Europäische Werte, ihre Gemeinsamkeiten, Leitfunktionen und Wurzeln


Essay, 2010

5 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Welche spezifisch europäischen Werte lassen sich aus meiner Sicht heute noch festmachen? Wie ist deren Leitfunktion?

Welche Wurzeln haben diese Werte?

Eine, aus meiner Sicht äußerst spannende Frage, da europäischen Gemeinsamkeiten vor dem kulturhistorischen Hintergrund von über Jahrhunderte andauernden Auseinandersetzungen um territoriale Vormacht, Glaubensfragen und politischer Macht auf den ersten Blick nicht wirklich zu existieren scheinen. Letzten Endes könnte sich der Eindruck vermitteln, dass sich diese womöglich eher transzendenten Werte unter einem äußeren Druck, in der Moderne wohl ein wirtschaftlicher, dann dennoch gebildet haben und sich eher an (Angst) Schweiß statt an Blut orientieren. D.h. dass diese Gemeinsamkeiten eher ein Konstrukt der Vernunft als der Leidenschaft darstellen und damit wohl kaum eine breite Masse, denn eine kleine Elite bedient. Damit wird der weit verbreitete Euroskeptizismus klarer verständlich, wenn die inneren Werte einer politischen und gesellschaftlichen Organisation, wie sie Europa nun einmal anstrebt, für den Großteil seiner Bevölkerung nicht emotional erfahrbar, kaum überschaubar und damit schwer nachvollziehbar wird.

Andererseits machen gerade diese Diversität, diese Brüche, der fehlende Guss, die (angestrebte) Einheit in der Vielfalt den eigentlichen Charme Europas aus und setzt damit auf eine absolute Einzigartigkeit mit einem nahezu globalen Modellcharakter auf gesellschaftlicher und politischer Ebene. Damit stellt Europa global gesehen derzeit ein Labor dar, in dem versucht wird viele nationale Interessen, soweit sie auch divergieren mögen, auf friedliche und kooperative Weise in ein europäisches „System“ zu verschmelzen. Dies kann und muss natürlich mit äußerster Vorsicht und Fingerspitzengefühl geschehen, wobei unter anderem ein gegenseitiger Verweis auf gemeinsame Werte und Historie diesen Prozess sicherlich befördert.

Zu den aus meiner Sicht heute festzumachenden europäischen Werten

Beim Analysieren der für dieses Thema empfohlenen Literatur fiel mir auf, dass sich Werte und deren Sichtweisen zumeist an den jeweiligen Perspektiven der „Beobachter“ mit ihrem kulturellen Hintergrund festmachen. Entweder als solche, um die beiden Enden des Spektrums etwas zu begrenzen, die sehr klar in den diversen nationalen Grundgesetzen auf die eine oder andere Art und Weise festgeschrieben sind oder eher offen und damit auch etwas unklar, immer mit dem Versuch möglichst allumfassend zu sein, wenn die Erklärungs­oder Beschreibungsansätze philosophisch geprägt waren. Selbst bei annähernd ähnlichen Werten (Beschreibungen) waren zumeist Differenzen in der Reihung und damit der Wertigkeit Derselben zu im jeweiligen Kontext nachzuvollziehen Dabei fand ich die Studienergebnisse, mit den sich daraus kristallisierenden 6 Werten, von Hans Joas und Klaus Wiegand (2005) am prägnantesten und auch gleichzeitig umfassendsten/interessantesten

Diese sechs Werte erheben natürlich keinerlei Anspruch auf die Vollständigkeit der Beschreibung eines europäischen Wertesystems, dürften jedoch auf Grund ihrer historischen und kulturellen Entwicklung im Feld der prägnanten bzw. prägenden Werte zu finden sein. Auf die geschichtliche Entwicklung und der Tradition bzw. ihrer Wurzeln wird weiter unten noch fokussierter eingegangen. Für eine erste Gruppe, die europäische Geschichte und die inzwischen kulturelle Selbstverständlichkeit betreffend, sind dies: ,Freiheit‘, mit dem treibenden Motor aus der Einsicht, dass „Kulturbildung nur aus Freiheit statt aus Herrschaft“ (Maier 2005: 97) entstehen kann. Dieser Wert enthält in seinem Innersten den Anspruch auf die Entwicklung und Umsetzung von „Freiheits-„ und Bürgerrechten, wie sie für eine moderne Gesellschaft sich als notwendige Grundlage darstellen.

