Ich war schon länger auf der Suche nach einem Bild, einem Aufhänger wie die Journalisten zu
sagen pflegen. Eines Abends fand ich ihn. Es war an einem späten Montagabend, da sah ich, als ich
am Jakominiplatz vorbei ging, einen Damenstiefel auf der Strasse. Da ein Stiefel wenig Sinn macht,
begab ich mich auf die Suche nach dem Zweiten, der sich auch mehrere Meter entfernt finden ließ.
Diese Damenstiefel waren an sich nichts besonderes, außer dass sie relativ teuer aussahen. Was ist
nun so besonderes, dass ich sie in meine Arbeit einbaue? Man muss sich dies nur in einen kleinen
Weiler oder überhaupt am Land vorstellen. Es wirkt schlicht und einfach sehr viel
unwahrscheinlicher. Von den Schuhen auf ihren Besitzer zu schließen ist auf dem Land sehr viel
einfacher als in der Stadt. Es gibt schlicht und einfach viel weniger Leute, denen dieser Schuh
gehört haben können und man kennt sie alle. Somit merkt man wie unpersönlicher die Stadt ist und
wie gezwungenermaßen persönlicher auf dem Land. Auch wenn die Dame nur aus Jux und Tollerei
die beiden Stiefel in der Gegend verstreut war lässt sich das auch nur eher in der Stadt vorstellen.
Erstens würde sich auf dem Land jeder am Kopf greifen und sich fragen was das für eine
Verschwendung sei, die schönen Schuhe wegzuwerfen. Zweites gibt es in der Stadt tendenziell
mehr Leute, die sich so einen Spaß leisten können. Vielleicht ist dies alles recht weit hergeholt, es
zeigt jedoch, dass es prinzipielle Unterschiede im Wahrnehmen und Denken zwischen Land und
Stadt geben muss.
Inhaltsverzeichnis
A) Einführung; Der Schuh und die Stadt
B) Die Stadt
C) Der Tagesablauf eines Städters aus dramaturgischer Sicht
D) Der symbolische Interaktionismus
E) Interaktion bei Goffman
F) Das dramaturgische Modell bezogen auf die Entwicklung der Stadt
G) Sennetts Sicht der Dinge
H) Zukunftsaussichten
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Dramaturgie des modernen städtischen Lebens auf Basis soziologischer Theorien, insbesondere unter Rückgriff auf das dramaturgische Modell von Erving Goffman und die stadtsoziologischen Analysen von Richard Sennett. Das zentrale Ziel ist es zu ergründen, wie Individuen sich im urbanen Raum durch symbolische Interaktion und Inszenierung konstituieren und wie sich moderne Städte in ihrer Struktur von traditionellen Lebensformen unterscheiden.
- Die soziologische Betrachtung des urbanen Alltags als inszenierte Aufführung
- Die Anwendung des symbolischen Interaktionismus auf städtisches Verhalten
- Der Vergleich zwischen bäuerlich-traditionellen und urban-industriellen Kulturformen
- Die Bedeutung von Fassaden, Rollenhandeln und Mystifikation in der modernen Stadt
- Die kritische Reflexion des Verhältnisses von städtischer Architektur und menschlichen Bedürfnissen
Auszug aus dem Buch
Die Rolle
Es gibt erst einmal mehrere Typen von Darstellern. Die, die überzeugen, und die, die es nicht tun. Weiters können wir sagen: Während also das Publikum die Darstellung als Wirklichkeit ansieht, kann der Darsteller diese Wirklichkeit aufrichtig spielen oder dem Publikum bewusst etwas vormachen. Goffman spricht bei beiden Darstellertypen von dem Aufrichtigen und dem Zyniker. Der Zyniker darf auf keinen Fall als Lügner bezeichnet werden, denn er hält möglicherweise seine Maskerade aus Selbstschutz oder zum Schutz des Publikums aufrecht. Denken wir an den Film "Das Leben ist schön". Der Vater spielt seinem 5jährigen Sohn vor, dass das KZ, in das sie aufgrund ihrer jüdischen Abstammung deportiert wurden, sei ein Spiel, in dem der Sieger einen Panzer gewinnen kann. Der Vater spielt seine Rolle zugleich aufrichtig und zynisch gegenüber seinem Jungen, um ihn zu schützen. Meist ist eine Zwischenposition im Kontinuum von „aufrichtig“ und „zynisch“ zu finden.
Vermutlich sind, und das soll nicht als romantische Sichtweise gedeutet werden, auf dem Land mehr aufrichtige Menschen zu treffen als in der Stadt. Da der Stadtbewohner gleichsam gegenüber anderen mehrere Rollen spielt, (den glücklichen Familienvater, den Tennispartner, das Arbeitstier usw.) und auf dem Land eher weniger (den Bauern), ist er gleichsam gezwungen oberflächlicher und zynisch zu sein.
