Deutungen alltagspraktischer Kritik in der Kritischen Soziologie, Soziologie der Kritik und Kritischen Theorie


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010
18 Seiten, Note: 1,0

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Gliederung

1. Einleitung

2. Ideologiekritik und Pragmatismus in der Französischen Soziologie
2.1 Das Kritikverständnis Bourdieus Kritischer Soziologie
2.2 Soziologie der Kritik als Hinwendung zu den Akteursdeutungen
2.3 Boltanskis Projekt der Zusammenführung beider Theorietraditionen – Eine Ideologie-Metakritik
2.4 Einwände gegen eine pragmatische Soziologie der Kritik 9

3. Die Hermeneutik als Verhandlungsort praktischer Kritik
3.1 Weltverhältnisse als Grundlage soziologischer Kritik
3.2 Kritische Theorie und die Spuren der Ideologiekritik 13

4. Schluss

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Wenn man das Programm der Soziologie der Kritik nach Luc Boltanski und Eve Chiapello mit der Kritischen Soziologie, also der Schule Pierre Bourdieus vergleicht, könnte man meinen, das jeweils proklamierte Verständnis von „Kritik“ könnte unterschiedlicher kaum sein. Auf der einen Seite der kühle Blick Boltanskis Metakritik, der nach pragmatischen Gesichtspunkten die Kritik, ihre Wirkung und ihre Geschichte in der kapitalistischen Gesellschaft untersucht und auf der anderen Seite ein volksnaher Bourdieu, der uns in aufklärerischer Manier zeigen will, warum wir nicht aus unserer Haut können und dass diese Haut (unser „Habitus“) der Inbegriff gesellschaftlicher Ordnung ist. Ein erstaunlicher Perspektivenunterschied, wenn man bedenkt, dass Boltanski Schüler und Assistent Bourdieus war.

Mit diesem Beitrag möchte ich versuchen Unterschiede der Kritischen Soziologie und der Soziologie der Kritik herauszustellen sowie im Vergleich zu anknüpfbaren theoretischen Positionen aus dem Bereich der kritischen Theorie auf grundlegende Konfliktlinien im Verständnis der gesellschaftskritischen Aufgabe der Soziologie hinzuarbeiten, entlang deren sich auch andere Formen soziologischer Kritik positionieren müssen. Hierbei wird die Ver- bzw. Bearbeitung der Erfahrungen der Akteure und alltagspraktischer Kritik im Mittelpunkt stehen.

2. Ideologiekritik und Pragmatismus in der Französischen Soziologie

2.1 Das Kritikverständnis Bourdieus Kritischer Soziologie

Beim Studium der Soziologie kommt man auch an deutschen Universitäten nicht um Pierre Bourdieu herum. Besonders jedoch in Frankreich konnte er sein Konzept der „Kritischen Soziologie“ sehr öffentlichkeitswirksam näher bringen. Der Habitus als strukturierte und strukturierende Struktur sozialer Praxis steht im Mittelpunkt dieser Strömung. Doxa und Hexis, die Manifestation gedanklicher und körperlicher Einverleibung von Erfahrungen bilden den Keim eines klassenspezifischen Habitus, der sich wiederum in der Praxis auf die Angehörigen derselben Schicht „überträgt“. Die Praxis erscheint dann als „[…] Ort der Dialektik von opus operandum und modus operandi, von objektivierten und einverleibten Ergebnissen der historischen Praxis, von Strukturen und Habitusformen […]“.[1] Ökonomisches, kulturelles, und soziales Kapital bilden die Schlüsselkategorien, den Sozialen Raum zu beschreiben und individuelle als auch kollektive Akteure und ihre Beziehungen zu verorten und vor dem Hintergrund des unüberwindbaren Habitus vor allem die stetige Reproduktion gesellschaftlicher Ordnung zu erklären.[2] Das Habitus-Konzept stellt die Grundlage für Bourdieus Weltbild und seiner Auffassung des Weges, den Soziologische Kritik beschreiten kann.

Ein wichtiger Punkt hierbei ist, dass sich der Habitus dem Bewusstsein der Akteure weitgehend entzieht, und nur für den Beobachter in reflexiver Hinwendung zum Fall und mit dem „soziologischen Auge“ erschließbar ist.[3] Indem Bourdieu die kritische Aufgabe der Soziologie in ihrer verstörenden Aufdeckung verborgener Verhältnisse konstatiert, zielt er nicht nur gegen die Herrschenden, sondern gegen das Selbstverständnis aller Akteure, über deren beschränkten Willen sich die Soziologie hinwegsetzen muss.[4] Ein Hauptanliegen Bourdieus besteht also darin, in marxistisch, aufklärerischer Manier zum Aufstand gegen die Obrigkeit zu ermutigen und so gegen soziale Ungleichheiten vorzugehen.[5]

