Naturalistische Züge und Themen in Émile Zolas Dirnenroman "Nana"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010
26 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Grundlagen des Naturalismus
2.1 Die Ideologie des Naturalismus: Die Wissenschaft als Vorbild
2.2 Émile Zolas theoretisches Manifest: Le Roman expérimental

3 Betrachtung von Émile Zolas naturalistischem Roman Nana
3.1 Nana, « grande cocotte » und « femme fatale »: Zur Darstellung von Weiblichkeit und Dekadenz
3.2 Nanas destruktive Wirkung: Der vermenschlichte Mythos

4 Schlussbetrachtung

5 Bibliographie

1 Einleitung

Émile Zola, Leitfigur des französischen Naturalismus und Initiator einer gesamteuropäischen literarischen Bewegung, begann im Jahre 1867 mit dem Roman Thérèse Raquin, die Forderungen der Brüder Edmond und Jules de Goncourt nach einer wirklichkeitsgetreuen Literatur umzusetzen.[1] Nach dem Vorbild von Honoré de Balzacs monumentaler Comédie Humaine (1821-1850; von 137 geplanten Romanen beendete Balzac rund 90) konzipierte Zola sein Hauptwerk, den Romanzyklus Les Rougon-Macquart, der den Untertitel « Histoire naturelle et sociale d’une famille sous le Second Empire » trägt und zwischen 1871 und 1893 erschien. Der Untertitel lässt seine naturwissenschaftliche, analytische Betrachtungsweise bereits erkennen und steckt zugleich den zeitlichen Rahmen der Handlung ab, die 1851 mit dem Staatsstreich Napoléon Bonapartes beginnt und 1870 mit der Niederlage Frankreichs im Deutsch-Französischen Krieg endet. In 20 Romanen wird der Lebensweg von fünf Generationen der Familien Rougon, Macquart und Mouret dargestellt, den Nachfahren der „Urmutter“ Adélaïde Fouque. Nana (1880), der „Dirnenroman im Naturalismus“[2], ist der neunte Band innerhalb des 20-bändigen Romanzyklus und führt die Geschichte von Anna Coupeau – genannt „Nana“ – fort, deren Kindheit und Jugend bereits in L’Assommoir (1877), dem siebten Band des Zyklus, geschildert wurde.

Die vorliegende Hauptseminararbeit untersucht naturalistische Züge und Themen in Émile Zolas Kurtisanenroman Nana. Kapitel 2 beschäftigt sich zunächst mit den Grundlagen des Naturalismus. Kapitel 2.1 befasst sich mit der naturalistischen Ideologie, die den Grundstock für die Romane des Rougon-Macquart-Zyklus bildet. In Kapitel 2.2 wird Zolas Werk Le Roman expérimental hinzugezogen, in dem er im Jahre 1880 sein deterministisches Konzept theoretisch niederlegte. Mit dem diskursiven Fundus aus dem zweiten Kapitel soll Nana in Kapitel 3 beispielhaft als literarische Umsetzung der naturalistischen Theorie betrachtet werden.

2 Grundlagen des Naturalismus

Zolas naturalistische Ästhetik, die unter dem Einfluss der positivistischen Philosophie und der zeitgenössischen naturwissenschaftlichen Theorien entstand, verknüpfte die naturwissenschaftliche Systemhaftigkeit und die schöngeistige Literatur auf eine neue Art und Weise.[3]

2.1 Die Ideologie des Naturalismus: Die Wissenschaft als Vorbild

Die literarische Bewegung des Naturalismus profitierte wesentlich vom explosionsartigen Wissenszuwachs in den Naturwissenschaften sowie von der zunehmenden Bedeutung der Soziologie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und beherrschte vor allem die erste Phase der Dritten Französischen Republik.[4] Neben Émile Zola ist Guy de Maupassant der bekannteste Autor aus dem Médan-Kreis. Wie Joris-Karl Huysmans und Henry Céard war er an den von Zola initiierten Soirées de Médan beteiligt, stand aber auch Flauberts Ästhetik nahe.[5] In Le Roman expérimental formulierte Zola seine naturalistische Ästhetik (siehe Kapitel 2.2), die nur für kurze Zeit von einigen seiner Schüler geteilt wurde:

Die Erosion des Naturalismus beginnt im Innern der Bewegung selbst. 1884 wendet sich Huysmans mit A rebours der Dekadenzbewegung zu. Wenig später bietet Zolas Bauernroman La terre (1887) einigen jüngeren Schriftstellern Anlaß zum Manifeste des cinq: Sie werfen dem Autor vor, ›de s’embourber dans l’ordure‹, und distanzieren sich vom Naturalismus.[6]

