Welche Entwicklungen der Liebesbeziehung zeichnen sich bei Erec und Enite in Hartmanns von Aue "Erec" aus?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011
19 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Entwicklung vom Minneverhältnis zwischen Erec und Enite
2.1. Hochmittelalter
2.1.1. Schriftlichkeit und Liebesthematik aus kulturgeschichtlicher Perspektive
2.1.2. Liebesdiskurs im Hochmittelalter
2.2. Das Herrscher- bzw. Liebespaar
2.2.1. Êrec der degen balt und wîp Ênîte
2.2.2. Enites Schönheit
2.2.3. Gemeinsame Aventürefahrten
2.2.4. Redeverbot
2.2.5. Über- und Unterordnung
2.2.6. Joie de la curt

3. Resümee

1. Einleitung

Die vorliegende Hausarbeit befasst sich mit dem Thema: Entwicklungsstadien der Liebesbeziehung zwischen den Protagonisten Erec und Enite in Erec von Hartmann von Aue. Der literaturtheoretische Teil bringt die kulturgeschichtliche Perspektive der minne im Zeitalter des Hochmittelalters dar. Dabei wird ein kleiner Einblick in wesentliche Aspekte des Mittelalters, mit dem Augenmerk auf Schriftlichkeit gelegt. Denn erst im Mittelalter wird Schriftlichkeit allmählich unabdingbar. Somit herrscht eine Emanzipation der Bevölkerung im Mittelalter. Desweiteren wird in den Liebesdiskurs näher eingegangen, sodass wir in das Menschen- und Weltbild der zugehörigen Zeit hineinblicken dürfen. Wie ist das Mann-Frau-Verhältnis? Was für eine Rolle hat die Liebe im Leben? Wie wird Sexualität mit der Liebe in Verbindung gebracht? Genau solche Fragen sollen ihre Antworten finden.

Im analytischen Teil werden verschiedene ausgewählte Entwicklungsstadien der Liebe von den beiden Protagonisten näher unter die Lupe genommen. Der Schwerpunkt liegt jedoch in der Joie de la curt Episode. Zunächst wird das Verhältnis – mi der Akzentuierung der minne – durch eine Darstellung in die Charaktereigenschaften vorgelegt. Demzufolge findet eine Charakteristik statt. Die Entwicklungsstadien sind wie folgendermaßen ausgewählt: Enites Schönheit, Gemeinsame Aventürefahrten, Redeverbot und Über- und Unterordnung. Mit der Szenenanalyse (Joie de la curt) endet somit auch der Hauptteil dieser Hausarbeit. Man wird schnell rekonstruieren können, dass sich die o.g. Entwicklungsstadien mit der Frauenfigur Enite eher befasst sind, anstatt Erec. Hinzufügend trägt die verligen - Problematik eine hohe Priorität, sodass sie immer wieder in den Unterkapiteln auftaucht. Essenziell in der ganzen Hausarbeit ist die Frage: Welche Entwicklungen zeigen Erec und Enite in ihrer Liebe zueinander? Das heißt wiederum, wie ist das Verhältnis am Anfang der Lektüre, wie ist sie am Ende? Gibt es einen Unterschied? Genau solche Fragen sind unsere Leitfragen, die als Handwerke dieser Hausarbeit dienen sollen. Deswegen sind die oben aufgelisteten Entwicklungsstadien besonders wichtig, da sie zumal bewusst gewählt worden sind und einen Einblick in viele Unterbereiche der Liebesthematik geben.

Demzufolge lautet die allgemeine Leitfrage für die vorliegende Hausarbeit wie folgend:

Welche Entwicklungen der Liebesbeziehung zeichnen sich bei Erec und Enite in Hartmanns von Aue Erec aus?

2. Die Entwicklung vom Minneverhältnis zwischen Erec und Enite

2.1. Hochmittelalter

2.1.1. Schriftlichkeit und Liebesthematik aus kulturgeschichtlicher Perspektive

Die Periodisierung des Zeitraums für das Hochmittelalter ist von 1050 bis 1350. Wobei man anmerken muss, dass es fließende Übergänge gibt, sodass genauere Zeitangaben nicht immer korrekt sein müssen.[1]

Frankreich gilt zu der Zeit im kulturellen Sinne als das Vorbild. Die gotische Architektur, die Höfische Kultur, Chanson de Geste, Troubadourpoesie, sowie Chrétien de Troyes gelten als die Vorbilder. Zumal sollte man auch implizieren, dass die Erec - Ausgabe von Hartmann von Aue von Chrétiens Erec angeregt wurde, wobei Aue einige Änderungen vorgenommen hat.[2]

Zu der höfischen Kultur ist zu sagen, dass die Gesellschaft nun an feste Residenzen gebunden ist. Die erste Residenz im Jahre 1156 ist die Residenz Babenberger zu Wien. Die Administration am Hofe ist geregelt durch die vier Hofämter: Marschall, Truchsess, Mundschenk und der Kämmerer. Bedeutend ist auch, dass Hofämter zeitgenössische Literatur dokumentieren und sogar manchmal als Dichter auftreten. So entwickeln sich Höfe zu literarischen Zentren mit kundigem Publikum.

