Das frühmittelalterliche Dorf

Am Beispiel Oppenheims


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A. Terminologie und Problemstellung

B. Das frühmittelalterliche Dorf am Beispiel Oppenheims
1. Definitionsansätze
2. Siedlungsgeschichte im Frühmittelalter
2.1 Hilfswissenschaften und Quellen zur Siedlungsgeschichte
2.2 Siedlungen zwischen Spätantike und Mittelalter
2.3 Struktur der Siedlung der Karolingerzeit
3. Frühmittelalterliche Siedlungen am Rhein
3.1 Siedlungsgeschichte am Rhein
3.2 Der Lorscher Codex und das Dorf Oppenheim
3.2.1 Quellenkritik
3.2.2 Untersuchung der frühmittelalterlichen Siedlung Oppenheim

C. Fazit - Allmähliche Dorfentwicklung im Frühmittelalter

Literatur- und Quellenverzeichnis

A. TERMINOLOGIE UND PROBLEMSTELLUNG

Der gängige Ausdruck ‚Dorf‘, wie er in der Alltagssprache genutzt wird, gibt auch heute nur ein grobes Bild über das eigentliche Gebilde, auf das mit dieser Verallgemeinerung verwiesen wird. Denn eine exakte Regelung, was denn nun genau ein Dorf sei, existiert heute genau so wenig, wie vor 1200 Jahren. Jedoch weiß jeder genau, dass es sich weder um eine Stadt, noch um einen einzelnen Hof handeln kann, wenn von einem ‚Dorf‘ die Rede ist.1

Eine Vorgehensweise, um ein Dorf genauer zu definieren, wäre beispielsweise die Festlegung einer Grenze an Einwohnern. So ging man jedenfalls im 19. Jahrhundert mit diesen Begriffsschwierigkeiten um. Alle Siedlungen mit einer Einwohnerzahl bis 2000 wurden danach als Dörfer bezeichnet. Das Problem, das sich dadurch ergab, war eindeutig. Kleine Siedlungen mit Einwohnerzahlen um die 2000 konnten Kleinstädte mit eigenem Stadtstatus, Bauernsiedlungen oder administrativ zusammengeschlossene Kleinsiedlungen sein.2

Es ist also unbedingt notwendig andere Merkmale von sogenannten Dörfern zu untersuchen, um geeignete Eigenschaften zu finden, die ein Dorf zu einem Dorf machen. Dabei ist es unumgänglich die Entstehungsgeschichte von Kleinsiedlungen im frühen Mittelalter zu betrachten. Einen allgemeinen Dorfbegriff gab es zu jener Zeit ebenfalls nicht. In den Quellen können verschiedene Begriffe, wie villa, vicus, curia oder domus für eine Dorfsiedlung gefunden werden.3

Um also zu erfahren, wie Dörfer damals entstanden, welche Ausmaße sie annahmen und wie sie strukturiert waren, wird in der folgenden Arbeit ein Überblick über frühmittelalterliche Siedlungsgeschichte, die Siedlungsformen- und räume, sowie ein Einblick in die innere Struktur der Dörfer gegeben. Zudem wird der Fragestellung nachgegangen, ob schon die frühmittelalterlichen Siedlungen jene dorfähnlichen Merkmale aufwiesen, um überhaupt als Dorf bezeichnet werden zu können. Um dies konkret am Beispiel eines frühmittelalterlichen Dorfes zu tun, wurde das Dorf Oppenheim in Rheinhessen genauer untersucht, das vor allem durch seine häufige Erwähnungen in der vorliegenden Quelle, dem Lorscher Codex, heraussticht.

