Die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) in der Perinatalzeit stellt eine bislang wenig beachtete Herausforderung in der Hebammenarbeit dar. Neben psychosozialen Belastungen bestehen erhöhte Risiken, etwa für postpartale Depressionen oder Angststörungen. Zugleich fehlen direkte wissenschaftliche Erkenntnisse zur Hebammenbegleitung betroffener Frauen.
Ziel dieser Arbeit ist es, Grundlagen für eine professionelle und diversitätssensible Hebammenbetreuung von Frauen mit ADHS in der Perinatalzeit zu schaffen. Dabei wurde ein methodischer Bogen geschlagen. Ausgehend von Konzepten und Fortbildungsinhalten zur psychosozialen Begleitung vulnerabler Frauen wurden diese systematisch analysiert, um daraus handlungsleitende Prinzipien abzuleiten, die auf die spezifische Begleitung von Frauen mit ADHS in der Perinatalzeit übertragbar sind.
Hierfür wurde ein Critically Appraised Topic (CAT) durchgeführt das eine systematische deutschsprachige Literaturrecherche umfasst. Die Ergebnisse wurden theoriegeleitet anhand des professionellen Handelns nach Oevermann und des Neurodiversitätsansatzes eingeordnet und im Transferteil der Arbeit gezielt auf die Bedarfe von Frauen mit ADHS übertragen.
Die Analyse zeigt, dass sich Fortbildungen für Hebammen zur psychosozialen Begleitung vulnerabler Frauen insbesondere mit Themen wie Ressourcenorientierung, Gesprächsführung, Ermutigung und professioneller Selbstverortung befassen. Zudem werden in der Praxis psychosoziale Konzepte umgesetzt, die handlungsleitende Prinzipien wie vertrauensvolle Beziehungsgestaltung, strukturierte psychosoziale Einschätzung und Partizipation erkennen lassen. Diese Prinzipien können – unter Berücksichtigung des theoretischen Bezugsrahmens – als Grundlage für eine differenzierte, diversitätssensible und ressourcenorientierte Hebammenbegleitung von Frauen mit ADHS in der Perinatalzeit dienen.
Die Arbeit verdeutlicht die Notwendigkeit, das Thema ADHS in der Hebammenbildung stärker zu verankern, um eine bedürfnisorientierte psychosoziale Begleitung von Frauen mit ADHS in der Perinatalzeit zu ermöglichen. Hierzu werden Impulse für die Entwicklung entsprechender Fortbildungsinhalte skizziert.
Inhaltsverzeichnis
- Vorbemerkung
- Abstrakt
- Abstract
- Inhaltsverzeichnis
- Abkürzungsverzeichnis
- Abbildungsverzeichnis
- Tabellenverzeichnis
- 1 Einleitung
- 2 Hintergrund
- 2.1 ADHS
- 2.1.1 Genderspezifika
- 2.1.2 Spät- oder nicht diagnostizierte ADHS: Lebensrealitäten und Folgen
- 2.1.3 Komorbiditäten und psychosoziale Folgen
- 2.2 ADHS und Gesellschaft
- 2.2.1 Stigmatisierung und gesellschaftliche Zuschreibungen
- 2.2.2 Neurodiversitätsbewegung und Stärkenorientierung
- 2.3 ADHS in der Perinatalzeit
- 2.3.1 Kritische Übergänge und Vulnerabilitäten
- 2.3.2 Spezifische Herausforderungen und Risiken in der Perinatalzeit
- 2.4 ADHS in der Hebammenarbeit
- 2.4.1 Herausforderungen in der Hebammenarbeit bei ADHS
- 2.4.2 Berücksichtigung von ADHS in Studium und Fortbildung von Hebammen
- 2.4.3 Zusammenarbeit im Rahmen freiberuflicher Hebammentätigkeit mit anderen Berufsgruppen
- 2.1 ADHS
- 3 Theoretischer Bezugsrahmen
- 3.1 Die Professionalisierungstheorie nach Oevermann
- 3.2 Der Neurodiversitätsansatz als theoretischer Bezugsrahmen
- 4 Herleitung der heuristischen Hypothesen
- 5 Zielsetzung und Überführung der heuristischen Hypothesen in eine Fragestellung an das Critically Appraised Topic (CAT)
