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Was ist dran am Topologischen Modell?

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In diesem Beitrag bespreche ich ein Analysewerkzeug, das in der germanistischen Linguistik seit Jahrzehnten verwendet wird, um den Aufbau deutscher Sätze zu erklären: das sogenannte Topologische Modell, auch Feldermodell genannt. Ziel meiner Überlegungen ist es, zu klären, unter welchen Voraussetzungen dieses Modell sinnvoll eingesetzt werden kann. Dabei zeigt sich, dass man dafür bereits eine grammatische Analyse voraussetzen muss, die das Modell selber nicht bereitstellt. Nimmt man außerdem ernst, dass eine vollständige Analyse auch beschreiben muss, welche Strukturen nicht grammatisch sind, so erweist sich das Topologische Modell allein als wenig hilfreich. Um die empirische Aussagekraft des Modells zu stärken, bräuchte man eine Ergänzung durch eine explizitere syntaktische Theorie. Dann aber wird das ursprüngliche Feldermodell eigentlich überflüssig. In diesem Sinne kann es, wie Wittgensteins Leiter, letztlich ``weggeworfen'' werden.

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Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Terminologisches

3. Der Kern des Modells

4. Der Nebensatz

5. One size fits all

6. Anwendungsprobleme
6.1. Einbettung
6.2. Grammatikalität
6.3. Nachfeldfähigkeit
6.4. Vorfeldfähigkeit
6.5. Übergenerierung
6.6. Etikettenschwindel

7. Oberfeldbildung

8. Zersiedelung

9. Kohärenz

10. Exkurs: TM und Generative Grammatik
10.1. Korrespondenzen
10.1.1. Die sog. Standardtheorie
10.1.2. CP statt S '
10.2. Übergenerierung

11. Diskussion
11.1. Nachlese 1: Meibauer et al. (2015)
11.2. Nachlese 2: Wöllstein (2014)
11.3. Nachlese 3: Reis (1985)

12. Fazit

Zusammenfassung

In diesem Beitrag bespreche ich ein Analysewerkzeug, das in der germanistischen Linguistik seit Jahrzehnten verwendet wird, um den Aufbau deutscher Sätze zu erklären: das sogenannte Topologische Modell, auch Feldermodell genannt. Ziel meiner Überlegungen ist es, zu klären, unter welchen Voraussetzungen dieses Modell sinnvoll eingesetzt werden kann. Dabei zeigt sich, dass man dafür bereits eine grammatische Analyse voraussetzen muss, die das Modell selber nicht bereitstellt. Nimmt man außerdem ernst, dass eine vollständige Analyse auch beschreiben muss, welche Strukturen nicht grammatisch sind, so erweist sich das Topologische Modell allein als wenig hilfreich. Um die empirische Aussagekraft des Modells zu stärken, bräuchte man eine Ergänzung durch eine explizitere syntaktische Theorie. Dann aber wird das ursprüngliche Feldermodell eigentlich überflüssig. In diesem Sinne kann es, wie Wittgensteins Leiter, letztlich “weggeworfen” werden.

1. Vorwort

Neulich traf ich eine ehemalige Kollegin aus der germanistischen Linguistik. Als das Gespräch auf ihre Pläne für das kommende Semester kam, erwähnte sie, sie unterrichte unter anderem das Topologische Modell (TM, die Erstnennung einer Abkürzung wird im Folgenden fett markiert). Kaum überraschend: Das TM, auch als Feldermodell bekannt (vgl. die Illustration in (3) auf Seite 10), galt jahrzehntelang als „Goldstandard“, um Studierenden die Struktur des Deutschen näherzubringen. Und warum sollte sich das geändert haben?

Ich selber bin seit etwa zehn Jahren pensioniert, war Theoretischer Linguist und Allgemeiner Sprachwissenschaftler, also insbesondere kein Germanist. Für mich war das TM eher eine grobe Idee als eine ausgereifte Theorie. Der Sache näher auf den Grund zu gehen und meinen Skeptizismus zu rechtfertigen, war eigentlich nie genug Zeit. Das ist jetzt anders.

Gut in Erinnerung ist mir eine gewisse terminologische Uneinheitlichkeit - vermutlich darauf zurückzuführen, dass sich der Gegenstand, also der Satzbau des Deutschen, auf mannigfache Weise beschreiben lässt und unklar bleibt, welche Beschreibung eigentlich die bessere ist. Dabei geht es nicht nur um die

Bezeichnung für die sog. Felder; hinzu kommt, dass es das TM eigentlich nicht gibt; vielmehr gibt es verschiedenste Varianten, weswegen ich mich im Folgenden, sehr zu meinem Verdruss, genötigt fühlte, mich immer tiefer in eine Abwägung zwischen diesen Alternativen zu verstricken.

In meiner eigenen Lehre habe ich das TM nicht ganz ausgeklammert, aber stets nur als nützlichen begrifflichen Rahmen, bestenfalls als Heuristik begriffen, um über Phänomene der Grammatik diskutieren zu können. Wissenschaft war das TM als solches für mich eigentlich nicht, und damit ein ganzes Semester zu verbringen, schien mir nur dadurch möglich, dass man über Dinge spricht, die das TM grade nicht leistet. Ich war immer der Meinnung, dass das TM nicht verwechselt werden darf mit einer fundierten Grammatiktheorie, und nur um diese ging es mir. Ich werde im Folgenden versuchen, meine Skepsis zu begründen.

Neue Daten präsentiere ich hier nicht; darum kann es naturgemäß nicht gehen. Vielmehr habe ich eher einen methodischen Punkt im Auge: Wenn es im TM nicht nur darum geht, einigen exemplarischen Beispielsätzen eine erste Analyse zukommen zu lassen, sondern auch darum, (a) Grammatikalität in zentralen Bereichen zu erfassen, und (b) dabei nicht nur ad hoc zu verfahren, sondern auch Kriterien für eine korrekte Anwendung des Modells zu entwickeln, so wird man sich erklärungskräftigeren Theorien anvertrauen müssen, die das TM am Ende des Tages überflüssig werden lassen.

Abschnitt (2.) beschreibt, wie das TM im Prinzip funktioniert, Abschnitt (3.) wie es konkret aussieht für den Hauptsatz, Abschnitt (4.) zeigt dies für den Nebensatz. Abschnitt (5.) illustriert, wie die beiden Fälle in einem uniformen Modell zusammengefasst werden können. Abschnitt (6.) diskutiert, welche Probleme vom TM nicht erfasst werden können; insbesondere ist die Analysierbarkeit im TM nur eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für Grammatikalität. Abschnitt (7.) erläutert eine Verfeinerung des Modells, Abschnitt (8.) zeigt, dass diese in einigen Fällen empirisch nicht ausreicht. Insbesondere die Unterscheidung zwischen Mittelfeld und Rechter Klammer löst sich hier auf. In Abschnitt (9.) kommt hinzu, dass die Unterscheidung zwischen Rechter Klammer und Nachfeld unklar ist und von einer Analyse der sog. kohärenten Konstruktion abhängt.

Aufgrund all dieser Unzulänglichkeiten reduziert sich das Modell letztlich auf die erschreckend banale Aussage, dass zwischen erster und zweiter Position im Satz zu unterscheiden ist. Wie dies konkret zu bewerkstelligen ist, wird in Abschnitt (10.) mit Rückgriff auf zwei einfache Konzepte aus der Theorie der Generativen Grammatik der 80er- und 90er-Jahre des letzten Jahrhunderts diskutiert (der X-bar-Theorie und der Spezifikator-Kopf-Kongruenz). Abschnitt (11.) blickt post festum in einschlägige Literatur; hier geht es hauptsächlich um die Qualität von Argumenten, die vermeintlich gegen das in (5.) vorgestellte uniforme Modell sprechen. Abschnitt (12.) zieht ein Resumee.

2. Terminologisches

Was ist ein Modell und was ist unter “topologisch” hier zu vestehen? Im landläufigen Sinne des Wortes steht ein Modell für etwas anderes, so etwa das Architekturmodell, das eine bestehende oder geplante bauliche Wirklichkeit repräsentiert und diese in einer möglichst isomorphen Weise in einem gewissen Maßstab abbildet. Ebenso die Architekturzeichnung, wobei die projektive Geometrie zwischen der 2-Dimensionalität des Modells und der 3-Dimensionalität des Modells vermittelt.

Was ist nun der abzubildende Gegenstand im Fall des sog. TMs? Und woraus besteht das Modell selber? Da es sich um ein Modell “des Satzes” handelt, ist der Gegenstand wohl ein beliebiger Satz des Deutschen. Das Gemeinsame von Modell und zu Modellierendem scheint die lineare Abfolge bestimmter linguistisch relevanter Kategorien zu sein. Die Kategorien des Modells werden von diesem selber geliefert: dazu gehören die sog. Felder, also Begriffe wie Vorfeld, Mittelfeld oder Nachfeld. Die Topologie besteht hier zunächst lediglich in der

Festlegung einer bestimmten linearen Reihenfolge von Kategorien K1 <K2 < ... K n (wie unten in (2) auf S. 10 illustriert). Hierbei bedeutet X < Y, dass X unmittelbar Y vorangeht. Da es sich bei dem zu Modellierenden um Sätze handeln soll, können wir der Einfachheit halber annehmen, dass diese aus Wörtern bestehen, die im konkreten Satz natürlich eine bestimmte Anordnung haben: W1 <W2 < ... W m. Was nun natürlich noch fehlt, ist eine Methode der Bezugnahme zwischen den beiden Folgen von Kategorien und Wörtern. Dazu werden wir in den folgenden Abschnitten Abbildungen formulieren, die ich Zuordnungsregeln nenne.

Neben der linearen Abfolge als topologischer Beziehung können bestimmte Kategorien Teile von anderen Kategorie sein. Ein wichtiger Fall für die konkrete Anwendung des Modells ist die Satzeinbettung. Haupt- und Nebensätze sind dadurch aufeinander bezogen, dass der Nebensatz Teil des Hauptsatzes ist. Wir können dies im TM so darstellen, dass wir die Elemente K i eines einfachen Satzes zu einem Satzfeld SF zusammenfassen, s. (1-a), das wiederum Teil eines anderen Satzfeldes ist, wie in (1-b) illustriert:

Abb. in Leseprobe nicht enthalten

Hier ist Satzfeld SF i Teil eines Satzfeldes SF j, also in SF j eingebettet, wobei die Punkte für Folgen von Kategorien K i stehen (und die Positionen rechts bzw. links von SF i jeweils leer sein können). Dieser Aspekt der Einbettung ist wesentlich für eine gelungene grammatische Analyse komplexer Sätze und bereitet Anfängern oft ziemliche Probleme. Ich komme darauf zurück.

Der Begriff der Topologie ist gelegentlich auch in Bestimmungen einer unmarkierten oder normalen Wortabfolge involviert (etwa bei Heidolph et al. (1981) oder in den Schriften von Höhle, herausgegeben von Müller et al. (2018)). Mein Verständnis des TMs hat damit nichts zu tun. Es stellt für solche Untersuchungen lediglich ein terminologisches Gerippe zur Verfügung.

3. Der Kern des Modells

Alle Darstellungen des Modells gehen von Hauptsätzen aus und dabei von der sog. Zweitstellung des finiten Verbs.

Wie der Begriff des Feldermodells naheliegt, wird der Satz in sog. Felder unterteilt. Schon an dieser Stelle ist zu vermerken, dass es in der Literatur keine einheitliche Terminologie und auch keine einheitliche Unterteilung gibt; ich gehe hier von folgender Variante aus:1

Abb. in Leseprobe nicht enthalten

Als nächstes werden Beispiele von Sätzen diskutiert, die nach diesem Muster unterteilt werden können, also etwa so:

Abb. in Leseprobe nicht enthalten

Die Idee ist diese: man nehme einen Satz S des Deutschen. Dieser stellt eine Folge von Wörtern dar. Dann sollte es möglich sein, diese Folge so zu unterteilen (oder zu gruppieren), dass

a. die Teilfolgen zusammen den Satz ergeben (alsoS=G1 +G2 + ... G n.2 ),
b. sich die Teilfolgen G i nicht überlappen,
c. es eine Abbildung F dieser Teilfolgen G i in die Kategorien K j des TM gibt und
d. falls G i <G j (d.h. die Teilfolge G i geht in S der Teilfolge G j voran), dann F(G i) < F(G j).

Jedes Wort des Satzes gehört somit einer (möglicherweise eingliedrigen) Gruppe an, die sich seinerseits einer der Kategorien in (2) zuordnen lässt.

Im Beispiel oben gilt: G1 = gestern erst, F(gestern erst) = Vorfeld; G2 = hat, F(hat) = linke Satzklammer; G3 = Klaus mir wieder, F(Klaus mir wieder) = Mittelfeld, etc. Zu beachten ist, dass nicht jede Kategorie K i Funktionswert einer Gruppe sein muss, m.a.W., einige Positionen oder Felder können “leer” bleiben.

Die allgemeine Bedingung der Abbildbarkeit ist natürlich empirisch völlig leer, solange es nicht gewisse Restriktionen für F gibt. Diese werde ich als Zuordnungsregeln formulieren, welche die Projektion des Satzes in das Schema (2) bestimmen. Dabei können auch bestimmte Satztypen erwähnt werden; die wichtigsten Regeln sind:

(4) a. Im Hauptsatz des Deutschen wird genau (d.h. nur) das finite Verb auf die linke Satzklammer abgebildet (d.h., F(finites Verb) = linke Klammer und für die Umkehrfunktion F - von F gilt F - (linke Klammer) = finites Verb).

b. Hat das finite Verb einen abtrennbaren Teil (wie z.B. ein von einschlagen in (6-c) oder von einschlagen in (6-d,e), so wird dieser auf die rechte Satzklammer abgebildet.

c. Steht ein Verb nicht in der LK, steht es in der RK.

Für den Hauptsatz, in dem ja genau das finite Verb in LK stehen, impliziert dann (4-c), dass eventuell vorhandere nicht-finite Verben in der RK stehen. Es ist klar, dass sich die Zuordnungsregeln voraussetzen, dass Wörter bestimmt morphosyntaktische haben, hier also Verben bzw. finite Verben sind. Die Regeln beziehen sich somit auf Klassen von Wörtern, z.B. auf alle finiten Verben.

