Die Rede der Athener in Thukydides “Der Peloponnesische Krieg“ I, 73-78

Die Funktionen der Rede am Beispiel der Eigendarstellung der Hegemonie der Athener


Seminararbeit, 2009
19 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung
1.1 Die Bedeutung der Reden im Peloponnesischen Krieg

2. Exkurs: Quellen- und Literaturlage

3. Einordnung der Rede der Athener in den historischen Kontext

4. Die Rede der Athener in Sparta in Thukydides I, 73-78
4.1 Das Vorwort zur Rede
4.2 Die Perserkriege – Heldentaten der Athener
4.3 Die Hegemoniestellung und deren Begründung durch Athen
4.4 Athens Herrschaftsausübung

5. Epilog

6. Fazit

7. Bibliographie und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Thukydides, griechischer Geschichtsschreiber, hinterlässt uns ein sehr wichtiges Werk der Antike: Der Peloponnesische Krieg. Bei der Lektüre fällt auf, dass der Autor seine methodischen Grundsätze der Geschichtsschreibung in den ersten Kapiteln (22 und 23 sollen hier betrachtet werden) seines Buches erklärt. Anfang des 22. Kapitels schreibt er, dass “was nun in Reden beide Gegner vorgebracht haben, teils während der Vorbereitungen zum Krieg, teils im Krieg selber, davon den genauen Wortlaut im Gedächtnis zu behalten, war schwierig, sowohl für [ihn], was [er] selber anhörte, als auch für [seine] Zeugen, die [ihm] von anderswo solche berichteten. Wie aber [seiner] Meinung nach jeder Einzelne über den jeweils vorliegenden Fall am ehesten sprechen musste, so sind die Reden wiedergegeben unter möglichst engem Anschluss an den Gesamtsinn des wirklich Gesagten.“[1]. Man merkt auch, dass die Reden nicht wortwörtlich wiedergegeben wurden, da sie alle im gleichen, Thukydides eigenen, Stil verfasst sind. Aber sie spiegeln nicht seine eigenen Ansichten wieder. “Indem Thukydides das Gleichgewicht zwischen dem “allgemeinen Sinn des wirklich vorgetragenen“ und dem “nach seiner Meinung der Situation angemessenen“ aufrechterhält, schafft er aus den Reden ein vorzügliches Instrument einer Interpretation, die gleichsam in der Faktizität des realen Geschehens fest verankert bleibt.“[2]

Des Weiteren beschreibt er in diesen “Methodenkapiteln“, dass er die Kriegsverlaufs-schilderungen so detailgenau überprüft habe, wie möglich und somit “das erzählerische Element“[3] weitgehend fehlt. Man kann also sagen, dass Thukydides durchaus versucht hat, historisch korrekt und realistisch zu berichten, dennoch aber selbst einräumt, sich gerade bei den Reden (vermutlich vor allem, bei denen er nicht persönlich anwesend war) doch sehr seinen eigenen Vermutungen zu bedienen. Der Peloponnesische Krieg lässt sich formal also in zwei methodische Teile gliedern:

1. Die durchlaufende Kriegserzählung und
2. Die verschiedenen Reden der beteiligten Völker und Personen[4].

1.1 Die Bedeutung der Reden im Peloponnesischen Krieg

Den Rednern, oder vielmehr den Reden der einzelnen, an der Entstehungs-geschichte und dem Verlauf des Peloponnesischen Kriegs beteiligten Personen, muss man, meiner Meinung nach, eine besondere Bedeutung zuweisen. Hierbei stütze ich mich auf die Arbeit Athanasios Moulakis, Thukydides in: Das politische Denken der Griechen. Dadurch, dass Thukydides den Rednern die Worte in den Mund legt, welche er für die Situation angemessen hält, wird die Lage, in der sich die Parteien befinden, gut zum Vorschein gebracht. Ebenfalls lässt sich so eine eindringliche Charakteristik der einzelnen Parteien erkennen.