- 6 Methodenauswahl
- 7 CAT
- 7.1 Aufbau der Recherche
- 7.1.1 Auswahl der Datenbanken
- 7.1.2 Entwicklung der Suchbegriffe
- 7.1.3 Suchstrategie
- 7.1.4 Filtereinstellungen
- 7.1.5 Ein – und Ausschlusskriterien
- 7.1.6 Evidenzbeurteilung
- 7.1.7 Verwaltung und Dokumentation der gefunden Literatur
- 7.1.8 Handrecherche
- 7.2 Rechercheergebnisse
- 7.2.1 Graphische Darstellung der Ergebnisse
- 7.2.2 Narrative Darstellung der Ergebnisse
- 7.2.3 Ergebnisse der Handrecherche
- 7.1 Aufbau der Recherche
- 8 Diskussion
- 9 Literaturbasierte Hypothese
- 10 Transfer in die Praxis
- 10.1 Theoriegeleitete Reflexion der Ergebnisse im Kontext von ADHS
- 10.2 Perspektive: Skizzierung eines Fortbildungsprojektes
- 11 Methodenreichweitendiskussion
- 12 Schlußbemerkung
- 13 Rechercheprotokoll
- 13.1 Eingeschlossene Literatur tabellarisch
- 13.1.1 Eingeschlossene Literatur CareLit
- 13.1.2 Eingeschlossene Literatur PSYNDEX
- 13.1.3 Eingeschlossene Literatur GESIS
- 13.1.4 Ergebnisse der Handrecherche
- 13.2 Rechercheprotokoll tabellarisch
- 13.2.1 Rechercheprotokoll CareLit
- 13.2.2 Rechercheprotokoll PSYNDEX
- 13.2.3 Rechercheprotokoll GESIS
- 13.1 Eingeschlossene Literatur tabellarisch
- 14 Literaturverzeichnis
- 14.1 Gesamtliteratur
- 14.2 Eingeschlossene Literatur
- 14.3 Ausgeschlossene Literatur
- 14.4 Internetquellen
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit zielt darauf ab, Grundlagen für eine professionelle und diversitätssensible Hebammenbetreuung von Frauen mit ADHS in der Perinatalzeit zu schaffen. Hierfür werden spezifische Anforderungen, Bedarfe und Perspektiven professionellen Handelns auf Basis einer systematischen Literaturübersicht und theoretischer Einordnungen differenziert betrachtet.
- ADHS in der Perinatalzeit als eine bisher wenig beachtete Herausforderung in der Hebammenarbeit.
- Erhöhte psychosoziale Belastungen und Risiken, wie postpartale Depressionen oder Angststörungen, bei betroffenen Frauen.
- Genderspezifische Unterschiede in der Symptomatik und Diagnostik von ADHS bei Frauen.
- Der Neurodiversitätsansatz als Rahmen für einen ressourcenorientierten Umgang mit neurologischer Vielfalt.
- Analyse bestehender Konzepte und Fortbildungsinhalte zur psychosozialen Begleitung vulnerabler Frauen.
- Ableitung handlungsleitender Prinzipien für eine bedürfnisorientierte, diversitätssensible Hebammenbetreuung von Frauen mit ADHS.
Auszug aus dem Buch
2.1 ADHS
ADHS gehört zu den häufigsten Entwicklungsstörungen im Kindesalter und ist durch die Kernsymptome Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität gekennzeichnet (vgl. Philipsen/Döpfner 2020, S. 910; Gawrilow 2023, S. 21-22). In den letzten Jahren hat die mediale Berichterstattung über ADHS deutlich zugenommen – ein Zeichen dafür, dass Themen wie mentale Gesundheit und unterschiedliche Lebensrealitäten in unserer Gesellschaft mehr Beachtung finden, wie es beispielsweise auch im Bericht des Robert-Koch-Institutes über psychische Gesundheit in Deutschland aufgezeigt wird (vgl. Cohrdes/Hapke et al. 2022, S. 6). Auch wenn dadurch der Eindruck entsteht, ADHS sei ein neuartiges Phänomen, zeigen historische Quellen, dass es sich um ein lang bekanntes Erscheinungsbild handelt. Bereits 1775 beschrieb der deutsche Arzt Melchior Adam Weikard in Der Philosophische Arzt unter dem Begriff „Attentio Volubilis“ Symptome wie Ablenkbarkeit und Konzentrationsschwierigkeiten (vgl. Barkley/Peters 2012, S. 625).
Ein weiteres frühes Beispiel findet sich 1845 im Kinderbuch Struwwelpeter von Heinrich Hoffmann, in dem die Figur des Zappelphilipps ein auffälliges hyperaktives Verhalten darstellt, das später sinnbildlich als ADHS interpretiert wurde (vgl. Krause/Krause 2018, S.1). Ein weiteres Beispiel für frühe klinische Beschreibungen findet sich 1902 bei George Frederick Still, der die hyperaktiven und unaufmerksamen Verhaltensweisen erstmals systematisch dokumentierte (vgl. Krause/Krause 2018, S.2). Lange Zeit jedoch wurde ADHS, insbesondere in Deutschland, hauptsächlich als Störung des Kindes- und Jugendalters betrachtet (vgl. Gawrilow 2023, S. 102). Erst ab Ende der 1990er-Jahre begann auch hierzulande eine intensivere Auseinandersetzung mit ADHS im Erwachsenenalter – eine Entwicklung, die in anderen Ländern wie den USA deutlich früher einsetzte (vgl. Krause/Krause 2018, S. 3). Heute weiß man, dass sich die Symptomatik bei etwa drei Vierteln der betroffenen Kinder bis ins Erwachsenenalter fortsetzt – oft in veränderter Form.
So wandelt sich die früher körperliche Unruhe im Erwachsenenalter häufig in eine innere Getriebenheit oder Rastlosigkeit (vgl. Heine/Exner 2021, S. 148; Krause/Krause 2018, S. 83). Auch emotionale Dysregulation, Desorganisation und Selbstwertprobleme treten im Erwachsenenalter häufig in den Vordergrund (vgl. Krause/Krause 2018, S. 83). Für eine Diagnose müssen laut Leitlinie die Symptome mindestens sechs Monate bestehen, in verschiedenen Lebensbereichen auftreten und bereits seit der Kindheit vorhanden sein (vgl. Krause/Krause 2018, S. 20-21; AWMF 2018, S.10, Zugriff: 20.04.2025).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Dieses Kapitel stellt die Relevanz von ADHS im Kontext der Perinatalzeit dar und beschreibt die Struktur der Arbeit, die sich mit medizinischen, psychologischen und gesellschaftlichen Grundlagen befasst.
2 Hintergrund: Der Hintergrund erläutert die Grundlagen von ADHS aus verschiedenen Perspektiven, einschließlich genderspezifischer Besonderheiten, psychosozialer Belastungen in der Perinatalzeit und der Rolle der Hebammenarbeit.
3 Theoretischer Bezugsrahmen: Hier werden die Professionalisierungstheorie nach Oevermann und der Neurodiversitätsansatz eingeführt, die als interpretativer Rahmen für die späteren Ergebnisse dienen.
4 Herleitung der heuristischen Hypothesen: In diesem Kapitel werden erste Annahmen zu den Herausforderungen und Bedarfen von Frauen mit ADHS in der Perinatalzeit entwickelt, die als Basis für die Forschungsfragen dienen.
5 Zielsetzung und Überführung der heuristischen Hypothesen in eine Fragestellung an das Critically Appraised Topic (CAT): Die entwickelten Hypothesen werden in konkrete Forschungsfragen für die systematische Literaturrecherche mittels der CAT-Methode überführt.
6 Methodenauswahl: Dieses Kapitel begründet die Wahl des Critically Appraised Topic (CAT) als Forschungsmethode zur systematischen Bearbeitung der Fragestellungen.
7 CAT: Die Planung, Durchführung und Dokumentation der systematischen Literaturrecherche, inklusive Datenbankauswahl, Suchstrategie und Ergebnisauswertung, werden detailliert beschrieben.
8 Diskussion: Die in der Literaturanalyse gewonnenen Erkenntnisse werden diskutiert, ihre Grenzen aufgezeigt und ihre Relevanz für die psychosoziale Begleitung vulnerabler Frauen beleuchtet.
9 Literaturbasierte Hypothese: Auf Basis der Literaturauswertung wird eine zentrale Hypothese zur bedarfsgerechten psychosozialen Begleitung vulnerabler Frauen in der Hebammenarbeit formuliert.
10 Transfer in die Praxis: Die Ergebnisse und handlungsleitenden Prinzipien werden in praxisnahe Überlegungen für die Hebammenarbeit mit Frauen mit ADHS überführt und Impulse für ein Fortbildungsprojekt skizziert.
11 Methodenreichweitendiskussion: Dieses Kapitel bietet eine kritische Reflexion der methodischen Vorgehensweise, der Quellenerschließung und der Reichweite der Ergebnisse.
