Wagnis und Risiko - eine Darstellung aus erlebnispädagogischer Perspektive


Hausarbeit, 2009

16 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Begriffsdifferenzierung
2.1 Wagnis
2.2 Risiko

3 Begriffsverbindung

4 Wagnisse und Risiken in der Erlebnispädagogik

5 Grenzen von Wagnissen und Risiken für die Erlebnispädagogik

6 Thesenbeleg anhand praktischer Beispiele

7 Fazit und Ausblick

8 Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Möchte man einen Einblick in die Erlebnispädagogik mit ihren Techniken und Verfahrensweisen bekommen, stößt man schnell auf die Begriffe Wagnis, Risiko und Unsicherheit. Die Liste der aufgeworfenen Begriffe wird immer länger und länger je intensiver man sich mit der Thematik des „Lernens mit Kopf, Herz und Hand“, wie es bereits Kurt Hahn (1886 - 1957), der „Gründungsvater der Erlebnispädagogik“[1], beschrieb. Einwanger legt dar, dass „ Alle sozialen Tugenden definieren sich durch das ihnen innewohnende Risiko. Vertrauen kann als einfaches Beispiel dafür gelten.“[2] Mit dieser Aussage lässt sich der Bogen zu Kurt Hahn spannen, der bereits zum Beispiel den Mangel an Zuverlässigkeit und Interesse und den körperlichen Verfall insbesondere von Kindern und Jugendlichen, heute in selber Weise existente Phänomene, in seinen pädagogischen Fokus rückte. Dass die Bedeutung und mögliche Effekte von Wagnissen und Risiken einen nicht unerheblichen Stellenwert in der Sozialen Arbeit, hier spezielle auf das Arbeitsfeld der Erlebnispädagogik bezogen, einnehmen, verdeutlichen diverse Veröffentlichungen die beispielsweise einen pädagogischen Umgang mit Risiken beschreiben[3] oder die Gefahren erörtern, welche damit verbunden sind, nichts zu wagen.[4] Liegen die persönlichen Interessen, wie in meinem Fall, in genau diesem Arbeitsfeld der Sozialen Arbeit, ist diese Hausarbeit eine gute Gelegenheit die begrifflichen Grenzen abzustecken (Wagnis und Risiko) und die literarischen Begriffsbeschreibung durch persönliche praktische Beispiele zu ergänzen und zu konkretisieren. Ebenfalls sollen aufgeworfene Fragen und Thesen im Anschluss kritisch beleuchtet und dementsprechend beantwortet, bestätigt oder gegebenenfalls widerlegt werden. Im Kapitel 2 wird mittels einer Begriffsdifferenzierung die Grundlage für die nachfolgenden Kapitel, welche sich mit Begriffsverbindungen (3) und Wagnissen und Risiken in der Erlebnispädagogik (4) beschäftigen gelegt. Kapitel 5 und 6 werden die Grenzen der Erlebnispädagogik in Bezug auf Wagnisse und Risiken aufgreifen und anschließend werden die aufgeworfenen Thesen an Hand praktischer Beispiele belegt. Den abschließenden Teil soll Kapitel 7 bilden, welches ein Fazit und einen kurzen Ausblick zum Inhalt hat.

2 Begriffsdifferenzierung

Nähert man sich den Begriffen Wagnis und Risiko stellt man schnell fest, dass sich der Diskurs um diese Begriffe auf unterschiedlichen wissenschaftlichen Ebenen und in verschiedenen gesellschaftlichen Schichten abspielt. Begibt man sich in die Recherche mit dem Begriff Risiko werden die ersten Treffer[5] im Bereich der Soziologie beziehungsweise der Betriebswirtschaft anzusiedeln sein. Beim Begriff Wagnis hingegen landet man recht schnell im Bereich der Pädagogik und hier speziell in der Sportpädagogik. Es wird jedoch bei tiefer gehender Beschreibung der Notwendigkeit und der Effekte von Wagnissen eben so klar, dass der Begriff Risiko einen nicht zu vernachlässigenden Bereich in der Erlebnispädagogik einnimmt. Mit dieser, zur Begriffsdifferenzierung ambivalent erscheinenden Begriffsbeziehung, wird sich nachfolgendes Kapitel befassen.