Die folgenden Ausdrucksweisen verwenden wir äquivalent:

a. Ein Wort X wird auf K abgebildet,
b. ein Wort X kommt in K vor, c. ein Wort X steht in K.

Dies bedeutet jeweils, dass X Element einer Gruppe G ist, sodass F(G) = K.

Eine wichtige terminologische Vereinfachung sollte im Folgenden beachtet werden: Als TM werde ich im wesentlichen Abfolgen der Kategorien des Modells bezeichnen, unter Vernachlässigung der Zuordnungsregeln. Diese gehören natürlich auch zum Modell (sonst wäre die Sache sinnlos), aber da sie von jedem Autor anders formuliert werden (wenn überhaupt), hätten wir es mit jeweils personenspezifischen Modellen zu tun und eine allgemeine Diskussion wäre unmöglich. Wie sich herausstellen wird, hängt auch nicht allzu viel an der exakten Formulierung dieser Regeln.

Wir betrachten einige Beispiele und benutzen folgende Abkürzungen:

(5) VF = Vorfeld

LK = linke Satzklammer

MF = Mittelfeld

RK = rechte Satzklammer

NF = Nachfeld

SF = Satzfeld

(6) a. [VF Hans ] [LK träumt ]

b. [VF mein Einhorn ] [LK träumt ]

c. [VF Hans ] [LK schläft ][RK ein ]

d. [VF Hans ] [LK schlägt ] [MF auf die Demonstranten ][RK ein ]

e. [VF Hans ] [LK schlägt ] [MF auf jeden ][RK ein ] [NF [SF der ihm widerspricht ]]

f. [VF Hans ] [LK muss ] [MF auf die Demonstranten ][RK einschlagen ]

Dabei muss das Nachfeld in (6-e) noch als eigenes SF gesondert untergliedert werden, ich komme darauf zurück.

Offenbar können MF, RK und NF leer sein. Dies gilt jedoch nicht für das VF:

(7) Im Hauptsatz des Deutschen kann das VF nicht leer sein.

Diese Bedingung sorgt zusammen mit (4-a) gerade für die sog. Verb-ZweitStellung des Verbs im Hauptsatz des Deutschen (abgekürzt als V/2-Stellung).

Linke und rechte Klammern bildet somit eine Art Ankerpunkt für die Analyse des Satzes: Die Stellung der Verben am Anfang und am Ende eines Satz verankern diese in den Satzklammern. D.h., gegeben ein einfacher Satz, so kann man die Verben normalerweise eindeutig so den Kategorien RK und LK zuordnen, dass der ganze Rest dann eindeutig in eine der Kategorien VF, NF und MF fällt.

Damit dies funktioniert, müssen wir das MF noch genauer von der RK abgrenzen. Insbesondere möchten wir sicherstellen, dass (8) gilt:

(8) In der RK können nur Verben (bzw. der abtrennbare Teil) stehen.

Auf diese Weise wird verhindert, dass z.B. wieder in (3) zur rechten Klammer gezählt wird.

Damit ist eigentlich schon alles beschrieben, was das TM in seiner reinsten Form leistet, jedenfalls was den Hauptsatz betrifft.

Damit ist jedoch noch nicht ausgeschlossen, dass es zusätzliche Bedingungen für die Besetzung der Felder geben könnte. Um nur ein Beispiel zu nennen: der Infinitiv zu rauchen steht in (3) im NF, was durchaus intendiert ist. Allerdings würden es unsere bisherigen Ankerbedigungen nicht verbieten, wenn er in der RK stünde. Ich komme darauf in Abschnitt (9.) zurück.

4. Der Nebensatz

Leider gibt es nicht eine Theorie des TM, sondern verschiedene Varianten. Die größten Unterschiede entstehen bei der Abgrenzung zwischen Haupt- und Nebensatz. Wir haben uns oben in (4) und (7) explizit auf den Hauptsatz bezogen, denn für den Nebensatz im Deutschen ist nicht V/2- sondern die sog. Endstellung des Finitums (V/E) charakteristisch. Wir begnügen uns hier mit Sätzen, die mit dass oder weil eingeleitet werden.

Oft wird nun angenommen, dass man (mindestens) zwei Abfolgen von Kategorien braucht, eine für den Hauptsatz und eine für den Nebensatz. Insbesondere gibt es dann im Nebensatz weder ein VF noch eine LK. Anstelle der LK findet man dort etwa “satzeinleitende Konjunktion” (SK) (im Englischen auch complementizer (COMP) genannt):

Abb. in Leseprobe nicht enthalten

Die Abfolge

(10) SK<MF<RK<NF ist ein TM, sodass man für Haupt- und Nebensatz zwei Unterschiedliche TMs annehmen würde. Ich nenne eine Theorie, die mit mehreren TMs arbeitet, Differenzmodell (DM).

In den meisten Varianten des DMs kommt es zu einer gewissen Vermischung der Ebenen, beispielsweise bei Heidolph et al. (1981), S. 704ff:

(11) a. Vorfeld < Finitum < Hauptfeld

b. Konjunktion < Hauptfeld < Finitum

Der Punkt ist hier, dass “Finitum” und “Konjunktion” keine Positionen bezeichnen, sondern konkrete Kategorien für Wörter. Eine solche Mixtur gibt es in (2) nicht; erst die Zuordnungsregeln stellen eine Verbindung zwischen den Kategorien und den Positionen her.

Treibt man die Idee der Beschreibung von Satztypen durch TMs weiter, so würde man etwa für Verb-Erst-Sätze (V/1-Sätze, z.B. Entscheidungsfragen) ein weiteres TM annehmen, also etwa:

(12) Finitum<MF<RK<NF

Dem steht ein Ansatz gegenüber, der für sämtliche Satztypen ein einziges TM ansetzt. Ich nenne dies das Uniformitätsmodell (UM). Genau für diesen Ansatz werde ich hier plädieren. Wenn man am ursprünglichen Modell (2) festhalten möchte, müsste man wohl davon ausgehen, dass das VF in Sätzen vom Typ (11-b) oder (12) leer ist.

Abb. in Leseprobe nicht enthalten

Womit wir einen entscheidenden methodischen Punkt erreichen, der erklären könnte, dass das DM so viele Anhänger hat. Die nicht ganz unschuldige Annahme des UMs ist es, dass in bestimmten Satztypen ein Feld nicht optional ist, wie einige Positionen des Hauptsatzes, sondern überhaupt gewissermaßen unmöglich, da es nie besetzt werden kann (z.B. auch die Position vor dem Finitum in (12), die man ansonsten als VF bezeichnen könnte). M.a.W., man verbietet im DM die Postulierung einer Position, die es real in diesem Satztyp nicht gibt.

Dieser Position würde in einer abstrakteren Beschreibung eine obligatorische Leerstelle entsprechen, die für den Didaktiker — horror vacui — mutmaßlich nicht akzeptabel ist. Er möchte offenbar nur über das sprechen, was man “sehen kann”; abstraktere Schemata sollen den Lernenden wohl nicht zugemutet werden. Damit verstellt man sich aber eine wesentliche Einsicht, die ich im Folgenden kurz als Uniformitätsthese formulieren möchte:

(UT) Alle Satztypen des Deutschen lassen sich beschreiben über Eigenschaften der Positionen des TMs (2).

Man braucht also keine verschiedene TMs, sondern muss sich lediglich damit abfinden, dass es in manchen Satztypen obligatorische “Leerstellen” gibt. Es mag nun wie ein Wunder erscheinen (eine Art prästabilisierte Harmonie), dass es im TM des Hauptsatzes keine obligatorischen Leerstellen gibt (alle Positionen können irgendwie besetzt werden) und dass sich alle anderen Satztypen durch “Ausdünnung” beschreiben lassen, wobei nur VF, RK und LK für die Bestimmung von Satztypen relevant sind. Dies möge im nächsten Abschnitt illustriert werden.

5. One size fits all

Betrachten wir zunächst, wie einige Analysen des uniformen TMs aussehen können:

Abb. in Leseprobe nicht enthalten

Zwei Punkte sind entscheidend.

Erstens. Bei den Zuordnungsregeln ist es nicht mehr nötig, auf bestimmte Satztypen Bezug zu nehmen. Wir können also (4) ersetzen, beispielsweise durch (15):3

(15) a. Die satzeinleitenden Konjunktionen steht in der LK.

b. Steht ein Verb in der LK, handelt es sich um das Finitum.

c. Steht ein Verb nicht in der LK, steht es in der RK

d. In einer nicht-leeren LK steht höchstens das Finitum oder ein Kom- plementierer.

e. Hat das Finitum einen abtrennbaren Teil, so steht dieser in der RK.

f. Ansonsten stehen in der RK nur noch Verben.

Zweitens ist die Besetzung der Felder relativ frei, modulo der Beschränkungen in (15) und weiterer Bedingungen (s.u.). Die Bestimmung der Satztypen erfolgt modular anhand der tatsächlich besetzten Felder und weiterer Eigenschaften des Satzes. Z.B. haben Entscheidungsfragen und Befehlssätze die gleiche “Kontur” im TM, nämlich ein Finitum in der LK und ein leeres Vorfeld. Die illukutionäre Funktion ergibt sich dann modular aus der Kontur und aus anderen Faktoren wie Intonation oder dem Fehlen eines Subjekts der zweiten Person. Z.B. wäre (14-d) eine Hauptsatzstruktur, die als Befehlssatz verwendet werden kann. Auch Betonung ist hier relevant, z.B. muss das W-Wort in sog. Echo-Fragen betont werden:

(16) Fritz hat das WARUM getan

Die Verwendungsbedingungen der Satztypen (fehlendes Subjekt, Imperativ, Intonation, inter alia auch die Kontur etc.) können mit dem TM allein nicht erfasst werden, hinzu kommen eine Reihe von anderen Faktoren.

Mit einer W-Phrase im VF ergibt sich eine einheitliche Charakterisierung des direkten und indirekten Fragesatzes; der Unterschied besteht allein in der Position des Finitums. Knackpunkte sind, dass die LK im indirekten Fragesatz notwendigerweise leer ist (was im DM vermieden wird) und dass sich der Unterschied zwischen den Satztypen kombinatorisch ergibt. Über die Verwendung der Satztypen ist damit aber noch nichts gesagt, vergl. etwa:

(17) a. wer jetzt wieder dahintersteckt!

b. dass er sich nicht schämt!

Diese Auffassung, d.h. die quasi nachträgliche Festlegung der Satztypen und deren Verwendung, ermöglicht eine Art Perspektivwechsel. Während man im DM schon bei der Formulierung der Zuordnungsregeln z.B. den Typus “Hauptsatz” voraussetzen musste (s. (4-a)), ist es jetzt umgekehrt die tatsächliche Besetzung der Felder, die (inter alia) darauf schließen lässt, welche Satztypen vorliegen. Man nimmt sozusagen die Perspektive eines Parsers ein.

Der hier wichtigste Punkt ist folgender: Zur Bestimmung des Satztypus ist im Prinzip jede Eigenschaft des Satzes relevant, also wie gesehen nicht nur die Satzstellung (oben “Kontur” genannt) sondern auch die Intonation oder die Möglichkeit von Partikeln bestimmter Art. Die V/2-Abfolge z.B. ist konstitutiv für den deklarativen Hauptsatz und dessen Illokution, eine bestimmte Intonation vorausgesetzt. Diese Eigenschaften lassen sich direkt aus dem Satz ablesen, sie werden nicht determiniert von der Beschreibung eines TMs. TMs alleine können nie die Verwendungsbedingungen einer Struktur definieren.

Analoges gilt natürlich auch für das DM: Auch hier gibt hier keinen direkten Zusammenhang zwischen Satztypen und deren Funktion. D.h., die Besetzung der Felder allein bestimmt nicht die Verwendungsbedingungen des Satzes. Letztere fasse ich unter den Begriff der klausalen Typisierung. Hierbei spielen Wortstellung, Intonation, Lexik und viele andere Faktoren eine Rolle. Das Konzept ist durchaus mit der Konstruktionsgrammatik vereinbar, indem es hier um einen Form-Funktionszusammenhang geht, der oberflächenorientiert von den “Formen” abgelesen werden kann, also nicht nur bestimmt wird von der Syn- tax.4

Unter diesem Gesichtspunkt ist also erst einmal gar nicht klar, welche Vorteile das DM bieten soll. Als empirischer Vorteil der UT lässt sich folgende Beobachtung zu Bairischen Dialekten verbuchen (hier in hochdeutscher Paraphrase, vergl. Bayer (1983/84)):

(18) wen dass sie getroffen hat, weiß ich nicht mehr

Eine Analyse im Rahmen des TM zeigt zunächst, dass der untergeordnete Satz, ein indirekter Fragesatz, im Vorfeld des übergeordneten Satzes steht.

(19) [SF1 [SF2 wen dass sie getroffen hat ] weiß ich nicht mehr ]

Die Besonderheit des Bairischen ist nun, dass unter bestimmten Umständen die LK im Fragesatz auch durch eine unmarkierte unterordnende Konjunktion gefüllt werden kann.

(20) [VF wen ][LK dass ][MF sie ][RK getroffen hat ]

Ähnliches gilt für Relativsätze:

(21) das ist der Mann [VF den ][LK wo ] ich [RK getroffen habe ]

Die Beispiele liefern also Evidenz für LK-Positionen, die in diesen Satztypen normalerweise nicht “sichtbar” sind. Sie sprechen gegen die Zuordnung der Frage- und Relativsatzelemente zur LK, wie in vielen alternativen TMs üb- lich.[5] , [6] Der Unterschied zum Standarddeutschen liegt dann modular in der Wahl der Komplementierer: Im Standarddeutschen muss die LK leer sein, im Bairischen nicht. Man würde dann sagen, dass der “Relativsatzkomplementierer” im Standarddeutschen leer ist, in Süddeutschen Dialekten durch wo realisiert werden kann.

Ein gewisser Nachteil des Modells ist die Tatsache, dass nicht alle Kombinationen der Besetzung von VF und LK grammatisch sind. Ich komme auf dieses Problem der Übergenerierung noch in Abschnitt (10.2.) zurück.

