Sören Kierkegaard: Philosoph - Pädagoge - Pastor

Eine Untersuchung von Kierkegaards Sünden- und Glaubensverständnis anhand seiner Schrift "Die Krankheit zum Tode"


Seminararbeit, 2011
50 Seiten, Note: Gut (2)

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Inhalt

Vorwort

1. Einleitung

2. Biographischer Hintergrund

3. Spiel mit den Pseudonymen

4. Kierkegaards „Anthropologie"
4.1 Das Selbst-Verhältnis
4.2 Die Verzweiflung

5. Kierkegaards Rollen in „Krankheit zum Tode"
5.1 Kierkegaard als Philosoph
A) Missverhältnis in der Synthesis
B) Missverhältnis im Selbstverhältnis
C) Missverhältnis im Gottesverhältnis
5.2 Kierkegaard als Pädagoge
5.3 Kierkegaard als Pastor

6. Exkurs: Christologie im Rahmen von „Krankheit zum Tode"

7. Statt eines Schlusswortes

8. Literaturverzeichnis

Vorwort

Diese Arbeit ist die Frucht eines Seminars uber Soren Kierkegaards „Krankheit zum Tode" im WS 2010/11 an der Universität Heidelberg bei Prof. Christian Möller. Viele Diskussionen im und außerhalb des Seminars sind mit in die Arbeit eingeflossen. Ich habe Kierkegaard immer schon faszinierend gefunden, habe es aber während meines Studiums nie geschafft, mich näher mit ihm zu beschäftigen. Gerade am Ende meines Studiums erhielt ich die Gelegenheit dazu. Nun frage ich mich, wie ich überhaupt habe Theologie studieren können, ohne mich mit ihm befasst zu haben.

Zu Melancholie neigende Menschen - so wie ich - können sich wahrscheinlich besser in Kierkegaard hineinversetzen als andere Menschen. Tatsächlich beeindruckt mich der Ernst seiner christlichen Haltung und auch die Konsequenz und Schärfe seines Denkens. Nichtdestotrotz will ich nicht so in dieser Einsamkeit leben wollen wie Kierkegaard - weil ich auch weiß, wie leidvoll das ist. Eine seiner größten Schwächen ist die Beziehung zu seinen Mitmenschen. Die Welt- oder Menschenbeziehung spielt tatsächlich in seinen Werken eine etwas untergeordnete Rolle. Da ist es nötig über ihn hinauszudenken und vor allem „hinauszuleben". Was aber die Gottes- und die Selbstbeziehung angeht, kenne ich keinen Philosophen und Theologen, der ihm das Wasser reichen könnte. Darin ist er mir Vorbild und die Beschäftigung mit ihm ist meiner Ansicht nach sowohl für Theologen als auch für Pfarrer, aber auch generell für Christen, äußerst lohnend und bereichernd.

Die Begeisterung für Kierkegaard wäre nicht so groß gewesen, wenn Herr Möller selber uns nicht immer wieder den Zugang zu ihm auch von der subjektiven, emotionalen Seite her ermöglicht hätte. Für seine Leidenschaft zu Kierkegaard und für das gemeinsame Lesen von „Krankheit zum Tode" bin ich zu Dank verpflichtet. Eine neue Erfahrung fur mich war auch das gemeinsame laute Lesen und Besprechen seiner Schriften in vertrautem Kreise. Carsten, Helge und Johannes bin ich dankbar für manche Nachmittagsstunden im Morata Haus in Heidelberg sowie für intensive Diskussionen auf manchen längeren Zugfahrten!

Heidelberg, im April 2011

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit hat „Die Krankheit zum Tode" zum Inhalt. Eine knappe Einfuhrung in seine Biographie und des Pseudonyms „Anti-Climacus" fuhrt zum Auftakt der Arbeit, namlich zu seiner „Anthropologie". Der eigentliche Hauptteil beginnt mit der Frage, was denn eigentlich „Verzweiflung" und was denn eigentlich „Sunde" bei Kierkegaard sei. Ein ständige Begleitung, wenn es um das Erfassen des Sünden- und Glaubensverständnisses bei Kierkegaard geht, ist die Habilitationsschrift von Prof. Dr. Christiane Tietz, die meiner Meinung nach zumeist die richtigen Schlussfolgerungen aus dem Werk Kierkegaards zieht. Mit Fortlaufen der Arbeit habe ich bemerkt, dass man - wollte man auch noch andere Schriften Kierkegaards stärker in die Arbeit mit hinein beziehen - leicht über den Umfang einer Dissertation hinausgelangen könne. Auch so ist der Umfang dieser Arbeit schon etwas über das Ziel hinaus geschossen. Daher habe ich es aufgegeben alle nur erdenkliche Sekundärliteratur in die Arbeit aufzunehmen - das hätte den noch zu vertretbaren Rahmen schier gesprengt. Ein wesentlicher Hauptteil dieser Arbeit ist das Erfassen des Sündenverständnisses - doch damit wollte ich nicht stehen bleiben. Kierkegaard gibt meiner Meinung nach implizit Hinweise, in welche Richtung sein Werk führen soll: zum Glauben, d.h. zur Erlösung von der Verzweiflung und der Sünde. Ich habe mit guten Gründen die Freiheit genommen, ihn in diesem Sinne als Pädagogen und als Pastoren zu bezeichnen. Als eine kleine Spielerei betrachte ich den Exkurs zur Christologie. Im Schlusswort habe ich darauf verzichtet, die Arbeit nochmals zusammen zu fassen, stattdessen wollte ich - natürlich aufgrund des erarbeiteten Sachverhaltes - meine persönliche Meinung darlegen, weshalb die Beschäftigung mit Kierkegaard in unserer Zeit unerlässlich ist. Damit will ich auch klar und deutlich betonen, dass diese Arbeit nicht ein abschließendes Urteil über sein Werk ist, sondern mehr der Beginn einer weiterführenden Beschäftigung. Dazu ist sein Werk viel zu vielschichtig und facettenreich, als ich es mit meiner Arbeit habe zum Ausdruck bringen können. Letztlich fehlt es der Arbeit an Abgeklärtheit. Dass ich es trotzdem wage die Arbeit so abzugeben, hat letztlich damit zu tun, dass ich sie als ein einführendes Vorantasten in ein schwieriges Terrain verstehe, die notwendig ist, um überhaupt weiter voranschreiten zu können. Darin erfüllt sie eine wichtige Funktion und darum ist es legitim die Arbeit auch so zu belassen wie sie ist. Man möge mir verzeihen, dass ich nicht alle Details in der Arbeit sorgfältig zitiert und belegt habe. Vieles war für mich aber aus dem Seminar und aus meinen langjährigen theologischen Studien einfach so vertraut, dass ich den Leser mit unnötigen Zitatenbergen nicht belasten wollte. Das sei der Redlichkeit halber erwähnt.

2. Biographischer Hintergrund

Es gibt wenige Schriftsteller (denn als solcher bezeichnete er sich in erster Linie1 ), bei denen Person und Werk so eng beieinander liegen, wie bei Sören Kierkegaard. Daher ist es notwendig einen kleinen Blick in sein Leben zu werfen, um viele seiner Schriften verstehen zu können. Doch sei bereits hier schon die Warnung ausgerufen, die eigentlich bei der Beschäftigung mit Kierkegaards Werken nicht oft genug wiederholt werden kann: Seine Werke sind nicht psychologisch zu reduzieren. Es mag zwar für die Psychologie interessant sein, seine Schriften beispielsweise auf einen Vaterkomplex2 zu reduzieren, doch für die eigentliche - wie ich sie verstehe - Beschäftigung mit Kierkegaard ist sie ohne Nutzen, wenn nicht gar schädlich - da sie von der existenziellen Dimension des menschlichen Daseins wesentlich ablenkt. Kierkegaard spricht existenzielle Wahrheiten an, die für Menschen eine wesentliche Bedeutung haben, gerade auch wenn sie nicht mit den gleichen Problemen kämpfen müssen wie der Autor. Die Intensität seiner Schriften lässt sich wiederum aber nur verstehen, wenn man bedenkt, dass jede Faser seiner Schriften durchtränkt ist mit eigenen Erlebnissen und Erfahrungen - jede Zeile trägt die Handschrift seines Lebens und jede Zeile ist bis aufs letzte durchdacht und durchlebt. Und gerade in seiner Subjektivität lassen sich „objektive Wahrheiten" herausfiltern, die uns alle angehen. Mit Nietzsche mochte ich sagen, dass Kierkegaard wahrlich mit „Blut" geschrieben hat.3

Was uns an Kierkegaards an sich langweiligem und unspektakulärem Leben interessiert, sind drei Dinge: seine geistige und geistliche Herkunft, sein Verhältnis zu seinem Vater und sein unglückseliges Verhältnis zu Regine Olsen.4

Kierkegaard ist streng religiös im pietistischen Geist5 erzogen worden. Sein Vater war ein frommer und arbeitsamer Kaufmann, der sich mit Fleiß vom armen Mann zum einen der reichsten Bürger Kopenhagens emporgearbeitet hatte. Im Hause Kierkegaard atmete man den Geist des Christentums und auch Sören wurde darin erzogen. Nach dem Tod der ersten Frau des Vaters Michael Pedersen Kierkegaard, heiratete er seine Haushälterin, die zum Zeitpunkt der Heirat bereits schwanger gewesen war. Diese Sünde des Fleisches sowie eine Verfluchung Gottes in einem unbedachten Moment, veranlasste den Vater an ein Fluch zu glauben, der sich auf brutale Weise zu äußern schien: fünf der älteren Geschwister Sörens sind als Jugendliche oder als junge Erwachsene gestorben. Sören meinte nun auch zeitlebens, von einem Fluch heimgesucht worden zu sein. Auf frappante Weise wird er auch wie sein Vater ein Schlüsselereignis erleben, das ihn sein gesamtes Leben prägen und auf ihn wirklich wie ein Fluch lasten wird. Wenn auch Sören die streng pietistische Erziehung seines Vaters als eine bedrückende Last empfunden hatte6, so lernte er von ihm doch eines: eine präzise Auffassungsgabe sowie eine ausgeprägte Phantasie auszubilden - diese Gaben wird Sören in seinen zahlreichen Werken zum Besten geben. Wohl mehr auf Wunsch seines Vaters als aus innerer Überzeugung begann er Theologie zu studieren, seine innere Neigung lag aber vielmehr in der Philosophie und nicht zuletzt im Flanieren und im Dandytum. Das änderte sich im Jahre 1834 sowie im Jahre 1838 als seine Mutter bzw. sein Vater starb. Aus Pietät zu seinem Vater beschloss er Pastor zu werden und drängt auf die baldige Beendigung seines Studiums. Zwei Jahre später schloss er das Theologische Studium tatsächlich ab.

Doch für sein Leben war ein anderes Ereignis entscheidend: die Verlobung mit Regine Olsen. Etwas mehr wie ein Jahr später löste er die Verlobung mit Regine aber wieder auf. Es war zweifelsohne ein Skandal und eine emotionale Tragik: doch dass ein solches Ereignis Dreh- und Angelpunkt für nahezu alle Werke eines begabten Schriftstellers sein soll, war und ist wohl nicht nur für damalige Zeitgenossen mehr als nur verwunderlich. Doch genau darin lag das Entscheidende: Mit der Auflösung der Verlobung mit Regine begann seine schriftstellerische Laufbahn. Immer wieder schimmert diese Begebenheit durch seine Werke hindurch. Entweder/Oder ist als unmittelbare Reaktion auf diesen Vorfall hin zu verstehen.7

Dass Kierkegaard in Krankheit zum Tode so akribisch und penibel über die verschiedenen Stadien der Verzweiflung schreiben konnte, lässt sich diesem markanten Ereignis schulden.8 Was genau in diesen beiden Jahren geschah und wie sie zu verstehen sind, entzieht sich letztlich einer genauen Kenntnis und Überprüfung.9 Wichtig ist, dass er konsequent an der religiösen Existenz festhielt und sein Leben fortan dem Zölibat bzw. seiner Schriftstellerei widmete. Er sublimierte seine aus welchen Gründen auch immer gescheiterte Beziehung10 mit Regine auf einer religiösen Ebene - letztlich hat die Nachwelt diesem Scheitern viel zu verdanken: Kierkegaard hat uns mit einer beispiellos tiefschürfenden Reflexion auf das menschliche Dasein äußerst facettenreich beschenkt.