Der literarische Naturalismus in Frankreich verstand sich als engagierte Kunst, die – von Imperialismus, Industrialisierung und Urbanisierung beeinflusst – dem Proletariat erstmals besondere Aufmerksamkeit schenkte; zu den bevorzugten Themen zählten die unteren gesellschaftlichen Gruppen (« le bas peuple »).[7] Das « Manifeste des cinq » (1887), ein offener Brief an Zola im Figaro, in dem sich Edmond de Goncourt, Paul Bonnetain, Gustave Guiches, Paul Margueritte, Lucien Descaves und J.H. Rosny von der Ästhetik Zolas distanzieren, markierte die innere Krise des Naturalismus. Dennoch wurde diese literarische Strömung von Frankreich ausgehend zu einer gesamteuropäischen Bewegung. Zwar war der Roman die bevorzugte Gattung, doch bemühte sich Zola auch um ein naturalistisches Theater. Der von Zola ins Leben gerufene Naturalismus inspirierte weniger zukünftige Erzählergenerationen als Dramatiker wie Henrik Ibsen und Gerhart Hauptmann.

Determinismus durch race, milieu und moment

Im Zentrum der naturalistischen Ideologie stand neben dem Glauben an die Möglichkeit, die Natur nach dem Kausalitätsprinzip erklären zu können, die Überzeugung, den sozialen Determinismus analysieren und darstellen zu können. Vor allem die Rezeption von Auguste Comtes und Hippolyte Taines Lehre des Positivismus (Milieutheorie)[8] bildete die Grundlage für Zolas neue Romankonzeption, in der das Subjekt nicht mehr als von Zufällen bestimmtes Individuum betrachtet wird, sondern als ein Entwurf, der von komplexen Determinanten aus Genetik und Umwelt bestimmt wird.[9] Taine hatte sich bemüht, die Geisteswissenschaften mit dem gleichen Objektivitätsanspruch wie die Naturwissenschaften zu versehen, und führte das Entstehen und das Wesen literarischer Kunstwerke auf die Faktoren race, milieu und moment zurück. Das Individuum – und somit auch der Autor und seine Protagonisten – ist also den biologischen Erbanlagen sowie den räumlichen und zeitlichen Umwelteinflüssen unterworfen. Angewandt auf die Literatur bedeutet dies, dass naturwissenschaftliche Kausalitätsbeziehungen geistigen Prozessen gleichgestellt werden und somit auch als Erklärungsmodell für „die Erzeugnisse des menschlichen Geistes“[10] dienen können. Das zentrale Motiv der naturalistischen Strömung in der Literatur ist demnach die Beschreibung der sozialen und natürlichen Gegebenheiten, durch die sowohl der Schriftsteller selbst als auch seine literarischen Figuren determiniert werden. Damit übertrug Zola ausgewählte naturwissenschaftliche Methoden auf die Literatur. Marc Bernhard fasst dies in seiner Monographie Émile Zola illustrativ zusammen:

Die bisherige Falschmünzerei darf nicht fortgesetzt werden; der Forscher in seinem Laboratorium, der Romancier an seinem Schreibtisch werden künftig dasselbe Ziel zu verfolgen haben: Die Erschließung der Wirklichkeit![11]

Les Rougon-Macquart : Gewinner vs. Verlierer im Second Empire

Émile Zola hatte die Absicht, den Einfluss von Erbanlagen und Milieu auf einzelne Familienmitglieder der Rougon-Macquart im Zweiten Kaiserreich unter Napoléon III. möglichst wahrheitsgetreu und wissenschaftlich präzise zu schildern und damit gleichzeitig die gesamte Epoche des Zweiten Kaiserreiches unter Napoléon III. zu charakterisieren. Ihn interessierte die Rolle des Einzelnen in einer Gesellschaft, die von Machtstreben, Egoismus und Besitzgier beherrscht wurde. Die Intention des 20-bändigen Zyklus ist das systematische Aufdecken und Analysieren eines Familienschicksals im Second Empire – eine Art literarische Studie über die erblichen und gesellschaftlichen Einflüsse auf eine in Typen eingeteilte Familie, die aus Gewinnern und Verlierern besteht.[12] Während der Weg der großbürgerlichen Rougons eine Zeitlang steil nach oben führt (wenn auch oft auf zweifelhaftem Wege), steigen die kleinbürgerlichen Macquarts nach und nach ins Proletariat ab.