In der Praxis ergibt sich übrigens oft die Frage, ob man auch Felder markieren muss, die ggf. leer bleiben. Man betrachte etwa (22):

(22) [SF1 [VF1 [SF2 [VF2 ] wenn Carla kommt [NF2 ] ]] freue ich mich [RK1 ][NF1 ]]

Klarerweise kann man die leeren Kategorien hier einfach weglassen, denn sie ließen sich aufgrund des allgemeinen Rahmens, den das TM bietet, analytisch erschließen. Deshalb scheint es eher eine Geschmacksfrage, ob man “überflüssi-

[5]Tatsächlich heißt diese Position dann nicht LK, sondern COMP, dies wird in Abschnitt (10.1.) erklärt.

[6]Ein weiteres Argument für die LK als Träger von Finitheit ist die Präsenz von finiter Flexion bei gleichzeitiger Endstellung des Finitums:

(i) a. i woaß nit, wo’ts ihr a Madl g’sehn hoabst

b. i woaß nit, ob’ts ihr a Madl g’sehn hoabst

Bemerkenswert in (i-b) ist die gleicheitige Präsenz von finiter Flexion und Komplementierer. Im Allgemeinen ist übrigens die Flexionsform in der rechten Klammer nicht notwendig identisch mit der in der linken, s.a. Fn. 16. ge” Struktur tatsächlich repräsentieren möchte oder nicht. Wenn es andererseits richtig ist, dass die Satzklammern nie “wirklich” leer sind, sondern zusätzliche Information wie etwa morpho-syntaktische Merkmale enthalten, wäre es bestimmt nicht falsch, diese in einer aktuellen Analyse auch zu notieren; wir werden in Abschnitt (10.1.2.) darauf zurückkommen.

6. Anwendungsprobleme

6.1. Einbettung

In der Praxis bereitet vor allem ein Punkt große Schwierigkeiten: die Einbettung, also die Analyse der Subordinationsverhältnisse in komplexen Sätzen. Zwar steht mit dem TM ein einfaches Instrument zur Verfügung, mit dem sich relevante Satztypen unterscheiden lassen. Dieses Modell scheint daher grundsätzlich als Baustein für die Analyse komplexer Strukturen geeignet zu sein. Es schärft jedoch weder das Bewusstsein noch stellt es die nötigen Werkzeuge bereit, um die verschiedenen Möglichkeiten der Einbettung von SFs systematisch zu erfassen. Aus einer gewissen Betriebsblindheit heraus gelingt es Anfängern deshalb häufig nicht, die relevanten Abhängigkeitsverhältnisse korrekt zu erkennen, vergl. etwa:

(23) [VF1 [SF2 weil es schwierig wurde [NF2 die Bienen zu retten ]]] [LK1 gab ] [MF1 sie ][RK1 auf ]

(24) *[SF1 weil es schwierig wurde [NF1 [SF2 [VF2 die Bienen zu retten ][LK2 gab ][MF2 sie ][RK2 auf ]]]]

Sogar ChatGPT würde (23-a), also [[AB]C],nieals [A[BC]]wiein(23-b) analysieren.

6.2. Grammatikalität

In den üblichen “Anwendungen” des TMs geht es eigentlich nur darum, vorgegebene Sätze im Rahmen dieses Schemas zu analysieren und ggf. zu klassifizieren. Logischerweise betrifft dies nur wohlgeformte Strukturen; die Betrachtung “ungrammatischer Sätze” kommt dabei niemandem in den Sinn. Trotzdem verbindet sich mit dem TM zumindest ein minimaler Anspruch an empirischer Aussagekraft. Salopp formuliert:

(24) Wenn ein Satz sich nicht im Rahmen des TMs analysieren lässt, ist er kein Satz (sondern eine ungrammatische Wortfolge).

D.h., der implizite Anspruch des TMs ist eine gewisse “Vollständigkeit”: jeder grammatische Satz sollte sich idealerweise mit Hilfe des Modells analysieren lassen (evtl. mit minimalen Modifikationen). Daraus folgt im Umkehrschluss, dass Wortfolgen, die sich so nicht analysieren lassen, ungrammatisch sein müssen, z.B.:

(25) a. *dass der Bär erschießt den Mann

b. *er hat verkauft es jetzt

c. *er hat jetzt verkauft es

d. ?er hat es verkauft jetzt

Dieser Schluss ist natürlich nur dann idiotensicher, wenn sich zeigen lässt, dass den Mann oder es nicht im NF stehen können.

6.3. Nachfeldfähigkeit

Und genau hier liegt ein Problem. Denn die Anwendung des TM auf (bona fide) grammatische Sätze wie in (26) zeigt, das alles Mögliche im NF stehen kann, insbesondere Präpositionalobjekte, als -Phrasen, satzwertige Infinitive oder Ergänzungen eines Nominals, wie in Freges Formulierung seines berühmten Kom- positionalitätsprinzips der Semantik (26-d.)):

(26) a. die Einführung des Euro war verbunden mit dem vielleicht dramatischsten wirtschaftspolitischen Reformprojekt dieser Breiten

b. ich hab’ mich sehr geärgert d’rüber

c. gibt es gar keinen Kopf Europas, sich sich hervorheben ließe als Zeichen der Einheit des Kontinents

d. dies wäre nicht möglich, wenn wir in den Gedanken nicht Teile unterscheiden könnten, denen Satzteile entsprächen, so daß der Aufbau des Satzes als Bild gelten könnte des Aufbaus des Gedankens (aus: Gottlob Frege, Logische Untersuchungen. Dritter Teil. Gedankengefüge)

Welche Möglichkeiten es für die NF-Fähigkeit gibt, wird in der Regel qua Aufzählung exemplarisch beschrieben. Die Frage nach der NF-Fägigkeit bietet zumindest einen Anlass, eine Reihe von grammatischen Kategorien einzuführen und zu diskutieren. Eine explizite Abgrenzung zu den Fällen, in denen NF- Fähigkeit nicht möglich ist, erfolgt nicht. Möglicherweise spielen hier auch stilistische Fragen eine große Rolle; dennoch zeigt sich an dieser Stelle, dass scheinbare Analysierbarkeit (wie in (25)) noch nicht Grammatikalität impliziert und somit der empirische Anspruch, der sich aus (24) ableiten ließe, ohne eine weitere Analyse uneingelöst bleibt.

Ein weiteres Problem ergibt sich aus einer fehlenden Analyse des MF: wie entscheide ich beispielsweise zwischen a) und b)? Wobei auch noch auszuschließen ist, dass dran ein abtrennbarer Verbzusatz ist, wie in c):

Abb. in Leseprobe nicht enthalten

6.4. Vorfeldfähigkeit

Was ins VF gehören kann, wird nun auch meist anhand von langen Listen illustriert. Man staunt, was da so alles möglich ist. Aber was ist der Sinn einer solchen Liste? Soll man die als Lerner auswendig lernen? Oft scheint mir der Zweck der Abhandlung indirekt: Das TM bzw. die Vorfeldfähigkeit wird dazu instrumentalisiert, um eine Unmenge von grammatischen Kategorien einzuführen, die so gleichzeitig, quasi on the fly, mit den Beispielen für VFBesetzung exemplarisch eingeübt werden, wobei dann genannt werden: Präpositionalobjekte, Verbalphrasen, Nominalphrasen, rahmensetzende Adverbiale, sogar “freie depiktive Prädikative” etc. pp.

Dass eine allgemeine Charakterisierung der VF-Fähigkeit nicht möglich scheint, wird nicht als tragisch empfunden, denn es geht in diesem Kontext ja nicht um die Analyse von (Un-)Grammatikalität. Anders aber als bei der Betrachtung des NFs, wo oft stilistische Faktoren ausschlaggebend sind, sieht es bei der VF-Besetzung jedoch komplizierter aus. Insbesondere erhebt das TM doch explizit den Anspruch, die V/2-Stellung im Hauptsatz des Deutschen zu implementieren. Streng genommen ist diese Bestimmung aber empirisch wertlos, wenn es das TM per se nicht gestattet, (28) auszuschließen.

(28) a. *der schläft Bär

b. *nicht füttert er das Kind

c. *es füttert der Fritz

d. *dem Fritz zu rauchen ich verboten hatte

Was möglich ist und vor allem, was nicht, wird meist nicht explizit thematisiert. Diese Art von Unvollständigkeit im quasi didaktischen Modus tangiert nun aber dennoch genau das Kernanliegen des Modells (also V/2) und offenbart, dass das TM eine partielle grammatische Analyse nicht ersetzen kann, sondern im Gegenteil voraussetzt. Wo eine strikte Definition der Extension des VFs im didaktischen Kontext nicht erstrebenswert scheint, vertraut man auf die Macht der Universalgrammatik und höheren Prinzipien, beispielsweise eine Analyse von “Phrasalität” oder ähnlichem, die eine sinnvollen Anwendung des TMs ermöglichen. Was dann aber zugleich impliziert, dass das TM allein über die Grammatik von Sätzen des Deutschen wenig aussagt.

Abgesehen von der Ungrammatikalität wirft die VF-Fähigkeit im Haupsatz weitere Fragen auf. Man betrachte etwa:

(29) gestern in der Kneipe hat er mir gestanden, dass er pleite ist

Sowohl für gestern als auch für in der Kneipe lässt sich ja leicht zeigen (und argumentieren), dass sie im VF stehen können, aber dass dies simultan auch möglich sind, ist keineswegs trivial und wirft die Frage auf, ob es sich hier nicht letztlich doch um V/3-Strukturen handelt (vergl. z.B. die Diskussion in Müller (2003) und Speyer (2008)).

6.5. Übergenerierung

Schaut man noch einmal zurück auf die Zuordnungsregeln in (15), so lässt sich leicht feststellen, dass diese es nicht ermöglichen, ungrammatische Fälle wie (30) ausschließen:

(30) a. *[VF Fritz ] [LK dass ] gelaufen ist

b. *derjenige [VF der ] [LK fing ] das Einhorn

c. *stört es dich [SF Fakten verlangen nach Erklärung ]

Das Problem stellt sich innerhalb des DMs natürlich nicht in gleichem Maße, denn hier werden mögliche TMs einfach aufgezählt, etwa so, dass es kein TM für (30-a) und (30-b) gibt. Verschiedene TMs haben dann verschiedene Namen, die dann genutzt werden können, um die Distribution der Satztypen wie in (30-c) zu beschreiben. Etwas Analoges fehlt im UM. Die Frage ist dann m.E. diese: Welche Möglichkeiten gibt es, Strukturen wie in (30) zu blockieren, und sollten Zuordnungsregeln des TMs zu diesen Möglichkeiten gehören? Ich komme darauf in Abschnitt (10.) zurück.

6.6. Etikettenschwindel

Die genannten Schwierigkeiten für die Anwendung des Modells werden nicht selten explizit erkannt und diskutiert; das Spektrum reicht hier, wie oben schon angedeutet, von der bloßen exemplarischen Auflistung von Fällen bis zu einer genaueren Analyse der grammatischen Struktur, wie etwa bei Wöllstein (2014).

Daran schließt sich m.E. die generellere Frage, ob die zusätzlichen syntaktischen Beschränkungen immer etwas mit dem TM zu tun haben. Wie schon angedeutet halte ich eine Analyse der Konstitentenstruktur für völlig außerhalb der eigentlichen Intention der Protagonisten des Modells.

Oft ist es auch üblich, im Rahmen des TMs die interne Struktur der Felder zu thematisieren, z.B. über Präferenzregeln für die Abfolge im MF (unmarkierte Wortstellung etc.). Das kann man natürlich gewinnbringend so tun; wogegen ich mich jedoch sträube, ist die damit insinuierte Auffassung, dies alles gehöre zum TM, als wäre Informationsstruktur, Intonation, Markiertheit und die ganze Grammatik des MFs sowie die Charakterisierung der Satztypen Teil dieser “Theorie”. Dies halte ich für Etikettenschwindel.

Methodisch wäre die Untersuchung der internen Struktur der Felder nur dann Teil des TM, wenn diese zur Postulierung neuer Felder führt, und genau solche Fälle möchte ich im nächsten Abschnitt diskutieren.

7. Oberfeldbildung

Schon früh haben Vertreter des Feldermodells Merkwürdigkeiten bei der Stellung der Verben am Ende des Satzes erkannt. Systematisch erforscht wurde die Verbabfolge von Bech (1955/57) (gesprochen: Beck, er war Däne). Die dazugehörigen Phänomene werden im TM meist ignoriert, auch weil sie nur dann auftreten, wenn es am Satzende mehr zwei Verben gibt. Betrachten wir

(31) a. ob er kommen können wird

b. ob er wird kommen können

Beide Varianten sind grammatisch, sollten also mit dem TM verträglich sein. Das sind sie auch, da alle Verben in der RK stehen und wir bisher über die Position des Finitums innerhalb der RK nichts gesagt haben. Tatsächlich ist diese für die Beschreibung des Phänomens selber unerheblich, denn Verbumordnungen wie in (31-b) finden sich auch unabhängig von der Frage nach der Stellung des Finitums:

(32) a. sie wird hier nicht liegen bleiben können b. sie wird hier nicht können liegen bleiben

Bech unterteilt nun die RK in Oberfeld und Unterfeld (OF und UF). Die RK heißt bei Bech das Schlussfeld (SchF) (und das MF heißt Restfeld). In (32-a) ist das OF leer und alle Verben des Schlussfeldes stehen im UF. In (32-b), wo scheinbar eine Art “Umstellung” stattgefunden hat, steht können im OF und die übrigen Verben im UF. Die Unterteilung wird definiert anhand der Abfolge der Verben und ihrer Unterordnungsverhältnisse, die sich erschließen lassen aus dem semantischen Skopus einerseits und den morphologischen Abhängigkeitsverhältnisse andererseits. Dies lässt sich anhand der Morphologie in (33) erläutern:

(33) a. dass er ihr nicht geglaubt haben wird b. dass er sie zu sehen gewünscht hat

Futurisches werden selegiert den Infinitiv von haben, haben selber selegiert das Partizip von glauben. Ebenso selegiert haben in (33-b) das Partizip von wünschen, wogegen letzere den zu -Infinitiv von sehen selegiert. Alle anderen Kombinationen sind ungrammatisch, also etwa

(34) a. *dass er ihr nicht glauben haben wird

b. *dass er ihr nicht zu glauben haben wird

c. *dass er ihr nicht geglaubt gehabt wird

d. *dass er ihr nicht geglaubt zu haben wird e. ...

