Wilhelm Stieber und die antikommunistische Verschwörungstheorie im Umfeld des Kölner Prozesses 1852


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010
23 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung und Forschungsstand

2. Historischer Kontext

3. Die Konstruktion der Kommunistenverschwörung
3.1. Wilhelm Stieber und die Vorgeschichte desn Kommunistenprozesses
3.2. Die „Enthüllung“ der Kommunistenverschwörung
3.3. Wilhelm Stieber und die gescheiterteVerschwörungstheorie

4. Das Konstrukt der Verschwörungstheorie

5. Schlusswort

6. Anhang

7. Literatur

1. Einleitung und Forschungsstand

Der Kommunistenprozess von Köln im Jahre 1852, bei dem 12 angebliche Verschwörer beschuldigt wurden einen Komplott zum Umsturze der Staatsverfassung geschmiedet zu haben,[1] findet heute in keinem gängigem Geschichtsbuch mehr Erwähnung.

Dabei stellt die Urteilsverkündung dieses Prozesses, der vom 4. Oktober 1852 bis zum 12. November 1852 lief, das Ende der ersten deutschen Arbeiterbewegung dar.[2]

Betrachtet man die Gründe, die zum Gerichtsverfahren führten, wird überdeutlich, dass die herrschende Klasse in Deutschland, allen voran der preußische König Friedrich Wilhelm IV., die immense Furcht vor einem erneuten brutalen Aufstand umtrieb, wie er bereits 1848 über die deutschen Staaten hereingebrochen war. Auch war es der Versuch die heranwachsende Arbeiterklasse und das marxistische Gedankengut in seine Schranken zu weisen.

Das Verfahren selbst, dass die Verschwörung des Bundes der Kommunisten enthüllen sollte, wurde unter reger Aufmerksamkeit der breiten deutschen Bevölkerung und der ausländischen Presse,[3] gleich einem Spektakel inszeniert. Auch die „Beweisstücke“ selbst, stammten größtenteils aus der Fälscherwerkstatt des Leiters der ersten deutschen Geheimpolizei, Wilhelm Stieber.

Diese Arbeit soll einerseits die Ereignisse des Prozesses beleuchten, sie aber nicht bloß zeitlich wiedergeben, sondern sie vor allem auch verschwörungstheoretisch untersuchen. Dabei kommt es darauf an, typisch wiederkehrende Merkmale von Verschwörungstheorien aufzufinden und zu hinterfragen, wie es möglich war, dass jene Verschwörungstheorie zu dieser Zeit entstand.

Da der historische Kontext bei dem Entstehen einer solchen Theorie eine große Rolle spielt, werden zunächst vor allem die Ereignisse aus den Revolutionsjahren 1848/49 wiedergegeben.

Im darauf folgenden Hauptteil der Arbeit geht es zunächst um den maßgeblichen Konstrukteur der Verschwörungstheorie, Wilhelm Stieber, und die Vorgeschichte, die zur Anklage führte. Der zweite Teilabschnitt des Hauptteils beschäftigt sich mit dem Prozess selbst und schildert auch die wichtige Rolle, die Karl Marx bei den Verhandlungen führte. 3.3. beschäftigt sich mit den Folgen der Verhandlungen und beleuchtet den weiteren Lebensweg von Wilhelm Stieber.

Kapitel vier schließlich versucht die „innere Struktur“ der Verschwörung aufzuschlüsseln und beschäftigt sich mit der Frage, warum die Verschwörung der Kommunisten nicht die Popularität von anderen Verschwörungstheorien erreichte.

Da der Prozess zu Köln und die antikommunistische Verschwörungstheorie heute kaum mehr Beachtung finden, stammen die umfangreichsten Arbeiten zu diesem Thema aus den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. So bilden die Recherchen von Karl Bittel und Rudolf Herrnstadt die Grundlage dieser Arbeit.

Während Bittel den Hergang des Prozesses hauptsächlich durch Zeitungsberichte der „Kölnischen Zeitung“ rekonstruiert, erläutert Herrnstadt vor allem die Vorgeschichte zu den Prozessen und stützt sich dabei auf Archivmaterial der damaligen DDR. Beide profitieren auch von Karl Marx 1852 erstmals erschienener Schrift „Enthüllungen über den Kommunistenprozess zu Köln“, die auch für diese Arbeit herangezogen wurde.

Als weiteres Quellenmaterial sind vor allem die Veröffentlichungen von Wilhelm Stieber zu nennen. Neben seiner Autobiografie schilderte er 1853 gemeinsam mit seinem Kollegen Claus Wermuth, in dem Buch „Die Communisten-Verschwörung des neunzehnten Jahrhunderts“, seine Sicht der Vorgänge.