2.1 Wagnis

Der Begriff Wagnis kommt nach Warwitz von „wagan“ und bedeutet soviel wie sich trauen beziehungsweise den Mut haben etwas zu tun. Um seinen Wagnisbegriff vom Risikobegriff abzugrenzen schreibt er: „[Der Wagnisbegriff] legt seinen Bedeutungsschwerpunkt auf die Vorgänge innerhalb der sich gefährdenden Personen.“[6] Dies verdeutlicht, dass der Prozess des Wagens immer sehr individuelle Ausprägungen und intrapersonelle Auswirkungen besitzt. Diese Individualität, welche sich als eines der Hauptunterscheidungsmerkmale zum Begriff des Risikos charakterisieren lässt, wird in einem weiteren Differenzierungsversuch deutlich. „Mit den Begriffen Wagnis werden im Gegensatz zum Risiko keine gesellschaftlichen Unsicherheiten bezeichnet.“[7] Der eigentliche Prozess des Wagnisses, das Wagen an sich “… bedeutet ein Abwägen, ein Erwägen, ob von den gewogenen Schalen „Risikoeinsatz“ und „Sinnschöpfung“ die Sinnseite auch ein deutliches Übergewicht erhält.“[8] Auch in dieser Beschreibung wird deutlich, dass eine strickt voneinander getrennte Betrachtung der Begriffe aus der Perspektive der Erlebnispädagogik wenig effektiv zu sein scheint. Aus einer weniger metaphorischen Beschreibung des Wagens geht hervor, dass etwas zu wagen in dem Sinne verstanden wird, als dass es eine selbst bestimmte Suche nach spannenden und bereichernden Situation, als Möglichkeit der Probe zur Fähigkeit der Selbsteinschätzung dient und eine Lerngelegenheit für den Umgang mit Angst oder Möglichkeiten zur Persönlichkeit- und Wertentwicklung darstellt.[9] Auch betrachtet man hier, dass das Wagnis durch eine „selbstbestimmte Suche“ beschrieben wird. Es stellt sich die Frage, ob ein Jugendlicher, welcher sich selbst bestimmt und aus freiem Willen an eine fahrende S-Bahn hängt, „nur“ ein Wagnis eingeht oder bewusst beziehungsweise unbewusst ein Risiko eingeht.

Es lassen sich jedoch weitere wesentliche Unterscheidungsmerkmale finden, auf die bereits die Existenzphilosophen Jasper und Heidegger, der Pädagoge Bollnow und der Philanthrop Schweitzer hingewiesen haben. Nach Warwitz zusammengefasst erscheint der Wagnisbegriff vor allem in Zusammenhang mit sinn- und wertgerichteten Fragen und besitzt einen hohen Personaaspekt, was meint, dass die Persönlichkeit als unteilbares Ganzes zu verstehen ist. Das Wagen hat mehr die ideelle Seite des Problemfeldes im Blick. Hiernach lässt sich also unterscheiden, ob ein Mensch zum Beispiel sein Leben riskiert in dem er als Soldat in den Krieg zieht[10] oder ob er sein Leben wagt um beispielsweise in Kambodscha Landminen zu beseitigen. Das auch der Begriff des Wagnis bereits in der Wissenschaft aufgegriffen ist, verdeutlichen Fachtermini wie Wagnisskala, Wagnisformel und das Strukturgesetz des Wagens. Die Wagnisskala trifft eine Unterteilung in sechs Kategorien, wobei hierfür der Grad der Wagnisbereitschaft herangezogen wird. Den mittleren Bereich, also der durch die jeweilige Gesellschaft definierte Normbereich, dieser Skala belegt der Charakterzug des Wagemuts.[11] „Der Wagemutige gilt als beherzt, zupackend, kühn … also als kompetent, verlässlich und vertrauenswürdig.“[12]

Die Bildung des Charakterzuges Wagemut und der damit verbundenen Fähigkeiten zum Erkennen, Bewältigen und Nutzen von Wagnissen ist somit erklärtes pädagogisches Ziel. Eine abschließende Beschreibung, welche sehr weitschweifend und philosophisch anmutet gibt Warwitz, in dem er schreibt:

