Russenorsk als Pidgin


Hausarbeit, 2009
19 Seiten, Note: 1,3

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I. Einleitung

Im Zusammenhang mit dem Sprachwandel ist die Untersuchung von Pidgins und Kreolsprachen von essentieller Bedeutung. Nirgends wird das Ausmaß an Sprachveränderungen innerhalb kürzester Zeit so deutlich wie hier.

Dies war nicht immer so. Die Verschriftlichung und Drucklegung der Industrienationen förderte die Normierung und Standardisierung von orthografischen Konventionen. ‚Natürliche Sprachen’ als relativ uniforme Varietäten und von den Gebildeten und Mächtigen in ihrer reinsten Form gebraucht, standen somit im Gegensatz zu den von der unkultivierten Masse gesprochenen Dialekten und ‚gebrochenen Sprachen’ der ‚Wilden’.

Im Zuge des Aufschwungs der europäischen Staaten und damit verbundener Status- und Identitätskonzepte herrschte auch in der Sprachwissenschaft bis in die 1950er Jahre eine statusmäßige Diskrepanz: Frühere Generationen bezeichneten Pidgin- und Kreolsprachen mit Begriffen wie broken English, bastard Portuguese oder nigger French.1 Diese Begriffe entstanden im Zusammenhang mit der Kolonialisierung und der Diskrepanz zwischen den „höheren“, meist europäischen Sprachen und den als ‚wild’ wahrgenommenen Sprachen der Unterdrückten. Lange Zeit betrachteten Linguisten solche ‚Abnormen’ deshalb als für die Sprachforschung irrelevant.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts änderte sich die wissenschaftliche Situation und das Ansehen solcher Mischsprachen für die Wissenschaft. Die Untersuchung von Mischsprachen als sprachliche Systeme zeigt einen deutlichen Unterschied in Phonologie, Morphologie und Syntax zu ihren Quell- oder Spendersprachen und zwar durch die offensichtliche und enorme Entwicklung ihrer eigenen Regeln. Diese wiederum geschah scheinbar ebenfalls durch die gleichen Triebkräfte, die auch für den Sprachwandel in den ‚normalen’ bzw. normierten Sprachen, wie Russisch und Norwegisch, sorgten.

Mit dieser Erkenntnis scheinen Pidgins, Kreol- und andere Mischsprachen nachvollziehbare und authentische Beispiele für die Erforschung des (kontaktbedingten) Sprachwandels zu liefern. Die Prozesse der Pidginisierung und Kreolisierung wurden somit zu wichtigen Forschungsgebieten der (Historischen) Linguistik. Schließlich wurden nicht nur die Ursachen für den Sprachwandel in ein neues Licht gerückt, in dem die sozialen Faktoren wie Prestige und Identität als wichtigste treibende Kraft für Sprachveränderung ins Spiel gebracht wurden. Auch die ‚genetische’ Verwandtschaft einiger natürlicher Sprachen wurde maßgeblich in Frage gestellt und neue Forschungsperspektiven entstanden.

1.1. Zur Entstehung des Russenorsk

Der sprachliche Kontakt zwischen Russen und Norwegern ist auf eine klimabedingte Notsituation und einer intensiven wirtschaftlichen Kooperation zwischen den an der Küste des Weißen Meeres (russ. Pomorje) lebenden Russen und den norwegischen Einwohnern der Gebiete Tromsø, Nordschweden und der Finnmark zurückzuführen. Die nördlichen russischen Gewässer waren nur wenig zum Fischen geeignet, während es den Norwegern klimabedingt an landwirtschaftlichen Produkten mangelte. Jahrhundertelang und mit einigen (politisch bedingten) Unterbrechungen tauschten die Norweger bis 1917 ihren Überschuss an Fisch mit den Russen. In den Sommermonaten, nachdem das Eis geschmolzen und die Meere mit ihren Schiffen wieder befahrbar wurden, kamen die Russen zum Handel an die norwegischen Häfen und brachten Korn, Getreide und andere lebenswichtige Waren.

Besonders intensiv wurde das Handelsverhältnis in der Zeit des so genannten Pomorenabkommen aus dem Jahr 1782 zwischen Dänemark-Norwegen und Russland, welches den legalen und zollfreien Handel zwischen den beiden Ländern erlaubte. So sind auch die Ursprünge der aus dem Norwegischen und dem Russischen entstandenen Mischsprache Russennorsk (RN) in die Zeit des Pomorenhandels einzuordnen.

1785 erschien das erste Russenorsk-Wort Russmann, <Russe> (mit dem typischen Suffix - mann zur Bezeichnung der Nationalität) in einem norwegischen Gerichtsprotokoll.2 Einige Jahre später, 1807, folgte in einem weiteren Protokoll das zweite RN-Wort krallum von Russ. krast ’ <stehlen> mit dem RN Verbalmarker -um.3 Diese beiden Wörter gelten als die ersten Belege der Sprache. Im frühen 19. Jahrhundert verbreitete sich das RN bis zu den wichtigsten Handelsstützpunkten der Finnmark, Tromsø, Hammerfest sowie der Kola-Halbinsel.