B. DAS FRÜHMITTELALTERLICHE DORF AM BEISPIEL OPPENHEIM

1. Definitionsansätze

Wie anfangs erwähnt, wird der Begriff ‚Dorf‘ häufig genannt, wenn von kleineren, zumeist ländlichen, Siedlungen die Rede ist. Ähnlich verhielt es sich auch im Frühmittelalter. Dabei ist allerdings davon auszugehen, dass der Ausdruck ‚Dorf‘ zu dieser Zeit noch nicht existierte. Denn „der volkssprachliche Begriff ‚Dorf‘ erscheint zunächst als Annex von Ortsnamen, als selbstständiges Wort gewinnt er [erst] im 13. Jahrhundert an Bedeutung“4. Wenn man nicht vom Namenswort ‚Dorf‘ ausgeht, sondern den Begriff und dessen Verweisfunktion betrachtet, stellt man fest, dass der Ausdruck ‚Dorf‘ schon im Frühmittelalter eine beachtliche Bedeutungsbreite besitzt. So ist nicht fest bestimmt, ob bei einem Dorf ein Einzelhof, eine Gruppensiedlung oder ein größeres Haufendorf gemeint ist.5 Die eigentliche Begriffsbestimmung kann also nur erfolgen, indem Vergleiche zwischen den Siedlungen und Orten gezogen werden. So kann man eine Kleinsiedlung eindeutig von der Stadt abgrenzen, wobei die größten Unterschiede wohl bei der Größe und der Wirtschafts- und Sozialstruktur liegen.6 Für das Frühmittelalter ist der Vergleich mit der Stadt jedoch problematisch, da die meisten Städte erst im hohen oder späten Mittelalter gegründet wurden. Es bleibt also noch die soziale und wirtschaftliche Struktur von frühmittelalterlichen Kleinsiedlungen zu betrachten. Hier ist sich die Forschung im Allgemeinen einig, welche Merkmale typisch für dorfähnliche Siedlungen waren. Denn im Dorf lebten vornehmlich Bauern mit ihren Familien. Diese mussten ihren Lebensunterhalt selbst erwirtschaften, was nahezu ausnahmslos durch Landwirtschaft und Viehzucht geschah.7 Auch wenn es denn Anschein hat, dass es in einer landwirtschaftlich geprägten Siedlung des Frühmittelalters auch wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen den Bewohnern gab, so ist dies keinesfalls belegt.8 Dies liegt aber wohl vor allem auch daran, dass es sich bei den meisten Siedlungen des Frühmittelalters um Kleinsiedlungen mit nur ca. drei bis vier Familien handelte. Daraus könnte nun auch geschlossen werden, dass diese Gruppensiedlungen nicht einmal echte Dörfer, sondern einfache, vielleicht sogar nur zufällig zusammenfallende, Hofgruppen waren. Tatsächlich war die innere Struktur dieser ‚Ortschaften‘ sehr locker gegliedert.9 Quellen, wie die ‚leges‘ lassen in diesem Fall auch keinen tieferen Einblick zu. Zwar werden hier schon einige Bestimmungen für ländliches Zusammenleben geregelt, aber von einem gültigen Dorfrecht oder gar einer Dorfgemeinde ist noch nicht die Rede.10 Es ist also offensichtlich, dass eine grundsätzliche Definition des Begriffes ‚Dorfes‘ für das Frühmittelalter kaum gegeben werden kann. Vielmehr ist es Aufgabe der Geschichtsforschung Quellen korrekt auszuwerten, sowie mithilfe der Nachbarwissenschaften Strukturen der Siedlungen herauszuarbeiten. In den nachfolgenden Kapiteln soll daher anhand gängiger Fachliteratur und ausgewählten Quellen geklärt werden, wie man das Definitionsspektrum für frühmittelalterliche Siedlungen eingrenzen kann und ob es sich bei diesen Gebilden um ‚echte‘ Dörfer handelte oder nicht.

2. Siedlungsgeschichte im Frühmittelalter

2.1 Hilfswissenschaften und Quellen zur Siedlungsgeschichte

Bevor man sich mit einem Thema aus der frühmittelalterlichen Geschichte auseinandersetzt, muss man sich bewusst machen, dass für dieser Epoche eine besonders hohe Quellenarmut herrscht.

Daher ist es nicht einfach, mit geeigneten Teildisziplinen der Geschichtswissenschaft sichere Ergebnisse in Sachen Siedlungsforschung zu erzielen. Dennoch gibt es zahlreiche Methoden, die bisher zu größeren Erfolgen in der frühmittelalterlichen Siedlungsgeschichte geführt haben. Eine dieser Teildisziplinen wäre beispielsweise die Ortsnamenforschung. Durch das Untersuchen von Ortsnamen kann hierbei auf die Gründungsgeschichte von Orten verwiesen werden. So können beispielsweise Orte mit den Bestandteilen ‚-ahl-‘ oder ‚-alch-‘ in eine frühere Siedlungsperiode als Ortsnamen mit ‚-ingen‘ oder ‚-heim‘ eingeordnet werden.11 Das Problem, dass sich letztendlich daraus ergibt, ist die Ungenauigkeit bei den regional unterschiedlich geprägten Ortsnamen. So kann die Ortsnamenforschung auch keine universelle Antwort auf die Gründungsgeschichte von Siedlungen geben.

