Der auch in liberal-progressiven Kreisen als „aufklärerisch“ wahrgenommene, historisch und geschlechtersoziologisch aber ideologisch selektiv vorgehende Text von Elliott & Merrill „ Der romantische Fehlschluss“ reiht sich bei genauerer Betrachtung gut in aktuelle rechtspopulistische Diskurse ein, die die Rückkehr zur Kleinfamilie einfordern, eine hierarchische Heteronormativität naturalistisch rechtfertigen wollen, als Ideal ein weißes, männliches und autonomes Subjekt propagieren und Frauen nur als notwendiges Übel sehen. Diesem Narrativ tendenziell folgend, rufen Elliott & Merrill die „Zerrüttung der Familie“ durch den romantischen Fehlschluss v.a. von Frauen aus. Inwieweit die daraus folgende Idealisierung der traditionellen ehelichen Liebe problematisch ist und der von ihnen festgestellte „Liebesgegensatz“ zwischen romantischer und ehelicher Liebe faktisch ein Scheingefecht darstellt, soll in diesem Essay aus feministisch- marxistischer Perspektive geklärt werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Definition ehelicher und romantischer Liebe und deren Gegensatz nach Elliott & Merrill
2. Die ‚träumenden‘ und ‚frigiden‘ Frauen
3. Die Ehe: das ‚Kunstwerk‘
4. Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht kritisch die Position von Elliott & Merrill in ihrem Text „Der romantische Fehlschluss“ aus einer feministisch-marxistischen Perspektive, um die zugrunde liegenden blinden Flecken und die Idealisierung der traditionellen Ehe aufzudecken. Dabei steht insbesondere die Frage im Fokus, inwiefern die Autoren durch ihre Sichtweise eine geschlechtsspezifische Arbeitsteilung legitimieren und die Selbstbestimmung von Frauen einschränken.
- Feministisch-marxistische Gesellschaftskritik
- De-Konstruktion von Geschlechterrollen in der Ehe
- Analyse der ehelichen Liebe als unbezahlte Care-Arbeit
- Kritik an der Kleinfamilie als kapitalistische Reproduktionsform
- Diskussion alternativer Beziehungsformen
Auszug aus dem Buch
2. Die ‚träumenden‘ und ‚frigiden‘ Frauen
Im Zuge der Arbeitserleichterungen im Haushalt seien Frauen nicht mehr dem „Schicksal“(!) (ebd.: 342) der „schweißtreibenden Arbeit“ (ebd.) unterworfen und so - unbeschäftigt(!) über die romantische Träumerei - zur „Beute des Teufels“ (!) (ebd.) geworden. Die Argumentation der Autor*innen mutet wie eine rhetorische Fortsetzung des Terrors an, dem Frauen seit der frühen Neuzeit in Europa ausgesetzt waren. In einem jahrhundertelangen Zurichtungsprozess wurden sie als Hexen denunziert, dämonisiert, der Kooperation mit dem Teufel (!) bezichtigt, gefoltert und verbrannt. Resultat dieser Unternehmung war die Erschaffung einer unentgeltlich arbeitenden, vom Mann abhängigen Care-Arbeiterin einer Kleinfamilie (Federici 2019: 23, 39, 40). Elliott & Merrill legitimieren mit dieser enthistorisierenden, verschleiernden Sichtweise der erzwungenen geschlechtsspezifischen Arbeitsteilung eine natürlich anmutende ‚Rollenanforderung‘ an Frauen, mithin ein traditionelles Bild von gefügigen, abhängigen Frauen.
Dieser Befund lässt sich durch das zweite Beispiel bestätigen: Es wird befürchtet, dass das romantische Ideal z. B. zur „Frigidität“ von Frauen in konflikthaften romantischen Ehen führen würde (Elliott & Merrill 2014: 343). Den Verfasser*innen zufolge wäre die Verweigerung von sexuellen Dienstleistungen illegitim. Frauen sind somit durch romantische Liebe Gestörte, ihrer ‚Natur‘ Entfremdete, wenn sie nach einer Auseinandersetzung selbstbewusst nicht mehr sexuell verfügbar sein wollen. Selbstbestimmungsrechte über den weiblichen Körper gehören seit der frühen Neuzeit nicht in Frauenbilder und auch nicht in das der Autor*innen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Definition ehelicher und romantischer Liebe und deren Gegensatz nach Elliott & Merrill: Die Autoren definieren romantische Liebe als instabile Grundlage für Ehen und setzen ihr das Konzept einer „liebevollen Gefährtenschaft“ entgegen, das auf praktischen Notwendigkeiten basiert.
