Eine neutestamentliche Exegese – aufgezeigt am Beispiel der Bibelstelle Matthäus 6, 9-13


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

22 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Textanalyse
2.1. Formale Analyse
2.1.1. Textabgrenzung
2.1.2. Textkritik
2.2. Synchrone Analyse
2.2.1. Einordnung des Gesamtaufriss
2.2.2. Linguistische Analyse
2.2.3. Textstruktur
2.3. Diachrone Analyse
2.3.1. Gattungskritik und Verwendungssituation
2.3.2. Zeit-, Sozial-, Religionsgeschichte, Traditionskritik
2.3.3 Synoptischer Vergleich
2.3.4. Redaktionskritik
2.4. Pragmatik

3. Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang:

1. Einleitung

„So nun sollt ihr beten:

Unser Vater in den Himmeln;

geheiligt werde dein Name;

es komme dein Königtum;

es geschehen dein Wille,

wie im Himmel auch auf Erden;

unser nötiges Brot gib uns heute;

und erlaß uns unsere Schuldigkeiten,

wie auch wir erließen unseren Schuldnern;

und nicht führe uns hinein in Versuchung,

sondern rette uns vom Bösen. [1]

Denn dein ist das Reich und die Kraft

Und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Amen“.[2]

Diese Worte des Gebetes Vater Unser ist das bekannteste Gebet des Christentums. Unzählige Menschen haben diese Worte bereits gebetet und in ihr Herz aufgenommen. Vor allem bei besonderen Anlässen konnte dieses Gebet Trost und Hoffnung spenden. Ebenso geht kein Gottesdienst in fast allen Konfessionen ohne das Herrengebet zu Ende.

Doch solch eine Vertrautheit mit einem Gebet kann dazu führen, dass dieses nicht mehr genau wahrgenommen wird und die Menschen nicht mehr auf jedes Wort Acht geben. Auch die lange Tradition des Gedichtes kann die Bedeutung verfremden. Sind sich die Menschen, nach 2000 Jahren, dessen bewusst? Und ist die Bedeutung des Vater Unsers ihnen verständlich? Was wollte Jesus mit diesem Herrengebet ursprünglich ausdrücken?

Aufgabe dieser Arbeit ist es, die Bedeutung der gesprochenen Worte Jesus auszulegen und sich der Ursprungsform zu nähern. Dieses soll am Beispiel des Matthäusevangeliums aufgezeigt werden. Hinsichtlich dessen wird sich die Arbeit zunächst mit der formalen Analyse befassen, welche den Textabschnitt abgrenzt und die Bedeutung dessen herausstellt. Zu klären gilt ebenso, die Auswahl der Bibel, mit zu arbeiten ist, da sich die deutschen Übersetzungen erheblich voneinander unterscheiden. Das vorangehende Kapitel wird sich mit der synchronen Analyse beschäftigen, welche das Gebet hinsichtlich der inhaltlichen-, sprachlichen und liturgischen Ebenen beleuchten wird. Im Rahmen der diachronen Analyse soll anschließend die Gattung so wie der Verwendungszweck zu klären sein. Die Zeit-,Sozial-, Religionsgeschichte so wie die Traditionskritik wird ebenfalls in dieser Arbeit ein Kapitel füllen. In diesem soll besonders auf die Bedeutung innerhalb der Überlieferung des Gebetes eingegangen werden. Das nächste Kapitel, der synoptische Vergleich ist in dieser Arbeit besonders stark ausgearbeitet, da das Gebet nicht nur im Matthäusevangelium vorzufinden ist, sondern ebenfalls im Lukasevangelium. Auf der Grundlage der Zweiquellentheorie wird der Vergleich beider Texte die Unterschiede und Übereinstimmungen durchleuchten. Die anschließende Redaktionsgeschichte knüpft an dieser an und fragt nach den Gesichtspunkten, unter denen Matthäus sein Material ausgewählt und zusammengestellt hat. Mit den letzten beiden Punkten, Pragmatik und Fazit, wir die Arbeit ihren Rahmen finden und die Fragen die Anlass zu dieser Arbeit waren diskutieren und versuchen zu beantworten.

2. Textanalyse

Die Textanalyse wird sich nun im Folgenden mit der Interpretation des Gebetes Vater Unser auf der formalen-, synchronen-, diachronen- und pragmatischen Analyse auseinandersetzen. Diese knüpfen einander an und bilden zusammen den Kern der Arbeit.