In Naturalist Fiction: The Entropic Vision stellt David Baguley heraus, dass Zola den Naturalismus nicht als literarische Richtung verstand, sondern als experimentelle Methode zur Produktion neuartiger Romane.[13] Baguley betont, dass der Begriff Naturalismus nicht in eine kohärente Theorie gefasst werden könne.[14] Laut Zola müssten gattungsspezifische Konventionen vermieden und verworfen werden, um dem Realitäts- und Wahrheitsanspruch gerecht werden zu können. Baguley stellt die gegensätzlichen Haltungen der Naturalisten gegenüber, die zum einen gegen die literarischen Formeln vorangegangener Genres opponieren, sich zum anderen jedoch weigern, eigene Regeln aufzustellen. Das Hauptziel der naturalistischen Literatur sei es, die Realität ohne ein meditatives Element darzustellen.[15] Folglich dient die Illusion einer Realität (Mimesis) – sowie die ihr zugrunde liegende, wissenschaftliche Methode – als Alibi für die relative Regellosigkeit und Unbestimmtheit der naturalistischen Strömung in der Literatur:

[…] instead of truly defining their own practices and describing the specific literary features of their texts, the naturalists tended to argue away the conventional nature of their own work by claiming it as part of a time-honoured philosophical tradition or by relating it to the currently prestigious scientific method or, most commonly, by invoking a mimetic aesthetic to promote the illusion of a literature aligned with reality and thereby liberated from the restraints of literary paradigms.[16]

Die möglichst getreue Wiedergabe der Gegenwart wird zum ästhetischen Prinzip des Naturalismus erhoben und lässt keinen Platz für eine idealisierte Darstellung der Wirklichkeit. Zola fasst diese neue Romankonzeption unter seiner Theorie des „experimentellen Romans“ zusammen.

2.2 Émile Zolas theoretisches Manifest: Le Roman expérimental

Zolas erster Entwurf einer naturalistischen Theorie entstand im Vorwort zur zweiten Auflage von Thérèse Raquin, in dem sich seine Absicht, möglichst präzise das Wirken der Natur in den seelenlosen Figuren zu erforschen und darzustellen, bereits erkennen lässt. In seinem programmatischen Werk Le Roman expérimental aus dem Jahre 1880 kommt der große Einfluss von Darwins Evolutionstheorie, Proper Lucas‘ Vererbungslehre und vor allem Claude Bernards Experimentalmedizin zum Ausdruck. Émile Zola greift insbesondere Bernards „experimentelle Methode“ auf, versucht, diese auf den Roman zu übertragen, und kommt so zu seiner Theorie der mechanischen Abhängigkeit des Menschen von Naturgesetzen und sozialen Faktoren:

Claude Bernard démontre que cette méthode appliquée dans l’étude des corps bruts, dans la chimie et dans la physique, doit l’être également dans l’étude des corps vivants, en physiologie et en médicine. Je vais tâcher de prouver à mon tour que, si la méthode expérimentale conduit à la connaissance de la vie physique, elle doit conduire aussi à la connaissance de la vie passionnelle et intellectuelle. Ce n’est là qu’une question de degrés dans la même voie, de la chimie à la physiologie, puis de la physiologie à l’anthropologie et à la sociologie. Le roman expérimental est au bout. (Le Roman expérimental, S. 48)

Wenn die experimentelle Methode körperliche Symptome erklären könne, wäre sie auch im Stande, den intellektuellen Bereich – den Geist des Menschen – zu ergründen, schlussfolgert Zola. Er überträgt damit determinierende Aspekte der Naturwissenschaft auf die Literatur und macht es sich zur Aufgabe, dies zu präzisieren. Oft habe er aber einfach nur das Wort médecin durch romancier ersetzt, da Bernards Introduction à l’étude de la médicine expérimentale schon hinreichend erkläre, worauf es ihm bei einem naturalistischen Roman ankäme:

[…]; car je compte, sur tous les points, me retrancher derrière Claude Bernard. Le plus souvent, il me suffira se remplacer le mot «médecin» par le mot «romancier», pour rendre ma pensée claire et lui apporter la rigueur d’une vérité scientifique. (Le Roman expérimental, S. 48)

[...]