Wir sprechen hier von morphologischer Selektion oder M-Selektion durch das übergeordnete Verb.5

Bech erläutert nun die möglichen Abfolgen im SchF anhand einer Tabelle mit Verben V i, wobei V i +1 unmittelbar von V i M-selegiert wird. Ich zitiere hier direkt aus Bech (1955/57), - einem Werk in gemäßigter Kleinschreibung:

§61. Es ergibt sich hieraus das folgende schema von denkbaren ein- bis fünfgliedrigen schlußfeldern:

Abb. in Leseprobe nicht enthalten

Z.b.

1.0 . . . daß er hier (liegt) er bleibt hier (liegen)

2.0 . . . daß er hier (liegen bleibt) er läßt ihn hier (liegen bleiben)

3.1 . . . daß man ihn hier (liegen bleiben läßt) man kann ihn hier (liegen bleiben lassen)

3.2 . . . daß man ihn hier (läßt liegen bleiben) man kann ihn hier (lassen liegen bleiben)

4.1 . . . daß man ihn hier (liegen bleiben lassen kann) man wird ihn hier (liegen bleiben lassen können)

4.2 . . . daß man ihn hier (kann liegen bleiben lassen) man wird ihn hier (können liegen bleiben lassen)

4.3 . . . daß man ihn hier (kann lassen liegen bleiben) man wird ihn hier (können lassen liegen bleiben)

5.1 . . . daß man ihn hier (liegen bleiben lassen können wird)

5.2 . . . daß man ihn hier (wird liegen bleiben lassen können)

5.3 . . . daß man ihn hier (wird können liegen bleiben lassen)

5.4 . . . daß man ihn hier (wird können lassen liegen bleiben)

Schlußfelder mit mehr als vier verben sind jedoch äußerst selten.

Man wird bemerken, daß das unterfeld durch starke betonung seines ersten bestandteiles charakterisiert ist. [...] Ferner wird man bemerken, daß es für den aufbau des schlußfeldes keine rolle spielt, ob ein V0 [d.h. ein finites V; W.St.] vorhanden ist oder nicht.

Wie man sieht, M-selegieren die Verben des OFs nach rechts, die des UF nach links.

Bech formuliert nun einige Wohlgeformtheitsbedingungen für die Aufteilung in OF und UF. Eine Generalisierung, die sich aus seiner Tabelle ablesen lässt, ist (35):

(35) Ist das OF nicht leer, so enthält das UF mindestens zwei Verben.

Bechs Restriktionen für die M-Selektion, die man gleichzeitig als negative Zuordnungsregeln auffassen kann, sind:

(36) a. Im OF kann kein zu -Infiniv und kein Partizip stehen.

b. Im UF kann das oberste Verb kein zu -Infinitiv sein.

Diese letzte Bedingung schließt z.B. aus, dass zu rauchen in (3) im UF steht.[8] , [9] Halten wir fest: Bechs Feldermodell lässt sich (grob) so zusammenfassen:

(37) VF<LK< [SchFMF<OF<UF]<NF

[8]Leider gibt es auch im Standarddeutschen eine wohldefinierte Ausnahme zu (36-b):

(i) ohne ihn haben sehen zu können

Vergl. hierzu Bech (1963) und den Abschnitt 5.3.3 “Migration” in Kapitel V von Sternefeld (2006).

[9]Hinzufügen könnte man an dieser Stelle noch: Hat V einen abtrennbaren Teil so entspricht dieser dem V1 in der Zeile 0.

Was haben wir dadurch erreicht? Der wesentliche Punkt ist dieser: Für die Analyse der grammatischen Sätze ist die zusätzliche Unterteilung ein Beiwerk, das ohne weitere Konsequenzen bleibt. Wesentlich jedoch ist diese für die Beschreibung von Grammatikalität bzw. Ungrammatikalität, denn es sind grade die Korrespondenz-Bedingungen (35) und (36), welche ungrammatische Folgen aussondern und wesentlich auf die Begriffe OF und UF Bezug nehmen. Anders gesagt: In welcher Abfolge die Verben im SchF stehen können, ist zunächst unabhängig vom TM und wird über Bechs Tabelle vollständig beschrieben. An sich braucht es die Unterteilung in OF und UF nicht. Erst bei der Formulierung von Zuordnungsregeln gehen diese Begriffe wesentlich in Bedingungen ein, z.B. in die Forderung, dass im UF mindestens zwei Verben stehen. Insofern hat die Unterteilung einen theoretischen Mehrwert, den es ohne sie nicht gäbe.

Als Illustration für eine Felderunterteilung, die tatsächlich nichts bringen würde, unterteile man das MF in das Wackernagel-Feld (WF) unmittelbar rechts von der LK und das den Rest des MFs. Die einschlägige Beschränkung wäre nun, dass im WF nur Pronomen stehen können. Eine solche Unterteilung wäre völlig nutzlos. Man wird zwar höflich daran erinnert, dass Pronomina “vorangestellt” werden können, aber solange über die Abfolge im MF ohnehin nichts gesagt wird, ist ja ohnehin alles möglich. Und es kann wohl auch nicht gezeigt werden, dass das neue Feld wesentlich für die Formulierung von Beschränkungen wäre. Ein ganz anderer Fall würde vorliegen, wenn alle Pronomina im WF stehen müssen. Aber so ist es ja nicht. Daher hat die Unterteilung keinen prognostischen Wert und wäre somit irrelevant.

Ebenso unsinnig ist die Postulierung eines “Subjektfeldes”, womit man dann für das Problem der Stellung des Subjektes “sensibilisiert”. Alles, was sich zur Position des Subjektes im MF sagen lässt, lässt sich natürlich auch in Bezug auf das Subjekt als solches sagen, und dazu benötige ich kein gleichnamiges “Feld”. Daher halte ich auch das meiste, was unter dem label TM geschrieben wird, für Etikettenschwindel.

Bleiben wir aber noch ein wenig bei der Oberfeldbildung. Schon Bech hat ein Phänomen erkannt, das eine weitere Modifikation seiner Felderaufteilung erfordert. Es handelt sich um sog. “unreine Verbalfelder”, die er wiefolgt beschreibt:

(63) Das schlußfeld umfaßt im allgemeinen nur verben [...]Wennaber ein oberfeld vorhanden ist, so kommt es bisweilen vor, daß ein nicht-verbales glied, das irgendwie eine nahe verbindung mit dem maximal untergeordneten verbum des schlußfeldes hat, unmittelbar vor diesem verbum steht.

Hier seine Beispiele:

(64) a. daß Eduard unter Umständen für ihre Ehre sein junges Leben möchte in die Schanze zu schlagen haben

b. da ihm von einem Vorhaben der Blaukittel müsse Kunde zugekommen sein

c. daß man des Halunken werde habhaft werden können

d. Also nach Ihrer Meinung hätte das Kind sich lieber sollen zu Tode foltern lassen

e. der Gedanke, dass man in wenig Stunden werde seinen Sarg in die Erde senken sehen

f. nachdem du sattsam genug musstest die Erfahrung gemacht haben, dass ohne Geduld. . .

g , das ihr wahrscheinlich aus dem Munde eines anderen würde lä

cherlich und blöde geklungen haben

Theoretisch bemerkenswert ist auch die Beobachtung von M. Reis (zitiert in Meurers (2000)), dass es auch möglich ist, sogar das Subjekt “unsauber” zu positionieren:

(65) dass ihn gestern hätte jemand besiegen können, ist unwahrscheinlich

Man würde also die Restriktion aufgeben, dass OF und UF adjazent sein müssen, sodass das neue Modell so aussehen könnte (mit ZF = Zwischenfeld):

(66) VF<LK<MF< [SchF OF<ZF<UF]<NF

Allerdings zeigen wir im nächsten Abschnitt, dass es im Bereich des Verbalfelds weitere Korrisionserscheinungen gibt.

8. Zersiedelung

Für einige Dialekte des Deutschen ist es mit (40) leider nicht getan. Erstens stimmt es nicht, dass das UF mindestens zwei Elemente enthalten muss, ein Element würde genügen, vergl. (41):

(41) Sie hat ihn doch nicht wollen erschießen

Oder im Schweizerdeutschen:

(42) dass de Hans es huus wil chaufe

Zweitens kann es zwischen allen Verben nominale Argumentausdrücke geben, wie z.B. in (43-a,b) aus Haegeman and Riemsdijk (1986) oder (43-c,d) von Cooper (1994) fürs Züridütsch gezeigt:

(43) a. dass er wil em Karajan chöne en arie vorsinge

b. dass er sini Chind wil la Mediziin schtudiere

c. dass er Mediziin wil sini Chind schtudiere la

d. dass er Mediziin wil la sini Chind schtudiere

Dabei lässt sich aus den Daten des Schweizerdeutschen eine recht systematische Beschreibung gewinnen, denn die Subordinationsverhältnisse zwischen den Verben sind völlig regulär.6 Rein theoretisch ließe sich die Unterscheidung zwischen OF und UF noch aufrechterhalten, etwa in dem man definiert, dass das OF mit dem höchsten Verb des Verbkomplexes beginnt, also demjenigen Verb, das von den anderen Verben des Verbkomplexes nicht M-markiert wird und das ganz links steht. Aber was wäre damit gewonnen? Der Punkt hier ist: Wenn die Zuordnungsregeln nicht mehr gültig sind, also insbesondere die Regel, die das UF charakterisiert, dann ist die Unterteilung als solche “spurious”, bringt also nichts. D.h., die Unterteilung erwirtschaftet keinen Mehrwert; ohne sie würde sich deskriptiv nichts ändern.

Woran sich die Frage anschließt, ob die Unterscheidung zwischen einem zersiedelten SchF und dem MF dann überhaupt noch sinnvoll wäre? Wieder hängt dies m.E. allein davon ab, ob es Generalisierungen gibt, die sich mit Hilfe dieser Begriffe sinnvoll fomulieren lassen. Z.B. könnte man fordern, dass bestimmte Pronomina im SchF (= RK) nicht möglich sind. Tatsächlich unterscheidet man im Zürichdeutschen dreifach zwischen sog. starke Pronomina, schwachen Pronomina und Clitics. In der genannten Position sind tatsächlich nur starke Pronomina möglich.

(44) dass er wil iim chöne en arie vorsinge

Es scheint also, als sei die Unterscheidung zwischen MF und SchF immer noch sinnvoll, wiewohl die damit verbundene Beschränkung für die Zuordnungsregeln in keiner Weise das Verhalten der verschiedenen Typen von Pronimina erklärt.

Ein anderes Problem für Bechs Verbalfelder dürfte die Beobachtung sein, dass nicht nur in Dialekten, sondern auch in “reinen” Verbalfeldern des Standarddeutschen sich Verstöße gegen (35) nachweisen lassen:

(45) a. weil sie nicht kommen hat wollen

b. dass sie sich so entmachten haben lassen

c. Heinrich VIII. hatte bessere Sympathiewerte, nachdem er seine Frau köpfen hat lassen

M.E. ist die Bechsche Zuordnungsregel eher normativ zu verstehen; in der Realität der Dialekte scheint mir die OF- UF-Unterscheidung ziemlich korridiert.7

Leider ist die Grammatikalitätsbeurteilung von Abfolgevarianten oft nicht wirklich klar; angesichts dieser Situation gab es einige meiner Studenten, die eine empirische Untersuchung des Dialekts ihrer Großeltern auf dem Dorf versuchten. Könnte sich die Auffassung bestätigen lassen, dass Daten wie (45) als akzeptabel gelten? Leider schienen die befragten Omas schon bei drei Verben oft überfordert, was dazu führte, dass dem Anschein nach Vieles möglich ist, mangels Komplexität und Realibilität aber eine induktive Basis für Generalisierungen nicht gegeben war.

Dieser Unterkomplexität im ländlichen Raum steht andererseits ein hoher Komplexitätsgrad in den Referenzgrammatiken gegenüber. Hauptthema dort sind allerdings meist die Bedingungen für die Verwendung des Ersatzinfinitivs, ein Phänomenbereich, den wir als eher morphologische Erscheinung bisher ignorierten. Man vergleiche dazu die Bewertungen aus Heidolph et al. (1981) (S. 724):

(46) a. *dass er die Lieder singen lernen gekonnt haben wird

b. *dass er die Lieder singen lernen können haben

c. dass er die Lieder wird haben singen lernen können

d. er wird die Lieder haben singen lernen

Warum die Daten so sind, wie sie sind, wird bei Heidolph et al. nicht erklärt. Offenbar gibt es ein Problem, wenn haben auf das Modalverb folgt. Dieses Problem gibt es aber wohl auch unabhängig von der Aufteilung in OF und UF (S. 723):

(47) *dass du uns die Schlacht gewinnen geholfen/helfen hast

Die genauen Bedingungen scheinen komplex; angemerkt sei hier lediglich, dass OF und UF zur Klärung der Sachlage nicht hilfreich zu sein scheinen.

9. Kohärenz

Zentral für die Untersuchungen von Bech ist die Unterscheidung zwischen kohärenter und inkohärenter Konstruktion. Bei letzterer stehen zwei Verben nicht im selben SchF, sondern das infinite Verb (immer ein zu -Infinitiv) bildet zusammen mit seinen Ergänzungen einen selbständigen Nebensatz (einen sog. “satzwertigen” Infinitiv). Bei der kohärenten Konstruktion sind die beiden Verben Teil eines zusammengesetzten Prädikats (das ein holländischer Kollege mal den “Verbknödel” genannt hat) und stehen im selben SchF.

Für die Analyse im Rahmen des TM scheint diese Differenzierung völlig irrelevant, solange es nicht um Grammatikalität geht. Insbesondere ließe sich die Unterscheidung einfach ignorieren und alles im selben Schlussfeld anordnen. Erst zur Erklärung von Ungrammatikalität wird die Unterscheidung relevant. Vergl.