Zur aktuellen Forschung zum Kommunistenprozess ist der Aufsatz „Der Kölner Kommunistenprozess von 1852“ von Jürgen Herres zu erwähnen, dem einige Aufzeichnungen von Teilnehmern des Prozesses, bei seiner Arbeit zur Verfügung standen.

Dass der Kommunistenprozess, zumindest für die Stadtgeschichte Köln, eine nicht unbedeutende Rolle spielt, beweist die vom 24. Oktober bis 10. November 2002, im Kölnischen Stadtmuseum stattgefundene Ausstellung über den Prozess.

Um die Kommunistenverschwörung auf verschwörungstypische Merkmale abzuklopfen, orientiert sich diese Hausarbeit an den theoretischen Schriften von Cubitt, Dieter Groh und Rudolf Jaworski, die sich mit verschiedenen Verschwörungstheorien befasst haben und in ihren Aufsätzen versuchen allgemeingültige Aussagen zu treffen, die sich in den meisten Theorien wiederfinden.

2. Historischer Kontext

Der Kommunistenprozess zu Köln fällt in eine politisch unruhige Zeit. Die Revolution von 1848//49, in deren Folge sich die Herrschenden in Deutschland an Konstitutionen und Parlamente zu binden hatten, lag erst wenige Jahre zurück. Trotz dieser Zugeständnisse galt die Revolution als gescheitert, auch deswegen, weil ein angestrebter einheitlicher deutscher Nationalstaat nicht erreicht wurde.[4]

Aber auch die gesellschaftlichen Probleme, die mit zum Ausbruch der Revolution führten, waren noch nicht gelöst. Nach wie vor konnte die Nahrungsmittelproduktion mit der rasch wachsenden Bevölkerung Deutschlands nicht standhalten. Hinzu kam die Herausforderung der Industrialisierung, die es den Handwerksbetrieben zunehmend schwer machte. Die Folge dieser Entwicklungen waren längere Arbeitszeiten, jedoch zugleich auch niedrigere Löhne, was zu wachsender Armut führte.[5]

Auf die Jahre 1848/49 folgte dann auch noch die zehn Jahre anhaltende „Reaktionsära“. Die Verantwortlichen der Unruhen während der Revolution sollten zur Rechenschaft gezogen werden. Zahlreiche Verhaftungen waren die Folge.[6]

In diese Zeit fällt auch die Gründung des Bundes der Kommunisten, der sich unter Karl Marx Führung im Juni 1847 in London als Geheimbund gründete. Während der Revolutionsjahre hatte sich der Bund aufgelöst, wurde aber kurze Zeit später reorganisiert.[7]

Der Bund der Kommunisten war im Grunde die einzige bedeutende revolutionäre Organisation in Deutschland. Natürlich erkannten die Machthaber, dass das Gedankengut der Kommunisten Gefahr für die eigene Macht barg. Daher betrieb die Polizei großen Aufwand, um jener Arbeiterbewegung Einhalt zu gebieten.[8]

Innerhalb des Bundes hatte sich jedoch eine gemäßigtere Partei, angeführt von Karl Marx und Friedrich Engels und eine radikalere Fraktion, unter Karl Schapper und August Willich, herausgebildet. Der Streit der beiden Parteien, führte am 15. September 1850 zur Spaltung des Bundes.[9]

Von solchen Entwicklungen unbehelligt war die Polizei weiterhin auf der Suche nach Beweisen gegen die Kommunisten. Doch da sie bei ihren zahlreichen Untersuchungen auf keine nennenswerten Vergehen stoßen konnte[10], entschloss Friedrich Wilhelm IV. sich dazu, den Komplott der Kommunisten zu konstruieren.

In einem am 11. November 1850 verfassten Brief an den damaligen Ministerpräsidenten Freiherrn von Manteuffel heißt es:

„Bester Manteuffel! Ich habe den Kinkelschen Fluchtbericht soeben hier gelesen. Dies hat mich auf einen Gedanken gebracht, den ich nicht gerade unter die lauteren klassifizieren will. Nämlich den, ob Stieber nicht eine kostbare Persönlichkeit ist, das Gewebe der Befreiungsverschwörung zu entfalten und dem preußischen Publikum das lange und gerecht ersehnte Schauspiel eines aufgedeckten und (vor allem) bestraften Komplotts zu geben.“[11]

Allein dieser Brief beweist schon, dass der Kölner Kommunistenprozess ein geplanter Schauprozess war.