1.2. Ziel der Arbeit

In der folgenden Arbeit möchte ich anhand von charakteristischen Sprachbeispielen und sprachlichen Besonderheiten das Russenorsk als Pidgin untersuchen sowie einige ausgewählte Standpunkte bezüglich seiner Relevanz als Pidgin erläutern. Ferner möchte ich überprüfen, welche Ursachen eine Kreolisierung des Russenorsk vermieden bzw. zum Aussterben der Sprache führten. Sofern in dieser Arbeit deutsche Übersetzungen aus dem Russenorsk geliefert werden, handelt es sich um eigene freie Übersetzungen.

1.3. Forschungsstand

Erst nach seiner Extinktion wurde das Russenorsk wenig, von russischer Seite gar kaum untersucht. Die größte Problematik äußert sich bereits darin, dass die Aufzeichnenden zwar „an der Sprache interessierte Leute“ waren, ihnen jedoch die nötige „linguistische, geschweige denn speziell phonologische Schulung“ fehlte4. So wurde beispielsweise nur zum Teil angegeben, ob ein Satz von norwegischer bzw. russischer Seite stammte. Problematisch ist weiterhin, dass die Aufzeichnungen zumeist von norwegischen Handelsleute und Zollbeamten durchgeführt wurden. Abgesehen davon, dass sie nicht die Gruppe der primären Russenorsk-Sprecher darstellten - dies waren in erster Linie die russischen und norwegischen Seefahrer - ist die Mehrzahl der Texte folglich deutlich norwegisch gefärbt.5

Es wird angenommen, dass sich das Russenorsk in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts zu dem Grad entwickelte, wie es im nachfolgenden Quellmaterial erscheint.

Linguisten schenkten den ‚abnormalen’ sprachlichen Varietäten bis in die 1950er Jahre kaum Beachtung. So schreibt selbst Olaf Broch, welcher die bis dato ausführlichste Untersuchung im Jahr 1927 vornahm, dass das Russenorsk „trotz gewisser steter Redeweisen bei weitem nicht in der Reihe normalisierter ‚Sprachen’“ stünde, sondern lediglich eine „halbwegs amorphe Masse [...]“ sei, innerhalb derer „der größte Spielraum für subjektive und augenblicksbestimmte Bildungen übrig war.“6 Jene Instabilität, welche zwar ein bedeutendes Merkmal für Pidgins im Allgemeinen darstellt und wiederkehrend in den Abhandlungen7 betont wird, macht die Untersuchung seiner Eigenschaften umso schwieriger.

II. Pidgin: Einige Definitionsansätze

Pidgin-Sprachen entstehen, wenn zwei natürliche Sprachen in eine Kontaktsituation geraten, in der Sprecher mit unterschiedlichem Sprachhintergrund versuchen, sich durch Vereinfachung der eigenen Sprache und mit Hilfe von Elementen der anderen Sprache zu verständigen. Bußmann definiert Pidgin als:

„... eine aus einer sprachlichen Notsituation entstandene Mischsprache: Beim Kontakt von Sprechern von zwei oder mehr Sprachen ohne gegenseitiges Sprachverständnis werden Struktur und Vokabular der einzelnen muttersprachlichen Systeme durch mutual accomodation nachhaltig reduziert, um eine Verständigung herbeizuführen...“8

Die Veränderung, d.h. Vereinfachung der eigenen Sprache kann in alltäglichen Situationen wie dem Handel zwischen Touristen und Straßenhändlern in Urlaubsorten beobachtet werden. Für die Pidginisierung zweier oder mehrerer Sprachen ist es jedoch wichtig, dass der Kontakt zwischen den Menschen bestehen bleibt.9

[...]


1 Vgl. Holm, John: An Introduction to Pidgins and creoles. Cambridge 2000. S. 5.

2 Broch Ingrid und Ernst Håkon Jahr: Russenorsk. Et pidginspr å k i Norge. zweite Ausgabe 1984. S. 43

3 Ebend. S. 52.

4 Vgl. Broch, Olaf: Russenorsk. In: Maal og Minne, „Archiv für slavische Philologie“. Bd 41, 1927. S. 213.

5 Broch/Jahr 1981:31.

6 Broch, O. 1927:221.

7 darunter vor allem Broch/Jahr 1981 und 1984

8 Bußmann, Hadumod: Lexikon der Sprachwissenschaft. Stuttgart 2002. S. 519.

9 Holm, John: An Introduction to Pidgins and creoles. Cambridge 2000. S. 5.

19 von 19 Seiten

Details

Titel
Russenorsk als Pidgin
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Nordeuropainstitut)
Veranstaltung
Skandinavischer Sprachwandel
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
19
Katalognummer
V169464
Dateigröße
451 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Skandinavistik, Pidgin, Russisch, Norwegisch, Russenorsk, Sprachwandel, Skandinavien
Arbeit zitieren
Julia Okschewskaja (Autor), 2009, Russenorsk als Pidgin, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/169464

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