David Berger lernt früh, dass Geräusche Vorzeichen sind. Das Zuschlagen einer Tür. Schritte im Flur. Ein Glas, das zu hart auf dem Tisch landet. In der Wohnung seiner Kindheit in Kaiserslautern ist Zuhören keine Gabe — es ist Schutz.
Sein Vater Karl kam aus dem Krieg zurück, aber nicht ganz. Seine Mutter Elena hatte einmal gesungen. Nur die Großmutter Maria, eine Busfahrt entfernt, weiß, was Boden bedeutet.
Während David aufwächst, schreibt er. In blaue Hefte, auf die erste Seite des ersten: Bin ich das Ergebnis meiner Herkunft — oder habe ich Einfluss?
Eine Antwort wird er nicht finden. Aber er wird lernen, mit der Frage zu leben.
"Was nach dem Zählen kommt" ist ein Roman über das, was man erbt, was man ablegt — und was man weitergibt.
Auszüge aus dem Buch
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Kapitel 1: Der Anfang, den niemand wählt
Ich wurde nicht gefragt, ob ich bereit war. Niemand wird das.
Man wird hineingeboren in ein Zimmer, in eine Familie, in eine Zeit, in der schon vieles feststeht, bevor man ein einziges Wort sagen kann. Die Welt ist bereits eingerichtet, wenn man ankommt: mit ihren Geräuschen, ihren Gerüchen, ihren Regeln. Man selbst ist nur der, der hineinrutscht.
In jener Winternacht, in der ich geboren wurde, lag ein dünner Film aus Schnee über Kaiserslautern. Die Stadt war gedämpft, als hätte jemand die Lautstärke heruntergedreht. Im Krankenhaus dagegen herrschte grelles Neonlicht. Metallische Geräusche, das Knallen von Türen, ein kurzes Klirren, wenn Instrumente in Schalen gelegt wurden. Schuhe quietschten über Linoleum, Stimmen prallten aufeinander, Anweisungen wurden gegeben, beantwortet, überhört.
Das weiß ich nicht aus Erinnerung. Das weiß ich, weil solche Momente Spuren hinterlassen – in den Menschen, die dabei waren, in dem, was sie später erzählen und was sie lieber verschweigen. Mutter hat mir davon erzählt, einmal, viele Jahre später, an einem Küchentisch, mit einer Tasse in der Hand, die sie nicht mehr trank. Vater hat nie davon gesprochen. Das war auch eine Art Auskunft.
Elena, meine Mutter, hatte die letzten Stunden zwischen Schmerz und Erschöpfung verbracht. Ihr Gesicht war blass, die Haare klebten an der Stirn. Sie presste die Lippen zusammen, als könne sie sich damit selbst zusammenhalten, während ihr Körper längst eigenständig arbeitete. Als sie mich schließlich in den Armen hielt, entstand in ihr für einen Augenblick eine Stille, die nichts mit dem Lärm im Flur zu tun hatte. Es war eine Stille, in der alles gleichzeitig da war: Angst, Verantwortung, zaghafte Freude.
Ihre Finger umklammerten mein kleines Bündel, als hätte sie Angst, jemand könnte kommen und mich ihr wieder wegnehmen. Ihre Augen glänzten, nicht nur vor Tränen, sondern vor dieser Mischung aus Panik und Hoffnung, die entsteht, wenn man zum ersten Mal begreift, dass etwas von einem abhängt, das größer ist als man selbst.
Im Hintergrund stand Karl, mein Vater. Er hielt sich an der Lehne eines Stuhls fest, als müsse er sich verankern, um nicht weggetrieben zu werden. Seine Schultern waren ein wenig hochgezogen, als erwarte er jeden Moment einen Schlag. Er sah aus wie jemand, der es gewohnt ist, mit klaren Anweisungen zu arbeiten: Teil A an Teil B, Schraube anziehen, fertig. Hier gab es keinen Plan, keine Montageanleitung. Nur ein Kind, eine junge Frau und eine Rolle, von der alle sagten, sie sei selbstverständlich.