3. Spiel mit den Pseudonymen

Immer wieder machen Interpreten den Fehler, dass sie den pseudonymen Charakter vieler Schriften Kierkegaards übersehen oder missachten. Doch Kierkegaard hat sich bei der Wahl der Pseudonyme etwas gedacht. Dabei geht es weniger um die Frage, ob man bei den pseudonymen Schriften die Gedanken Kierkegaard zuschreiben darf oder nicht oder ob sich Kierkegaard selbst mit ihnen identifiziert hat oder nicht. Vielmehr gilt es festzumachen, dass

Existenz (Genuss der Liebe), noch der ethischen Existenz (Unauflösbarkeit der Ehe) genügen kann und somit bleibt ihm nur noch das religiöse Stadium als Lebensweise offen, die er aber aus Freiheit gewählt hatte (auch wenn mit beträchtlicher Zerknirschung). Fortan entschloss er sich ein Leben im Zölibat zu führen. die religiösen und ethischen Forderungen, die in pseudonymen Büchern formuliert werden, Kierkegaard bei weitem nicht erfüllen kann. Kierkegaard hinkt sozusagen diesen ideellen Personen hinterher (das gilt sowohl beim Ästhetiker als auch beim Ethiker in Entweder/Oder, bei Begriff Angst und bei KzT usw.), daher bevorzugt Kierkegaard auch nur die christlichen Predigten unter seinem Namen zu veröffentlichen, da es dort nicht um eine spezifische ideelle Lebensweise geht, sondern um die religiöse Existenz, mit der sich ja Kierkegaard seit der Auflösung der Verlobung identifiziert hat. In mancher Hinsicht gleicht er Paulus, der an seiner Autorität als Apostel und als Lehrer festhält, gleichzeitig aber immer wieder seinen Anspruch relativiert, ein in jeder Hinsicht vorbildhafter Christ zu sein. Ä1LFKW GDVV LFK V schon ergriffen habe oder schon vollkommen sei; [...] strecke mich aus nach dem, was da vorne ist, und jage nach dem vorgesteckten Ziel, dem Siegespreis der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus." (Phil 3,12-14). So sieht es auch Kierkegaard - Anti-Climacus aber, der pseudonyme Verfasser von Krankheit zum Tode, sieht es anders. Er wurde sagen: „Ich habe es schon ergriffen." Denn Anti-Climacus besitzt den Glauben „in auBerordentlichem MaBe"11. So will auch Kierkegaard nach dem Ziel gelangen und nach dem christlichen Ideal streben, das Anti-Climacus auf schärfste Weise beschreibt - daher soll die Herausgeberschaft Kierkegaards signalisieren, dass er sich den idealen Forderungen des Christ-Seins stellt, ohne selbst aber diesen Forderungen entsprechen zu können. Kierkegaard will ähnlich wie Jesus von der Bewunderung ablenken, die ihm entgegengebracht werden konnte: „Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als Gott allein." (Mk 10,18) Kierkegaard will von seiner Person ablenken und die Aufmerksamkeit auf erdichtete Figuren lenken, die nur der Möglichkeit nach existieren (und darin aber eine wichtige Funktion erfüllen!), aber nicht der Wirklichkeit nach. Er selbst wünschte gerne so zu leben und sein zu können und bringt dadurch diesen Personen Bewunderung und Achtung entgegen, da sie sich den Forderungen der ästhetischen, ethischen (Ästhetiker A und Ethiker B in Entweder/Oder) oder religiösen Lebensweise (Anti- Climacus, Vigilius Haufniensis,...) nach maximaler Intensität und Idealität (erfolgreich) stellen. Auch hier sehen wir ein Reflex auf die tragisch gescheiterte Beziehung mit Regine: er ist in jeder Hinsicht der Schuld verfallen und kann diese Schuld in keinster Weise schön reden. Die große Frage ist nun, ob Kierkegaard wenigstens die religiöse Existenz erfolgreich leben kann. An der ästhetischen und ethischen Existenz ist er ja gescheitert. Er ist sich dessen bewusst, dass er die hohen Anforderungen des Christentums, nämlich Geist zu werden, nur mäßig erfüllt - denn er war und ist aufgrund der gescheiterten Beziehung zu Regine verzweifelt und Verzweiflung ist Sünde. Das Ewige fragt ihn am Tag des Gerichts, nicht ob er tugendhaft gelebt habe, sondern ob er verzweifelt gewesen sei. Er hätte antworten müssen, Äja ich war verzweifelt³ 'aher stand er immer in Gefahr auch an der religiösen Existenz zu scheitern.12 Auch Regine gegenuber konnte er nur eines zeigen: er hat die Beziehung immer noch nicht „uberwunden" (hatte er unter seinem eigenen Namen geschrieben, dann hatte er ihr signalisiert, dass er Glaube im „auBerordentlichen Mafie" besitzt - dem war aber offensichtlich nicht so). Kierkegaard machte sich wahrend der Zeit zwischen Abfassung und Veroffentlichung von KzT Gedanken 1, 3 ob er sie unter einem Pseudonym oder unter seinem eigenen Namen veroffentlichen soll13 Nicht zuletzt sind die Pseudonyme ein schöner und humorvoller literarischer Trick, um Demut zu signalisieren!

4. Kierkegaards ǷAnthropologieDz

Kierkegaards Philosophie bzw. Theologie ist ohne seine Anthropologie nicht zu verstehen. Missverständlich wäre es aber, wenn man unter seiner Anthropologie14 ein ausgereiftes System mit Wesenseigenschaften und besonderen Charakteristika des Menschen versteht, das das Mensch-Sein umfassend erklärt. Hauptwesensmerkmal ist es ja gerade, dass der Mensch sich nicht in eindeutige Kategorien hineinpressen lässt. Nach Kierkegaard würde das dem Menschen gerade seine Freiheit rauben, sich selbst in ein Verhältnis zu setzen. Was uns heute in der Philosophie oder in der Theologie mehr oder weniger selbstverständlich erscheint15 (nicht jedoch in den anderen Wissenschaften!), war aber noch zu Kierkegaards Zeiten keineswegs evident und er selber musste seine „Anthropologie" gegen ein beeindruckend gewaltiges System verteidigen (gemeint ist die Phanomenologie des Geistes von Hegel). Doch was charakterisiert den Menschen nach Kierkegaard?

4.1 Das Selbst-Verhältnis

„Der Mensch ist eine Synthesis aus Unendlichkeit und Endlichkeit, aus dem Zeitlichen und dem Ewigen, aus Freiheit und Notwendigkeit, kurz eine Synthesis."16 Der Mensch ist also durch eine Polarität von Gegensätzen gekennzeichnet. Irgendwo zwischen den beiden Polen bewegt sich der Mensch. Die beiden Gegensätze stehen zueinander in einem Verhältnis (einer Synthesis), das der Mensch ist. Der Mensch ist die Einheit der beiden Pole. Der Mensch steht also in einem Spannungsverhältnis zu den beiden Polen und nimmt somit eine Stellung zwischen dem Tierreich (reine Endlichkeit) und Gott (Unendlichkeit) ein. Dieses Menschenbild ist also äußerst dynamisch. Der Mensch lässt sich weder als ein rein biologisches Wesen festlegen, noch kennt Kierkegaard die Unsterblichkeit eines Teilbereichs des Menschen, etwa der Seele.17 Doch diese Feststellung reicht noch nicht aus.

Entscheidend ist vielmehr, dass der Mensch sich zu diesen bipolaren Existenzbedingungen18 verhält, gleichsam in ein selbstreflexives Verhältnis eintritt. Hier führt Kierkegaard den Begriff des Selbst ein. Das Selbst tritt zur Synthesis in ein Verhältnis. Es verhält sich sozusagen zu sich selbst. Kierkegaard eröffnet somit eine doppelte Struktur des Menschen. Einerseits ist der Mensch ein Wesen, das ganz spezifische Existenzbedingungen aufweist (Kierkegaard nennt sie in KzT Endlichkeit-Unendlichkeit), andererseits ist der Mensch ein Wesen, das sich zu diesen Existenzbedingungen verhält, d.h. sich selbst in Bezug setzt zu diesen Existenzbedingungen.19 Das Selbst (oder wie Kierkegaard es auch nennt „Geist" bzw. in weiterer Folge auch „Bewusstsein") ist dabei nicht eine weitere Wesensbestimmung des Menschen. Vielmehr ist das Selbst ein Ausdruck für das Verhältnis zur Synthesis, die eine Einheit ist von den genannten polaren Gegensätzen. Die Synthesis ist ja Wesensmerkmal jedes Menschen. Doch damit ist noch nicht gesagt, dass der einzelne Mensch auch diese Existenzbedingungen nachvollzieht, sich diesen Existenzbedingungen bewusst wird und sich diesen Existenzbedingungen stellt. Relevant werden diese Existenzbedingungen nicht dadurch, dass man sie in wie auch immer geartete Systeme presst und gewisser Weise intellektuell feststellt und sie dadurch eigentlich entschärft und ÄXQVFKlGOLFK³ PDFKW (das was jedem Menschen angeht - also unter Ausblendung des eigenen Selbst), sondern erst dadurch, dass der einzelne Mensch in ein Verhältnis (man könnte auch sagHQ ÄLQ HLQH %H]LHKXQJ³ zu seinen eigenen Existenzbedingungen tritt. Sofern der einzelne Mensch bewusst wird, dass er dieser Mensch ist, hat er sich in ein Verhältnis zu dieser Synthesis gesetzt.20 Nur in diesem Verhältnis zur Synthesis ist der Mensch Geist bzw. nur so hat er ein Selbst (und dementsprechend auch ein Selbst-Bewusstsein). Entscheidend ist auch, dass das Selbstverhältnis in den Kategorien von Bewusstsein und Wollen ausgedrückt wird.21 Dieses Selbst ist somit nicht etwas „wesenhaftes", etwas statisches, das den Menschen qua Menschen ausmacht.22 Der Mensch muss immer wieder seine Existenzbedingungen zu sich selbst vollziehen, um „Geist" zu werden (!). Der Mensch ist nicht Geist, er wird zu Geist und zwar in jedem Augenblick des Sich-zu-sich-selbst-Verhaltens. In dieser Tatigkeit des Geistes liegt ein aktives Moment inne. Diese Dynamik in Kierkegaards Anthropologie macht es so schwer, den Menschen in einem rein kategorialen System zu beschreiben. Mit der Beschreibung (und damit auch Fest-Stellung) dieses „Selbst" gibt man die Eigentumlichkeit des „Selbst" bereits auf, denn das Selbst lasst sich gerade nicht festlegen - weder begrifflich noch im existenziellen Vollzug. Das Selbst ist nichts Dauerhaftes, das man entsprechend analysieren, kategorisieren und systematisieren konnte. Trotzdem kann man auf die Verwendung des Begriffes Selbst bzw. Geist nicht verzichten. Das Selbst ist ein operative 23 r Begriff, mit der man die Existenzstrukturen des Menschen verstandlich machen kann23 Er ist notwendig, um dem dynamischen Charakter des Selbstverhaltnisses Ausdruck verleihen zu konnen und um damit fur die weitere Analyse der Verzweiflung arbeiten zu konnen. Durch die NichtBestimmbarkeit versucht Kierkegaard die Unableitbarkeit des menschlichen Existierens zu gewahrleisten. Was der Mensch aus sich selbst macht, bleibt letztlich im Verantwortungsbereich des einzelnen Menschen und in seiner Freiheit begrundet. Allerdings so, dass der Mensch dabei seine spezifischen Existenzbedingungen berucksichtigen muss. Es ist keine voraussetzungslose Freiheit und der Selbst-Vollzug zum Geist hin, ist an Bedingungen geknupft, uber die der Mensch nicht verfugt.