Zwei Sorten von Reden bzw. Rednern sind bei Thukydides zu finden:

1. Anonyme Redner, die als Gruppe auftreten.
2. Personelle, namentlich erwähnte Redner.

Diese Aufteilung ist explizit und geschickt so gewählt. Hält eine Gruppe eine Rede, so erkennt man daran ihre Stimmung und die Haltung der jeweiligen Partei gegenüber der zu diskutierenden Sache. Hierbei liegt der Gesprächschwerpunkt meist auf außenpolitischen Begebenheiten. In den “Gruppenreden“ lassen sich sehr gut die Beeinflussungsstrategien auf die öffentliche Meinung oder den Verhandlungspartner erkennen. Die Gruppendynamik und die Charakteristik einer bestimmten Partei stehen immer im Vordergrund, ebenso wie der politische Inhalt.

Bei den einzelnen Personen sind die Reden anders aufgebaut. Hierbei steht seltener der Inhalt der Rede, mehr jedoch die Person an sich im Vordergrund der Betrachtung. In den “personellen Reden“ wird auf die Überzeugungskunst, den Charakter der Argumente und die Persönlichkeit des Redners hingewiesen. Die geschichtliche Bedeutung der Person steht hier im Vordergrund.

Aber aus welchem Grund sind gerade diese Reden so wichtig? Thukydides hätte doch auch einfach die Geschichte des Krieges sachlich nüchtern aufschreiben können, so wie sie ihm zugetragen wurde und wie er sie selbst erlebt hat. Moulakis stellt dazu eine interessante Theorie auf: “Die Reden sind nicht nur aufeinander abgestimmt, sondern der einsichtige Leser wird auch von der Absetzung von Entscheidungen, zu denen die in den Reden erwogenen Gründe geführt haben, gegen die in der durchlaufenden Erzählung geschilderten Folgen profitieren können. […] Der Leser wird aus der Kenntnis der implizit aufgezeigten Kausalität lernen. So sind die Reden, wenn auch nicht getreue [(wortwörtlich ist hier gemeint)] Wiedergaben im Sinne einer strikten Faktizität, so doch in dem Sinne historisch wahr, daß sie die hauptsächlichen Ursachen des Geschehens aufdecken.“[5] Bis zu einem gewissen Grad stimme ich dabei mit Moulakis überein, allerdings sollte man trotzdem die Reden im Peloponnesischen Krieg immer kritisch betrachten, und dabei vor allem auf die einzelnen Parteien achten, in welchem historischen Kontext der Kriegschronol-ogie sie sich befinden und was sie zusagen haben. Aus genau diesem Grund beschäftigt sich diese Arbeit fast ausschließlich mit der Rede der Athener, “angeblich im Jahre 432 auf der sogenannten Tagesatzung in Sparta gehalten“[6] in Thukydides I, Kapitel 73-78. Als Leitfrage stellt sich hierbei, ob und wie die Athener sich selbst und ihre Vorherrschaft im delisch-attischen Seebund einschätzen und begründen? “Diese Rede stellt die erste Darlegung der außenpolitischen Vorstellungen der Athener zur Zeit des Perikles im thukydideischen Werk dar und ermöglicht somit einen ersten Einblick in die Grundprinzipien auf die sich die attische Macht jener Zeit in den Augen des Historikers gründet.“[7]

2. Exkurs: Quellen- und Literaturlage

Wie man sieht, stützt sich diese Arbeit nur sehr wenig auf Sekundärliteratur. Es gibt zwar einige wenige gute Forschungsarbeiten über dieses spezielle Thema, allen vorweg die Werke von Rengakos Antonius und Erbse Hartmut (welche man bei der Lektüre dieser Arbeit hinzuziehen sollte). Jedoch ist ein großes Problem hierbei die Aktualität, da sich diese Werke mit älteren Quellenübersetzungen beschäftigen, der vorliegenden Arbeit allerdings die Neueste zu Grunde liegt. Aus diesem Grund habe ich versucht so nahe wie möglich an der Quellenübersetzung zu arbeiten und zu interpretieren.

3. Einordnung der Rede der Athener in den historischen Kontext

Als erstes muss die Frage geklärt werden, warum die Athener eine Rede in Sparta halten? Die Frage lässt sich leicht beantworten, wenn man sich den historischen Kontext ansieht. Hierbei werden die Überlieferungen Thukydides I, Kapitel 55-72 benutzt.