[1] Die Brüder Goncourt veröffentlichten 1864 den Roman Germinie Lacerteux, der zum Skandalerfolg wurde, da der soziale und psychische Abstieg eines Dienstmädchens im Hause eines adeligen Fräuleins schonungslos offen erzählt wird und somit die Probleme einer Protagonistin des proletarischen „vierten Standes“ beschreibt. In der „Préface“ betonen die Brüder ihren soziologischen und wissenschaftlichen Anspruch an ihre Tätigkeit als Schriftsteller (« analyse, enquete, étude, recherche »). Zolas erster naturalistischer Roman Thérèse Raquin wurde wesentlich von Germinie Lacerteux beeinflusst.

[2] Dies ist der Titel des Nachwortes zu Nana in der Rollen-Offset-Ausgabe. Vgl. Rita Schober (1995): „Editionsgeschichte als Rezeptionsgeschichte“, in: 100 Jahre Rougon-Macquart im Wandel der Rezeptionsgeschichte. Hrsg. v. Winfried Engler & Rita Schober. Tübingen: Gunter Narr Verlag. S. 49.

[3] Vgl. Jürgen Grimm & Frank-Rutger Hausmann & Christoph Miething (1997): Einführung in die französische Literaturwissenschaft. Stuttgart: Metzler. S. 110.

[4] Vgl. Jürgen Grimm & Margarete Zimmermann (1999): „Literatur und Gesellschaft im Wandel der III. Republik“. In: Grimm, Jürgen (Hrsg.): Französische Literaturgeschichte. 4., überarbeite und aktualisierte Auflage. Stuttgart/Weimar: Metzler 1999. S. 279.

[5] Vgl. Grimm & Zimmermann (1999): „Literatur und Gesellschaft im Wandel der III. Republik“, S. 281.

[6] Grimm & Zimmermann (1999): „Literatur und Gesellschaft im Wandel der III. Republik“, S. 280.

[7] In Frankreich prägte sozialistisches Gedankengut die literarische Bewegung. Der spanische Naturalismus prangerte weniger die sozialen Missstände an als das aufstrebende Bürgertum.

[8] In seiner Abhandlung über die positive Philosophie entwickelte der Philosoph Auguste Comte die Auffassung, nur das tatsächlich Gegebene, „Positive“, könne erkannt, systematisch untersucht und für die weitere Entwicklung der Menschheit, für Fortschritt und Demokratisierung, nutzbar gemacht werden. Hippolyte Taine, Kulturkritiker und Historiker, interpretierte den Positivismus Comtes in soziologischer Hinsicht und charakterisierte den Menschen als determiniert von race, milieu und moment.

[9] Vgl. Marc Bernhard (1986): Émile Zola. Hamburg: Rowohlt. S. 31.

[10] Grimm & Hausmann & Miething (1997): Einführung in die französische Literaturwissenschaft, S. 110.

[11] Bernhard (1986): Émile Zola. S. 30

[12] Vgl. Alain Pagès & Owen Morgan (2002): Guide Émile Zola. Paris: Ellipses. S. 223.

[13] “Zola, as we know well, was the writer most insistent in repeating that naturalism was not a school, not the work of a particular writer, nor a distinct genre, but the application of a method, or more precisely, as he came to define it, of the ‘experimental method’”, in: David Baguley (1990): Naturalist Fiction: The Entropic Vision. Cambridge: University Press. S. 45.

[14] Vgl. Baguley (1990): Naturalist Fiction: The Entropic Vision, S. 53.

[15] Vgl. Baguley (1990): Naturalist Fiction: The Entropic Vision, S. 54.

[16] Baguley (1990): Naturalist Fiction: The Entropic Vision, S. 54.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Naturalistische Züge und Themen in Émile Zolas Dirnenroman "Nana"
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Romanistik)
Veranstaltung
Theorie und Praxis des naturalistischen / costumbristischen Schreibens: Émile Zola und Benito Pérez Galdós
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
26
Katalognummer
V169113
ISBN (eBook)
9783640872510
ISBN (Buch)
9783640872992
Dateigröße
494 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Naturalismus, Émile Zola, Nana, Le Roman expérimental, Rougon-Macquart, Determinismus, Second Empire, race / milieu /moment, Dirnenroman, Kurtisanenroman
Arbeit zitieren
Jeanette Gonsior (Autor), 2010, Naturalistische Züge und Themen in Émile Zolas Dirnenroman "Nana", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/169113

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Naturalistische Züge und Themen in Émile Zolas Dirnenroman "Nana"


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden