semen nur schwerlich abbilden.

Und wie viele Merkmale sind denn hinreichend, um einen semantischen Gehalt zu fassen? Gibt es überhaupt eine endliche Menge, anhand derer eine eindeutige Beschreibung einer Wortbedeutung möglich ist?

Diese Kritikpunkte waren dann schließlich auch der Ausgangspunkt für eine Theorie, die auf kognitionspsychologische Untersuchungen von Eleonore Rosch zurückgriff: die Proto-typensemantik.

1.3. Prototypensemantik

1.3.1. Einführung

Der Merkmalsemantik wird von einigen Verfechtern der Prototypensemantik vorgeworfen, dass man anhand eines sog. NHB-Modells die Kategorisierungen nicht ausreichend erklären könne. So würden offensichtliche Mitglieder einer Kategorie nicht in dieser berücksichtigt werden können, da sie den Notwendigen und Hinreichenden Bedingungen (NHB) nicht genügen würden. Die Prototypensemantik lässt sich jedoch nicht von der Merkmalsemantik trennen, denn die Unterschiede, die die Prototypentheorie aufzuzeigen versucht, sind minimal. Vielmehr kann man die Prototypensemantik als eine kognitive Erweiterung der Merkmalsemantik verstehen, da die Erkenntnis, dass Kategorisierungen eine kognitiv-psychologische Fähigkeit ist, für die Erarbeitung einer neuen Kategorisierungstheorie eine unabdingbare Rolle spielen sollte.[1]

In dieser Richtung paraphrasiert Violi (2001) eine Aussage Lakoffs wie folgt:

”Categorization can thus be seen […] as the principle means by which we give sense to our experience.“ (Violi 2001:98)

1.3.2. Skizzierung der Prototypensemantik

Die Basis der Prototypentheorie bilden die psychologischen Untersuchungen von Eleanor Rosch. Aus ihren Forschungspublikationen von 1975, 1976 und 1978 geht hervor, dass es drei[2] Ebenen gäbe, auf denen die Menschen sprechen würden: subordinate level (untergeordnete Ebene), basic level (Basisebene) und superordinate level (übergeordnete Ebene). (Vgl. Violi 2001:101 u. Kleiber 1998:58)

Die von Rosch et al. durchgeführten Tests hätten dabei gezeigt, dass die Basisebene die psychologisch fundamentalste in Bezug auf vier Eigenschaften sei:

”[B]asic objects are the most inclusive categories whose members: (a) possess significant numbers of attributes in common, (b) have motor programms which are similar to one another, (c) have similar shapes, and (d) can be identified from averaged shapes of members of the class.“ (Rosch 1976:382)

Aufgrund dessen sei die Basisebene die höchste abstrakte Ebene, auf der sich für die Mitglieder einer Kategorie eine einheitliche Form finden ließe. Für Objekte der Basisebene ließe sich somit ein mental image[3] ausmachen, welches die gesamte Kategorie re-präsentieren könne. (Vgl. Violi 2001:104)

Ein kognitiver Effekt dieser dreigliedrigen hierarchischen Struktur sei, dass die Basisebene im Vergleich zur übergeordneten und untergeordneten Ebene am schnellsten identifiziert würde. Zudem sei es die Ebene, die Kinder als Erstes lernen würden. (Vgl. Kleiber 1998:61) Zu guter Letzt sei die Basisebene ebenfalls jene Ebene, die den höchsten Informationsgehalt aufweise, welcher sich anhand der sog. Cue Validity berechnen ließe. (Vgl. Violi 2001:104f. u. Kleiber 1998:52f., 62f.)