Der Arzt sagte etwas Beruhigendes, eine Schwester lächelte routiniert. Jemand notierte die Uhrzeit der Geburt, schrieb mein Gewicht in eine Akte. Es waren die ersten offiziellen Fakten meines Lebens. Zahlen, die später niemand mehr hinterfragt. Ich selbst wusste von all dem nichts. Ich atmete, schrie, beruhigte mich, wenn ich Elenas Herzschlag hörte.
Später, wenn andere mich fragten, was meine früheste Erinnerung sei, konnte ich keine Szene beschreiben, die man hätte malen können. Es waren Geräusche, eine bestimmte Art von Lautstärke, das Echo eines Raumes. Meine ersten Erinnerungen waren kein Bild, sondern ein Klang.
Die frühen Jahre waren für mich eine Schule des Hörens.
Die Welt erklärte sich mir zuerst über Töne, lange bevor Worte zuverlässig Bedeutung bekamen.
Das dumpfe Zuschlagen von Türen.
Das Klirren von Gläsern auf Tischplatten.
Das schnarrende Klicken des Lichtschalters im Flur.
Das Dröhnen von Flugzeugen hoch über den Dächern.
Wenn ich in meinem kleinen Bett lag, die Decke bis zur Nasenspitze gezogen, lernte ich, dass Geräusche Vorzeichen waren. Es gab Unterschiede: zwischen einem müden Schritt und einem wütenden, zwischen einem Glas, das beiläufig abgestellt wurde, und einem Glas, das demonstrativ hart auf dem Tisch landete, als sei der Tisch schuld am Tag.
Manchmal zählte ich die Geräusche, um mich zu beruhigen.
Schritte im Treppenhaus: eins, zwei, drei.
Der Schlüssel im Schloss: ein einzelnes, klares metallisches Klicken.
Eine kurze Pause.
Dann das Aufgehen der Tür, das Rascheln des Mantels, das Abstellen der Schuhe.
An anderen Abenden lag ich still da und versuchte, gar nichts zu hören. Ich presste die Hände auf die Ohren, bis der eigene Puls in meinem Kopf dröhnte. Aber selbst dann hörte ich es: ein entferntes Brummen, ein leises Klappern, Stimmen, die durch Wände sickerten.
Die Wohnung, in der ich aufwuchs, lag im dritten Stock eines unscheinbaren Hauses in Kaiserslautern. Von außen war es ein grauer Block, wie ihn diese Zeit oft gebaut hatte: funktional, ohne Schnörkel, ohne Versprechen. Im Sommer hingen ein paar Blumenkästen an den Fenstern, rote Geranien, die versuchten, das Grau zu übertönen. Im Winter waren die Kästen leer, die Erde darin hart gefroren.
Vor der Haustür stand manchmal eine verlassene Bierflasche, als hätte jemand überlegt, ob er wirklich hineingehen wollte, und sich dann doch dagegen entschieden. Der Putz bröckelte an den Ecken, die Klingelschilder waren vergilbt. Manche Namen waren sorgfältig geschrieben, andere nur hingekritzelt, ein paar Felder leer. Unten an der Tür hing ein Briefkasten mit dem Namen „Berger“. Der Aufkleber mit den schwarzen Buchstaben löste sich an einer Ecke, der Name wirkte leicht schief, als hätte er ein bisschen zu oft nachgeben müssen.
Im Treppenhaus roch es nach Putzmittel und feuchten Jacken, nach abgestandenem Zigarettenrauch und gelegentlich nach dem Kohl von unten rechts. Die Wände waren in einem undefinierbaren Beige gestrichen, das vermutlich einmal freundlich gemeint gewesen war. Jede Stufe knarrte anders. Die zweite von unten gab einen höheren Ton von sich, die fünfte knarzte tief, die siebte blieb überraschend stumm. Ich lernte diese Unterschiede, ohne dass es mir jemand erklärte. Ich hörte, wer da kam, noch bevor ich die Person sah.
Einmal, als ich mit einem kleinen roten Auto in der Hand auf dem Absatz zwischen zweitem und drittem Stock saß, weil ich „Vergleichsfahrten“ machte, wie ich es nannte, ging im ersten Stock die Tür auf. Frau Schneider, die Nachbarin mit der Dauerwelle, steckte den Kopf heraus. Sie trug ihren Kittel, den sie immer anhatte, wenn sie „nur kurz etwas machte“, und hielt ein Geschirrtuch in der Hand.
