Die vorliegende Arbeit analysiert Guillermo del Toros Film "Pans Labyrinth" (2006) als moderne Mythenadaption im Spannungsfeld von Fantastik, Erinnerungskultur und politischer Gewalt. Im Zentrum steht die Frage, wie antike Mythen, literarische Figuren und archetypische Erzählmuster genutzt werden, um das Grauen des spanischen Faschismus sowie patriarchale Machtstrukturen symbolisch darzustellen.
Auf Grundlage des Adaptionsschemas nach Michael Stierstorfer wird der Film als transkulturelle und hybride Bricolage-Adaption eingeordnet. Dabei werden zentrale Figuren wie Ofelia, der Faun, der Pale Man und Hauptmann Vidal systematisch analysiert und mit mythologischen Vorbildern aus der antiken Literatur, insbesondere Vergils Aeneis und den Bucolica, sowie mit literarischen Figuren wie Shakespeares Ophelia verglichen.
Ein besonderer Fokus liegt auf der Darstellung von Gewalt, Gehorsam und Widerstand sowie auf der Rolle weiblicher Figuren im Kontext faschistischer Ideologie. Darüber hinaus untersucht die Arbeit die didaktische Funktion des Films als Medium zur emotionalen Annäherung an historische Traumata, insbesondere Faschismus und Holocaust.
Die Analyse zeigt, dass Pans Labyrinth durch die Überblendung von Märchenwelt und historischer Realität ein vielschichtiges Narrativ schafft, das sowohl ästhetisch als auch ethisch wirksam ist und ein hohes Identifikationspotenzial für ein junges Publikum besitzt.
Inhaltsverzeichnis
- 1. Einleitung (01)
- 1.1 Antike Mythen und altertümliche Figuren als Folie zur Verarbeitung des Grauens des Faschismus (01)
- 1.2 Begründung der Themenwahl (01)
- 1.3 These (02)
- 2. Klärung wichtiger Begriffe (03)
- 2.1 Adaption und Appropriation (03)
- 2.2 Mythos (03)
- 2.3 Mythem und Mythologie (04)
- 2.4 Phantastik (04)
- 2.5 Phantasmagorie (04)
- 3. Einordnung des Rezeptionsdokuments: Pans Labyrinth (05)
- 3.1 Phantastik (05)
- 3.2 Phantasmagorische Genreüberschneidung zur Darstellung des Horrors in der Realität (05)
- 3.3 Einordnung in das Adaptionsschema nach Dr. M. Stierstorfer (06)
- 4. Inhalt von Mythos und Adaption (07)
- 4.1 Merkmale der Figur Ophelia aus Shakespeares Hamlet (07)
- 4.2 Zusammenfassung der Standardversionen des Faun-Pan-Mythos bei Vergil (08)
- 4.3 Zusammenfassung der Standardversion der Aeneis in Bezug auf die Harpyien-Episode (10)
- 4.4 Inhalt der Zentralen Handlungsstränge des Films (11)
- 4.5 Zentrale Handlungsmomente zur Inszenierung einer Heldenreise nach Campbell wie die drei Aufgaben an Ofelia, Zusammentreffen mit Pan und Pale Man und auf den Hauptmann Vidal (12)
- 4.6 Hintergrundgeschichte des Pale Man in Cornelia Funkes und Guillermo del Toros Buch Das Labyrinth des Fauns (14)
- 5. Vergleichsmomente von Mythos und Adaption (15)
- 5.1 Ähnlichkeiten Ofelias mit Hamlets Ophelia (15)
- 5.2 Ofelia als Personifikation des Leidens unter dem Faschismus (16)
- 5.3 Del Toros Pan als Panik-Verursacher und göttlicher Helfer (17)
- 5.4 Pale Man als Personifikation des Horrors des Holocaust (19)
- 5.5 Stiefvater Vidal als Personifikation der Brutalität und Grausamkeit des Faschismus und des Patriarchats (21)
- 6. Didaktisierung: Vermittlung von Basiswissen über Faschismus, den Holocaust und den Pan-Mythos (22)
- 7. Schluss (24)
- 7.1 Identifikationspotenzial mit Ofelia (24)
- 7.2 Funktion der Überblendung des Spanischen Bürgerkriegs durch eine sagenumwobene Welt (25)
- 7.3 Gesamtfazit (25)
- 8. Literaturverzeichnis (26)
- 8.1 Primärliteratur (26)
- 8.2 Sekundärliteratur (26)
- 8.3 Nachschlagewerke. (28)
- 8.4 Internetquellen (28)
- 8.5 Bilderquellen (28)
Zielsetzung & Themen
Diese Seminararbeit untersucht, wie Guillermo del Toro in seinem Film "Pans Labyrinth" antike und kulturübergreifende Mythen sowie literarische Figuren nutzt, um komplexe Themen wie patriarchale Gewalt, die Rolle der Frau in der Mitte des 20. Jahrhunderts, kindliches Leid und die Macht des Widerstandes in einer hybriden Phantasiewelt darzustellen.