2. Die ‚träumenden‘ und ‚frigiden‘ Frauen: Dieses Kapitel kritisiert die historische und ideologische Herleitung eines traditionellen Frauenbildes durch die Autoren, das Frauen als abhängige Care-Arbeiterinnen festschreibt und ihre sexuelle Selbstbestimmung als problematisch markiert.
3. Die Ehe: das ‚Kunstwerk‘: Hier wird die Ehe als vertraglich geregelte Institution analysiert, die unter dem Deckmantel der Subjektivität eine patriarchale Abhängigkeit und die Ausbeutung unbezahlter häuslicher Arbeit verbirgt.
4. Fazit und Ausblick: Die Arbeit schließt mit der Feststellung, dass die Kleinfamilie weiterhin als Instrument der Kapitalakkumulation fungiert und alternative Modelle, etwa gestärkte Freundschaften, zukünftig an Bedeutung gewinnen könnten.
Schlüsselwörter
Feministisch-marxistische Kritik, Ehe, Romantische Liebe, Geschlechtsspezifische Arbeitsteilung, Care-Arbeit, Kleinfamilie, Patriarchat, Kapitalakkumulation, Heteronormativität, Subjektivität, Geschlechterrollen, Reproduktion, Soziologie der Liebe, Institution, Selbstbestimmung.
Häufig gestellte Fragen
Was ist das zentrale Anliegen dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit unternimmt eine feministisch-marxistische Kritik am Text „Der romantische Fehlschluss“ von Elliott & Merrill, um aufzuzeigen, wie dieser die traditionelle Ehe legitimiert.
Welche Themenfelder werden in dem Essay behandelt?
Die Themen umfassen die Soziologie der Liebe, strukturelle Geschlechterungleichheit, die ökonomische Funktion der unbezahlten Care-Arbeit sowie die historische Konstruktion des weiblichen Subjekts.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit untersucht, mit welchen blinden Flecken Elliott & Merrill ihre Thesen zur Ehe untermauern und welche Folgen ihr implizites Frauenbild für die Selbstbestimmung von Frauen hat.
Welcher theoretische Ansatz wird zur Analyse verwendet?
Grundlage der Arbeit ist eine feministisch-marxistische Perspektive, ergänzt durch soziologische Erkenntnisse von Denkerinnen wie Eva Illouz und Silvia Federici.
Was wird im Hauptteil des Essays detailliert erörtert?
Der Hauptteil dekonstruiert die Definitionen der Autoren von „romantischer“ versus „ehelicher“ Liebe und legt die ideologischen Mechanismen frei, die die Hausarbeit und weibliche Abhängigkeit naturalisieren.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit maßgeblich?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Care-Arbeit, Kapitalakkumulation, heteronormative Zwangsform, Liebesfalle und die Transformation der ehelichen Beziehung zum sogenannten „Kunstwerk“.
Wie interpretieren die Autoren Elliott & Merrill das Konzept der „Frigidität“?
Sie führen das romantische Ideal als Faktor an, der zur „Frigidität“ führen könne, wobei sie die Verweigerung sexueller Verfügbarkeit durch Frauen implizit als illegitime Störung der ehelichen Ordnung deuten.
Welche Schlussfolgerung zieht die Autorin in Bezug auf die Zukunft von Beziehungen?
Unter Bezugnahme auf Gotby und Illouz wird konstatiert, dass die Kleinfamilie als heteronormative Liebesfalle zu kritisieren ist und zukünftig soziale Bindungsformen wie Freundschaften an Bedeutung gewinnen könnten.
- Arbeit zitieren
- Christiane Tell (Autor:in), 2026, "Husch, husch ins Körbchen!". Eine feministisch-marxistische Kritik der Position von Elliott & Merrill in "Der romantische Fehlschluss", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1708797