„Na, David“, sagte sie, „bist du alleine?“
Ich nickte und hielt mein Auto hoch, als sei das Erklärung genug. „Ich warte auf die Post.“
Frau Schneider sah auf das Auto, dann auf mich. Ihre Augen wurden kurz weich. „Die Post kommt schon“, sagte sie. „Die kommt immer.“ Sie machte eine kleine Pause und fügte dann leiser hinzu: „Manches kommt zu oft.“
Als später der Postbote das Treppenhaus betrat, hörte ich schon am Rhythmus seiner Schritte, dass er es war. Gleichmäßig, nicht zu eilig, ein bisschen schwer. Das Rascheln der Briefe im Beutel, das metallische Klacken der Kästen. Ich beobachtete, wie der Mann Umschläge einwarf, wie Papier auf Metall traf.
„Die Bergers haben es nicht leicht“, murmelte Frau Schneider, halb zu sich selbst, als der Postbote wieder ging. Ich stand nur einen halben Meter neben ihr und tat so, als würde ich es nicht hören. Ich wusste noch nicht, was „nicht leicht“ genau bedeutete. Aber ich spürte, dass es nichts war, womit man gerne beschrieben wurde.
Die Wohnung selbst hatte drei Zimmer und ein Bad, wenn man großzügig war. Das Wohnzimmer war zugleich Esszimmer, Durchgangszimmer und gelegentlich Schlafraum. In der Mitte stand ein Tisch, der zu vielen Dingen diente: zum Essen, zum Arbeiten, für Hausaufgaben, für Reparaturen, für Diskussionen, in die ich hineingeriet, obwohl ich nichts gesagt hatte.
Die Tischplatte trug Spuren: Kerben von Messern, Flecken von verschüttetem Kaffee, eine lange, helle Linie, an der irgendwann einmal etwas Schweres über das Holz gezogen worden war. Wenn Karl die Hand auf die Platte legte, wirkte es manchmal, als würde er prüfen, ob sie noch hielt.
Das Sofa stand mit dem Rücken zur Wand. Die Mitte war durchgesessen, die Enden hielten noch. Wer sich in die Mulde setzte, wurde automatisch in eine bestimmte Position gedrückt. Ich mochte diesen Platz. Er gab mir das Gefühl, dass ich nicht überall hinfallen konnte.
An der Wand hing ein Bild: ein Schiff auf ruhiger See. Die Segel waren gebläht, der Himmel war blau, das Wasser glatt. Niemand in der Familie war jemals auf einem Schiff gewesen, auch nicht in der Nähe eines Meeres. Vielleicht hing das Bild deshalb so prominent. Es zeigte eine Welt, die nichts mit Treppenhausflur, Fabriklärm und Suppe zu tun hatte.
Wenn ich auf das Bild schaute, stellte ich mir vor, wie es wäre, an Deck zu stehen, den Wind im Gesicht zu spüren und nicht zu wissen, wo genau das Land lag. Es war ein seltsam beruhigender Gedanke: dass es Orte gab, an denen niemand genau wusste, wohin es ging, und das trotzdem in Ordnung war.
Das Fenster zur Straße war für mich eine Art Bühne. Von dort aus konnte ich die Welt betrachten, ohne beobachtet zu werden. Ich sah die Busse, die hielten und wieder losfuhren, die Männer in Arbeitskleidung, die nach Schichtende nach Hause kamen, die Frauen mit Einkaufstaschen, die Kinder, die kurz vor dem Haus stehen blieben, Steine kickten, lachten und dann weiterliefen.
An manchen Tagen zählte ich die roten Autos, an anderen die Menschen mit Hüten. Es waren kleine Spiele, die dem Warten Struktur gaben. Manchmal drückte ich meine Stirn an die kalte Scheibe, bis ein heller Kreis zurückblieb. Dann malte ich mit dem Finger Muster in den beschlagenen Rand, solange, bis Elena rief, ich solle das Glas nicht so schmutzig machen.
Wenn abends die Sonne schräg stand, warf sie Streifen durch die dünnen Vorhänge. Staubpartikel tanzten im Licht, drehten sich und fielen wieder. Ich beobachtete sie, als wären es kleine Planeten in einem eigenen System. In Momenten wie diesen fühlte ich eine merkwürdige Ruhe. Das Chaos draußen wurde zu einem langsamen, berechenbaren Tanz.