(48) a. Fritz hätte nicht zu arbeiten gebraucht

b. weil Fritz seine Krankheiten zu vernächlässigen scheint

c. dass Fritz seine Krankheiten zu ignorieren pflegt

(49) a. *Fritz hätte nicht gebraucht zu arbeiten

b. *weil Fritz scheint seine Krankheiten zu vernächlässigen

c. *dass Fritz pflegt seine Krankheiten zu ignorieren

Wegen des Verbots eines zu -Infinitvs im Unterfeld müsste dieser in (49) im NF stehen, und dies wäre die Analyse, die das TM für (49) bereitstellt. Bei den einbettenden Verben handelt es sich aber durchgehend um kohärent konstruierende Verben, also ist es nicht möglich, dass diese Verben und ihre verbale Ergänzung nicht im selben SchF stehen. Für (49-a) wird also ein Widerspruch hergeleitet: Einerseits kann der zu -Infinitiv nicht im NF stehen, denn er müsste zum selben

SchF wie brauchen gehören, dort allerdings ist wegen (36-b) kein zu -Infinitiv zulässig. Für die übrigen Konstruktionen kann man zunächst ausschließen, dass es sich um unreine Verbalfelder handelt, folglich stehen die Infinive im NF, also nicht im selben Schlussfeld, was bei Kohärenz verboten ist.8 Dagegen ist dies bei inkohärent konstruierenden Verben ohne weiteres möglich:

(50) Fritz hatte mir nicht zu arbeiten erlaubt

a. Fritz hatte mir nicht erlaubt [NF zu arbeiten ]

b. Fritz hatte mir erlaubt [NF nicht zu arbeiten ]

Was im NF stehen kann und was nicht hängt also wesentlich von der Unterscheidung zwischen kohärenter und inkohärenter Konstruktion ab. Diese spielt für eine ganze Reihe von grammatischen Phänomenen eine entscheidende Rolle, insbesondere wurden zahlreiche Tests entwickelt (teilweise mit widersprüchlichem Ausgang, s. Wöllstein-Leisten (2001)), um Kohärenz von Inkohärenz zu unterscheiden. Diese Kriterien, z.B. Bedingungen für den Skopus der Negation, sind rein strukturell und lassen sich im Rahmen des TM nur bedingt erfassen. Man vergleiche etwa:

(51) weil er sie nicht zu berühren versuchte

a. weil [MF er sie nicht] [SchF zu berühren versuchte ]

b. weil [MF er [SF sie nicht zu berühren ] [SchF versuchte ]]

Die Analyse in (51-a) würde prognostizieren, dass versuchen negiert wird, dies wäre die kohärente Konstruktion. (51-b) prognostiziert, dass nur berühren negiert wird; dies ist die inkohärente Konstruktion mit eigenem SF. Soweit beide

Lesarten möglich sind, konstruiert versuchen sowohl kohärent als auch inkohärent.

Es zeigt sich also, dass eine korrekte topologische Analyse eines Satzes S nur aufgrund von Kriterien möglich ist, die kohärent von inkohärent unterscheiden, wobei in der Regel auch auf negative Evidenz zurückgegriffen werden muss (etwa indem es nicht möglich ist, dass nicht in (51-b) Skopus hat über versuchen, vergl. auch (50).) In jedem Fall lässt sich dies nicht über einfache Zuordnungsregeln erfassen (vergl. Fn. 12), es bedarf einer tiefergreifenden grammatischen Analyse.

10. Exkurs: TM und Generative Grammatik

10.1. Korrespondenzen

An dieser Stelle mag ein Blick auf die Theorie der Generativen Grammatik (GG) lohnen; viele Diskussionen des TMs wurden direkt oder indirekt durch die GG beeinflusst (siehe insbesondere Abschnitt (11.3.)). So korrespondierte die sog. Revidierte Erweiterte Standardtheorie (REST) und die Government- Binding-Theorie der 80er Jahre mit dem DM, während die späteren Entwicklungen, etwa die strikte Anwendung der sog. X-bar-Theorie (s.u.), mit dem UM in Einklang standen.

10.1.1. Die sog. Standardtheorie

Mit Chomsky (1981) war es viele Jahre lang üblich, die Grobstruktur des Englischen mit zwei Phrasenstrukturregeln zu erfassen:

(52) a. S ' -n COMP S

b. S — n NP INFL VP

Dabei stand COMP für complementizer, INFL ist eine Art abstraktes (gebundenes) Morphem für Finitheit und muss daher durch ein finites Verb realisiert werden.9 Die NP (Nominalphrase) ist das Subjekt des Satzes, die VP (Verbalphrase) das komplexe (erweiterte) Prädikat:

(53) [s ' [comp that ][s [np John ] [infl must ][vp build a house ]]]

Die Position von COMP ist im Deklarativsatz normalerweise leer, kann aber im indirekten Fragesatz auch durch W-phrasen gefüllt werden:

(54) [s ' [comp where ][s [np John ] [infl must ][vp build a house ]]]

Für das Deutsche hat man nun diese Analyse übernommen; sieht man von der stellung des Finitums ab, ergab dies das TM in (55) (vergl. pafel (2011), s. 68ff):

Abb. in Leseprobe nicht enthalten

Für den direkten Fragesatz gab es im Englischen die sog. Subject-AuxiliaryInversion, bei der die Subjekt-Position und die INFL-Position eines Auxiliars vertauscht wurden:

(56) [S ' [COMP where ][S [INFL did ] [NP John ] [VP build a house ]]]

Etwas Analoges hat man im Deutschen wegen der Endstellung des Finitums nicht, daher konnte (52-b) in der GG des Deutschen nicht übernommen werden. Stattdessen wurde oft (57) angenommen:

(57) S — n NP VP INFL

Dies spiegelt sich auch in den TMen des DMs, in denen ein extra Feld für das Finitum ans Ende des TMs gestellt wird (wobei das NF ignoriert wurde, vergl. Heidolph et al. (1981)), S. 716). Unsere Diskussion zur OF-Bildung legt jedoch nahe, dass (57) und eine analoge Felderstruktur zu massiven Problemen führt, wenn das Finitum nicht wirklich rechtsperipher ist; im Rahmen der GG habe ich in Sternefeld (2006) gezeigt, dass man im Deutschen auch ohne INFL auskommen kann. Das TM hat hier kein Problem, solange die Position des Finitums innerhalb des SchF nicht festgelegt ist.

Innerhalb der GG hat man nun versucht, (52) mit der Hauptsatzstruktur des Deutschen in Einklang zu bringen, indem man die Möglichkeit in Erwägung gezogen hat, COMP in zwei Positionen aufzuspalten, wobei COMP-A als Zielposition für Bewegung einer Phrase diente und COMP-B als Zielposition für die Bewegung des finiten Verbs. Damit ergeben sich zwei Möglichkeiten:

(58) a. [S ' COMP [S ... ]]

b. [S ' COMP-A COMP-B [S ... ]]

Einige Autoren haben nun an (58-a) im Sinne von (55) festgehalten und COMP- B mit der Position des Finitums indentifiziert, andere haben (58-a) verworfen und (58-b) im Sinne des UM interpretiert, indem COMP-A als Analogon zum VF und COMP-B als Analogon zur LK gelesen wurde. Argumente dafür oder dagegen werden wir noch diskutieren; z.B. ist (58-b) als UM scharf von Reis (1985) angegriffen worden, mit dem Argument, die REST könne Übergenerierungen bei der Besetzung der Positionen COMP-A und COMP-B nicht verhindern. Ich komme darauf zurück.

Das NF ist übrigens nicht Kern des syntaktischen Aufbaus innerhalb der GG; wohl gibt es hier eine Operation der Extraposition, die ein NF (durch Adjunktion) erzeugt. Damit implementiert das Generative Modell etwas, was durch das TM nicht zum Ausdruck gebracht wird, dass nämlich die “Ursprünge” des NFs tatsächlich im MF zu suchen sind, was man unmittelbar erkennt, wenn man die Sätze in (26) genauer analysiert.

10.1.2. CP statt S

Schon in den 80er Jahren hat man spezifische Phrasenstrukturregeln wie (52) aufgegeben. Stattdessen gab es ein allgemeines Schema (das sog. X-bar- Schema), bestehend aus einem (lexikalischen) Kopf X, einem sog. Komplement von X und einem sog. Spezifikator von X, wobei eine Struktur wie in (59) angenommen wurde (die Grundzüge dieser Theorie gehen auf Jackendoff (1977) zurück):

(59) a. [XP Spezifikator [ X Komplement ]]

b. [XP Spezifikator [ Komplement X ]]

Strukturen wie (59-a) nennt man linksköpfig, ein Beispiel wäre die VP im Englischen. (59-b) ist eine rechtsköpfige Struktur, wie sie bei Endstellung des Fi- nitums im Deutschen vorliegt. Das Ganze ist dann eine X-Phrase XP, Komplement und Spezifikator sind im Prinzip optional. Während der Begriff “Komplement” noch mit dem des semantischen Arguments assoziiert ist, ist der Spezi- fikatorbegriff weitgehend inhaltslos, es handelt sich lediglich um eine Position außerhalb der Kopf-Komplement-Beziehung.10

Der Name der Theorie stammt von einer Notationskonvention, die mit der Überstreichung von nicht-lexikalischen Kategorien arbeitet, wie in (60):

(60) a. [ x Spezifikator [ X X Komplement ]]

b. [ x Spezifikator [ X Komplement X ]]

Statt doppelter Überstreichung verwenden wir die Notation XP, statt einfacher Überstreichung die Notation X '. Die X-bar-Theorie wurde dem Aufbau aller Phrasen wie NP, VP oder PP zugrundegelegt.

Es ist klar, dass Regeln wie (52) nicht in dieses Schema passen. Für den Satz des Englischen wurde daher angenommen, dass X einer Kategorie C entspricht, die natürlich historisch aus COMP abgeleitet ist:

(61) [cp Spezifikator [c , C IP ]]

Das Komplement von C ist eine Phrase mit Kopf I, was aus INFL abgeleitet ist (s. chomsky (1986), S. 3). Vergl. (53) mit (62):

(62) [cP [c’ [c that][IP [NP John] [I’ [I must][VP build a house]]]]]

In diesem Falle ist die Position des Spezifikators von c leer; im Spezifikator von I steht John, das Komplement ist eine VP, in I steht das Finitum und der Spezifikator von V ist leer.

Für das Deutsche lässt sich, wie ich früher schon argumentiert habe, auch ohne INFL auskommen.11 Vergleiche (61) mit (63):

(63) [cp Spezifikator [c , C VP ]]

Aus der cP-Struktur ergibt sich nun eine weitgehende Korrespondenz mit der UM in (2): c entspricht der LK und der Spezifikator (meist abgekürzt als SpecC) der LK. Auch die Besetzung dieser Felder ist im Wesentlichen analog zu den Möglichkeiten des Englischen. Insbesondere gilt aber in beiden Ansätzen: In c kann nur ein Kopf stehen, das wäre dann ein (ggf. auch leerer, jedoch nicht merkmalloser) Komplementierer, oder das finite Verb. Wobei in der GG hinzukommt, dass das Finitum seinen Ursprung in der VP (bzw. der IP) hat und über sog. Kopfbewegung nach c bewegt werden muss.

Diese Bewegungsanalyse ist m.E. eine der attraktivsten Eigenschaften der generativen Analyse, die im DM verloren geht. Für eine wenn auch evtl. leere Endposition des Finitums sprechen zahlreiche Eigenschaften, für die es im TM keine Erklärung gibt. Erstens gibt es eine einheitliche Position für die lexikalische Einsetzung, insbesondere von abtrennbaren Verben. Der Bezug zwischen den Teilen ist strikt lokal. Das Gleiche gilt zweitens auch für die M-Selektion des Finitums, diese wirkt einfach auf das benachbarte Verb. Drittens erklären sich aus der VP-internen Ausgangsposition auch alle semantischen Eigenschaften in einfachster Art und Weise, etwa die Argmumentselektion und verschiedenste Skopuseigenschaften, z.B. in Bezug auf die Negation. Insofern ist die Rede von der Satzklammer durchaus suggestiv; wer aber, wie im DM oft üblich, die virtuelle Position des Finitums in der RK im Haupsatz des Deutschen einfach ignoriert, hat keine Handhabe mehr für die Beschreibung elementarster Eigenschaften des Satzes.12

Für SpecC gilt, dass über “Topikalisierung” in diese Position bewegt wird, und Analoges kann auch für die VF-Position angenommen werden. Die kritische Frage nach der Vorfeldfähigkeit wird im Modell der GG natürlich auch nicht vollständig gelöst. Die einfachste Annahme für das Deutsche wäre grob gesprochen, dass alle phrasalen Konstituenten topikalisiert werden können. Betrachten wir etwa (64):

(64) a. Fleisch gegessen hat er noch nie

b. ein Außenseiter gewonnen hat hier noch nie13

Die Beispiele zeigen: offenbar sollte, vielmehr muss Fleisch gegessen bzw. ein Außenseiter gewonnen etwas sein, das als Einheit (bzw. als phrasale Konstituente) zählt, andernfalls hier kein V/2 vorliegen kann. Es zeigt sich anhand von (65), dass die Gruppierungen des TMs im MF nicht notwendigerweise Einheiten bzw. Konstituenten in der GG sind und umgekehrt:

(65) [LK hat ][MF er noch nie Fleisch ][SF gegessen ]

Hier ist er noch nie FLeisch das MF, was aber im generativen Modell nicht als Einheit zählen (und auch nicht im VF stehen) kann. Vielmehr wird dort Fleisch gegessen als Einheit (als sog. Verbalphrase) analysiert, was orthogonal zur Aufteilung in Felder steht.

Andererseits prognostiziert die GG auch nicht automatisch die VF-Fähigkeit von Konstituenten, die offenbar keine Verbalphrasen sind:

(66) a. verkaufen müssen wird sie das Haus nicht

b. erschossen hat sie ihn nicht

In Sternefeld (2006) habe ich mich zu zeigen bemüht, dass alles, was “topikali- siert” werden kann, auch als Konstituente analysiert werden kann; warum diese Konstituenten dann auch VF-fähig (bzw. in gewissem Sinne “phrasal”) sind, steht allerdings auf einem anderen Blatt, vergl. auch Müller (1998). Tatsächlich ist von keinem der gängigen Grammatikmodelle (vergl. etwa Müller (2010)) zu erwarten, dass es automatisch VF-Fähigkeit prognostiziert; daher ist die theoretische Offenheit dieser Frage auch nicht dem TM anzulasten. Was hier stört ist lediglich ein unerfüllter Anspruch, das TM beantworte diese Frage quasi automatisch.

10.2. Übergenerierung

Das wichtigste Thema bei der Abwägung zwischen DM und UM ist das Problem der Übergenerierungen (s. (30)), die bei einer unrestringierten Besetzung der Felder innerhalb des UMs möglich scheinen, innerhalb des DMs jedoch zumindest beschränkt wird. Die ausführlichste Diskussion dieses Sachverhalts führte einst Reis (1985), die auf über 40 Seiten und auf der Grundlage der REST das DM verteidigt. Ich komme darauf in Abschnitt (11.3.) zu sprechen.