,ertragene Differenz‘, beruft sich auf die Auseinandersetzung mit der religiösen Vielfalt des und im Mittelalters und hat mehr die Tolerierung als die Anerkennung und Toleranz als solche zur Grundlage.

praktischer Rationalismus der Weltbeherrschung‘, (Max Weber, 1972b) als Grundvoraussetzung für die Entstehung des heutigen Kapitalismus im Umfeld eines modernen Staates, beruht er doch auf dem asketischem Puritanismus und der modernen Wissenschaft mit ihren prägnanten Einflüssen auf die (um-) Gestaltung der Welt.

Diese „basalen“ Werte (-Komplexe) der ersten Gruppe sind, leicht einsehbar, vom Individuum in/an seine soziale Umgebung gerichtet, während es in der zweiten Wertegruppe um die Betrachtung von auf das Subjekt selbst bezogene, intrinsische Werte handelt, die untereinander auch deutlich vernetzter und abhängiger sind, als die der ersten Gruppe:

,Innerlichkeit‘ als ein Mechanismus, der zwischen innerer und äußerer Welt, zwischen Seele und Gesellschaft die geeignete „richtig“ Distanz schafft und somit grundlegend für eine Selbstwahrnehmung als Individuum ist. Sie reicht bis in die platonische Philosophie zurück.

,die Hochschätzung des gewöhnlichen Lebens‘ setzt eine Selbstwahrnehmung als Individuum voraus. Damit fand im 14. u. 17. Jahrhundert (zugleich mit der Aufwertung von monetärer Unabhängigkeit, Erwerbstätigkeit, individueller Partnerwahl) mit der teilweisen Säkularisierung eine Entwicklung hin zu mehr Emanzipation statt.

,Selbstverwirklichung‘ als letztendlich höchster Form der Entwicklung des Individualismus, manifestierte sich dann in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts, mit den durchaus bekannten Effekten der Entfremdung und Vereinsamung bzw. endgültigem Aufbrechen von tradierten Sozialstrukturen.

Die generelle Basis für diesen Kanon an Wertekomplexen orientiert sich zum einen an kulturell wünschenswerten Vorstellungen und zum anderen an historisch vielfältigen Erfahrungen der europäischen Geschichte und damit nicht zuletzt an den kriegerischen Auseinandersetzungen, die sich immer latent bzw. offen durch viel Leid und Zerstörung zeigten. Vor dem Hintergrund der Traditionen, geprägt durch die griechisch-römische Antike, dem Christentum, dem Rationalismus von Renaissance, Reformation und Aufklärung, musste letztendlich eine selbstkritische Bewertung des eigenen Handelns zu einer Verurteilung jeglicher durch Waffengewalt geprägter Konflikte kommen. Dieser Wunsch nach Konfliktbewältigung und Kompromissbildung manifestiert sich inzwischen in einer Institutionalisierung (auch) des Klassenkonfliktes und damit folglich in der Entwicklung eines Wohlfahrtstates auf der Basis eines möglichst breiten Mittelstandes, um den inneren Frieden weiter zu befördern. Damit ist aus der ursprünglichen Tolerierung, im Sinne der „ertragenen Differenz“, inzwischen weitestgehend Toleranz und Anerkennung geworden, wobei die subjektiven Freiheiten und Möglichkeiten der Selbstverwirklichung noch nie so groß waren.

Zur Frage nach der Leitfunktion der Werte

Auf was beziehen sich die obengenannten Werte mit ihrer Leitfunktion? Auf die Politik? Auf das Rechtsystem? Auf den Umgang der Gesellschaft mit dem Individuum und umgekehrt? Was war zuerst - die Werte oder deren Leitfunktion, aus der sich die Werte sukzessive entwickelten und umgekehrt? Wenn ja, wie ist dieser Rekursivität entkommen?