- Verwendung antiker Mythen und literarischer Figuren in modernen Medien
- Darstellung des spanischen Faschismus und des Bürgerkriegs
- Analyse patriarchaler Gewalt und der Rolle der Frau
- Erforschung kindlichen Leids und der Kraft des Widerstands
- Anwendung des Adaptionsschemas nach Dr. Michael Stierstorfer
- Die Rolle von Phantastik und Phantasmagorie als Erzählmittel
Auszug aus dem Buch
3. Einordnung des Rezeptionsdokuments: Pans Labyrinth
In Bezug auf Pans Labyrinth lässt sich „Phantasmagorie“ auf die Genreüberschneidungen anwenden. Märchen, Mythos, Horror und historische Realität fließen zu einer hybriden Erzählstruktur zusammen, in der das Phantastische als Medium zur Darstellung des realen Grauens dient.
Guillermo del Toros Film Pans Labyrinth (2006) lässt sich dem Bereich der Phantastik zuordnen, da er auf eindrückliche Weise Realität und Imagination verschränkt. Nach Tzvetan Todorov entsteht das Phantastische dort, „wo ein Ereignis geschieht, das sich weder eindeutig natürlich noch übernatürlich erklären lässt, und der Rezipient zwischen beiden Deutungen zögert“10. Diese Unsicherheit prägt den gesamten Film. Für die Zuschauer bleibt offen, ob Ofelias Begegnungen mit dem Faun, den Feen und dem Pale Man reale Erscheinungen oder Projektionen ihrer Fantasie sind.
Janine Grewe betont in ihrer Studie zur Film-Phantastik, dass gerade das Kino ein privilegiertes Medium des Fantastischen sei, weil es die visuelle Darstellungskraft besitze, „die Grenzen des Realistischen gezielt zu überschreiten und Räume des Unheimlichen zu eröffnen“.11 Del Toro nutzt diese Möglichkeiten, indem er die historische Realität des Spanischen Bürgerkriegs und der faschistischen Diktatur Francos mit Märchen- und Mythenmotiven verwebt. Dadurch entsteht eine doppelte Lesbarkeit: Die fantastischen Elemente sind sowohl Eskapismus als auch metaphorische Spiegelung der grausamen Wirklichkeit.
Besonders auffällig ist die phantasmagorische Struktur des Films, die verschiedene Genres überblendet. Der Begriff „Phantasmagorie“ verweist ursprünglich auf illusionistische Geistervorstellungen des 18. und 19. Jahrhunderts und wird in der Literaturwissenschaft, etwa bei Walter Benjamin, für die „traumartige Überhöhung der Wirklichkeit“ verwendet.12 In Pans Labyrinth wird dieses Prinzip sichtbar, wenn historische Gewalt durch phantastische Bilder codiert wird.
Für die Analyse von Pans Labyrinth ist das von Michael Stierstorfer entwickelte Adaptionsschema besonders aufschlussreich. Es ermöglicht, Mythenadaptionen systematisch nach drei Kategorien zu untersuchen: Transformation, Funktionalisierung und Kontextualisierung.14
Transformation beschreibt die Umgestaltung von Mythenmotiven. Del Toro übernimmt etwa die Gestalt des Pan, verwandelt ihn aber in einen unheimlichen Faun, dessen Rolle zwischen Helfer und Bedrohung schwankt.
Funktionalisierung fragt nach dem Zweck, den ein Mythos in der neuen Erzählung erfüllt. In „Pans Labyrinth“ dienen Mythenmotive wie das Labyrinth, die Prüfungen oder das darzubringende Opfer dazu, Machtstrukturen, Gehorsam und Widerstand im faschistischen Spanien symbolisch zu verhandeln.
Kontextualisierung bedeutet, dass die übernommenen Motive in einen neuen historischen und kulturellen Rahmen gestellt werden. Del Toro kombiniert griechisch-römische Mythen wie den Pan-Mythos oder die Harpyien-Episode mit christlichen Erlösungsmotiven. Dadurch entsteht eine transkulturelle „Bricolage-Adaption“, die verschiedene Traditionen miteinander verschmilzt.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel skizziert den Rahmen der Arbeit, die sich mit der Nutzung antiker Mythen und Figuren in modernen Kinder- und Jugendmedien zur Verarbeitung des Faschismus befasst und dabei Guillermo del Toros "Pans Labyrinth" als zentrales Untersuchungsfeld vorstellt.
2. Klärung wichtiger Begriffe: Hier werden grundlegende Termini wie Adaption, Appropriation, Mythos, Mythem, Mythologie, Phantastik und Phantasmagorie definiert, die für das Verständnis der nachfolgenden Analyse unerlässlich sind.
3. Einordnung des Rezeptionsdokuments: Pans Labyrinth: Das Kapitel ordnet "Pans Labyrinth" in das Genre der Phantastik ein, erläutert dessen phantasmagorische Genreüberschneidungen zur Darstellung des Horrors der Realität und integriert den Film in Michael Stierstorfers Adaptionsschema.