Das Verhältnis des kritischen Soziologen zum Alltagsmenschen bleibt dabei immer zwiespältig. So geht es Bourdieu zum einen um die Artikulation des Leides: Er möchte Partei für die Unterdrückten ergreifen und eine Anklage formulieren, gegen diejenigen, die (vor allem substanziellen, bzw. essenziell gefassten[6]) Reichtum besitzen und vorenthalten, gegen diejenigen, die an der Spitze der Gesellschaft stehen und Mauern aufbauen, um nicht teilen zu müssen. Wie Bourdieu in „die feinen Unterschiede“ zeigt, funktioniert diese Destinktion jedoch nicht nur Top down, sondern auch Bottom up; Aufstrebende Bevölkerungsgruppen, die hart für ihren Erfolg kämpfen werden nie einfach nur zu genießen wissen, wie es der Herrschenden Klasse vorbehalten ist; Die unteren Schichten machen aus ihrer Not eine Tugend, die aber nicht zur Erfüllung führen kann, da sie einem falschen Bewusstsein entspringt und lediglich die Herrschaftsmechanismen reproduziert. Deshalb braucht es zum anderen die Einmischung eines aufgeklärten Soziologen, der von den (hinter dem Rücken der verblendeten Akteure sich tradierenden) Leid und Ungleichheit erzeugenden Strukturen weis. Das Elend wird also als Mittel zur Generierung von Empörung und als Waffe gegen die herrschenden Strukturen verwendet. Es kann aber durch die Unterdrückten selbst nicht wahrgenommen und artikuliert werden, sondern muss diagnostiziert aus der Einsicht in die Makrostrukturen ihnen an die Hand gegeben werden.

Wie vielleicht schon deutlich geworden ist, setzt diese Art der Aufklärung bzw. Aufklärung an sich immer eine gewisse Ignoranz oder Gleichgültigkeit gegenüber den Werten und Weltdeutungen der Akteure voraus. So wird Bourdieu nicht müde zu betonen, dass der Beobachter ständig auf der Hut sein muss, sein Wissen gegen die Alltagsdeutungen der Akteure durch zu setzen:

„Man sollte nicht dem Glauben erliegen, allein durch die Tugend der Reflexivität könne der Soziologe die stets höchst komplexen und vielfältigen Effekte der Interviewbeziehung jemals vollständig kontrollieren. Dies ist umso weniger der Fall, als die Befragten selbst, bewusst oder unbewusst, in das Spiel eingreifen und versuchen können, ihre Definition der Situation durchzusetzen und in diesem Austausch, bei dem das Bild, das sie von sich haben und vermitteln wollen, auf dem Spiel steht, den Spieß zu ihrem Gunsten umzudrehen.“[7]

An dieser Bevormundung der Akteure nehmen Boltanski bspw. aber auch Bruno Latour Anstoß. Bei der Erarbeitung von Gesellschaftskritik gelte es sich auf die Akteure zu stürzen und ihnen bis an den Rand ihrer Erklärungskraft zu folgen. In den 80er Jahren war also ein zentrales Anliegen Boltanskis zunächst dem dogmatischen Charakter einer der Makroperspektive verbundenen „sociologie critique“ zu entkommen.

2.2 Soziologie der Kritik als Hinwendung zu den Akteursdeutungen

Wenn ich heute von Fremden, Bekannten, Verwandten gefragt werde: „Was ist das eigentlich ‚Soziologie‘ – was du da studierst? Was kann man damit machen?“, komme ich jedes Mal ins stocken und meine Antwort fällt immer anders aus. Sicherlich nicht unabhängig von meinem jeweiligen Gegenüber und der Gesprächssituation. Auch aber spielen die Theorien und Theoretiker, mit denen man sich gerade beschäftigt, eine starke Rolle, wenn es darum geht, eigene Gedanken zu entwickeln und sich die Soziologie anzueignen. Und so stellt sich für jede Studentin und jeden Studenten die Frage, ob es das Beste ist, sich an einer Theorie(strömung) zu orientieren und vielleicht Gefahr zu laufen, so tief in sie einzutauchen, dass Falsifikationsmöglichkeiten und alternative Deutungen außer Acht geraten, oder ob man versuchen sollte, so viele Theorien wie möglich auf dem Schirm zu behalten und so vielleicht Zielgenauigkeit und Leidenschaft aufs Spiel setzen muss. Bourdieus Theorie jedenfalls bleibt für Boltanski (wie sicherlich für viele Soziologen) in Abgrenzung wie in Hinwendung immer ein dominanter Bezugspunkt auch in der Erarbeitung eigener Ideen.