Elena bewegte sich in dieser Wohnung, als kenne sie jeden Zentimeter, aber nicht immer aus freien Stücken. Ihre Hände waren selten still. Sie kochte, putzte, räumte auf, faltete Wäsche, fädelte Fäden durch Nadeln, nähte Knöpfe an, flickte Hosen. Ihre Bewegungen hatten etwas Geübtes, fast Mechanisches. Aber manchmal, wenn sie glaubte, niemand sehe sie, blieb sie kurz stehen und stützte sich auf die Arbeitsplatte, als müsse sie Kraft nachladen.
Sie war achtzehn, als ich geboren wurde. Ein Alter, in dem viele noch nicht wissen, wer sie sind. Sie wusste es damals auch nicht. Sie wusste nur, wer sie nicht sein wollte: nicht die Frau, die ihr Leben damit verbringt, am Fenster zu sitzen und auf jemanden zu warten. Und doch verbrachte sie jetzt viel Zeit genau dort – am Fenster, mit einer Tasse in der Hand, den Blick auf die Straße gerichtet.
In der Schule hatte sie im Chor gesungen. Wenn sie davon erzählte, was selten vorkam, leuchteten ihre Augen kurz. „Wir haben vierstimmig gesungen“, sagte sie dann. „Weißt du, wie das ist? Wenn du eine Stimme singst und gleichzeitig drei andere um dich herumtragen? Es ist, als würde man in einem Raum stehen, der größer ist als man selbst.“
[...]
[...]
Kapitel 11: Die ersten Nächte der Freiheit
Mit vierzehn merkte ich, dass die Stadt nachts anders roch.
Nicht dramatisch anders – kein Geheimnis, das sich plötzlich enthüllte, kein Vorhang, der fiel. Nur: die Luft war dichter, die Geräusche anders verteilt. Tagsüber verschwamm alles im Gleichzeitig der Stadt – Hupen, Schritte, Klingeln, das Dröhnen der Fabrik, die Rufe auf dem Schulhof, die Busse, die an- und abfuhren. Ein einziges Rauschen. Nachts hörte man einzelne Dinge. Das Klappern einer Flasche irgendwo in einer Seitenstraße. Stimmen aus einem offenen Fenster, ein Lachen, das von weit her kam und im Nichts versickerte. Das Rauschen der Straße, wenn ein Auto vorbeizog, und dann wieder Stille, so deutlich, dass man sie fast anfassen konnte.
Ich fing an, später draußen zu bleiben. Nicht als groß angekündigte Rebellion – zumindest nicht am Anfang. Es war eher ein langsames Hinausschieben der Grenze. Erst neun, dann halb zehn, dann zehn. Mutter sagte nichts, sie sah nur kurz auf die Uhr, wenn ich reinkam, und dann auf mein Gesicht, als wolle sie prüfen, welche Art von Spätsein es gewesen war. Ich spürte diesen Blick im Nacken, wenn ich den Schlüssel drehte, und wusste, dass er nicht kontrollierend war, sondern eine Art von Abtasten: Bist du ganz? Bist du heil?
Der Abend fühlte sich anders an in diesen Stunden, wenn die Erwachsenen anfingen nach Hause zu gehen, die Büros dunkel wurden und der Marktplatz ein bisschen freier atmete. Als hätte der Ort den ganzen Tag ausgehalten und ließ jetzt endlich los.
Der Marktplatz war kein besonderer Ort. Ein alter Brunnen, dessen Wasser nachmittags plätscherte und abends abgestellt war, sodass nur noch eine dunkle Öffnung blieb, in der sich die Laternen als zitternde gelbe Kreise spiegelten. Bänke, abgewetzt, ein bisschen schief, die Latten an manchen Stellen aufgeplatzt wie alte Haut. Ein Kiosk, der bis kurz vor Mitternacht geöffnet hatte, Cola verkaufte und abgepackte Kekse, und manchmal, wenn der Besitzer schlechte Laune hatte, auch einfach nur die Schultern hob und „Feierabend“ murmelte, obwohl noch Licht brannte. Tagsüber liefen Menschen quer über den Platz, Einkaufstaschen, Kinderwagen, Eile. Nachts gehörte er dem, der blieb.