Das Ziel war also wohl definiert. So wollte die herrschende Klasse in Deutschland einen Schlag gegen die deutsche Arbeiterbewegung und die politische Emigration in London verüben. Nur der Plan, um dieses Ziel zu erreichen, musste noch reifen.[12]

3. Die Konstruktion der Kommunistenverschwörung

3.1. Wilhelm Stieber und die Vorgeschichte zum Kommunistenprozess

Der von König Friedrich Wilhelm erwähnte Stieber wurde am 3. Mai 1818 in Merseburg als Wilhelm Johann Carl Eduard Stieber geboren. Seine Mutter entstammte einer englischen Grundbesitzerfamilie, weswegen die Familie in „nahezu üppigen Verhältnissen“ leben konnte. Auf Wunsch des Vaters, der selbst ein kleiner Beamter in Merseburg war, begann Stieber ein Theologie-Studium in Berlin.[13]

Dass sich Friedrich Wilhelm gerade Stieber ausgewählt hatte, war nach Stiebers Aussagen alles andere als ein Zufall. So habe er schon bei ihrem ersten Aufeinandertreffen durch eine Predigt Eindruck auf den König gemacht.[14] Inwieweit man Stiebers Ausführungen an dieser Stelle glauben darf, kann leider nicht mehr überprüft werden. Dennoch darf angenommen werden, dass Stieber über ein gewisses schauspielerisches Talent verfügte. Denn ohne Wissen seines Vaters, der nur bereit war dem Sohn ein Theologie-Studium zu finanzieren, ließ Stieber sich für Jura immatrikulieren.[15] Die Predigt, die Stieber in der Hofkirche gehalten haben will, wäre demzufolge größtenteils improvisiert gewesen, vor allem, um den ebenfalls anwesenden Vater zu täuschen.

Während Stieber bei der Polizei Karriere machte, traf er 1850 erneut auf den König, der ihm für seine bisherigen Verdienste bei der Polizei dankte, ihn aber zugleich als Prediger wiedererkannt haben soll. Stieber offenbarte dem König daraufhin seine Schwindelei.[16]

[...]


[1] Bittel, Karl: Kommunistenprozeß zu Köln 1852 im Spiegel der zeitgenössischen Presse, Berlin, 1955, S. 48

[2] Engels, Friedrich: Zur Geschichte des Bundes der Kommunisten. In: Marx, Karl: Enthüllungen über den Kommunistenprozess zu Köln, S.9-31, Berlin, 1952

[3] Herrnstadt, Rudolf: Die erste Verschwörung gegen das internationale Proletariat. Zur Geschichte des Kölner Kommunistenprozesses 1852, Berlin, 1958, S. 363

[4] Stadelmann, Rudolf: Soziale und politische Geschichte der Revolution von 1848, 2. Auflage, München, 1970, S.217-218

[5] Schulze, Hagen: Kleine deutsche Geschichte. Mit Bildern aus dem Deutschen Historischen Museum, München 1996, S.103

[6] Herres, Jürgen: Der Kölner Kommunistenprozess von 1852. In: Geschichte in Köln. Zeitschrift für Stadt und Regionalgeschichte. Band 50, S.136, Köln, 2003

[7] Herres: 2003, S.139

[8] Bittel: 1955, S.16

[9] Obermann, Karl: Zur Geschichte des Bundes der Kommunisten. 1849 – 1852, Berlin, 1955, S.36-37

[10] Herres: 2003: S.147

[11] Bittel: 1955, S.18

[12] Herrnstadt: 1958, S.212

[13] Stieber, Wilhelm J.C.E.: Spion des Kanzlers. Enthüllungen von Bismarcks Geheimdienstchef, Stuttgart, 1978, S.11-12

[14] Ebenda, S.16

[15] Ebenda, S.14

[16] Ebenda, S.26

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Wilhelm Stieber und die antikommunistische Verschwörungstheorie im Umfeld des Kölner Prozesses 1852
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Osteuropäisches Instutut)
Veranstaltung
Verschwörungstheorien
Note
2,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
23
Katalognummer
V170660
ISBN (eBook)
9783640895588
ISBN (Buch)
9783640896127
Dateigröße
452 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bismarck, Verschwörungen, 1848, Kölner Prozesse, Revolution, Kommunistenverschwörung, Kommunistenbund, Karl Marx, Freiligrath, Verschwörungstheorie
Arbeit zitieren
Fabian Wilhelmi (Autor), 2010, Wilhelm Stieber und die antikommunistische Verschwörungstheorie im Umfeld des Kölner Prozesses 1852, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/170660

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