Korinth und Kerkyra befinden sich im Krieg. Athen greift auf Seiten Kerkyras ein, indem es Schiffe zur Unterstützung aussendet und entscheidet so den Sieg für Kerkyra. Zusätzlich entbrennt ein Streit um die von Korinth gegründete Stadt Potidäa, welche allerdings mit Athen verbündet und ihnen tributpflichtig ist.

Peridakkas, König von Makedonien, will Krieg mit Athen. Der Grund dafür liegt darin, dass Athen ein Bündnis mit seinem Bruder Phillippos und mit Derdas, seinen Feinden, einging. So versucht Peridakkas einen Krieg zwischen Athen und der Peloponnes und Korinth anzuzetteln zum Zwecke des Abfalls Potidäa. Um dies zu verhindern zwingen die Athener die Potidäer ihre Stadtmauern zu schleifen und lassen sich von ihnen einige Geiseln aushändigen. Damit glauben sie, sich gegen einen Abfall der Stadt zu schützen, da sie so mehr oder weniger wehrlos geworden ist.[8]

Potidäa schickt Gesandte nach Athen um sie dazu zu bewegen, von den harten Maßregeln abzusehen, doch vergebens. Aus diesem Grund wendet sich Potidäa doch von Athen ab und sichern sich zeitgleich die Hilfe der Lakedämonier (Sparta).[9]

Danach fallen die Athener in Thrakien ein, um von dort aus einen Krieg gegen Makedonien zu führen. Dies und der Abfall Potidäas macht die Korinther unruhig, da sie Angst haben, dass sich Athen nicht nur gegen Potidäa sondern auch gegen sie wendet, da sie seit jeher eng mit der Stadt verbunden waren.

Ein heftiger Krieg um Potidäa und Makedonien entbrennt.[10] In Kapitel 66 und 67 erklärt Thukydides die Gründe die endgültig nach dem Krieg dazu führen, dass Korinth und Athen sich in Sparta treffen.

Zuerst beschweren sich die Korinther, dass die Athener mit der Belagerung Potidäas auch die in der Stadt befindlichen Korinther belagerten.[11]

[...]


[1] Thukydides, Der Peloponnesische Krieg, Buch 1, S. 23, Kapitel 22.

[2] Moulakis, Das politische Denken der Griechen, S. 53.

[3] Thukydides, Der Peloponnesische Krieg, Buch 1, S. 23-24, Kapitel 22.

[4] vgl. Moulakis, Das politische Denken der Griechen, S. 52.

[5] Moulakis, Das politische Denken der Griechen, S. 54-55.

[6] Erbse, Thukydides-Interpretationen, S. 108.

[7] Rengakos, Form und Wandel des Machtdenkens der Athener bei Thukydides, S. 23.

[8] vgl. Thukydides, Der Peloponnesische Krieg, Buch 1, S. 46-47, Kapitel 55-57.

[9] vgl. Thukydides, Der Peloponnesische Krieg, Buch 1, S. 47, Kapitel 58.

[10] vgl. Thukydides, Der Peloponnesische Krieg, Buch 1, S. 48-52, Kapitel 61-65.

[11] vgl. Thukydides, Der Peloponnesische Krieg, Buch 1, S. 52, Kapitel 66.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Rede der Athener in Thukydides “Der Peloponnesische Krieg“ I, 73-78
Untertitel
Die Funktionen der Rede am Beispiel der Eigendarstellung der Hegemonie der Athener
Hochschule
Universität Trier  (Fakultät: FB III (Alte Geschichte))
Veranstaltung
Seminar: Sparta und Athen
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
19
Katalognummer
V169270
ISBN (eBook)
9783640875412
ISBN (Buch)
9783640875306
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
rede, athener, thukydides, peloponnesische, krieg“, herrschaftsbild
Arbeit zitieren
Achim Oehm (Autor), 2009, Die Rede der Athener in Thukydides “Der Peloponnesische Krieg“ I, 73-78, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/169270

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