2.1. Formale Analyse

2.1.1. Textabgrenzung

Das Gebet Vater Unser hebt sich durch seine Anrede Gottes von den vorherigen Worten vom Plappergebet (Mt 6,7f.) ab. Vor allem durch die Worte: „So nun sollt ihr beten:“ (Mt 6,9) wird dem Leser deutlich, dass nun ein neuer Sinnabschnitt folgen wird. Das Plappern ist auf das falsche Beten und über dessen Eigenarten bezogen. Dadurch wird das Vater Unser im folgenden Text als ein Beispiel für das richtige Beten eingeführt.[3] Das Beten selbst geschieht zusammen in der Gemeinde, welches durch die Worte „uns“ (6,11-13) und „wir“ (6,11-12) verdeutlicht wird. Diese Worte lassen das Gebet von dem umgebenen Kontext erheblich unterscheiden und hervorheben. Ebenso verhält es sich mit dem folgenden Worten von der Vergebung (Mt 6,14f.). Die Verse 6,14f. folgen wie eine Erklärung des Gebetes und ergeben keine neuen Gedanken. Auch die Rede wird in diesem Abschnitt nicht von der Gemeinde, sondern wieder von Jesus selbst übernommen. Der Ort des Geschehens wird nicht gewechselt, da keine neue Geschichte oder Thematik eingeführt wird, sondern nur ein Beispiel für die vorherigen Worte.

2.1.2. Textkritik

Vergleicht man die Bibelstelle 6, 9-13 aus dem Matthäusevangelium in den verschiedenen deutschen Übersetzungen miteinander, lassen sich leichte Unterschiede zwischen diesen Ausgaben feststellen. Als „Repräsentanten“ der Übersetzungen sollen im Folgenden der Text nach der Zürcher Bibel[4], nach das Münchener Neues Testament[5] sowie nach der Elberfelder Bibel[6] herangezogen werden. Zur besseren Übersicht ist im Anhang eine Synopse der Texte zusammengestellt.[7] Zum besseren Verständnis werden die Bibeln jeweils mit den Ziffern ZB für die Züricher Bibel, MNT für das Münchener Neues Testament und EB für die Elberfelder Bibel verwendet.

