Dieser Essay bietet eine präzise und theoretisch fundierte Einführung in Sigmund Freuds Konzept des Unbewussten und rekonstruiert dessen zentrale Bedeutung für das moderne Verständnis des Subjekts. Ausgehend von der sogenannten „psychologischen Kränkung“ – der Einsicht, dass das Ich nicht Herr im eigenen Haus ist – wird gezeigt, wie Freud mit der Kategorie des Unbewussten einen radikalen Bruch mit bewusstseinszentrierten Psychologien des 19. Jahrhunderts vollzieht.
Der Text arbeitet systematisch die Unterscheidung zwischen dem deskriptiven und dem systematischen Begriff des Unbewussten heraus und verfolgt die Entwicklung von Freuds Denken von den frühen hysteriebezogenen Modellen bis zur topographischen Struktur von Unbewusstem, Vorbewusstem und Bewusstsein. Dabei werden zentrale Mechanismen wie Verdrängung, Primärvorgang, Verdichtung und Verschiebung anhand der Traumtheorie erläutert und in ihren theoretischen Konsequenzen eingeordnet.
Im Fokus steht nicht nur die Frage, wie Freud das Unbewusste definiert, sondern auch, wie es begründet und methodisch erschlossen wird. Das Fazit zeigt, dass das Unbewusste nicht als abgeschlossener Ort, sondern als relationale Kategorie zu verstehen ist, die das Subjekt strukturell spaltet.
Inhaltsverzeichnis
- I. Inhaltsverzeichnis
- 1. Die psychologische Kränkung
- 2. Das System ‚Unbewusst‘
- 3. Fazit: Die Lokalisation des Unbewussten und das gespaltene Subjekt.
- II. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit zielt darauf ab, Freuds Konzept des Unbewussten in der Psychoanalyse detailliert zu untersuchen. Dabei sollen sowohl die begriffliche Bedeutung als auch die Begründung von Freuds Konzeption herausgearbeitet werden. Die zentrale Forschungsfrage lautet: „Wie definiert und begründet Freud die Kategorie des Unbewussten?“
- Die historische und konzeptuelle Einführung des Unbewussten durch Freud und seine Vorläufer.
- Die Bedeutung der „psychologischen Kränkung“ in Freuds Denken, dass das Ich nicht Herr im eigenen Haus sei.
- Die Unterscheidung zwischen dem deskriptiven und systematischen Sinn des Unbewussten.
- Freuds Entwicklung des Unbewussten von einem „zweiten Bewusstsein“ bei Kranken zu einem allgemeinen Bestandteil der menschlichen Psyche.
- Die Rolle der Traumdeutung sowie der Mechanismen von Verdrängung, Verdichtung und Verschiebung beim Verständnis des Unbewussten.
- Die Charakteristika des Unbewussten und die Implikation eines „gespaltenen Subjekts“.
Auszug aus dem Buch
2. Das System ‚Unbewusst‘
Dagegen eröffnet der zweite, systematische Sinn die Möglichkeit einer Unterteilung psychischer Elemente nach ihrer Zugehörigkeit zu verschiedenen Systemen, welche unterschiedliche Eigenschaften und Funktionsweisen haben. Die Erforschung des Unbewussten als ein solches System ist eine zentrale Errungenschaft der Freudschen Psychoanalyse. Zu Beginn der Entwicklung der Psychoanalyse war Freuds Annahme zunächst, dass das Unbewusste ein intern kohärentes zweites Bewusstsein ist, welches ausschließlich bei psychisch Kranken entsteht. Als Anstoß für diese Spaltung, welche ausschlaggebend für die Entstehung der hysterischen Neurose sei, sah er starke affektvolle Eindrücke sexueller Art an, welche mit dem Ich unverträglich seien, weswegen dieses sie willentlich aus dem Bewusstsein dränge (Freud 1895: 88,141,255; Mannoni 1985: 30). Daraus schließt er, dass
„bei der Hysterie [...] Vorstellungsgruppen vorhanden sind, die vom assoziativen Verkehre mit den übrigen ausgeschlossen, aber untereinander assoziierbar, ein mehr oder minder hoch organisiertes Rudiment einer zweiten Bewußtseins, einer condition seconde darstellen“ (Freud 1895: 95, Hervorhebung i.O.).
Die vielfältigen Probleme des Affekt-Trauma-Bezugsrahmens des frühen Freuds sollen hier nicht ausführlich behandelt werden. In Hinblick auf die Kategorie des Unbewussten, das Objekt der vorliegenden Arbeit, kann jedoch festgehalten werden, dass Freud sich von dieser Idee eines zweiten Bewusstseins, welches ausschließlich bei Kranken entstehen könne, schnell entfernte. Über die Erforschung der Träume und Fehlleistungen gelangte er zur Annahme der allgemeinen Existenz des Unbewussten sowohl in der normalen als auch in der pathologischen menschlichen Psyche. Das Unbewusste ist bei Freud spätestens seit der Traumdeutung somit Teil einer Topik des Seelenlebens, welche daneben noch die Systeme des Vorbewussten und des Bewusstseins enthält. Bereits in den Studien über Hysterie, welche diese Dreiteilung noch nicht kennt, gestaltet sich die topographische Beschreibung der Psyche als hochgradig komplex. Die verschiedenen Vorstellungen sind laut Freud auf drei Weisen miteinander verknüpft: Erstens linear chronologisch, zweitens nach der Größe des Widerstands und drittens durch
Zusammenfassung der Kapitel
1. Die psychologische Kränkung: Dieses Kapitel erörtert Freuds Einführung des Unbewussten, seine historischen Vorläufer und wie seine systematische Theorie zur „psychologischen Kränkung“ führte, dass der Mensch nicht Herr im eigenen Haus ist. Es stellt auch die Forschungsfrage der Arbeit zur Definition und Begründung des Unbewussten vor.