Kierkegaards Anthropologie ist im Wesentlichen eine theologische. Kierkegaard entfaltet keine Anthropologie ohne das Woher des Menschen mit zu reflektieren. Denn die Synthesis (nicht das Selbst!) wird von einem Anderen24 gesetzt und nicht vom Menschen. Es wird deutlich, dass mit dem Anderen Gott gemeint ist, d.h. die Synthesis ist von Gott gesetzt, zu der sich das Selbst dann verhält. Die Existenzbedingungen schafft sich der Mensch nicht selber, sondern er weiß sich darin von Gott abhängig.25 Sofern sich der Mensch zu sich selbst verhält, verhält er sich auch automatisch zu Gott, da Gott die Synthesis gesetzt hat. Man kann sich nicht zu sich selbst verhalten, ohne sich Gott gegenüber zu verhalten. Setzt Gott das Selbst des Menschen oder die Synthesis? Kierkegaard selbst formuliert das eine oder das Ander Mal missverständlich, dass das Selbst, das sich zu sich selbst verhält, von Gott gesetzt ist. Doch es sollte klar sein, dass das Selbst keine Substanz ist, sondern ein Relationsbegriff, das das Selbst vollzieht. Das Selbst ist die Relation zu sich selbst als Synthesis. Daher kann Gott das Selbstverhältnis nicht schaffen, sondern nur die Synthesis, die je eigenen Existenzbedingungen des einzelnen Menschen.26 Das Verhältnis zu sich selbst, ist aber ein aktives Geschehen des Menschen. Darin liegt ein Moment der Freiheit begründet. Hätte Gott das Selbstverhältnis gesetzt, so wäre das Selbst wieder determiniert und der Mensch hätte nicht die Freiheit, sich zu sich selbst verhalten zu können. Das muss deutlich gemacht werden, denn ansonsten verlöre Kierkegaards Menschenbild an Dynamik. Zudem wären die Momente der Verzweiflung unverständlich - denn gerade dadurch, dass der Mensch die Verantwortung hat, zu sich selbst zu verhalten, mithin Geist zu werden, kann überhaupt so etwas wie Verzweiflung oder Sünde entstehen.

4.2 Die Verzweiflung

Gott setzte ursprunglich die Synthesis in ein „Wohlverhaltnis".27 Gott schuf den Menschen gleichsam mit spezifischen Existenzbedingungen (Endlichkeit-Unendlichkeit, usw.). Gott entlässt nun aber den Menschen, um sich zu dieser Synthesis zu verhalten. Der Mensch ist nun für die Aufrechterhaltung des Wohlverhältnisses verantwortlich. Gott mutet nun dem Menschen ungeheuerliches zu. Er soll für das rechte Wohlverhältnis in seinem Leben sorgen. Die Spannung zwischen Endlichkeit und Unendlichkeit, zwischen Möglichkeit und Notwendigkeit, zwischen Zeitlichkeit und Ewigkeit, die der Mensch ist, soll der Mensch in seinem Selbstverhältnis aufrecht erhalten.28 Wenn der Mensch aber für das Wohlverhältnis zu sorgen hat, besteht die Möglichkeit des Missverhältnisses. Der eine Teil der menschlichen Existenzbedingung kann auf Kosten des anderen stärker gewichtet werden. Der Mensch gerät sodann in ein Ungleichgewicht - es entsteht ein Missverhältnis. Das Missverhältnis in der Synthesis entsteht nicht von selbst: Denn dann wäre ja die Synthesis schon ursprünglich in ein Missverhältnis gesetzt worden, was wieder heißen würde, dass der Mensch für das Missverhältnis nicht verantwortlich wäre. Die Tatsache jedoch, dass der Mensch aus diesem Wohlverhältnis ein Missverhältnis machen kann, ist zunächst ein ungeheuerlicher Vorzug des Menschen. Dem Menschen wird von Gott zugemutet für ein rechtes Wohlverhältnis sorgen zu können. Den Tieren fehlt die Synthesis überhaupt, sie sind wesenhaft Natur, d.h. Endlichkeit. Sie haben nicht die Verantwortung ihre (fehlende) Synthesis in ein Wohlverhältnis zu halten bzw. zu bringen. Folglich haben sie nicht die Möglichkeit des Missverhältnisses. Sie sind auf die eine Existenzbedingung der Endlichkeit festgelegt.29 Hat der Mensch den Vorzug, für ein rechtes Wohlverhältnis in seiner existenziellen Spannung zu sorgen, so ist die Wirklichkeit des Missverhaltnisses jedoch ein ungeheuerlicher „Mangel" des Menschen.30 Gerät der Mensch in eine Schieflage, in ein Ungleichgewicht, so leidet darunter der Mensch, da er seine wesenhafte Bestimmung, ein Wohlverhältnis in der Synthesis zu haben, verfehlt. Kierkegaard bezeichnet dieses Missverhaltnis „Verzweiflung". So gesehen ist das Tier glucklicher zu preisen, da das Tier keine „Verzweiflung" kennt (wenngleich ein Tier affektiv missgestimmt sein kann). Verzweiflung ist nur beim Menschen möglich. Hier soll festgehalten werden, dass Verzweiflung in erster Linie nicht ein Affekt, eine Missstimmung ist. Sie ist auch von der Depression zu unterscheiden. Ver]ZHLIOXQJ LVW YLHOPHKU HLQ Ä6WUXNWXUPRPHQW³ GDV LQ Relation zu den Existenzbedingungen steht und keine emotionale Eigenschaft des Menschen (wiewohl sie sich natürlich in Affekten äußern kann). Verzweiflung ist eine Zwie -spalt des Menschen, ein Auseinanderbrechen von wesenhaften Grundstrukturmomenten des Menschen, die zueinander gehören. Verzweiflung ist ein Ausdruck für ein Ungleichgewicht im Menschen, das sich zerstörerisch und selbstverzehrend (ohne das Selbst aber zerstören oder verzehren zu können) auf den Menschen auswirkt. Im Begriff Verzweiflung ist die Ent zweiung wesenhaft angedeutet. Sofern der Mensch nicht mit sich selbst in eins ist, ist er verzweifelt.31