„Das Wagen betrifft die fundamentalen Sinneinstellung eines Menschen, sein ethisches Bewusstsein, seine Verantwortungsfähigkeit, seinen Wertschöpfungs-willen.“[13]

2.2 Risiko

Lat. risicare, ital. risico bedeutete ursprünglich „Gefahr laufen“, „Klippen umschiffen.“

Das italienische Lehnwort Risiko findet im 16. Jahrhundert eingang in die deutsche Sprache, neben Begriffen wie Wagnis, Gefahr und Abenteuer. Geprägt wird der Begriff Risiko durch den Aspekt der Berechenbarkeit einer Gefährdung.[14] Um diese Berechenbarkeit näher zu erläutern, führen Hebbel-Seeger u.a. folgendes an: „Risiko ist eine Unsicherheit als Produkt aus (antizipierter) Schadenshöhe und (antizipierter) Schadenswahrscheinlichkeit.“[15] Diese Formel, beziehungsweise die Existenzbegründung dieser, wird durch Warwitz bestätigt, der beschreibt, dass es beim Risiko „…um das Messen von Ungewissheiten, deren Gefährdungsgrad sich in Zahlen und Verhältnissen (Prozentsätzen) ausdrücken lässt.“ geht.[16] Betrachtet man diese zwei Aussagen genauer, fällt die doppelte Verwendung des Wortsstamms von Schaden und der Begriff Gefährdungsgrad ins Auge. Was Schaden im pädagogischen Sinn bedeutet, legen Hebbel-Seeger u.a. wie folgt dar: „Das Spektrum denkbarer Veränderungen bezieht sich nicht notwendiger Weise nur auf materielle Aspekte, sondern kann sich durchaus auch auf leibliche oder emotionale Komponenten beziehen, die infolge subjektiver Bewertung als beschädigt erscheinen.“[17] Diese denkbaren Veränderungen der leiblichen oder emotionalen Komponente, im Gegenzug zu obiger Aussage jedoch im ausschließlich positiven Sinn, sind eben die Bereiche in denen die Erlebnispädagogik ihre Ansatzpunkte findet. Die Abwehr des Schadens ist daher eine enorm wichtige Aufgabe, welche durch den jeweiligen ErlebnispädagogenInnen auf keinen Fall vernachlässigt werden darf. Dies widerspricht natürlich ein Stück weit dem, dass die Erlebnispädagogik Räume bereitstellen und die jeweiligen Situationen so begleiten sollte, das subjektive Risiken, gleich welchem Gefährdungsgrad zu positiven Lernerfahrungen und somit zur Erweiterung von individuellen und sozialen Fähigkeiten führen soll. Soweit die Theorie. Die Praxis stellt mit ihrem breiten Spektrum jedoch ein Arbeitsfeld dar, in dem ein gewisses Restrisiko zur Schädigung des Klienten, eben durch diese subjektive und somit sehr individuelle Bewertung des möglichen und/oder existenten Schadens, besteht.

These: Wer Erlebnispädagogik macht, muss mit der Schädigung des Klienten rechnen.

3 Begriffsverbindung

Aus diesem bisherigen Versuch die Begriffe Wagnis und Risiko von einander abzugrenzen, ging zusammenfassen hervor, dass die Begriffe Risiko und Wagnis aus erlebnispädagogischer Sicht schwer zu trennen sind und die Grenzen durch die Individualität der Akteure zum Beispiel in Bezug auf Selbstbewusstsein, Problembewältigungskompetenz oder gar der Angstbewältigung fließend und somit schwer voneinander zu trennen sind. Eine treffende Beschreibung dessen, was das Risiko und das Wagnis aus erlebnispädagogischer Perspektive miteinander verbindet, geben Hebbel-Seeger u.a.:

„Zur Beziehung der beiden Elemente Risiko und Wagnis lässt sich zusammenfassend festhalten, dass Gefahren durch Entscheidungsprozesse in Risiken transformiert werden, während (sich sic!) Risiken durch die Perspektive einer aktiven Bewältigung in Wagnisse transformieren lassen.“[18] Es ist demnach so, dass Wagnisse erst aus Risiken heraus entstehen, nämlich genau dann, wenn man sich einem bestimmten Risiko mit all seiner Schadensmöglichkeiten annimmt und es durch aktive Beteiligung so zu bewältigen versucht, dass man keinen Schaden sondern einen Gewinn aus der jeweiligen Situation zieht.