4. Inhalt von Mythos und Adaption: Dieser Abschnitt beleuchtet die thematischen Inhalte, indem er die Figur der Ofelia mit Shakespeares Hamlet vergleicht, die Faun-Pan-Mythen und die Harpyien-Episode der Aeneis zusammenfasst und die zentralen Handlungsstränge des Films sowie Ofelias Heldenreise nach Campbell darlegt.
5. Vergleichsmomente von Mythos und Adaption: Das Kapitel analysiert spezifische Parallelen zwischen mythologischen Figuren und den Charakteren des Films, indem Ofelia als Personifikation kindlichen Leidens, Pan als ambivalenter Helfer und Pale Man sowie Hauptmann Vidal als Verkörperungen des Holocaust-Horrors und faschistischer Brutalität interpretiert werden.
6. Didaktisierung: Vermittlung von Basiswissen über Faschismus, den Holocaust und den Pan-Mythos: Dieses Kapitel erörtert das Bildungspotenzial des Films "Pans Labyrinth" für junge Menschen zur Vermittlung von Wissen über Faschismus und den Holocaust durch seine symbolische und phantastische Erzählweise.
7. Schluss: Der Schluss fasst die Ergebnisse zusammen, hebt das Identifikationspotenzial mit Ofelia und die Funktion der Überblendung des Spanischen Bürgerkriegs hervor, um die Wirksamkeit von del Toros komplexer Mythenadaption zu unterstreichen.
Schlüsselwörter
Pans Labyrinth, Guillermo del Toro, Antike Mythologie, Faschismus, Spanischer Bürgerkrieg, Adaption, Phantastik, Phantasmagorie, Heldenreise, Ofelia, Faun-Pan-Mythos, Pale Man, Patriarchat, Holocaust, Didaktik
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Guillermo del Toros Film „Pans Labyrinth“ als komplexe Adaption antiker und literarischer Mythen, um die Darstellung von Faschismus, Gewalt und kindlichem Leid in einer hybriden Phantasiewelt zu untersuchen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themenfelder sind die Rezeption antiker Mythologie in modernen Medien, die Aufarbeitung des spanischen Faschismus und Bürgerkriegs, die Rolle patriarchaler Gewalt sowie die weibliche Selbstbehauptung und Widerstandskraft.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es aufzuzeigen, wie Guillermo del Toro antike Mythen und literarische Figuren nutzt, um patriarchale Gewalt, die Stellung der Frau, kindliches Leid und die Macht des Widerstandes in "Pans Labyrinth" darzustellen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einem Adaptionsschema, entwickelt von Dr. Michael Stierstorfer, das Mythenadaptionen systematisch anhand der Kategorien Transformation, Funktionalisierung und Kontextualisierung untersucht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die Klärung wichtiger Begriffe, die Einordnung des Films in Genrekontexte, eine detaillierte Analyse der mythologischen und literarischen Bezüge sowie spezifische Vergleichsmomente von Filmcharakteren mit mythologischen Archetypen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Schlüsselwörter sind unter anderem Pans Labyrinth, Guillermo del Toro, Antike Mythologie, Faschismus, Adaption, Phantastik, Heldenreise, Ofelia, Pale Man und Holocaust.
Wie wird im Film "Pans Labyrinth" historische Gewalt durch phantastische Bilder dargestellt?
Der Film nutzt phantasmagorische Genreüberschneidungen von Märchen, Mythos und Horror mit historischer Realität. Durch symbolische Verdichtung wird das Grauen des Faschismus, beispielsweise in der Szene mit dem Pale Man, emotional zugänglich gemacht, ohne es direkt nachzustellen.
Welche Rolle spielt der Pale Man als Symbol für den Holocaust in der Adaption?
Der Pale Man verkörpert durch seine Erscheinung, die Wandmalereien von Kindermorden und die Anhäufung von Kinderschuhen in seinem Versteck eine transhistorische Chiffre für die Vernichtung der Schwächsten und wird in der Forschung oft als Allegorie auf den Holocaust verstanden.
Inwiefern unterscheidet sich Ofelias Charakter von Shakespeares Ophelia, insbesondere in ihrer moralischen Autonomie?
Während beide Figuren dem patriarchalen Leid ausgesetzt sind, zeigt Ofelia eine aktive moralische Autonomie, indem sie dem Faun im dritten Versuch den Gehorsam verweigert und unschuldiges Blut nicht opfert, was über die Passivität von Shakespeares Ophelia hinausgeht.
Wie dient die Figur des Hauptmanns Vidal als Allegorie für das Patriarchat und den Faschismus?
Hauptmann Vidal verkörpert die brutale, menschenfeindliche Macht des Faschismus und des Patriarchats. Seine Obsession mit Ordnung, Disziplin und Zeit sowie seine grausame Gewalt verweisen auf die „Banalität des Bösen“ und die strukturelle Unterdrückung.
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- Anonym (Autor:in), 2026, Mythologische und literarische Parallelen in "Pans Labyrinth", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1690472