Doch die Verzweiflung betrifft auch noch eine andere Ebene des Menschen. Haben wir gesagt, dass Verzweiflung ein Missverhältnis in der Synthesis ist, so unterliegt auch das Verhältnis zu sich selbst (d.h. zur Synthesis), das das Selbst ist, einem Missverhältnis. Das Missverhältnis tritt nun unter den Bestimmungen des Bewusstseins und des Wollens auf. Das kann sich nach Kierkegaard auf dreifache Weise erfolgen: verzweifelt sich nicht bewusst sein ein Selbst zu haben (uneigentliche Verzweiflung), verzweifelt nicht man selbst sein wollen und verzweifelt man selbst sein wollen.32 Jedes Missverhältnis in der Synthesis entspricht auch einem Missverhältnis im Selbst: hier ist aber der Grad der Intensität das Entscheidende.

[...]


1 SCHROER, Kierkegaard 143; GW 33, 1-17.

2 WALTHER, Angst passim.

3 NIETZSCHE, Zarathustra 48. „Von allem geschriebenem liebe ich nur Das, was Einer mit seinem Blute schreibt. Schreibe mit Blut: und du wirst erfahren, dass Blut Geist ist." Eine weitere interessante Parallele Nietzsches mit den Werken Kierkegaards liegt meiner Ansicht nach auch im Widmungsteil von „Also sprach Zarathustra". Dort heiBt es: „Ein Buch fur alle und keinen" - Wollte man Kierkegaard selbst als Meister sehen, dem man nachfolgen sollte, hat man Kierkegaard verfehlt. Seine Leiden wirklich zu durchleben: das ist nicht gerade empfehlenswert. Wollte man aber meinen, Kierkegaard gehe uns nichts an, denn er schreibe ja nur uber seine „personlichen Probleme", so versaumen wir wesentliche Aspekte unseres Lebens, die es definitiv wert sind, beachtet zu werden.

4 AuBer diesen drei pragenden Faktoren und Ereignissen seines relativ kurzen Lebens, neigt man mit Heideggers Beschreibung der Vita des Aristoteles cum grano salis zu sagen: „Kierkegaard wurde geboren, arbeitete und starb." Zum Folgenden die Biographie von GARFF, Kierkegaard, passim.

5 Kierkegaard war mit Brorsen, Arndt, Tersteegen, Spener usw. bestens vertraut. Den Ernst seiner Theologie und den Ernst seiner Frommigkeit hat er vom Pietismus gelernt. Vgl. SCHROER, Luther 245.

6 Die Ambivalenz der strengen pietistischen Erziehung seines Vaters charakterisierte er in KzT, 92 so: „Dagegen ist es andererseits auch ganz sicher so, dass ein Mensch haufig gerade durch seine strenge Erziehung im Christentum in einem gewissen Sinn in Sunde sturzte, weil ihm die gesamte christliche Anschauung zu ernsthaft war, vor allem in einer fruheren Zeit seines Lebens; dies aber kann ihm dann in einem anderen Sinn auch wieder etwas helfen, diese tiefere Vorstellung davon, was Sunde ist."

7 Das Ironische an Entweder/Oder ist ja, dass er zwar mit dem Titel eine unhintergehbare Alternative zwischen einer asthetischen Existenz A oder einer ethischen Existenz B aufreiBt, Kierkegaard selbst aber in ein drittes Stadium „springt", namlich in die religiose Existenz. Dieses Stadium soll die beiden Stadien auf einer hoheren Ebene integrieren und auflosen. Man kann es so sehen: Kierkegaard erkennt, dass er weder der asthetischen Existenz (Genuss der Liebe), noch der ethischen Existenz (Unauflosbarkeit der Ehe) genugen kann und somit bleibt ihm nur noch das religiose Stadium als Lebensweise offen, die er aber aus Freiheit gewahlt hatte (auch wenn mit betrachtlicher Zerknirschung). Fortan entschloss er sich ein Leben im Zolibat zu fuhren.

8 Eline Boisen, Schwester von Regine Olsen, reagierte entrustet auf das Verhalten Kierkegaards: Jnwieweit kann ein solches Verhalten im Dienste des Evangeli urns stehen?" GARFF, Kierkegaard 223. In Anbetracht der beidseitigen Leiden, ist das definitiv eine richtige Frage. Sein Fehlverhalten lasst sich vielleicht allein darin rechtfertigen, dass er mit noch groBerer Leidenschaft fur Gott gelebt hat. Ob er diese Leidenschaft nicht auch mit ihr hatte teilen konnen?