2. Das System ‚Unbewusst‘: Dieses Kapitel unterscheidet zwischen dem deskriptiven und systematischen Sinn des „Unbewussten“ und verfolgt Freuds Entwicklung vom Verständnis eines „zweiten Bewusstseins“ bei Kranken zu einem allgemeinen Teil der menschlichen Psyche, der in sein topisches Modell integriert ist. Es erläutert zudem Mechanismen wie Verdrängung, Verdichtung und Verschiebung, insbesondere im Kontext der Traumdeutung.
3. Fazit: Die Lokalisation des Unbewussten und das gespaltene Subjekt: Dieses Kapitel fasst die Prozesse der Verdrängung und des Bewusstwerdens zusammen und diskutiert die Grenzen von Freuds topographischem Modell hinsichtlich der Lokalisierung des Unbewussten. Es kommt zu dem Schluss, dass das Unbewusste als relationale Kategorie einen inneren Antagonismus im modernen Menschen impliziert.
Schlüsselwörter
Unbewusstes, Freud, Psychoanalyse, Psychologische Kränkung, Traumdeutung, Verdrängung, Vorbewusstes, Bewusstsein, Hysterie, Triebrepräsentanzen, Verdichtung, Verschiebung, Topik des Seelenlebens, Subjektspaltung, Primärvorgang
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich grundsätzlich mit Sigmund Freuds Konzept des Unbewussten innerhalb der Psychoanalyse, seiner begrifflichen Bedeutung und der historischen sowie theoretischen Begründung dieses Konzepts.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themenfelder umfassen Freuds Entdeckung des Unbewussten, die „psychologische Kränkung“, die Abgrenzung von bewussten und unbewussten psychischen Vorgängen, die Rolle der Traumdeutung und die Dynamik von Abwehrmechanismen wie der Verdrängung.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel der Arbeit ist es, Freuds Konzept des Unbewussten genau zu untersuchen. Die explizite Forschungsfrage lautet: „Wie definiert und begründet Freud die Kategorie des Unbewussten?“
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verwendet eine konzeptuelle Analyse und Interpretation von Freuds Theorien und Thesen. Sie ordnet diese in den Entstehungskontext ein, insbesondere im Hinblick auf seine Forschungen zur Hysterie und zu Träumen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil der Arbeit behandelt detailliert das System des Unbewussten nach Freud, seine deskriptiven und systematischen Aspekte, seine Entwicklung von einem "zweiten Bewusstsein" zu einem allgemeinen Phänomen sowie die Mechanismen der Verdichtung und Verschiebung, wie sie in der Traumdeutung relevant sind.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Charakterisierende Schlüsselwörter sind unter anderem: Unbewusstes, Freud, Psychoanalyse, Psychologische Kränkung, Traumdeutung, Verdrängung, Topik des Seelenlebens, Subjektspaltung.
Wie unterscheidet Freud zwischen dem deskriptiven und systematischen Sinn des Unbewussten?
Im deskriptiven Sinn bezeichnet „unbewusst“ psychische Elemente, die zum gegebenen Zeitpunkt nicht im Bewusstsein präsent sind, aber leicht zugänglich gemacht werden können. Der systematische Sinn hingegen ermöglicht eine Unterteilung psychischer Elemente nach ihrer Zugehörigkeit zu verschiedenen Systemen mit spezifischen Eigenschaften und Funktionen.
Welche Rolle spielt die „psychologische Kränkung“ in Freuds Theorie des Unbewussten?
Die „psychologische Kränkung“ pointiert die bahnbrechende Erkenntnis Freuds, dass der Mensch nicht „Herr im eigenen Haus“ ist, also nicht vollständige Kontrolle über seine eigenen psychischen Vorgänge besitzt, was durch die Entdeckung und Theorisierung des Unbewussten verdeutlicht wird.
Wie trägt die Traumdeutung zum Verständnis des Unbewussten bei?
Die Traumdeutung ist entscheidend, da sie Träume als zensierte Wunscherfüllungen unbewusster Triebwünsche auslegt. Durch die Analyse dieser Träume können unbewusste Vorstellungen ins Bewusstsein übersetzt und wichtige Rückschlüsse auf deren Inhalte und Funktionen gezogen werden.
Was ist mit dem „gespaltenen Subjekt“ gemeint, das im Fazit erwähnt wird?
Das „gespaltene Subjekt“ verweist darauf, dass das Unbewusste als relationale Kategorie einen inneren Antagonismus oder eine Dezentrierung im modernen Menschen impliziert, da das Ich nicht die alleinige Instanz der psychischen Kontrolle ist.
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- Anne Weber (Autor), 2023, Freuds Konzept des Unbewussten, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1696240