Zusammenfassung der Kapitel
A) Einführung; Der Schuh und die Stadt: Anhand einer alltäglichen Beobachtung werden die fundamentalen Unterschiede in der Wahrnehmung und sozialen Dichte zwischen ländlichen und städtischen Räumen eingeleitet.
B) Die Stadt: Dieses Kapitel definiert den Begriff Stadt aus historischer und funktionaler Sicht und erläutert die Entwicklung von antiken Ursprüngen bis zur modernen Industriestadt.
C) Der Tagesablauf eines Städters aus dramaturgischer Sicht: Es wird die These aufgestellt, dass modernes Leben im urbanen Kontext maßgeblich aus Inszenierungen besteht, die das Individuum zur Identitätsbildung nutzt.
D) Der symbolische Interaktionismus: Einführung in die soziologische Strömung, die menschliches Handeln nicht durch Erklärungen großer gesellschaftlicher Strukturen, sondern durch die Bedeutung von Symbolen in der Interaktion begreifbar macht.
E) Interaktion bei Goffman: Eine theoretische Vertiefung der Goffman’schen "interaction order", die das soziale Leben als komplexe Abfolge von Ritualen und Zusammenkünften innerhalb definierter Rahmen analysiert.
F) Das dramaturgische Modell bezogen auf die Entwicklung der Stadt: Anwendung der Begriffe Rolle, Fassade, Idealisierung und Mystifikation auf das Leben und die architektonische Gestaltung der modernen Stadt.
G) Sennetts Sicht der Dinge: Analyse der stadtgeschichtlichen Entwicklung anhand der Thesen von Richard Sennett, der die Wechselwirkung zwischen urbaner Gestaltung und körperlicher Wahrnehmung bzw. Respekt thematisiert.
H) Zukunftsaussichten: Abschließende Betrachtung, wie soziale Respektkultur und öffentliche Räume, die auch das "Unschöne" zulassen, zur Lebensqualität in der Stadt beitragen könnten.
Schlüsselwörter
Dramaturgie, moderne Stadt, symbolischer Interaktionismus, Erving Goffman, Richard Sennett, soziale Identität, Inszenierung, Vorderbühne, Hinterbühne, soziale Schließung, urbaner Alltag, Stadt-Land-Kontinuum, Interaktion, Fassade, Mystifikation
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die soziologische Dynamik des modernen städtischen Lebens unter dem Aspekt der "Dramaturgie". Sie analysiert, wie Menschen in urbanen Räumen Rollen spielen, Identitäten inszenieren und durch soziale Interaktionen den städtischen Alltag prägen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Inszenierung des Selbst, die Unterscheidung zwischen Vorder- und Hinterbühne im urbanen Raum, der Vergleich zwischen traditionellen ländlichen und modernen städtischen Sozialstrukturen sowie die Einflüsse von Architektur auf soziale Wahrnehmung und Respekt.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, die Komplexität städtischer Lebensformen durch die soziologische Brille von Goffman und Sennett zu dekonstruieren und aufzuzeigen, wie soziale Rollen und Fassaden in einer anonymen, arbeitsteiligen Industriegesellschaft fungieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verwendet eine qualitative, theoretisch-analytische Methode. Sie kombiniert bestehende soziologische Theorien (Symbolischer Interaktionismus, Dramaturgischer Ansatz) mit einer philosophisch-kulturwissenschaftlichen Interpretation aktueller gesellschaftlicher Phänomene.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung (Mead, Goffman) und deren praktische Anwendung auf die moderne Stadt. Dabei werden Konzepte wie "Fassaden", "Idealisierung", "Ausdruckskontrolle" und "Mystifikation" anhand von Beispielen aus der Stadt- und Alltagssoziologie detailliert besprochen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Dramaturgie, Symbolischer Interaktionismus, soziale Identität, Inszenierung, urbane Anonymität und soziale Schließung charakterisiert.
Wie unterscheidet sich die "Bühne" auf dem Land von der in der Stadt laut dem Text?
Auf dem Land sind Vorder- und Hinterbühne aufgrund der räumlichen Enge und der sozialen Kontrolle weniger strikt getrennt. In der Stadt hingegen ermöglichen Anonymität und die Vielfalt der Rollen eine subtilere, detailreichere Inszenierung des Selbst.
Welche Rolle spielt der Begriff "Schmerzkultur" in Bezug auf Städte wie Salzburg oder Graz?
Der Autor argumentiert, dass eine "Schmerzkultur" – die Zulassung von Unvollständigkeit, Elend und Ecken und Kanten im öffentlichen Raum – das Leben in der Stadt interessanter macht. Städte, die ihr Image zu stark glätten, verlieren diese notwendige soziale Tiefe, wobei Graz als positives Gegenbeispiel zu Salzburg angeführt wird.
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- Marian Berginz (Author), 2003, Die Dramaturgie der modernen Stadt, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/16904