Hier geht es erst einmal darum, zu zeigen, wie Übergenerierung mithilfe einiger weniger Mechanismen verhindert werden können. Diese stammen einerseits aus dem Umgang mit morpho-syntaktischen Merkmalen innerhalb der sog. X-bar-Theorie, andererseits aus einer gewissen Überlegung zum FormFunktions-Zusammenhang. Beginnen wir mit den Merkmalen:

1. Alle lexikalischen Kategorien X (auch alle leeren Köpfe) tragen morpho-syntaktische Merkmale; leere Köpfe sind also nicht wirklich leer.

2. Diese Merkmale werden beim Aufbau der X-Phrase auf die Projektionen dieser Kategorie, insbesondere auf die XP “vererbt” oder “projiziert”.

Verbindet man diese Annahmen mit dem TM, so ergibt sich sofort, dass die LK (die ja C entspricht) verschiedene Merkmale hat, anhand derer sich die wichtigsten Satztypen unterscheiden lassen.

Die einfachsten Merkmal-Oppositionen in Chomskys Theorie von 1981 sind ± V und ± N (mit V für verbal und N für nominal). Ferner gibt es das +W- Merkmal für Fragepronomen (wer) und deren Phrasen (welches Kind) sowie +Rel für Relativpronomen (der) und komplexere Phrasen (dessen Kind). Damit lassen sich folgende Unterscheidungen der C-Position treffen:

(67) a. [+V] = V/1 und V/2-Sätze

b. [+V,+W] = direkte Fragesätze

c. [+N] = dass -Sätze

d. [+N,+Q] = ob -Sätze

e. [+N,+W] = indirekte Fragesätze

f. [-V,-N,+Rel] = Relativsätze

Entsprechend ist

— ein Verb (das Finitum) eine Realisierung von +V,

— dass eine von [+N],

— ob eine von [+N,+Q],

— 0 (phonetisch leer) eine von [+N,+W],

— 0 (phonetisch leer) eine von [-V,-N,+Rel].

In gewissen Dialekten ist auch noch möglich, dass

— dass eine Realisierung von [+N+W] ist und dass

— wo eine Realisierung von [-V,-N,+Rel] ist

Der nächste Schritt besteht in der Bestimmung von SpecC. Ich vereinfache im Folgenden und greife auf die Terminologie zurück, die im Minimalismus von Chomsky (1995) eingeführt wurde:

3. Gewisse lexikalisch spezifizierte Merkmale müssen mit gleichen Merkmalen kongruieren.

4. Die syntaktische Umgebung, in der Kongruenz möglich ist, ist die Spezifikator-Kopf-Relation.

Wir nehmen an, dass die Merkmale +W und +Rel der leeren Komplementierer Kongruenzmerkmale sind. Solche Merkmale heißen bei Chomsky auch “stark”. Kongruenz entsteht dann, wenn die Spezifikatorposition ebenfalls die Merkmale +W bzw. +Rel hat. Diese Merkmale stammen nicht vom Spezifikator selber, sondern von W-Phrasen bzw. Relativpronomenphrasen. Die Notwendigkeit der Kongruenz bewirkt dadurch die obligatorische Bewegung einer W-Phrase in die SpecC-Position.

Ob das Gegenstück eines starken Merkmals selber stark ist oder nicht, spielt für die Kongruenz keine Rolle. Z.B. ist das Merkmal +Rel eines Relativpronomens selber stark, was bewirkt, dass ein Relativpronomen nach SpecC bewegt werden muss, um dort zu kongruieren. Das Merkmal +W einer W-Phrase ist selber nicht stark. Wäre das Merkmal stark, müssten sämtliche W-Phrasen eines multiplen Fragesatzes gecheckt werden und in SpecC stehen, was (zumindest im Englischen oder Deutschen) nicht möglich ist.

Dass Relativsätze keine V/2-Sätze sind, erklärt sich dadurch, dass es kein C mit den Merkmalen [+V,+Rel] gibt. Diese Kombination ist nicht “interpretierbar”, ein solches C steht nicht im Lexikon. Dass es bestimmte Kombinationen von Merkmalen nicht gibt, korrespondiert daher im DM damit, dass es bestimmte TMs nicht gibt.

Dass (30-a) nicht möglich ist, ist im Minimalismus kein Problem: Es gibt dort eine Art Ökonomieprinzip, demzufolge nur etwas bewegt werden kann, wenn es, aus was für Gründen auch immer, bewegt werden muss. Also eine Art Faulheitsprinzip, wobei ich ein wenig vereinfache. Man könnte dann argumentieren: Topikalisierung, also Herstellung eines V/2-Satzes, ist “sinnvolle” Bewegung, da sie im Wurzelsatz einen deklarativen Modus herstellt. Bleibt eine solche Bewegung aus, unterliegt der V/1-Satz den dafür einschlägigen FormFunktions-Bedingungen der klausalen Typisierung. Topikalisierung im dass - Satz dagegen wäre unökonomisch bzw. “nicht-interpretierbar”, da sie von keinen funktionalen oder grammatischen Prinzipien erzwungen werden kann.

Zumindest im Standarddeutschen. Wie seid Bayer (1984) oft beobachtet, ist es im Bairischen dennoch möglich, Konstruktionen wie (30-a) einzubetten:

(68) a. da Xaver dass a Mantl kafft hot hot neamad glaubt

b. a Mantl dass da Xaver kafft hot hot neamad glaubt c. da Hans ob kummt woaß-e ned

Bayer (2001) analysiert dies als emphatic topicalization, ein Konzept, dass es a) im Standarddeutschen so nicht gibt und dass (b) erklärt, dass diese Nebensätze nicht im NF stehen können. Wieder ist es, unabhängig von den in der Literatur vorgeschlagenen, im engeren Sinne syntaktischen Analysen klarerweise eine Instanz von klausaler Typisierung, die entscheidend wird für den Grammatika- listätsstatus der Konstruktion. Grundlage dieser Analyse ist nun allerdings die in der GG selbstverständliche Annahme, dass überhaupt in die SpecC-Position bewegt wird. Nur dann kann das besagt Ökonomieprinzip und dessen Überwindung in (68) funktionieren.

Damit sind, soweit ich sehe, alle Fälle von Übergenerierung ausgeschlossen. Im Rahmen der Diskussion des UM wird nun noch als Problem notiert, dass

SpecC und C nicht simultan leer sein können. Ein entsprechendes C wird in (67) auch nicht genannt. Tatsächlich werden satzwertige Infinitive in der GG jedoch als CPs mit leerem SpecC analysiert, die auch kein sichtbares C haben. Letzteres hätte neben -N auch ein Merkmal, das den Infinitiv als zu -Infinitiv M- selegiert. Was hier gewissermaßen modelliert wird ist die “Satzwertigkeit” des Infinitivs. Syntaktisch sind diese Infinitive subjektlos, semantisch entsprechen ihnen Eigenschaften, s. Sternefeld (2020).14

Was den Kongruenzmechanismus betrifft, ließe sich dieser ohne Probleme in Zuordnungsregeln des TMs übersetzen, etwa so:

(69) a. Hat G i ein Merkmal M, ist M stark und ist F(G i) = LK, dann gibt es ein G j mit Merkmal M und F(G j)=VF.15

b. Hat G i die Merkmale M, ist M stark und ist F(G i) = VF, dann gibt es ein G j mit Merkmal M und F(G j) = LK.

Dieses Vorgehen liefert das Gewünschte. Man verkennt dann aber die Universalität der dahinter stehenden Mechanismen, denn Spezifikator-Kopf-Kongruenz ist in der GG ein allgemeines Prinzip, das nicht nur auf SpecC und C anwendbar ist.

Der entscheidende Punkt hier ist: Mit der Einbettung des TM in ein allgemeineres Grammatikmodell lässt sich Übergenerierung verhindern. Allerdings bietet das TM nun keinerlei Mehrwert gegenüber der Annahme, der Satz sei eine CP. Was verbleibt, nämlich die RK als Ort der Verben, folgt aus der einfachen Annahme, dass VPs im Deutschen rechtsköpfig sind. Die Kategorie RK wird damit obsolet.

Klarerweise handelt es sich bei all dem um theoretische Annahmen, was der Intention des TMs, nämlich jedes commitment auf ein Grammatikmodell zu vermeiden, widerspricht. Notwendigerweise verbleibt man dann im rein Deskriptiven und somit eigentlich im 19. Jahrhundert (genannt wird in diesem Zusammenhang oft Erdmann (1886) als Vorläufer von Erich Drach (1885-1935), dem wir die Felderterminologie verdanken.)

11. Diskussion

11.1. Nachlese 1: Meibauer et al. (2015)

Die Autoren unterscheiden (u.a.) zwei TMs für Haupt- und Nebensätze:

(70) a. VF < Finit < MF < VK < NF

b. COMP<MF<VK<NF

Hierin steht VK (Verbalkomplex) für das, was wir vorher RK bzw. SchF genannt haben.

Wie schon in Abschnitt (10.1.) geschildert, stehen W-Phrasen des Nebensatzes in COMP. Die Autoren versuchen nun, diese Analyse zu rechtfertigen: Wenn die W-Phrase in einem VF stünde, wie bei Uniformität angenommen, ergäben sich sich angeblich drei Probleme.

(A) Erstens, man könne dann Sätze wie (71) nicht ausschließen:

(71) *ich weiß wen hast du getroffen

Offenbar wird dem UM unterstellt, dass es unmöglich wäre, Sätze überhaupt irgendwelchen Distributions- oder Selektionsanforderungen zu unterwerfen, als ob alle Sätze “von außen gesehen” gleich wären.16 Es wird also behauptet, dass korrekte Selektion nur dann möglich sei, wenn man verschiedene TMs selegiert. Mit der gleichen Berechtigung könnte man sagen, man könne VP und NP nicht unterscheiden, wenn man sie als Instanzen des X-Bar-Schemas versteht. Dass wissen eine LK mit dem Merkmal +N selegiert, liegt offenbar jenseits dessen, was an Theorie zu akzeptieren man offenbar bereit ist.

(B) Ein zweiter Grund gegen die Uniformität sei, dass man die Generalisierung (72) “aufgeben” müsse:

(72) “Nur V/2-Sätze haben ein VF.”

(72) ist eine Generalisierung über verschiedene TMs des DMs, als solche also im UM gar nicht zu formulieren. (72) besagt etwa, dass (73) nicht möglich ist:

(73) *VF<COMP<MF<RK<NF

Mit dieser Aussage lässt sich aber gegen das UM gar nicht argumentieren, da es dort COMP mit derselben Extension wie im DM überhaupt nicht gibt. Und COMP lässt sich auch nicht einfach in LK “übersetzen”, weil die Extensionen der Begriffe völlig verschieden sind. Die Modelle lassen sich nur als Ganze vergleichen, und dies geht natürlich nicht mit Hilfe von Generalisierungen, die nur auf eines der Modelle zugeschnitten sind.

Wie sinnlos der Bezug auf Generalisierungen ist, illustriert auch eine Aussage wie (74), die unter der UH gültig ist:

(74) Eine W-Phrase, die nicht im MF steht, steht im VF.

Im DM müsste (74) “aufgegeben” werden (eine solche W-Phrase stünde in COMP). Warum die “Aufgabe” ein Verlust sein soll, müsste erst noch begründet werden. Und genau hier liegt der Hase im Pfeffer: Eine Begründung kann deshalb nicht erfolgen, weil man dann Theorien vergleichen müsste, die hinreichend ausgearbeitet sind. Stattdessen wird dem UM von vornherein einfach unterstellt, dass es eine funktionierende Beschreibung innerhalb dieses Modells nicht geben könne.

(C) Das dritte Argument zielt auf die Generalisierung (75) (ebd. S. 126) (wobei V/L für V/E steht und VK für RK).

(75) “In allen finiten V/L-Sätzen muss neben VK auch COMP besetzt sein, das heißt, alle finiten V/L-Sätze werden durch einen Ausdruck bestimmter Art eingeleitet.”

Das bedeutet ja nichts anderes, als dass COMP nicht leer sein kann. Da COMP sich im UM in VF und LK aufspaltet, würde dem im UM entsprechen, das VF und LK nicht beide leer sein können. Warum sollte ein solches Prinzip schlechter sein als (75)? Wobei (75) zusätzlich die Frage aufwirft, was mit “Ausdruck bestimmter Art” gemeint ist. Soll damit etwa (76) ausgeschlossen werden?

(76)

*[COMP Hans ] [MF das Buch ][RK las ]

M.E. sind die genannten Generalisierungen lediglich Theoreme, die im UM aus anderen Faktoren abgeleitet werden können. Sie haben also keinen Wert an sich. Keines der Argumente gegen die UH scheint mir stichhaltig.

11.2. Nachlese 2: Wöllstein (2014)

Allein der Titel “Topologisches Satzmodell” macht eine Diskussion dieses Buches unvermeidlich. Im Zentrum des ersten Kapitels stehen nun tatsächlich und ganz im Einklang mit dem oben Gesagten die Konzepte, die das “Funktionieren” des Modells erst ermöglichen. Insbesondere gibt es eine Einführung in Konstituentenstruktur, das Kopfprinzip, Valenz, Satzwertigkeit, eine Bestimmung von Satztypen und Satzmodi, eine Thematisierung des Problems der Einbettung, etc., all dies mit Betonung auf der Verbstellung, also mit Bezug auf V/1, V/2 und V/E. Beherrscht man all dies, so fragt man sich, welchen deskriptiven Mehrwert das TM — das wohlgemerkt noch gar nicht eingeführt ist — überhaupt noch liefern kann. Mein Vermutung wäre hier, dass es allein die Uniformität ist, die hier noch einen zusätzlichen Aspekt der Analyse beisteuern könnte.

Tatsächlich konstatiert Wöllstein im folgenden Kapitel (S. 28): “Natürlich ist der Vergleich von Verbstellungstypen und Satztypen und die entsprechenden

Beobachtungen auch ohne das topologische Satzmodell bzw. mit einem anderen Satzmodell möglich. Der Vorzug des topologischen Grundmodells besteht jedoch darin, dass es unsere Aufmerksamkeit direkt auf die syntaktische Struktur der Sätze lenkt, indem es zentrale Aspekte in der Satzstruktur visualisiert.” (S. 28) Der Blick werde “geschärft”, nun ja.