Er gehörte uns. Nicht, weil wir ein Schild aufgestellt hätten. Sondern weil niemand sonst ihn haben wollte um diese Zeit, nicht so, nicht mit diesen Gesprächen, mit dieser Mischung aus Müdigkeit und Aufbruch, die man mit vierzehn hat. Wenn ich später an diese Jahre dachte, sah ich nicht zuerst die Schulhöfe, nicht die Klassenzimmer, nicht die Wohnung. Ich sah die nassen Pflastersteine des Marktplatzes im Laternenlicht.
Timo war fast immer zuerst da. Das war sein ungeschriebenes Gesetz: lieber selber frieren als andere warten lassen. Wenn ich früher als er dort stand, fühlte es sich fast falsch an, als hätte ich den Anfang verpasst, obwohl ich da war. Lukas kam danach, die Hände tief in den Jackentaschen, manchmal mit Max, manchmal allein.
Die Bande hatte sich verändert in den drei Jahren seit dem Baumhaus – größer geworden, offener, die Grenzen durchlässiger. Es kamen andere dazu, gingen wieder, manche blieben wie lose Satelliten in unserer Umlaufbahn. Mädchen waren jetzt auch da, nicht als Ausnahme, sondern einfach, weil sie eben dort waren, wenn man abends irgendwo sein wollte, wo die Eltern nicht waren.
Es gab Abende ohne Form. Man kam, man setzte sich, jemand erzählte etwas von einem Lehrer, jemand anderes von zu Hause, jemand erfand eine Geschichte, die so offensichtlich gelogen war, dass sie schon wieder wahr hätte sein können. Dann vertropften die Stunden zwischen Cola, Zigarettenrauch und kalter Luft. Ich kannte das aus der Schule nicht – dort war jede Minute geplant, gegliedert, bewertet. Hier war der Zweck das Dasein selbst. Das fühlte sich fremd an am Anfang. Dann nötig.
Max kam seltener, seit er samstags und manchmal nachmittags in einer Autowerkstatt in der Nähe arbeitete. Er redete wenig darüber, aber wenn er sprach, dann mit dieser konzentrierten Begeisterung, die er sonst nur beim Fußball zeigte. Motoren, Schrauben, Öl – Dinge, die ich nicht verstand. Er beschrieb einmal, wie ein Motor „rund“ laufen musste, als wäre es ein Lebewesen, das man beruhigen kann, wenn man die richtigen Teile anfasst. Ich verstand nichts von den technischen Details, aber ich verstand, dass es ihm etwas bedeutete.
Lukas war meistens da, sein Lachen unverändert, aber tiefer geworden, als hätte es mehr Gewicht. Er machte Witze über Lehrer, über Politiker, über die Stadt – er konnte aus fast allem eine Pointe ziehen. Aber abends, wenn die Gespräche seltener wurden, bekam er manchmal diesen Blick, der über die Häuserdächer ging, als wolle er herausfinden, wo die Stadt aufhörte. Er sprach davon, Geld zu sparen, ohne genau zu erklären, wofür. „Für später“, sagte er. „Falls es später gibt.“ Es klang nicht nach Traum, eher nach Sicherheitsnetz.
Wir wurden älter. Nicht schlagartig, ohne Rituale, ohne eine Linie an der Wand, an der jemand gesagt hätte: „Jetzt bist du Jugendlicher.“ Aber es war spürbar, wie eine Schraube, die jede Woche einen Millimeter weitergedreht wird.
Lisa war eine von denen, die dazukamen und blieben. Sie rauchte, was keiner von uns tat, und trug diesen Rauch mit einer Lässigkeit, die nicht aufgesetzt wirkte. Eine Selbstverständlichkeit, als wäre die Zigarette nur eine Verlängerung ihrer Hand. Ihre Haare waren immer ein bisschen strubbelig, ihre Jeans an manchen Stellen eingerissen – nicht, weil es Mode war, sondern weil sie sich irgendwo aufgehängt hatte und sich nicht drum kümmerte. Sie kommentierte viel, aber nie, um zu verletzen, eher wie eine Sportlerin, die das Spiel laut mitdenkt.