Die gebräuchliche, sich an der Vulgata anlehnende Übersetzung „Vater unser“, welche meist von den lutherisch oder katholischen Bibeln ihre Benutzung findet, ist im Vers 9 in der deutschen Sprache nicht korrekt.[8] Davon machen jedoch die „Repräsentanten“ dieser Arbeit nicht gebrauch. Die beginnenden Worte „ so nun“ (MNT/EB) oder „so“ (ZB) weisen auf das Plappergebet (Mt 6,7f.) zurück, so dass das Vater Unser als Gegenspiel zum geschwätzigen Beten der Heiden dargestellt wird. Somit ist es unrelevant welchen Sprachgebrauch verwendet wird. Ein erster Unterschied ergibt sich im 9. Vers: das Münchener Neues Testament, so wie die Elberfelder Bibel benutzen den Wortlaut „Unser Vater in den Himmeln“ im Gegensatz zur Züricher Bibel, in der von „einem Himmel“ die Rede ist. Der Plural ist nicht nur eine Umschreibung des Gottesnamen, sondern sie gibt die Gebetsrichtung nach oben an. Hierbei ist besonders die Mehrzahl zweifellos für ein antikes Stockwerkschema gedacht, wonach Gott über den Himmeln dargestellt wird.[9] Ebenso deutet auch der einfache Begriff „Himmel “ auf solch ein Schema, jedoch wird durch den Plural der Ursprung deutlich hervorgehoben. Der nächste Unterschied findet sich in Vers 10 wieder. Dort wo das Münchener Neue Testament vom „Königtum“ redet, heisst es bei den anderen beiden Bibeln das „Reich“. Das ursprüngliche Wort kann jedoch sowohl den Ort (Reich) als auch die Ausübung der Basileia (Herrschaft) bezeichnen.[10] Im Allgemeinen wird deshalb nicht zwischen den beiden Begriffen unterschieden. Eine weitere nicht unerhebliche Diskrepanz zwischen den Texten findet sich in Vers 11. Die Brotbitte „Unser tägliches Brot gib uns heute“ (EB) impliziert durch das Wort „ täglich“ eine immer wiederkehrende Handlung und eine andauernde Gabe Gottes.[11] Anders bei dem Münchener Neuen Testament und der Zürcher Bibel, wonach die „nötige“ Gabe für „heute“ erbetet wird. Diese andauernde Tätigkeit, dass die Gabe des Brotes Tag für Tag erfolgen möge, lässt sich auch im Lukasevangelium wiederfinden. Vermutlich hat sich die Elberfelder Bibel an dem Lukasevangelium bedient. Diese scheint jedoch nicht dem ursprünglichen Wortlaut am nächsten zu sein.[12] Die Brotbitte insgesamt lässt sich in der griechischen Volkssprache, so wie in der griechischen Literatur nicht wiederfinden, sodass davon auszugehen ist, dass Matthäus dieses Wort neu erschaffen hat.[13] Ein letztes Problem auf den abschließend eingegangen werden soll, ist im Schlussvers 13 zu bemerken. Die Rede ist hier „vom Bösen“( MNT) oder „von dem Bösen“ (ZB/EB). Es ist zu unterscheiden zwischen dem Bösen Sinn im Allgemeinen und dem personifizierten Sinn. Beide Varianten sind möglich und im Matthäusevangelium belegbar.[14] Ebenso lässt sich keine Hilfe oder Anhaltspunkte in den jüdischen Parallelen finden, da das Böse in den verschiedensten Formen auftaucht (Elend, Leiden, Satan, böse Menschen etc.). Unter den Exegeten wird das Böse als Sünde bevorzugt und auf den Vers 12 verwiesen.[15] Der Zusammenhang zur Schuldenvergebung macht deutlich, dass das Böse vermutlich die Sünde ist, die uns von Gott trennt. Der Vergleich der Übersetzungen der „Repräsentanten“ lässt insgesamt nur leichte Unterschiede feststellen. Jedoch wird deutlich, dass das Münchener Neue Testament nah am Original Fuss fasst. Vor allem dadurch, dass die Elberfelder Bibel sich dem Lukasevangelium nähert, kann diese für die Arbeit ausgeschlossen werden. Die Züricher Bibel möchte, so wie das Münchener Neue Testament einen möglichst unverstellten Zugang zu den biblischen Texten eröffnen. Jedoch wird beim lesen deutlich, dass das Münchener Neue Testament dem griechischen Urtext näher liegt. Dies macht sich besonders durch die Wortstellung bemerkbar, welche sich nicht an der heutigen deutschen Sprache angepasst hat. Im weiteren Verlauf wird daher – sofern sich die Sekundärliteratur nicht auf andere Textgrundlagen bezieht – der Text nach dem Münchener Neuen Testament als Grundlage der Textanalyse herangezogen.

[...]


[1] Das Münchener Neue Testament, S. 59.

[2] Zürcher Bibel, S.14.

[3] Vgl.: Grundmann, Walter: Das Evangelium nach Matthäus, S. 199.

[4] Zürcher Bibel, Kirchenrat der Evangelisch-reformierten Landeskirche des Kantons Zürich (Hrsg.), Zürich 2007.

[5] Münchener Neues Testament. Studienübersetzung, Hainz, Josef (Hrsg.), Düsseldorf 2004.

[6] Elberfelder Studienbibel, 6. Aufl., Witten 2009.

[7] Siehe Anhang 1.

[8] Vgl.: Luz, Ulrich: Das Evangelium nach Matthäus, S. 434.

[9] Vgl.: Strecker, Georg: Die Bergpredigt, S. 114-115.

[10] Vgl.: Ebd., S. 118.

[11] Vgl.: Pokorny, Petr, Dr.: Der Kern der Bergpredigt, S. 44.

[12] Vgl.: Schneckenburg, Rudolf: Matthäusevangelium, S. 66.

[13] Vgl.: Strecker, Georg: Die Bergpredigt, S. 121.

[14] Vgl.: Mt 5,11; 5,37; 13,19; 13,38.

[15] Vgl.: Schmid, Josef: Das Evangelium nach Matthäus, S. 133.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Eine neutestamentliche Exegese – aufgezeigt am Beispiel der Bibelstelle Matthäus 6, 9-13
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
2,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
22
Katalognummer
V169550
ISBN (eBook)
9783640879564
ISBN (Buch)
9783640879823
Dateigröße
517 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Vater Unser, Exegese
Arbeit zitieren
Pia Brinkkoetter (Autor), 2010, Eine neutestamentliche Exegese – aufgezeigt am Beispiel der Bibelstelle Matthäus 6, 9-13, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/169550

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