12 Schlußbemerkung: Die Schlussbemerkung fasst die wesentlichen Erkenntnisse zusammen und betont die Notwendigkeit, ADHS und Neurodiversität stärker in die Hebammenausbildung zu integrieren.
Schlüsselwörter
Hebamme, ADHS, Perinatalzeit, psychosoziale Begleitung, Neurodiversität, handlungsleitende Prinzipien, Fortbildung, psychische Belastung, Schwangerschaft, Wochenbett, Familienbetreuung, Risikofaktoren, Kompetenzentwicklung, Interprofessionelle Zusammenarbeit, emotionale Dysregulation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Diese Arbeit untersucht die spezifischen Anforderungen an die Hebammenbetreuung von Frauen mit Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) während der Perinatalzeit, um Grundlagen für eine professionelle und diversitätssensible Begleitung zu schaffen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themenfelder sind ADHS im Erwachsenenalter, genderspezifische Besonderheiten, psychosoziale Belastungen in der Perinatalzeit, der Neurodiversitätsansatz, sowie die Rolle der Hebammen in Bezug auf Fortbildung und interprofessionelle Zusammenarbeit.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, auf Basis einer systematischen Literaturübersicht und theoretischer Einordnungen spezifische Anforderungen, Bedarfe und Perspektiven professionellen Handelns für die psychosoziale Begleitung von Frauen mit ADHS in der Perinatalzeit abzuleiten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Zur Beantwortung der Forschungsfragen wird ein Critically Appraised Topic (CAT) durchgeführt, das eine systematische deutschsprachige Literaturrecherche umfasst.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden die medizinischen, psychologischen und gesellschaftlichen Grundlagen von ADHS, genderspezifische Aspekte, die Herausforderungen in der Perinatalzeit sowie die Rolle der Hebammenarbeit beleuchtet. Zudem werden theoretische Bezugsrahmen und heuristische Hypothesen vorgestellt.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Schlüsselwörter wie Hebamme, ADHS, Perinatalzeit, psychosoziale Begleitung, Neurodiversität, handlungsleitende Prinzipien, Fortbildung, psychische Belastung und interprofessionelle Zusammenarbeit charakterisiert.
Welche Rolle spielt der Neurodiversitätsansatz in dieser Arbeit?
Der Neurodiversitätsansatz dient als theoretischer Bezugsrahmen, um neurologische Unterschiede, wie ADHS, nicht als Defizit, sondern als Ausdruck menschlicher Vielfalt zu betrachten und eine ressourcenorientierte und inklusive Perspektive auf psychosoziale Bedürfnisse in der Hebammenarbeit zu ermöglichen.
Welche spezifischen Herausforderungen im Umgang mit ADHS-Medikation während Schwangerschaft und Stillzeit werden genannt?
Der Umgang mit ADHS-Medikation stellt in Schwangerschaft und Stillzeit eine besondere Herausforderung dar, da viele Betroffene ihre Medikation, oft Stimulanzien, bei Bekanntwerden der Schwangerschaft absetzen. Es wird die Notwendigkeit individueller Abwägungen und angepasster Empfehlungen betont, da das Risiko bei Methylphenidat als geringer eingeschätzt wird.
Was sind die Kernhypothesen dieser Arbeit?
Die Arbeit fokussiert auf zwei Kernhypothesen: erstens, dass Hebammen durch kontinuierliche Fortbildung und reflexive Praxis ADHS-bezogenen Herausforderungen kompetent begegnen können; zweitens, dass Frauen mit ADHS die Perinatalzeit als krisenanfällig erleben und auf strukturelle sowie kommunikative Barrieren im Versorgungssystem stoßen.
Wie kann interprofessionelle Zusammenarbeit die Hebammenarbeit bei Frauen mit ADHS unterstützen?
Interprofessionelle Zusammenarbeit, insbesondere in komplexen psychosozialen Betreuungssituationen, ist entscheidend. Sie ermöglicht eine abgestimmte Versorgung, bei der verschiedene Berufsgruppen ihre Perspektiven und Kompetenzen einbringen, um individuell passende Unterstützungsangebote zu gestalten und psychosoziale Belastungen frühzeitig abzufedern.
- Arbeit zitieren
- Sylvia Hönig (Autor:in), 2025, ADHS in der Perinatalzeit. Spezifische Anforderungen an die Hebammenbetreuung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1696722