Eines Abends hielt sie mir eine Zigarette hin.
„Probier.“
Ich sah sie an. Timo sah mich an, das Grinsen schon halb im Gesicht. Lukas lehnte an der Banklehne und beobachtete, als säße er im Kino. Max stand ein Stück abseits, Hände in der Jacke, aber ich spürte seinen Blick.
Ich nahm die Zigarette. Sie fühlte sich leichter an, als sie ausgesehen hatte, fast harmlos.
Der erste Zug brannte im Hals wie Sandpapier. Ich hustete, Tränen schossen mir in die Augen, meine Lunge protestierte, als wolle sie mir persönlich kündigen. Die anderen lachten – nicht abwertend, eher dieses Lachen, das kommt, wenn jemand etwas zum ersten Mal tut und genauso unbeholfen aussieht, wie ein erstes Mal aussehen soll.
„Nochmal“, sagte Lisa, als wäre Aufgeben keine Option.
Ich zog noch einmal, vorsichtiger. Diesmal weniger Husten, nur ein dumpfer Druck in der Brust. Das leichte Dröhnen im Kopf war seltsam, wie eine Millimeter-Verschiebung der Wahrnehmung, nicht unangenehm, aber auch nicht klar.
„Na?“ fragte Timo.
„Geht“, sagte ich, nachdem die Luft wieder normal in meine Lungen strömte.
Timo lachte. „Das höchste Lob von David.“
Max sagte nichts, aber seine Augen sagten: Pass auf. Ich sah das und tat so, als sähe ich es nicht.
Später, als ich die Wohnungstür öffnete, traf mich ein anderer Geruch – Seife, gekochtes Essen, die Wärme der Heizkörper. Und Mutter, die im Flur stand, als hätte sie zufällig gerade etwas wegräumen wollen.
„Du riechst nach draußen“, sagte sie. Kein Vorwurf. Nur Feststellung.
„Wir waren auf dem Platz“, sagte ich.
„Mhm.“ Sie trat einen Schritt näher, roch an meiner Jacke. „Und nach Rauch.“
Ich schluckte. Es wäre einfach gewesen zu lügen. Zu sagen, das sei von Lisa, sie habe direkt neben mir gestanden. Es war nicht einmal weit weg von der Wahrheit.
„Ich hab einmal gezogen“, sagte ich.
Sie sah mich an, länger, als mir recht war. Dann seufzte sie, leise. „Du wirst deinen eigenen Kopf benutzen“, sagte sie. „Ich kann dich nicht in Watte packen.“ Eine Pause. „Aber bitte, David – mach nicht alles nach, was andere tun. Du bist gut darin, dein eigenes zu denken. Benutz das.“
Ich nickte. Es war keine Drohung, keine Strafe. Aber es war schwerer als jede Standpauke, weil sie mir damit etwas in die Hand gab: Verantwortung, ohne Klammer.
Abends schrieb ich: Sie hat nicht geschrien. Sie hat gesagt: Benutz deinen Kopf. Das ist schlimmer. Und besser.
Die Nächte hatten eine Qualität, die ich im Heft nur schwer beschreiben konnte. Ich versuchte es trotzdem.
Die Nacht macht Dinge kleiner und größer gleichzeitig. Kleiner: die Stadt, die Schule, was morgen ist. Größer: das Jetzt. Der Marktplatz um elf fühlt sich echter an als um drei. Vielleicht, weil tagsüber zu viele Füße über ihn laufen und ihn abnutzen. Nachts sitzt man drauf, statt nur drüberzugehen.
Timo las das einmal, ungeplant. Ich war kurz hoch in die Wohnung, das Heft hatte ich ausnahmsweise auf der Bank liegen lassen. Als ich zurückkam, hatte er es in der Hand.
Der Bauch zog sich kurz zusammen, dieser Reflex, wenn jemand eine Tür öffnet, hinter der man Dinge verstaut hat.
Er las den Absatz, klappte das Heft zu und legte es hin. „Das stimmt“, sagte er nur. Keine Entschuldigung, keine Erklärung.
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- André Saile (Author), 2026, Was nach dem Zählen kommt, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1706620