Die Historische Geographie beschäftigt sich ebenfalls mit der Siedlungsgeschichte des Mittelalters. Ihre Aufgabe hierbei ist vor allem die Erforschung von Natur- und Kulturlandschaft. Hierbei wird beispielsweise die Verteilung der Wirtschaftsflächen, der Siedlungen, der Wüstungen und der Verkehrswege untersucht.12 Ein Geograph der historischen Geographie bezieht sich hierbei zumeist auf bestimmte Kartenwerke, wie Atlanten, um Ergebnisse zu präsentieren. Da allerdings für das frühe Mittelalter kaum kartographische Quellen vorhanden sind und man auf weitaus jüngeres Kartenmaterial zurückgreifen muss, ist es hier wiederrum sehr problematisch von sicheren Ergebnissen zu reden.13

Die wohl sichersten Untersuchungen liefert derzeit die Siedlungsarchäologie des Mittelalters. Durch Verbindung vieler Teilgebiete der Archäologie ist es hier möglich geworden, weitaus bessere und genauere Ergebnisse, als beispielsweise bei der Untersuchung der wenigen Schriftquellen, zu erlangen. Dabei untersucht die Archäologie noch bestehende oder wüste Siedlungen durch Ausgrabungen mithilfe einzelner naturwissenschaftlicher Teilgebiete.14 Die Siedlungsarchäologie arbeitet dabei eng mit der Siedlungsgeographie zusammen und beschäftigt sich vor allem mit Gebäuden, Gräbern und Wüstungen. Die Anthropologie untersucht währenddessen menschliche Überreste und kann dabei Rückschlüsse auf Krankheiten oder Seuchen ziehen.15

Um sichere und exakte Ergebnisse zur Siedlungsgeschichte des Mittelalters zu erreichen, ist es also unbedingt nötig mehrere Teildisziplinen zu verbinden. Nur so kann die rar gesäte Quellenlage des Frühmittelalters entsprechend genutzt werden.

2.2 Siedlungen zwischen Spätantike und Mittelalter

Um nun die Anfänge der Siedlungsgeschichte des Mittelalters zu beleuchten, wird im Folgenden näher auf die Umstände und Folgen der Siedlungsgründungen zwischen der Spätantike und dem angehenden Mittelalter eingegangen. Geht man nach spätantikem Sprachgebrauch, so wurden allgemein Siedlungen mit dem Wort vicus umschrieben. Jedoch ist der Begriff vicus nicht unumstritten. Denn, wie so viele andere Begriffe der Antike und des Frühmittelalters, lässt er eine besondere Breite an Definitionsmöglichkeiten zu. Lateinische Wörterbücher bieten mit den Übersetzungen Dorf, Weiler, Flecken oder auch Stadtviertel keine eindeutige Lösung an.16 Nach quellenkritischer Arbeit ist sich die Forschung jedoch in dem Punkt einig, dass es sich bei den Siedlungen der Antike und des Frühmittelalters, die mit dem Begriff vicus versehen wurden, um verschieden strukturierte Gebilde gehandelt haben muss.17 Bei den vici der Spätantike geht man von Kaufmannssiedlung aus, die zumeist industriell und handwerklich geprägt waren. „[Diese] sind weder bäuerlich wirtschaftende Landsiedlungen gewesen, noch bloß Teile einer größeren städtischen Agglomeration“.18 Es handelte sich hierbei vielmehr um eigenständige, stadtähnliche Gebilde, die man heute wohl als Kleinstädte bezeichnen würde.