Natürlich folgen aus dem Wert der Freiheit letzen Endes Menschenrechte und in der uns bekannten Logik auch die Entstehung eines Sozialstaates und dessen Rechtstaatlichkeit, aus einer ertragenen Differenz eine Bewegung hin zur Toleranz (und dem wo möglichen Verstehen) des Fremden und damit zum Pazifismus, durchaus basierend und im Einklang mit tief christlich verankerten Wertvorstellungen. Auf die Aufklärung, der Säkularisierung und den vorgenannten Werten war der Schritt zum praktischen Rationalismus der Weltbeherrschung auf dem Weg zur sozialen Marktwirtschaft und Demokratie kein gänzlich unwahrscheinlicher.

Auch die Akzeptanz einer individuellen, sowie persönlichen Innerlichkeit, der Selbstwahrnehmung als Voraussetzung für einen Anspruch auf ein Konstrukt wie Menschenrechte, ebenso wie die mit dem humanistischen Denken einhergehende Hochschätzung des gewöhnlichen Lebens mit dem erklärten Ziel der Selbstverwirklichung des Individuums, sind aus meiner Sicht gleichzeitig Werte wie Leitfunktionen zur Bildung weiterer Werte. Eine begriffliche Hierarchie, soweit diese nicht schon existiert, ist damit durchaus vorstellbar.

Historisch wurden Teile dieser Begrifflichkeiten mit ihrer Leitfunktion, und hier speziell dem christlichen-missionarischen Anteil, zum Antrieb von Eroberung und Kolonialisierung fremder Kulturen um die erste Jahrtausendwende (Kreuzzüge) und während des 18. Und 19. Jahrhunderts. Die Art und Weise der Zwangszivilisierung fremder Kulturen unter den vorderhand vermeintlich positiv besetzten Leitfunktion europäischer Werte, war ausschließlich geprägt von hegemonialen Bedürfnissen und natürlich dem Einverleiben von Produktionsmitteln (Sklaven bzw. Bodenschätzen). Durch die beiden Weltkriege im 20. Jahrhundert sind solcherart nach außen gerichtete und selbstgerechte Vorstellungen mit der ihnen eigenen Hybris stark reduziert worden. Eine Einsicht die der USA als „Gods own Country“ bis heute auf breiter Ebene noch nicht wirklich zugänglich ist.

In einem inzwischen etwas pazifistischer orientierten und nach innen gerichteten Europa stellt sich dann die Frage, wie prägt die entsprechende Leitfunktion den Einfluss auf die Nationalstaatlichkeit der Mitgliedstaaten? Auf deren bilateralen Umgang miteinander und mit der Institution Europa? Stellvertretend seien hier 2 Themenbereiche im Hinblick der Leitfunktion etwas näher betrachtet, um zu zeigen welche grundsätzlichen Differenzen in der realpolitischen Umsetzung hierbei entstehen können und im Rahmen der jeweiligen regionalen Bedürfnisse zu diskutieren sind:

Migration: Grundsätzlich ist der Anspruch Europas, verglichen mit ähnlichen gesellschaftlichen und politischen Strukturen (USA, Kanada, Japan, Australien) sehr liberal in seiner Einwanderungspolitik und seinen Asylrechten. Die Umsetzung in der Realpolitik scheint hierbei noch ein langer Weg zu sein, da es derzeit keine europaweit vereinbarte Koordination im Umgang mit dieser Thematik gibt (die Entwicklung von Strategien im Umgang mit dem Migrationsdruck speziell aus Afrika wird vor allem Italien und Spanien überlassen), eine ständige Politisierung und Auseinandersetzung mit diesem Thema zeigt jedoch ein breites regionales und nationales Interesse.

[...]

Ende der Leseprobe aus 5 Seiten

Details

Titel
Europäische Werte, ihre Gemeinsamkeiten, Leitfunktionen und Wurzeln
Hochschule
Universität Wien  (Soziologie)
Veranstaltung
Europa im Wandel
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
5
Katalognummer
V170068
ISBN (eBook)
9783640886487
ISBN (Buch)
9783640886500
Dateigröße
468 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
europäische, werte, gemeinsamkeiten, leitfunktionen, wurzeln
Arbeit zitieren
Dipl. - Phys. Hermann Helke (Autor:in), 2010, Europäische Werte, ihre Gemeinsamkeiten, Leitfunktionen und Wurzeln, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/170068

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