Wie zu erwarten werden im zweiten Kapitel beide Modelle vorgestellt, also U- und DM, zusammen mit der Behauptung, dass letzteres über ein “höheres deskriptives Potential” (S. 23) verfüge und leere Kategorien vermeide (S. 25). Also fragt man sich, warum die Autorin dann nicht gleich zur Konstruktionsgrammatik schwenkt, womit sie auch auf viele der von ihr eingeführten theoretischen Konzepte (mit geringem deskriptivem Potential) hätte verzichten können. Leider scheint sich die Autorin einem gewissen politischen Druck zu beugen, der mit dem ungeheuren und empörenden Erfolg und Einfluss der Konstruktionsgrammatik im akademischen Bereich (s. dazu etwa Haider (2016)) und erst recht wohl in der Didaktik spürbar wurde; daher wohl die Tendenz zum Despriktiven.

Das Argument, das Wöllstein pro UM anführt, überzeugt leider mich nicht: Der Vorteil des UMs wird darin gesehen, dass Komplementierer und Finitum in diesem Modell “komplementär verteilt” seien. Gemeint ist natürlich, dass die komplementäre Verteilung von Komplementierer und Finitum im UM dadurch erfasst wird, dass sie in derselben Position, nämlich in der LK stehen. Dies ist im DM nicht der Fall. Aber aus dieser Tatsache, dass nicht beide gleichzeitig bzw. in derselben Umgebung vorkommen können, auf dieselbe Position zu schließen, ist methodisch fragwürdig, was schon in Stechow and Sternefeld (1988) bemerkt wurde, siehe dort Abschnitt 11.8, S. 402ff.

Um die Sache noch einmal aufzurollen:

Ursprünglich stammt das zugrunde liegende Konzept aus der Phonologie. So wird etwa die Verteilung des ich- und des ach-Lauts häufig dahingehend beschrieben, dass beide als Allophone eines zugrundeliegenden Phonems analysiert werden. Ausschlaggebend für diese Annahme ist die Vorhersagbarkeit der jeweiligen Lautvariante in Abhängigkeit von ihrer lautlichen Umgebung. Diese Umgebungen stehen in komplementärer Verteilung, sodass der realisierte Laut (das Phon) in jedem Kontext eindeutig bestimmt ist. Allgemein wird aus der komplementären Verteilung zweier Laute auf eine gemeinsame, abstraktere phonologische Ebene geschlossen, die durch Redundanzfreiheit gekennzeichnet ist und aus der sich die konkreten Laute mittels phonologischer Regeln ableiten lassen. Dabei wird allerdings stets schon vorausgesetzt, dass beide Laute dieselbe strukturelle Position einnehmen.

In der syntaktischen Argumentation ist von all dem jedoch nichts wiederzufinden. Aus der bloßen Beobachtung, dass zwei unterschiedliche Wortklassen nicht gleichzeitig nebeneinander auftreten können und auch sonst “komplementär verteilt” sind, wird unmittelbar geschlossen, dass sie dieselbe Position einnehmen. In der Phonologie hingegen wird die Positionsgleichheit bereits vorausgesetzt; dort geht es gerade um die Rechtfertigung zweier Ebenen der Analyse -- einer phonologischen und einer phonetischen —, für die es in der Syntax keine unmittelbar vergleichbare Entsprechung gibt.

Damit eine solche Analogie tragfähig wäre, müsste es etwas inhärent Gemeinsames geben, das Verb und Komplementierer teilen, analog zur gemeinsamen Charakterisierung der ich- und ach-Laute, etwa als [9]. Dieses Gemeinsame kann jedoch nicht einfach das C sein, denn C bezeichnet lediglich eine strukturelle Position. Zudem wird bereits bei der Definition syntaktisch „komplementärer Verteilung“ vorausgesetzt, dass die betreffenden syntaktischen QuasiAllophone dieselbe Position besetzen; andernfalls wäre ein Vergleich der komplementären Kontexte gar nicht möglich. Die Frage schließlich, was in der Syntax dem Verhältnis von Laut und Phonem entsprechen könnte, bleibt unbeant- wortet.17

Was sich allenfalls beobachten lässt: Ist S1 ein Satz mit complementizer und umgebenden Kontext K1 und S2 ein Satz mit Finitum an derselben (!) Stelle wie der complemetizer und Kontext K2 , so sind K1 und K2 notwendigerweise verschieden, insoweit jeder Satz genau ein Finitum hat und dies dann einerseits in K1 sein muss, nicht aber in K2 sein kann. Ob man hier dann von komplementärer Verteilung sprechen möchte, mag dahingestellt sein. Entscheidend ist, was daraus folgt, und die Beobachtung zu K2 und K1 impliziert natürlich eine Bewegungsanalyse. Im gegenwärtig relevanten Kontext der Argumentation ist davon natürlich nicht die Rede.

Die verbleibenden Kapitel diskutieren u.a. Beschränkungen für die Besetzung der Felder, insbesondere also für die Vorfeldfähigkeit, und die unmarkierten Abfolgen im Mittelfeld - was m. E. mit dem Feldermodell selber nichts zu tun hat; das Modell bietet lediglich Anlass für solche Diskussionen. Dies scheint mir denn auch fast der einzige didaktische Zweck des TMs, nämlich grammatische Analyse in einen gewissen Kontext zu stellen, also eine Art Kulisse, vor der das eigentliche Theater sich dann abspielen sollte.

Gleichwohl lässt sich auch feststellen, dass in Lehrplänen und Publikationen zum TM sogar eine mehr oder weniger minimale Kenntnis grammatischer Kategorien vorausgesetzt wird. Dies ist ja durchaus sinnvoll. Meiner bitteren Erfahrung nach stellt sich dies im Unterricht dann - nicht nur in der Germanistik, sondern auch in der Allgemeinen Sprachwissenschaft - als wishful thinking heraus, da waren keine blassen Schimmer oder horizontale Streifen in Sicht.

Im Zuge der Diskussion kommen dann auch Erweiterungen wie die OF- Bildung oder die Möglichkeit von Vor-Vor-Feldern in den Blick. Beispielsweise das sog. Außenfeld AF in (77) (S. 71):

(77) a. [AF wenn das mein Hund wäre ] ich würde ihm keinen Zucker geben b. [AF dieser Kater ] ich würde ihn impfen

Oder das Nach-Nach-Feld (NNF):

(78) der lief davon ins Haus [NNF der Feigling ]

Auch hier wird lediglich gezeigt, was es alles so gibt, vor oder nach dem V/2- Satz. Ein Verdienst des TMs ist wohl darin zu sehen, hierfür nette Begriffe zu generieren; andererseits darf man wohl auch nicht erwarten, dass es in anspruchsvolleren syntaktischen Theorien an dieser Stelle möglich wäre, übers rein Deskriptive hinauszugehen.

Zugute halten muss man dem Buch wohl auch eine gewisse Integration der GG, wobei dann immer wieder das DM “gewürdigt” wird, das im Einklang stehe mit (inkonklusiven) Argumenten (gegen das UM), die ich im nächsten Abschnitt diskutieren möchte.

78.3. Nachlese 3: Reis (1985)

Die wohl (stilistisch) anspruchvollste Diskussion des TMs liegt mit Reis (1985) vor. Leider ist es hier weder möglich noch sinnvoll, den doch etwas verzwickten Gedankengängen im Einzelnen nachzugehen. Der Grund hierfür ist relativ simpel: Reis bezieht sich auf die REST mit den Positionen COMP-A und COMP-B, korreliert dies mit dem UM und argumentiert dann, dass es der REST nicht gelingt, Übergenerierung im UM einzudämmen. Das führt zur Ablehnung der UT und des UMs. Diesen Argumentationen wollen wir hier nicht nachgehen, da wir die Einbettung des TM in die GG in Abschnitt (10.1.2.) auf eine ganz andere Grundlage gestellt haben. Insofern sind die Reis’schen Argumente und somit der größte Teil der Argumentation obsolet geworden.

Auf der konstruktiven Seite steht bei Reis nun nicht eigentlich das DM, sondern eine Reihe von Generalisierungen, ohne Bezug zum TM oder zur GG. Darin werden lediglich die Bezeichnungen V/1, V/2 und V/E benutzt und wie theoretische Grundbegriffe gehandhabt. Es ist aber völlig klar, dass dadurch indirekt dem DM Vorschub geleistet wird, denn die Extension dieser Begriffe wird ja gerade vom DM geliefert.

Was die verallgemeinernden Prinzipien oder Axiome selber betrifft, so lassen sie sich entweder als Generalisierungen über Satzbaupläne verstehen oder Deskription von Eigenschaften derselben. Aufgrund der Korrespondenz zwischen V/1, V/2 und V/E sind dies dann gleichzeitig Aussagen über TMs, natürlich unter Voraussetzung des DMs. Dabei plädiert Reis für eine gewisse “Natürlichkeit” ihrer Beschreibung, die in anderen Modellen nicht gegeben sei. Es mag ja sein, dass der rein deskriptive Zugang, wie er dem DM eigen ist, “natürlicher” ist als eine theoretische Ableitung. Da sich Reis bezüglich letzterer zeitbedingt auf die REST bezieht, ist diese Argumentation hier jedoch nicht mehr einschlägig.

Um einen Eindruck davon zu bekommen, um welche Generalisierungen bzw. Axiome es sich handelt, diskutieren wir zunächst vier davon, die angeblich klar für eine Unterscheidung zwischen V/1, V/2 und V/E sprechen sollen:

(G1) Nur V/E Strukturen können Angehörige der (lexikalischen) Kategorie ‘complementizer’ (‘subordinierende Konjunktionen’) enthalten.

Dies ist richtig und lässt sich logisch paraphrasieren als: In allen Strukturen, die keine V/E-Strukturen sind, also in V/1 und V/2 Strukturen, kann keine Konjunktion in COMP (bzw. in der LK) stehen. Was natürlich auch im UM gewissermaßen stimmt. Da in diesen Strukturen V in der LK steht, kann dort auch kein Komplementierer stehen. Was bringt dann aber noch (G1)? Der Sinn des Argumentes könnte höchstens darin bestehen, in einem Modell mit zwei COMP- Positionen das gleichzeitige, aber verteilte Auftreten von Verb und complementizer in diesen beiden Positionen auszuschließen. Ein solches Modell haben wir aber schon in Abschnitt (10.2.) ausgeschlossen, denn nur eine der beiden Positionen kann eine Kopf-Position sein.

Ähnlich verhält es sich mit den anderen Generalisierungen, wie etwa:

(G2) Complementizer stehen jeweils an der Satzspitze, zwischen Ihnen und der ± Finitheit des endgestellten Verbs besteht ein selektionaler Zusammenhang.

Auch dies ist richtig und in unserem Modell über zwei Eigenschaften implementiert: (a) Im Normalfall gibt es keine Motivation, vor den Complementizer nach SpecC zu bewegen (d.h. “Complementizer stehen jeweils an der Satzspitze”), und (b) Komplementierer wie dass und ob M-selegieren eine +finite VP und damit ein finites Verb in Endstellung.

Dies erklärt dann auch den ersten Teil von (G3):

(G3) Complementizer-eingeleitete Sätze sind stets V/E-Sätze; bei fehlendem Complementizer ist Endstellung des finiten Verbs unmöglich.

Der zweite Teil ist allerdings aus Sicht des DMs formuliert; dies gilt nicht unter Uniformität bei indirekten W-Fragen und Relativsätzen. Für die Frage nach einer Präferenz zwischen den Modellen ist dieser Punkt also irrelevant. Ebenso (G4):

(G4) Infinite Verben haben stets Verbendstellung.

Dies folgt schon aus unseren Zuordnungsregeln, unabhängig von der gewählten Theorie. Reis sieht in (G1)-(G4) einen “tiefen Einschnitt” zwischen den Satztypen, was eher eine psychologische Erklärung erfordert, m.E. jedoch keine Evidenz für die “Natürlichkeit” der Differenzthese bietet, die ja implizit als Gegenpol zur von Reis geleugneten “einheitlichen Struktur” fungiert. Gravierende Unterschiede mögen ja bestehen, etwa in dem Sinne, dass eine Struktur vor Verbbewegung (wie V/E) sich gravierend von einer nach Verbbewegung (wie V/1) unterscheidet. Aber das bedeutet ja nicht, dass es zugrundeliegend keine abstrakte gemeinsame Struktur geben könnte.18

Weiterhin steht zur Debatte die “Stärke” oder “Schwäche” von bestimmten Motivationen, etwa für die Identifizierung der zweiten COMP Position mit der LK. Die Verteilung von V/2-, V/1- und V/E-Strukturen betreffend konzediert Reis zwar, dass es “kein Problem” sein sollte, diese im Rahmen der REST zu beschreiben. Was Reis bezweifelt, ist die “deskriptive Adäquatheit” dieser Beschreibung (S. 286). Immer wieder insistiert sie auf einer “strukturellen Asymmetrie”, die unter Uniformität “nicht abgebildet” werde. Alles, was oben kritisch zur Frage der “Natürlichkeit” gesagt wurde, lässt sich auch auf “Adäquatheit” und “Stärke” beziehen: Einerseits mag man Reis zugute halten, dass sie sich an der REST orientiert, andererseits scheinen all diese Begriffe einer subjektiven Beurteilung zu entstammen oder zumindest nicht hinreichend präzisiert zu werden. Dazu kommt ein weiterer Begriff, nämlich die “Markiertheit” (ebd.):

Nichts in dieser Analyse reflektiert die [...] manifeste strukturelle Hauptsatz- Nebensatzasymmetrie, die sich bei Betrachtung von Markierungssunterschieden manifestiert:

(D5) Die unmarkierte Struktur des Hauptsatzes ist Complementizer-los, also V/1 und V/2.

Die unmarkierte Struktur des Nebensatzes ist Complementizer+V/E.

Nehmen wir die erste Aussage, gleichbedeutend mit: die markierte Struktur des Hauptsatzes hat einen Complementizer. Das scheint mir doch recht merkwürdig, denn eine solche Struktur wäre nicht nur markiert, sondern m.E. schlechterdings unmöglich.