Desweiteren gibt es höfische Ideologien, wie etwa muot, êre, milte, triuwe, staete und mâze , die auch als ritterliche Tugenden bekannt sind.[3]

Im Hochmittelalter entsteht außerdem eine Urbanisierung. Dadurch kommt es zu einer sprachlichen Durchmischung, denn es entsteht ein neuer Markt, indem die Kommunikation gefördert wird. In den Städten werden Schulen und Bildungszentren errichtet und das Kredit- und Finanzwesen wird ausgebaut. Demzufolge wird Schriftlichkeit unabdingbar, sodass man gezwungen ist Lesen und Schreiben zu lernen.[4]

In der höfischen Dichtersprache im Hochmittelalter besteht eine große Diskrepanz zwischen der höfischen Dichtersprache und den zeitgenössischen Textsorten. Beispielsweise gilt die althochdeutsche Schriftkultur als Klosterkultur. Es entsteht ein literatursoziologischer Wandel, sodass Autoren Laienkulturen pflegen und den klösterlichen Habitus abgrenzen. Dadurch wird das Ansehen der deutschen Sprache gesteigert, denn die Vorlagen sind nicht mehr wie üblich lateinischen, sondern teilweise auch französischen Ursprungs.[5]

Die Mittelhochdeutschen Literaturthemen bestätigen teilweise das Mittelalterbild: Burgen, Turniere, fahrende Minnesänger, mehr oder weniger fromme Mönche […].

Die hochmittelalterliche Gattung ist in drei Kategorien zu unterteilen: Erstens die höfische Epik, zweitens Heldenepik und drittens Minnesang.

In der höfischen Epik werden Themenkomplexe der höfischen Welt zum Ausdruck gebracht. D.h. es werden über die Liebe zu Frauen, Ritterdasein, Kämpfe, Sagen um Karl den Großen und König Artus geschrieben. Die Zielgruppe hierbei ist das höfische Publikum.

Die Heldenepik ist strophisch formuliert und thematisiert ältere Heldenlieder und Sagen. Auch hier ist das höfische Publikum die Zielgruppe.

Letztendlich der Minnesang; Im Minnesang steht der Minnedienst eines Ritters zu seiner adligen frouwe im Vordergrund. Hinzufügend zur Minne ist zu erwähnen, dass es zwei Arten gibt. Zum einen ist es die ritterlich-adlige Liebeslyrik, die als höhere bzw. niedere Minne kategorisiert wird und zum anderen ist es die Spruchdichtung bzw. Sangspruchdichtung (wie etwa politische Sprüche, Klage- oder Kreuzlieder).[6]

2.1.2. Liebesdiskurs im Hochmittelalter

Der Liebesdiskurs im Hochmittelalter beschäftigt sich weitgehend mit dem Verhältnis von Kirche und Laienwelt, von persönlicher Erfahrung und dichterische Stilisierung und Neuerung und Tradition. Heutzutage ist es nicht leicht annehmbar, dass die damalige poetische Ideologie des Liebesdiskurses durch die Unterwerfung des Mannes unter dem Willen der Frau – des Frauendienstes – gekennzeichnet war.[7] Es wird sozusagen versucht herauszufinden, was für einen „Sitz im Leben“ der Liebesdiskurs hat.[8]

Die Minne zwischen Mann und Frau basiert in erster Linie auf einen Gewaltverzicht. Fast in allen Liedern zahlreicher Minnesänger und auch bei Erec findet ein Verzicht von Gewalt gegenüber Frauen statt. Stattdessen werden die – teilweise attraktiven – Wirkungen der Frauenfiguren bei den Männern thematisiert. Der Mann ist also verpflichtet sich selbst zu regulieren, zu disziplinieren und dem sexuellen Begehren – das teilweise zerstörerisch in den Tod leitet – standzuhalten. Dabei erlangt die Frau einen freien Raum für ihr freies Agieren.[9]

Zweitens trägt die Bereitschaft eine wichtige Rolle. Es ist allein der Frau überlassen, ob sie den Mann Leid oder Freude hinzufügt. Die Erwartung vom Mann hingegen ist, dass er die lange, währende Zurückweisung der Frau akzeptiert und alles Leid zu sich nimmt, anstatt es der Frau zu überlassen. Demzufolge ist der Artusroman Erec auch eine „Verkettung von Triebhaftigkeit, mangelnder Selbstbeherrschung und Gewalt gegen Frauen.“[10] Beispielsweise können viele Figuren im Stück der Schönheit Enites nicht widerstehen – näheres dazu wird unter Enites Schönheit erläutert.