9 Dazu gibt es Unmengen von Literatur und Erklarungsmoglichkeiten. Da Kierkegaard haufig „in Zungen" und „in Gleichnissen" redet, ist eine genaue Begrundung und Beurteilung nicht moglich. Da fur Kierkegaard das gegenseitige Vertrauen das Um und Auf einer Ehe war, war dieses Vertrauen aufgrund des Gegensatzes seiner Intellektualitat und ihrer starken Sinnlichkeit von vornherein auf eine schwierige Probe gestellt. Er traute es ihr nicht zu, mit seiner Vergangenheit und seinen Ansichten angemessen umgehen zu konnen. Hier ein kleiner Auszug: „[...] es gibt so manche Ehe, die kleine Geschichten verdeckt. Das wollte ich nicht, dann ware sie mein Kebsweib geworden, da hatte ich sie lieber umgebracht. - Aber hatte ich mich erklaren mussen, so muBte ich sie einweihen in entsetzliche Dinge, mein Verhaltnis zum Vater, seine Schwermut, die ewige Nacht, die zuinnerst brutet, meine Verirrung, Luste und Ausschweifungen, die doch vielleicht in Gottes Augen nicht so himmelschreibend sind; denn es war doch Angst, die mich dazu brachte, in die Irre zu gehen, und wo sollte ich Zuflucht suchen, da ich wuBte, oder ahnte, daB der einzige Mann, den ich wegen seiner Starke und Kraft bewundert hatte, wankte." GARFF, Kierkegaard 227f.; TB 1, 306; Vgl. auch bei NIGG, Kierkegaard 3 4 : „Oft saB er weinend bei ihr; sie war der einzige Mensch, der seine Tranen gesehen hatte und sie zu trocknen versuchte. Er kam sich eine Ewigkeit zu alt fur sie vor und meinte, ein Mensch mit einer solch abgrundigen Schwermut durfe niemals ein unbeschwertes, holdes Wesen, das noch halb Kinderspiel und halb Gott im Herzen habe, an sich binden. Er begann Uberlegungen anzustellen, die alle in die Nahe der Selbstplagerei fuhrten, deren er nicht Meister wurde."

10 Um gegen seine Liebe zu ihr zu kampfen, benahm er sich ihr gegenuber absichtlich wie ein Schurke. Innerlich ging er aber daran zugrunde: „So trennten wir uns denn. Ich brachte die Nachte weinend in meinem Bette zu." GARFF, Kierkegaard 225

11 Climacus, „Autor" der Schriften „Philosophische Brocken" und „Unwissenschaftliche Nachricht zu den Philosophischen Brocken", bekennt ausschlieBlich seinen Nicht-Glauben. Anti-Climacus ist daher jemand, der den Glauben besitzt. Johannes Climacos war ein Mystiker, der ein einflussreiches Meditationsbuch verfasst hatte, namlich die „Paradiesesleiter". Der Monch will uber Stufen zu Gott gelangen, d.h. er ist noch auf der Suche nach Gott, auf der Suche nach Vollkommenheit - Anti-Climacus jedoch braucht die Suche nach Gott nicht mehr, er hat ihn bereits gefunden und befindet sich quasi in der christlichen Vollkommenheit. Siehe dazu KzT 184, Anm. 152; LOUTH, Mystik 560.

12 Vgl. dazu KzT 24.

13 Aufgrund dieser langwierigen Uberlegungen und aufgrund der „Herausgeberschaft" Kierkegaards meint Emmanuel Hirsch, dass sie zu den „unecht pseudonymen Schriften, die wir als Ausdruck von Kierkegaards eigner Uberzeugung lesen durfen" zu zahlen ist. Ich bejahe diese Aussage, allerdings mit der bereits gemeldeten Einschrankung, dass Kierkegaard nicht beansprucht, dem dargestellten Ideal zu entsprechen. Siehe dazu KzT 184 Anm. 152: „daB er zu seiner eignen Demutigung allen seinen FleiB braucht, sein ganzes Denken bis zum AuBersten anstrengt, um die Forderungen der Idealitat darzustellen - gelingt es, so wird ja im gleichen MaBe seine eigene Unvollkommenheit nur immer grower, die Schuld, in der er ist, immer grower". (Hervorhebungen durch mich).

14 Anthropologie als „Lehre uber den Menschen" ist gerade nicht das, was Kierkegaard mit seiner Philosophie will. Vielmehr geht es ihm darum, wie sich der Mensch in seiner Existenz zu sich selbst verhalt. Dass in weiterer Folge trotzdem dieser Begriff verwendet wird, liegt erstens daran, dass mir kein besserer Begriff einfallt, zweitens weil der Existenzvollzug des Menschen sich nur in dialektischen (!) Kategorien denken lasst und daher nicht eindeutig festzulegen sind. Gewisse Strukturelemente wie Verhaltnis, Selbst, Verzweiflung mussen erlautert werden, damit man Kierkegaards Anliegen in KzT verstehen kann.

15 Unter vielen sei hier Nietzsche (der Mensch ist das „nicht-festgestellte Tier" und Heidegger (menschliche Existenz als Dasein, das nur uber Existenzialien nicht aber uber Kategorien definiert werden kann) erwahnt Gegenwartig erlebt man jedoch wieder eine kategoriale Festlegung des Menschlichen, die dem Menschen seine Freiheit auf noch dramatischere Weise rauben will - diesmal aber vonseiten der Biologie bzw. der „Life Sciences".

16 KzT 8.

17 Kierkegaard grenzt sich somit sowohl von rein physiologisch-psychologisch Beschreibungen des Menschen ab, als auch von rein metaphysischen.

18 Tietz fuhrt diesen meiner Meinung nach treffenden Ausdruck fur die den Menschen ausmachenden bipolaren Gegensatzen ein, die standig dialektisch auf einander bezogen sind. TIETZ, Freiheit 34.