Verstehen könnte ich diese Aussage allenfalls auf dem Hintergrund, dass Reis eingebettete V/2-Sätze als “Nebensätze” bezeichnet, sodass in Analogie Sätze wie (17) als (markierte) “Hauptsätze” aufzufassen wären. Ich würde dem nicht folgen wollen; es erscheint mir sinnvoller, die Unterscheidung an der Struktur festzumachen und nicht an der Möglichkeit der Einbettung.

Bezüglich der zweiten Aussage würde ich insofern zustimmen, alsdass dann die markierte Struktur des Nebensatzes eine eingebettete Frage oder ein Relativsatz wäre. Dies ist in mehrfacher Hinsicht nachzuvollziehen: dass -Sätze sind strukturell einfacher, häufiger, kontextuell neutraler, später in onto- und phylogenetischer Hinsicht, usw. Die Frage, was strukturell in bezug auf unsere Ausgangsfrage, also dem TM daraus folgen soll, scheint mir jedoch offen. Soll aus dieser Beobachtung gefolgert werden, dass die Analyse (55) unangemessen ist, weil sie Markiertheitsunterschiede nicht reflektiert? Wären unmarkierte V/2- Strukturen (“Hauptsätze”) anders zu analysieren, als markierte V/2-Strukturen (“Nebensätze”), welch Letztere laut Reis bei Einbettung wie in (79) vorliegen?

(79) er dachte, er habe die Sache nicht wirklich verstanden

Eingebettete V/1-Sätze sind in der Tat relativ selten, daher in gewisser Weise markiert. Was sie besonders auszeichne, sei die Restriktion, dass es keine Prädikate gibt, die V/1 selegieren (s. ibid. (D4)). Dies ist insofern plausibel, als dass die Form-Funktions-Bedingungen der klausalen Typisierung für V/1 tatsächlich sehr speziell sind, indem V/1-Sätze illokutionäre Funktionen haben, die eine Selektion durch Prädikate auszuschließen scheinen.

Andererseits: Aus einer Markiertheit für die Einbettungs- oder Verwendungsbedingungen lässt sich aber nicht auf eine Markiertheit der Struktur bzw. der Form an sich schließen. Diese Bedingungen sind an sich nicht der Form inhärent, sondern teilweise arbiträr. Das zeigt sich auch darin, dass die Reis’sche Generalisierung (D4) nicht auf alle Varianten des Deutschen zutrifft. So wäre im Schweizerdeutschen (80) durchaus grammatisch:

(80) ich bi froh bisch du cho

Hier muss das V/1-Komplement, anders als V/2-Komplemente, faktisch verstanden werden, also nicht wie in (81):

(81) ich bin froh wenn du kommst

Das V/1-selegierende Adjektiv muss m.E. die präsupponierte Tatsache bewerten oder eine Emotion ausdrücken, vergl.

(82) a. *ich bin informiert/sicher bist du gekommen

b. gut habe ich mich vom Universitätsbetrieb schon vor 10 Jahren verabschiedet!

Dass Haupt- und Nebensätze eine “fundamentale Asymmetrie” aufweisen, soll wohl bedeuten: Wir brauchen dafür verschiedene TMs. Dass das UM keine “Asymmetrien” erfassen könnte, ist jedoch eine Unterstellung. Schon einer kleiner Unterschied (z.B. in den Merkmalen ± V, ± N) kann ja eine große Wirkung haben.

Eine weitere Generalisierung betrifft die Distribution von V/2-Sätzen: Diese können nur von Verben selegiert werden, die auch dass -Sätze selegieren (D3). Merkmaltechnisch würde dies bedeuten: Selektion von +V impliziert Selektion von +N. Warum dies so ist, erklärt weder eine lexikalische Redundanzregel über Merkmale noch die Reis’sche “Bedingung”. Reis möchte wohl sagen, s.o., dass eingebettete V/2-Strukturen “markierter” sind als dass -Sätze. Was aber genauso gut oder schlecht aus der Implikationsbeziehungen zwischen den Merkmalen herausgelesen werden kann.

12. Fazit

Wenn man aus meiner Diskussion eine gewisse Frustration herauslesen möchte, läge man wohl nicht ganz falsch. Die vielen Willkürlichkeiten und inkonklusiven Argumente haben mich wohl damals schon abgeschreckt, das muss ich alles vergessen haben.

Um nun zu einer abschließenden Bewertung zu kommen, möchte ich zunächst einige positive Gesichtspunkte herausstellen:

1. Das TM bietet einen sinnvollen (wenn auch primitiven) ersten Einstieg, um die grobe Organisation von Sätzen im Deutschen zu verdeutlichen.
2. Das Vorgehen ist exemplarisch und ermöglicht via Zuordnungsregeln eine praktische Einübung in Möglichkeiten einer ersten, maximal theorieabstinenten grammatischen Analyse.
3. Als Heuristik weist dieses Vorgehen auf Probleme hin, die im Modell selber nicht gelöst werden und die zu einer tieferen grammatischen Analyse hinführen könnten.

Auf der anderen Seite:

1. Das Modell allein vermag trotz (24) nur sehr rudimentär Aufschluss über Grammatikalität zu liefern. Ohne weitere Restriktion ist insbesondere das UM empirisch weitgehend leer.

2. Das DM scheint größere Diversifikation und weitergehende Restriktionen zu versprechen, allerdings ist das Verfahren weitgehend deskriptiv.

3. Weniger despriktiv wirken Generalisierungen über TMs, wie in Abschnitt (11.) diskutiert. Dabei zeigt sich dreierlei:
a. Mit diesen Bedingungen allein lässt sich weder für das DM noch für das UM argumentieren.
b. Die intendierten Restriktionen lassen sich im Rahmen einer UT- kompatiblen Grammtiktheorie mithilfe syntaktischer Merkmale weitgehend ableiten.
c. Akzeptiert man diese theoretischen Voraussetzungen, wird das TM als solches eigentlich überflüssig.

Um diese letzte Konklusion noch einmal kurz zu begründen: VF und LK werden adäquat über die geschilderten Merkmalmechanismen der CP erfasst; die RK ergibt sich letztlich aus den Eigenschaften der M-Selektion von verbalen Köpfen, und das NF gehört ohnehin einer Ebene an, die ich nicht in der Kernsyntax verankern würde.19

Am Ende des Tages verwirrt die Vielfalt an Bezeichnungen für die Felder, die Vielfalt der TMs im Rahmen der Differenzthese, die Vielfalt der Möglichkeiten zur sprachlichen Formulierung der Zuordnungsregeln und gewisse MeinungsVerschiedenheiten darüber, was das TM eigentlich leisten kann und soll. - Was für ein Verhau!

Hinzu kommt die mangelnde Qualität einiger Argumente gegen die UT, die wegen des horror vacui und den Verweisen auf Begriffe wie “deskriptives Potential”, “Natürlichkeit”, “fundamentale Asymmetrie” u.a.m. eine Tendenz manifestieren, die ich als vorwissenschaftlich bezeichnen würde.

Unterm Strich: Wenn es sich beim TM im üblichen Sinne des Wortes um ein Modell handeln soll (s. Abschnitt (2.)), dann wäre auch ein Kleiderbügel das Modell eines Mantels.

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Reis, Marga (1985): Satzeinleitende Strukturen im Deutschen. In: W. Abraham, Hrsg., Erklärende Syntax des Deutschen. Narr, Tübingen, S. 271-311.

Speyer, Augustin (2008): ‘Doppelte Vorfeldbesetzung im heutigen Deutsch und im Frühneuhochdeutschen’, Linguistische Berichte 216, 455-485.

Stechow, Arnim von and Wolfgang Sternefeld (1988): Bausteine syntaktischen Wissens. Westdeutscher Verlag, Opladen.

Sternefeld, Wolfgang (2006): Syntax. Eine morphologisch motivierte generative Beschreibung des Deutschen. Zwei Bände. Stauffenburg Verlag, Tübingen.

Sternefeld, Wolfgang (2020): Attitudes de se. From Properties to Kripkean Propositions. Stauffenburg Verlag, Tübingen.

Wöllstein, Angelika (2014): Topologisches Satzmodell. Universitätsverlag Winter, Heidelberg.

Wöllstein-Leisten, Angelika (2001): Die Syntax der dritten Konstruktion. Stauffenburg, Tübingen.

Woolford, Ellen (1991): ‘VP-Internal Subjects in VSO and Nonconfigurational Languages’, Linguistic Inquiry 22, 503-540.

Zwart, Jan-Wouter (1997): Morphosyntax of Verb Movement: a Minimalist Approach to the Syntax of Dutch. Kluwer, Dordrecht.

[...]


1 Zur Illustration terminologischer Varianten: Statt “rechte Satzklammer” finden sich in der Literatur auch die Begriffe Schlussfeld, Verbalfeld, Verbklammer, Kohärenzfeld u.a.

2 Das Pluszeichen steht hier für die Verkettung von Folgen.

3 An dieser Stelle, wie anderswo, wird mir schmerzlich bewusst, dass es keine Standardformulierung der Zuordnungsregeln gibt. Auch innerhalb des UMs sehen diese Regeln bei jedem Autor anders aus und (15) bildet da keine Ausnahme.

4 Zur Konstruktionsgrammatik selber und einer kritischen Diskussion derselben, siehe Müller (2010).

5 Bech spricht statt von M-Selektion hier von Statusrektion, in Analogie zur Rektion eines Kasus, und unterscheidet drei Status: bloßer Infinitiv, Infinitiv mit zu und Partizip. Als umstrittenen vierten Status könnte man den sog. Ersatzinfiniv ansehen, der auftritt, wenn systematisch ein Partizip zu erwarten gewesen wäre, vergl. (i): (i) er hat sie nicht sehen wollen/gewollt

6 Was bedeutet, dass das hierarchisch-strukturell höchste Verb V i, das von V j eingebettet wird, von V j auch M-markiert wird. In Begriffen der Generativen Grammatik: V j M-markiert V i genau dann, wenn V i von V j minimal c-kommandiert wird. Die Rektionsrichtung in (43-a) zeigt dabei nach rechts, im Normalfall nach links.

7 Man beachte auch, dass in (45) die M-Selektion nicht mehr so regulär ist, wie in Fn. 10 für das Schweizerdeutsche beschrieben.

8 Tatsächlich ist die Sache etwas komplizierter, man vergleiche (49-b) mit (i) seine Krankheiten zu vernachlässigen schien Fritz immer wieder Es geht also nicht darum, dass vernachlässigen und scheinen im selben SchF stehen müssen, sondern darum, was im NF und im VF stehen kann. Im NF kann offenbar nur ein sog. satzwertiger Infinitiv stehen, s.u. Die Restriktion der Verben auf das SchF ist daher keine ausreichende Bedingung für die Charakterisierung der Unterscheidung.

9 Ob das Modalverb must in (53) die Kategorie INFL hat oder ob es sich um eine Verb mit Kategorie V handelt, das an INFL irgendwie adjungiert wurde, ist eine komplexe Frage, die ich hier nicht diskutieren kann.

10 Ob der Spezifikator auch einmal rechts vom Kopf stehen kann, ist umstritten. Dies könnte z.B. in VOS-Sprachen der Fall sein. Oder man nimmt in Übereinstimmung mit (59-a) an, dass der Komplex VO vor das Subjekt bewegt wurde.

11 Dabei wird eine Variante vorausgesetzt, in der das Subjekt innerhalb der VP generiert wird, s. etwa Woolford (1991) oder McNally (1992).

12 Dabei impliziert die Bewegungsanalyse nicht einfach eine Kopie des ganzen Materials, im Gegenteil. Semantische Eigenschaften z.B. verbleiben ja in situ. Wie Höhle (1997) und Zwart (1997) diskutieren (s. a. Abschnitt 3.3.2. Kap. V in Sternefeld (2006)), gibt es einige Dialekte des Germanischen, in denen die Form des Finitums in C eine andere ist als die eines Finitums an der Ausgangsposition. Womit eine bloße Kopie von morphologischen Formen ausgeschlossen ist.

13 Das Beispiel geht zurück auf Haider (1993).

14 Dass solche Infinite nicht selbständig vorkommen, steht auf einem anderen Blatt. Man spricht in diesem Zusammenhang auch oft von “Kontrolle”: Die Referenz des fehlende Subjekt (bzw. die Prädikation einer Eigenschaft) muss irgendwie bestimmbar sein, was nur in bestimmten Kontexten möglich ist.

15 Vorausgesetzt wird hier auch eine Art “Vererbungsmechanismus” fürG i: Dass G i ein Merkmal hat, beruht darauf, dass eines der Wörter in G i (der Kopf von G i) dieses Merkmal hat.

16 Ähnliches finden wir auch bei Reis (1985), s. Abschnitt (11.3.) und ihrer Argumentation zu Beispiel (30-c).

17 Ähnlich zweifelhaft ist auch Höhles Behauptung, “Vorangestellte Verben und Komplemen- tierer sind eine natürliche Klasse” in seinem gleichnamigen Aufsatz von 1997. Letztere werden ja durch Merkmale definiert; in welcher Hinsicht aber C ein solches Merkmal sein kann, bleibt bei Höhle vollkommen offen.

18 Klar, dass diese Auffassung der “Bewegung” eines Verbs von der RK in die LK das Modell der Transformationsgrammatik voraussetzt, und genau dieses wurde von Traditionisten und insbesondere auch Germanisten meist abgelehnt. Insofern markiert die Ablehnung abstrakterer Strukturen durch das DM auch den wissenschaftspolitischen Stallgeruch ihrer Vertreter.

19 Wenn es im Sinne von Reis überhaupt eine “fundamentale Asymmetrie” gäbe, wäre dies die zwischen VF und NF.

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Title: Was ist dran am Topologischen Modell?

Textbook , 2026 , 60 Pages

Autor:in: Wolfgang Sternefeld (Author)

German Studies - Linguistics
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Details

Title
Was ist dran am Topologischen Modell?
Author
Wolfgang Sternefeld (Author)
Publication Year
2026
Pages
60
Catalog Number
V1685500
ISBN (PDF)
9783389174920
ISBN (Book)
9783389174937
Language
German
Tags
Germanistische Linguistik Topologische Felder Feldermodell Generative Grammatik Satzklammern Syntax des Deutschen
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Wolfgang Sternefeld (Author), 2026, Was ist dran am Topologischen Modell?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1685500
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