Das Thema dieser Arbeit ist im letzten Semester aus zwei Hauptseminarsarbeiten entstanden. Zum Einen beruht es auf der Beschäftigung mit der Großaufnahme in der Arbeit „Die Funktion der Großaufnahme bei der Darstellung Gottes“ aus dem Hauptseminar „Gesichtsbilder“ bei Prof. Kay Kirchmann, zum Anderen auf der Analyse von 'Der Ewige Jude' in der Arbeit „Das Ahasver-Motiv im antisemitischen Propagandafilm 'Der Ewige Jude'“ aus dem Hauptseminar „Ahasver: Geschichte eines literarischen Mythos“ bei Prof. Gunnar Och.
An dem Film besonders aufgefallen sind die Aufnahmen aus dem polnischen Ghetto. Zwar wird durch den Ton eine eindeutig antisemitische Botschaft vermittelt. Doch scheinen die Bilder alleine, insbesondere die Gesichtsbilder, losgelöst von der Tonspur diese Intention nicht zu unterstützen. Diese Gesichter haben bei den Teilnehmern einer zeitgenössischen Studie zur Wirkung des Films auf die Zuschauer eher Sympathie oder Mitleid, als Ekel oder Ablehnung hervorgerufen. Diese Beobachtung hat die Frage aufgeworfen, inwieweit die Bilder selbst eine antisemitische Wirkung hervorrufen mussten oder ob nicht vielmehr die Tonspur und vorherrschende Diskurse der damaligen Zeit diesen Bildern erst eine judenfeindliche Tendenz zusprachen. Mussten die jüdischen Gesichter überhaupt für sich alleine stehend eine eindeutige Aussage treffen? Oder reichte zu dieser Zeit durch das antisemitische Klima nicht bereits die Deklarierung eines Gesichts als Jüdisches, um diesem etwas Böses zuzusprechen?
Wie verhält es sich nun aber mit dem Spielfilm 'Jud Süß'? Hier wird dem Zuschauer nicht durch Vorspann, Kommentar oder Ähnliches erklärt, wie die gezeigten Bilder zu verstehen sind, so wie es bei 'Der Ewige Jude' der Fall ist. Das Publikum muss sich in diesem Fall eine eigene Meinung bilden. Wie also werden hier die Großaufnahmen jüdischer Gesichter eingesetzt, um die judenfeindliche Absicht zu verdeutlichen? Man sieht in diesem Fall ein inszeniertes Bild, ein arrangiertes Gesicht. Zwar lässt sich anzweifeln, dass die Gesichter aus 'Der Ewige Jude' neutral und ohne das Eingreifen eines Regisseurs abgefilmt worden sind, doch wird hier zumindest der dokumentarische Schein gewahrt. Man sieht keine professionellen Schauspieler. Wie also werden die Gesichter der Darsteller in 'Jud Süß' in Szene gesetzt, um der antisemitischen Absicht Ausdruck zu verleihen? Welche Unterschiede lassen sich zu den Laien erkennen, welche Gemeinsamkeiten gibt es?
Inhaltsverzeichnis
- Einleitung
- Physiognomik, Rassenlehre und Antisemitismus in Deutschland
- Physiognomik als Vorläufer der Rassenlehren
- Antisemitismus und Rassenlehren im 19. und 20. Jahrhundert
- Lagardes Deutsche Schriften
- Chamberlains Grundlagen des Neunzehnten Jahrhunderts
- Rosenbergs Mythus des 20. Jahrhunderts
- Hitlers Vorbilder
- Nationalsozialistische Rassenlehre
- Antisemitische Grundzüge
- Das jüdische Gesicht
- Nationalsozialistische Propaganda
- Propagandaminister Joseph Goebbels
- Propaganda im NS-Film
- Antisemitische Tendenzen im NS-Film
- Großaufnahme
- Balázs' Der sichtbare Mensch
- Eisensteins Das Organische und der Pathos
- Analyse jüdischer Gesichtsbilder in den Filmbeispielen
- Der Ewige Jude
- Entstehung und Inhalt
- Funktion der Gesichtsbilder
- Jud Süß
- Entstehung und Inhalt
- Funktion der Gesichtsbilder
- Gemeinsamkeiten - Unterschiede
- Der Ewige Jude
- Resümee
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Diese Arbeit untersucht die Funktion der Großaufnahme bei der Darstellung des jüdischen Gesichts in antisemitischen Propagandafilmen. Im Fokus stehen die Filme "Der Ewige Jude" und "Jud Süß". Die Arbeit analysiert die Rolle der Großaufnahme im Kontext der nationalsozialistischen Rassenlehre und Propaganda, wobei sie die historischen und theoretischen Grundlagen des Antisemitismus beleuchtet.