19 In weiterer Folge soll das Selbstverhaltnis und das bipolare Verhaltnis des Menschen klar unterschieden werden. Erstere soll als Selbst oder Selbstverhaltnis bezeichnet werden, letztere als Synthesis. Ich greife damit eine sinnvolle begriffliche Unterscheidung von TIETZ, Freiheit 36 auf (die Kierkegaard in seinem Werk oft selber nicht macht). Zu bedenken ist dabei, dass die begriffliche Unterscheidung nicht zur wesenhaften Trennung von Synthesis und Selbstverhaltnis fuhren darf. Im Existieren gibt es keine Synthesis ohne Selbstverhaltnis und kein Selbstverhaltnis ohne Synthesis. Wahrend die Synthesis in den „Kategorien" Sein und Haben beschrieben wird, wird dasSelbstverhaltnis in den „Kategorien" Bewusstsein und Wollen beschrieben.

20 Was nach Kierkegaard de facto ja immer vorkommt (der Mensch kann nicht, nicht zu sich selbst verhalten), jedoch in unterschiedlicher Intensitat.

21 TIETZ, Freiheit 36: „Wenn der Mensch existiert, verhalt er sich aber immer schon in den Kategorien von Bewusstsein und Wollen zu seinen eigenen Existenzbedingungen. Insofern ist der Mensch immer ein Selbst."

22 Siehe TIETZ, Freiheit, 3 4 : „Das Selbst des Menschen ist [...] keine Substanz, sondern Relationalitat."

23 Vgl. KzT 121: „... denn das Ethische abstrahiert nicht von Wirklichkeit sondern vertieft in Wirklichkeit hinein, operiert wesentlich mit Hilfe der in der Spekulation ubersehenen und verachteten Kategorie: die Einzelnheit." D.h. der einzelne Mensch geht nicht in Begriffen auf. Darin unterscheidet er sich auch vom Tier. KzT 122: „Es ist mit dem Mensch Sein nicht ebenso wie mit dem Tier Sein, allwo das Exemplar stets weniger ist als die Art. Der Mensch zeichnet sich vor den andern Tierarten nicht allein durch die Vorzuge aus, die man gewohnlich nennt, sondern qualitativ dadurch, daB das Individuum, der Einzelne, mehr ist als die Art."

24 „Ein solches Verhaltnis, das sich zu sich selbst verhalt, ein Selbst, muB entweder sich selbst gesetzt haben, oder durch ein Anderes gesetzt sein." KzT 9.

25 Die Frage, wie nicht an Gott glaubende Menschen das akzeptieren konnen, ist eine durchaus berechtigte Frage, die weiter bedacht werden soll. Kierkegaard scheint das auch nicht zu interessieren, er setzt Gott fur seine Anthropologie voraus und Gott setzt die Synthesis auch dann, wenn das der Mensch nicht glauben bzw. wahrhaben will. Man darf sich das ahnlich vorstellen, wie wenn der Pfarrer der Gemeinde verkundigt, dass Gott Schopfer des Himmels und der Erde ist, samt allen Kreaturen. Mit dieser Glaubensaussage inkludiere ich ja die gesamte Menschheit prinzipiell mit ein, auch wenn mir bewusst ist, dass das nicht alle Menschen so glauben wurden.

26 Die da waren Endlichkeit und Unendlichkeit. Zur naheren Unterscheidung der beiden Existenzbedingungen siehe weiter unten.

27 Zum Folgenden siehe TIETZ, Freiheit 40-48. Schopfungstheologisch besagt es, dass der Mensch ursprunglich in einem guten Zustand geschaffen worden ist: „Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Weib. [...] Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut." (Gen 1,27.31).

28 TIETZ, Freiheit 38f.: „Gott schafft den Menschen als eine Synthesis, in der sich kein Element der Synthesis auf Kosten seines polaren Gegenubers durchsetzen soll."

29 Wiederum interessant Nietzsches Bestimmung des Menschen: das „nicht-festgestellte Tier". Tatsachlich, der Mensch besitzt einerseits Natur, ist aber nicht Natur.

30 KzT 10: „Mithin, es ist ein unendlicher Vorzug verzweifeln zu konnen; und dennoch ist es nicht nur das groBte Ungluck und Elend es zu sein, nein, es ist Verlorenheit."

31 Vgl. dazu TIETZ, Freiheit 40f.: „Die Semantik des Begriffs „Verzweiflung" suggeriert, es handele sich bei dieser Krankheit um ein affektives Phanomen, um „allerlei vorubergehende [...] Verstimmtheit, Zerrissenheit" (KzT 20). Tatsachlich bezeichnet der Begriff aber zunachst und vor allem eine bestimmte strukturelle Beschaffenheit im Selbst [...]."; Ahnlich aber mit einer weniger gegluckten Wortwahl RINGLEBEN, Krankheit 42: „Die Verzweiflung ist also nicht als ein psychologischer Zustand unter anderen moglichen gefaBt, der das Selbst vorubergehend in eine niedergeschlagene oder depressive „Stimmung" versetzte, sondern als ein MiBlingen der „ldentitatsproblematik"."

32 Vgl. dazu auch den Leitsatz zum Ersten Abschnitt, KzT 8.

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Details

Titel
Sören Kierkegaard: Philosoph - Pädagoge - Pastor
Untertitel
Eine Untersuchung von Kierkegaards Sünden- und Glaubensverständnis anhand seiner Schrift "Die Krankheit zum Tode"
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Praktisch-Theologisches Seminar)
Veranstaltung
"Die Krankheit zum Tode" (Sören Kierkegaard)
Note
Gut (2)
Autor
Jahr
2011
Seiten
50
Katalognummer
V170272
ISBN (Buch)
9783640889877
Dateigröße
701 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sören, kierkegaard, philosoph, pädagoge, pastor, eine, untersuchung, kierkegaards, sünden-, glaubensverständnis, schrift, krankheit, tode
Arbeit zitieren
Gergely Csukás (Autor), 2011, Sören Kierkegaard: Philosoph - Pädagoge - Pastor, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/170272

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