Die, als vici bezeichneten, antiken Kaufmannssiedlungen sind, wie erwähnt, von den frühmittelalterlichen vici streng abzugrenzen. Im Gegensatz zur Spätantike setzte mit der Zeit der Völkerwanderung eine Umbruchsperiode in der Siedlungsgeschichte ein. Denn mit der großen Völkerwanderung am Ende des antiken Zeitalters begann einer der größten Neuansiedelungsperioden. Begünstigt durch Klimaveränderungen, Krankheiten, Epidemien und Hungersnöte kam es zur sogenannten Fränkischen Landnahme.19 „Die landnehmenden Germanen schafften in Mitteleuropa ein völlig neues Siedlungsbild, in dem sich von Anfang an Einzelhof und Dorf als nebeneinander existierende Siedlungsformen begegneten.“20 Die Siedlungen wurden vornehmlich in naturräumlich begünstigten Gebieten angelegt. Beispiele hierfür wären die Kölner Bucht, das Neuwieder Becken oder auch die Oberrheinebene.21 Da vor allem die Viehhaltung eine wichtige Rolle spielte, war es unumgänglich, Gebiete mit hohem Feuchtlandanteil und genügend Wasservorkommen zu besiedeln. Durch naturraumgebundene Anpassung entstanden daher viele verschiedene Lagetypen von Dörfern.

[...]


1 Vgl. Schutzeichel, Rudolf: Dorf. W o r t und Begriff, in: Jahnkun, Herbert/Schutzeichel, Rudolf/Schwind, Fred (Hrsg.): Das Dorf der Eisenzeit und des fruhen Mittelalters. Siedlungsform -wirtschaftliche Funktion - soziale Struktur (Bericht uber die Kolloquien der Kommission fur die Altertumskunde Mittel- und Nordeuropas in den Jahren 1973 und 1974),Gottingen 1977, S. 9

2 Vgl. TroBbach, Werner/Zimmermann, Clemens: Die Geschichte des Dorfes, Stuttgart 2006, S. 9

3 TroBbach/Zimmermann, S. 9

4 TroBbach/Zimmermann, S. 9

5 Vgl. Rosener, W . : Art. ,Dorf', in: Lexikon des Mittelalters, Bd. 3, Stuttgart 1986, Sp. 1266

6 Vgl. TroBbach/Zimmermann, S. 9

7 Vgl. TroBbach/Zimmermann, S. 12

8 Vgl. TroBbach/Zimmermann, S. 19

9 Vgl. TroBbach/Zimmermann, S. 21

10 Vgl. TroBbach/Zimmermann, S. 19

11 Vgl. TroBbach/Zimmermann, S. 19

12 Vgl. Goetz, Hans-Werner: Proseminar Geschichte: Mittelalter, Stuttgart 32006, S. 276

13 Vgl. Goetz, S. 276f.

14 Vgl. Jager, Helmut: Art. D o r f - A r c h a o l o g i e und Siedlungsgeschichte, in: Lexikon des Mittelalters, Bd. 3, Stuttgart 1986, Sp. 1267

15 Vgl. Goetz, S. 302

16 Vgl. Ament, Hermann: Zur nachantiken Siedlungsgeschichte romischer Vici im Rheinland, in: Landesgeschichte und Reichsgeschichte. Festschrift fur Alois Gerlich zum 70. Geburtstag, Geschichtliche Landeskunde 42, 1995 S. 19

17 Vgl. Kobler, Gerhard: Vicus und thorf zwischen Antike und Mittelalter, in: in: Jahnkun, Herbert/Schutzeichel, Rudolf/Schwind, Fred (Hrsg.): Das Dorf der Eisenzeit und des fruhen Mittelalters. Siedlungsform - wirtschaftliche Funktion - soziale Struktur (Bericht uber die Kolloquien der Kommission fur die Altertumskunde Mittel- und Nordeuropas in den Jahren 1973 und 1974), Gottingen 1977, S. 137

18 Vgl. Ament: Siedlungsgeschichte romischer vici, S. 19

19 Vgl. TroBbach/Zimmermann, S. 18

20 Jager, Sp. 1268

21 Vgl. TroBbach/Zimmermann, S. 18

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Das frühmittelalterliche Dorf
Untertitel
Am Beispiel Oppenheims
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
19
Katalognummer
V170937
ISBN (eBook)
9783640899708
ISBN (Buch)
9783640899135
Dateigröße
443 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Dorf, Mittelalter, Frühmittelalter, Lorscher Codex, Oppenheim, Grundherrschaft, Quellen
Arbeit zitieren
Karsten Golze (Autor), 2009, Das frühmittelalterliche Dorf, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/170937

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