Neben dieser vertikal hierarchischen Dimension der Theorie versucht die Proto-typentheorie auch Kategorien derselben Ebene (horizontal) voneinander abzugrenzen: Den zentralen Gedanken stellt dabei der sog. Prototyp dar. Diesen kann man als Schnittmenge mehrerer Eigenschaftskreise verstehen. (Vgl. Kleiber 1998:29)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Prototyp ist dabei ein abstraktes Idealbild der Kategorie und kann durch ein reales Objekt besetzt sein. Der Prototyp weist folglich alle Merkmale der Kategorie auf und konstituiert sie. Im Vergleich zur Merkmalsemantik können jedoch auch solche Objekte zu einer Kategorie zugehörig klassifiziert werden, die nicht alle Merkmale mit dem Prototyp teilen.[4] Die Grenzen der sprachlichen Kategorien sind also unscharf, und der Zugehörig-keitsgrad eines Objektes lässt sich anhand der Zahl der Merkmale, die das Objekt mit dem Prototyp teilt, bestimmen. Daraus ergibt sich ein jeweils unterschiedlicher Repräsen-tativitätsgrad des Objektes für die Kategorie. (Vgl. Kleiber 1998:33f. u. Rosch 1975:544)

Es ist folglich ausreichend, nur ein Merkmal mit dem Prototyp zu teilen, um Mitglied der Kategorie zu sein. Ein Objekt ist somit zumeist nicht nur einer Kategorie zugehörig, sondern kann verschiedenen Kategorien gleichzeitig, mit einem jeweils unterschiedlichen Grad an Repräsentativität, zugeordnet werden.

Zur Unterstützung dieser These werden von Lakoff (1987) Sätze vom Typ „X ist ein Vogel“ herangezogen, deren Wahrheitswerte sich graduell unterscheiden würden und die nicht per se als absolut falsch bezeichnet werden könnten.

a) Ein Spatz ist ein Vogel (wahr);
b) Ein Küken ist ein Vogel (weniger wahr als a)
c) Ein Pinguin ist ein Vogel (weniger wahr als b)
d) Eine Fledermaus ist ein Vogel (falsch oder fern davon, wahr zu sein)
e) Eine Kuh ist ein Vogel (absolut falsch)

Für die Kategorie Vogel ließe sich nach Violi (2001:115) folgende schematische Darstellung finden:

[...]


[1] Die Prototypensemantik macht jedoch den Fehler, dass sie sich ausschließlich auf die Kognitionspsychologie beschränkt und den evolutionären Gedanken außen vor lässt.

[2] Bereits Berlin (1968 u. 1973) hatte in seinen Untersuchungen festgestellt, dass es unterschiedliche sprach-liche Kategorisierungsebenen gäbe. Jedoch unterschied Berlin sechs Stufen der Kategorisierungen: king-dom/unique beginner, life form, intermediate, generic, specific und varietal. Seine Untersuchungen der Spra-che der Tzeltal hätten ergeben, dass die Ebene generic, die wichtigste sei. Diese Ebene bilde den „Grund-pfeiler aller volkstümlichen Klassifikationen.“ (Kleiber 1998:56)

[3] Kleiber (1998:60) spricht nur von einem Schema, das sich anscheinend nur auf die äußerliche Form bezieht. Mental image scheint mir aber präziser zu sein.

[4] So lassen sich z.B. Strauß und Pinguin unter die Kategorie Vogel subsumieren, auch wenn sie ein vermutlich essenzielles Merkmal nicht aufweisen, nämlich die Flugfähigkeit.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Vorstellungsmuster – Eine semantische Theorie sprachlicher Kategorien
Autor
Jahr
2010
Seiten
21
Katalognummer
V168383
ISBN (eBook)
9783640853229
ISBN (Buch)
9783640853441
Dateigröße
748 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Semantik, Semantiktheorien, Wortbedeutungen, Bedeutung, Wortdefinitionen, Begriffsdefinitionen, Definitionen, Prototypensemantik, evolutionäre Semantik, Vorstellungsmuster, Kategorien, Kategorisierung, Kategorisierungstheorien, natürliche Kategorien
Arbeit zitieren
Markus Böckmann (Autor), 2010, Vorstellungsmuster – Eine semantische Theorie sprachlicher Kategorien, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/168383

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