Mit der Arbeit an einer Soziologie der Kritik sagt sich Boltanski von einem Widerspruch los, den er in Bourdieus Denken diagnostiziert. Auch wenn sich Bourdieu in Bezug auf die Erklärung gesellschaftlicher Ordnung gegen die naturalisierende Idee einer „mechanischen Reproduktion ursprünglicher Konditionierung“ sperrt, so bleibe seine Vorstellung von Autonomie doch immer die, einer den Grenzen des Habitus verhafteten, einer „kontrollierten Freiheit“[8], die dem Streben nach Emanzipation und Bourdieus aufklärerischem Impetus diametral gegenüberstehe:

„Wenn alle Beziehungen letztlich auf Interessenkonflikte oder Machtkämpfe reduziert werden können und wenn es sich hierbei um ein immanentes ‚Gesetz’ des ‚Sozialen’ handelt, warum sollte man sich dann die Mühe machen, sie mit einem Unterton empörter Kritik anzuprangern – anstatt sie einfach mit der Distanz eines Entomologen, der eine Ameisenkolonie untersucht, zu beobachten?“[9]

Gegenüber den Bourdieuschen Theorien verschiebt sich das Hauptaugenmerk der Untersuchung „Über die Rechtfertigung“ auf die Ebene des intentionalen Handelns der Akteure und genauer auf die Alltagspraktiken der Rechtfertigung und ihre normativen Implikationen. Die 1991 erschienene Studie nimmt die moralische Praxis der Akteure ernst, sie werden als ebenbürtige Gesellschaftskritiker angesehen und es gilt die Grundlagen ihrer Werte nachzuvollziehen und diese nicht unter dem Vorwand der Verblendung zurückgewiesen.[10] Erst aus der Expertise dieser alltagspraktischen Werturteile, die die Autoren zu in sich kohärenten Rechtfertigungsordnungen verdichten, ergibt sich der Blick in Richtung Makroebene. Das Konzept der Rechtfertigungsordnung beschreibt eine Fülle von aufeinander abgestimmten moralischen Annahmen und Argumenten, auf die sich bezogen wird, um Motivation zu gewinnen und Entscheidungen und Handeln als legitim auszuweisen.[11] Bei der Herstellung von Größe, wie es heißt, ermöglicht es die komplexitätsreduzierende Wirkung der Rechtfertigungsordnungen Wertmaßstäbe zu stabilisieren und jeweils andere Argumentationssysteme als unrelevante Besonderheiten auszuweisen.[12]

[...]


[1] Bourdieu, Pierre: Sozialer Sinn. Kritik der theoretischen Vernunft. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1987 [franz. Orig. 1980], S. 98 /109.

[2] Bourdieu, Pierre: Das Elend der Welt. Zeugnisse und Diagnosen alltäglichen Leidens an der Gesellschaft. Konstanz: UVK 1997 [franz. Orig. 1993], S. 163.

[3] Ebd., S. 780.

[4] Bourdieu, Pierre: Soziologische Fragen. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1993 [franz. Orig. 1980], S. 20f /32.

[5] Ebd., S. 22f.

[6] Auch wenn sich ökonomisches, soziales und kulturelles Kapital nur durch Reinvestition in der Praxis reproduzieren können, so liegt der Beurteilung der Größe dieses Kapitals doch bestimmte Wertvorstellungen zu Grunde, die Bourdieu vorwegnimmt. Dass bspw. der Existenz einer Beziehung zu einer finanzschwachen Person mit niedrigem Bildungsabschluss und wenigen Freunden einen sehr hohen Wert haben kann, bleibt unvorstellbar.

[7] Bourdieu, Pierre (1997), S. 788.

[8] Bourdieu, Pierre (1987), S. 103.

[9] Boltanski, Luc und Ève Chiapello: „Die Rolle der Kritik für die Dynamik des Kapitalismus: Sozialkritik versus Künstlerkritik“. In: Max Miller (Hg.), Welten des Kapitalismus. Institutionelle Alternativen in der globalisierten Ökonomie (S.285-321). Frankfurt: Campus 2005, S. 286. Chiapello und Boltanski wenden sich explizit gegen den Fatalismus, den Bourdieus Habitus-Konzept mit sich bringen mag und suchen einen Weg konstruktiver Kritik Platz zu verschaffen. Boltanski, Luc und Ève Chiapello (2003), S. 574f.

[10] Boltanski, Luc und Laurent Thévenot: Über die Rechtfertigung . Eine Soziologie der kritischen Urteilskraft. Hamburg: Hamburger Editionen 2007 [franz. Orig. 1991], S. 16.

[11] Boltanski, Luc und Laurent Thévenot (2007), S. 30f.

[12] Ebd., S. 179.

18 von 18 Seiten

Details

Titel
Deutungen alltagspraktischer Kritik in der Kritischen Soziologie, Soziologie der Kritik und Kritischen Theorie
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Soziologie)
Veranstaltung
Soziologie und Kritik
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
18
Katalognummer
V168628
Dateigröße
511 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
deutungen, kritik, kritischen, soziologie, theorie
Arbeit zitieren
Norbert Sander (Autor), 2010, Deutungen alltagspraktischer Kritik in der Kritischen Soziologie, Soziologie der Kritik und Kritischen Theorie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/168628

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