- Die Verbindung zwischen Physiognomik, Rassenlehre und Antisemitismus
- Die Rolle der Großaufnahme in der filmischen Darstellung jüdischer Gesichter
- Die Bedeutung von Antisemitismus und Rassenlehre im Kontext der nationalsozialistischen Propaganda
- Die Analyse der Gesichtsbilder in den Filmen "Der Ewige Jude" und "Jud Süß"
- Die Unterschiede und Gemeinsamkeiten in der Darstellung jüdischer Gesichter in den beiden Filmen
Zusammenfassung der Kapitel
Die Einleitung führt in die Thematik ein und erläutert die Motivation für die Analyse der Großaufnahme im Kontext antisemitischer Propagandafilme. Kapitel 2 beleuchtet die historische Entwicklung der Physiognomik und ihrer Verbindung zur Rassenlehre. Es werden exemplarische Beispiele antisemitischer Rassentheorien vorgestellt, um das antisemitische Klima in Deutschland vor dem Nationalsozialismus aufzuzeigen. Kapitel 3 beschäftigt sich mit der nationalsozialistischen Rassenlehre, insbesondere mit der physiognomischen Beschreibung jüdischer Gesichter. Kapitel 4 analysiert die nationalsozialistische Propaganda, mit besonderem Fokus auf den NS-Film. Es werden antisemitische Tendenzen im NS-Film beleuchtet. Kapitel 5 stellt unterschiedliche Theorien zur Funktion der Großaufnahme vor. Kapitel 6 analysiert die Gesichtsbilder in den Filmen "Der Ewige Jude" und "Jud Süß" und untersucht deren Funktion im Kontext der antisemitischen Propaganda. Kapitel 7 fasst die Ergebnisse der Arbeit zusammen.
Schlüsselwörter
Antisemitismus, Rassenlehre, Physiognomik, Großaufnahme, Propaganda, Nationalsozialismus, "Der Ewige Jude", "Jud Süß", Gesichtsbilder, Film, Jüdische Gesichter, Antisemitische Propagandafilme.
Häufig gestellte Fragen
Welche Funktion hat die Großaufnahme im NS-Propagandafilm?
Großaufnahmen wurden genutzt, um jüdische Gesichter physiognomisch zu dekonstruieren und im Sinne der NS-Rassenlehre als "fremd" oder "böse" zu markieren.
Wie unterscheiden sich "Der Ewige Jude" und "Jud Süß" in der Darstellung?
"Der Ewige Jude" nutzt einen dokumentarischen Schein mit Laienaufnahmen, während "Jud Süß" ein inszenierter Spielfilm ist, der professionelle Schauspieler nutzt, um antisemitische Klischees zu verkörpern.
Was ist die Rolle der Tonspur in "Der Ewige Jude"?
Die Tonspur gibt den Bildern oft erst die eindeutig antisemitische Richtung vor, da die reinen Gesichtsbilder ohne Kommentar beim Publikum teils Mitleid erregten.
Welchen Einfluss hatte die Physiognomik auf den Antisemitismus?
Die Physiognomik diente als pseudowissenschaftlicher Vorläufer der Rassenlehre, indem sie versuchte, vom äußeren Erscheinungsbild auf den Charakter zu schließen.
Wer waren die theoretischen Wegbereiter der NS-Rassenlehre?
Die Arbeit nennt unter anderem Houston Stewart Chamberlain und Alfred Rosenberg als einflussreiche Ideengeber für Hitlers Weltbild.
- Quote paper
- Elisabeth Jung (Author), 2010, Die Funktion der Großaufnahme bei der Darstellung des jüdischen Gesichts im antisemitischen Propagandafilm, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/169597