Eine weitere Verbindung der Begriffe zeigt sich in den Motiven die zur Auseinandersetzung mit den Elementen Risiko und Wagnis aus soziologischer Sicht führen. Hier gibt es eine Polarisierung zweier Positionen. Während die Vertreter der einen Position in den Elemente Risiko und Wagnis eine „schon immer vorhandene Triebfeder der menschlichen Entwicklung“ sehen, betrachtet die andere Positionen die Auseinandersetzung mit Risiko und Wagnis als ein Phänomen der heutigen Zeit in dem ein Ausgleich gesucht wird für die Forderungen der modernen Gesellschaft nach Affektkontrolle und dem beherrschen von Emotionen.[19] Diese zwei Positionen lassen sich jedoch auch zusammengefasst betrachten, da die Anforderungen sich verändernder Gesellschaften meines Erachtens eng mit der menschlichen Entwicklung einhergehen.

[...]


[1] nach Kreft und Mielenz heißt es im Wörterbuch Soziale Arbeit unter dem Begriff
Erlebnispädagogik: „Theoretisch wird Bezug auf Kurt Hahn (Erlebnistherapie) und die
Reformpädagogen der pädagogischen Epoche von 1890-1933 (aus grauer Städte Mauern)
genommen, für die die Begriffe Erlebnis, Augenblick, Unmittelbarkeit, Gemeinschaft Natur,
Echtheit und Einfachheit von zentraler Bedeutung waren.“(2005, 243)

[2] Einwanger 2007, 15

[3] Koller 2007 In: Einwanger 2007, 99ff

[4] Einwanger 2007, 13ff

[5] z.B. eines OPAC-Kataloges oder einer beliebigen Bücher-Suchmaschine

[6] Warwitz 2001, 16

[7] Hebbel-Seeger; Liedtke In: Gissel; Schwier (Hrsg.) 2003, 111

[8] Warwitz 2001, 16)

[9] Hebbel-Seeger; Liedtke In: Gissel; Schwier (Hrsg.) 2003, 109

[10] Es sei dahingestellt ob die aktive Beteiligung an Kriegshandlungen jeglicher Art auf Freiwilligkeit
beruht, wobei der ideelle Aspekt einer solchen Beteiligung wohl außer Frage steht.

[11] Ergänzt wird die Skala durch Wagnisfreude, Verwegenheit, Waghalsigkeit, Wagnisschwäche,
Wankelmut und Wagnisscheu (Warwitz 2001, 17)

[12] Warwitz 2001, 17

[13] Warwitz 2001, 17

[14] Warwitz 2001, 15

[15] Hebbel-Seeger; Liedtke In: Gissel; Schwier (Hrsg.) 2003, 110

[16] Warwitz 2001, 15

[17] Hebbel-Seeger, Liedtke In: Gissel/Schwier (Hrsg.) 2003, 111

[18] Hebbel-Segger; Liedke In: Gissel; Schwier (Hrsg.) 2002, 112

[19] Hebbel-Segger;Liedke In: Gissel; Schwier (Hrsg.) 2002, 112

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Wagnis und Risiko - eine Darstellung aus erlebnispädagogischer Perspektive
Hochschule
Fachhochschule Erfurt
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
16
Katalognummer
V171343
ISBN (eBook)
9783640906475
ISBN (Buch)
9783640906796
Dateigröße
606 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
wagnis, risiko, darstellung, perspektive
Arbeit zitieren
Diplom Sozialpädagoge/Sozialarbeiter (FH) Michael Frank (Autor), 2009, Wagnis und Risiko - eine Darstellung aus erlebnispädagogischer Perspektive, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/171343

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