Drittens darf die zerstörerische Kraft der Liebe nicht außer Acht gelassen werden. Die höfischen Dichter des Hochmittelalters waren sich über die Kraft der Liebe bewusst, denn nur diejenigen erfahren von der vorteilhaften Liebe, die ihrer ,,ze rehte kunde gephlegen“[11]. Das Motto der höfischen Liebesdichtung lautet demnach: „car amor not e pro, forcada“ (=denn erzwungene Liebe ist entartet)[12], man könnte auch sagen: rechte Liebe lässt sich nicht gewaltsam erlangen.[13]

Im Vordergrund steht somit nicht die Befriedigung der sexuellen Bedürfnisse, sondern die Minne: Denn auch die Frau wünscht sich unter Liebesverhältnissen die Vereinigung mit dem Mann.[14]

Desweiteren soll der Mann durch die Selbstdisziplinierung die Geste der Selbstbeherrschung zeigen, indem er sich nicht der Frau, sondern den eigenen Trieben unterwirft. Dies hat allerdings mit der Ansicht der körperlichen Überlegenheit des Mannes zu tun. Der sexuell begehrende Mann muss beispielsweise sich selbst beherrschen, indem er nackt neben der Geliebten liegt, und dennoch das triebhafte Verlangen abstößt und auf Selbstdisziplinierung insistiert.[15]

Ferner ist es eine unhöfliche Geste direkt beim ersten Date sich zu vereinen. Der Mann hat nach einer langen Dienstzeit zur Frau erst das Recht mit ihr ggf. vereint zu sein. Dies ist jedoch wieder der Frau überlassen, denn sie darf entscheiden, ob und wann es zu einer Einswerdung des Ehepaars kommen soll. Der Wert des Frauenkörpers wird somit idealisiert und hochgeschätzt. Der Frauendienst ist aber nicht im negativen Sinne zu verstehen, dass die Frau wie eine Aphrodite erscheint und agiert, sondern eher als eine Ursache, dass die Selbstregulierung und Selbstdisziplinierung des Mannes fördert.

[...]


[1] Vgl. Besch Werner, Belten Anne, Reichmann Oskar, Sonderegger Stefan (Hg.): Ein Handbuch zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Erforschung. Berlin/New York 2000, S. 1296ff. (Im weiteren Verlauf wird nur noch wie folgend zitiert: Handbuch, Seite X.)

[2] Vgl. Handbuch, S. 1296f.

[3] Vgl. Handbuch, S. 1296f.

[4] Vgl. Handbuch, S.1298ff.

[5] Vgl. Handbuch, S.1298ff.

[6] Vgl. Handbuch, S.1298ff.

[7] Vgl. Schnell, Rüdiger: Unterwerfung und Herrschaft. Zum Liebesdiskurs im Hochmittelalter. In: Heinzle Joachim (Hg.): Mittelalter. Neue Bilder einer populären Epoche. Frankfurt am Main 1994, S. 103. (Im weiteren Verlauf wird wie folgend zitiert: Rüdiger: Seitenanzahl).

[8] Vgl. Rüdiger, S. 107.

[9] Vgl. Rüdiger, S.109.

[10] Rüdiger, S.110.

[11] Hartmann von Aue: Erec. Mittelhochdeutsch/Neuhochdeutsch. (Hg.), übersetzt und kommentiert von Volker Mertens. Stuttgart: Reclam 2008, Vers 3710. (Im folgenden wird nur noch wie folgend zitiert: Aue, Vérsangabe.)

[12] Vgl. Charles Camproux: Le joy d‘amor des troubadours. Montpellier 1965, S.152.

[13] Vgl. Rüdiger, S.111f.

[14] Vgl. Rüdiger, 113

[15] Vgl. Rüdiger, 114f.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Welche Entwicklungen der Liebesbeziehung zeichnen sich bei Erec und Enite in Hartmanns von Aue "Erec" aus?
Hochschule
Universität Mannheim
Note
2,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
19
Katalognummer
V168490
ISBN (eBook)
9783640855568
ISBN (Buch)
9783640855025
Dateigröße
582 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
welche, entwicklungen, liebesbeziehung, erec, enite, hartmanns
Arbeit zitieren
Habib Tekin (Autor), 2011, Welche Entwicklungen der Liebesbeziehung zeichnen sich bei Erec und Enite in Hartmanns von Aue "Erec" aus?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/168490

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