[...] Die Sprache als gemeinsames Medium bietet die Chance mit einheimischen Kollegen, Vorgesetzten und Klienten zu kommunizieren und zusammen zu arbeiten. In dieser Studie werde ich genau darauf eingehen. Ich werde dabei verschiedene Erfahrungshorizonte aufzeigen, die MigrantInnen während ihrer beruflichen Zeit wahrgenommen haben.
Es geht mir also darum darzustellen, wie MigrantInnen sprachliche Erfahrungen wahrnehmen und ob und inwieweit Merkmale der Sprache für deren Rolle auf dem Arbeitsmarkt vorhanden sind. Ich werde weiterhin diese Erfahrungen – soweit dies möglich ist – in theoretische Grundlagen und bestehende empirische Forschungen einordnen. Schließlich soll dann die Frage beantwortet werden, inwieweit die deutsche Sprache als Zweitsprache von MigrantInnen den beruflichen Alltag bestimmt oder nur zweitrangig eine Rolle spielt, wobei ich auch auf dabei entstehende Effekte eingehen werde. Diese Arbeit hat dabei nicht die Absicht spezifische Typenbildungen vorzunehmen, welche die untersuchten MigrantInnen repräsentativ darstellen, sondern einzig die Erfahrungen herauszukristallisieren und mit theoretischen Ansätzen und anderen empirischen Studien zu vergleichen. Ich beginne zunächst mit einer allgemeinen Darstellung des Themas „Arbeitsmigration“ und beziehe dieses nach einem anfänglichen historischen Exkurs auf den sprachlichen Aspekt und dessen Zusammenwirken mit dem Arbeitsmarkt (2.). Um diese Studie verorten zu können, werde ich danach eine Skizzierung bestehender Forschungen und Studien vornehmen (3.). Im Anschluss daran stelle ich die hier vorliegende Studie vor und gehe dabei zunächst auf die Biografien der Interviewten ein, um dann das narrativ fundierte Interview und die dokumentarische Methode zu erläutern (4.). Daran anknüpfend stelle ich die Ergebnisse der Interviews anhand fünf markanter Punkte vor: der Einstieg in den Arbeitsmarkt (5.1.); die rechtliche Exklusion bei der Nicht-Anerkennung des ausländischen Bildungstitels (5.2.); der sprachliche Umgang in interkulturellen Arbeitsgesprächen (5.3.); Klassifizierung und Diskriminierung (5.4.) und die Kompensation von sprachlichen Fähigkeiten durch fachliche Kompetenzen (5.5.). In einer abschließenden Zusammenfassung möchte ich Vergleichshorizonte zu anderen Studien herstellen (5.6.) und schließlich in einem Fazit einen Ausblick auf die weitere Forschung geben (6.).
Inhaltsverzeichnis
1. ZUR EINFÜHRUNG
2. IMMIGRATION UND ARBEITSMARKT IN DEUTSCHLAND UNTER SPRACHTHEORETISCHEN BEDINGUNGEN
2.1. Arbeitsmigration und „Gastarbeiterdeutsch“
2.2. Sprachtheoretische Grundlagen unter individuellen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen
3. STAND DER FORSCHUNG
4. FELDFORSCHUNG
4.1. Die interviewten MigrantInnen
4.2. Das narrativ fundierte Interview: theoretische Grundlagen und praktische Herausforderungen im Umgang mit MigrantInnen
4.3. Die dokumentarische Methode
5. ERFAHRUNGEN MIT DER DEUTSCHEN SPRACHE AUF DEM ARBEITSMARKT
5.1. Der Einstieg in den Arbeitsmarkt – oder „Ich hatte mit dem Meister erst mit Handzeichen kommuniziert dan hat er langsam erzählt“
5.2. Rechtliche Exklusion bei der Nicht-Anerkennung des ausländischen Bildungstitels – oder „ohne wenn und aber mindestens Deutsch C2“
5.3. Der sprachliche Umgang in interkulturellen Arbeitsgesprächen – oder „Ich verstehe nicht, können Sie nochmal sagen?“
5.4. Klassifizierung und Diskriminierung – oder „Sie hat mich so richtig zur Schnecke gemacht“
5.5. Die Kompensation von sprachlichen Fähigkeiten durch fachliche Kompetenzen – oder „Manchmal ist es auch nicht nur das Verstehen“
5.6. Abschließende Betrachtung
6. FAZIT UND AUSBLICK
Zielsetzung & Themen
Diese wissenschaftliche Arbeit untersucht die praktischen Erfahrungen von Menschen mit Migrationshintergrund im Umgang mit der deutschen Sprache als Zweitsprache auf dem Arbeitsmarkt. Ziel ist es, mittels narrativ fundierter Interviews zu ergründen, inwieweit sprachliche Defizite den Berufsalltag determinieren oder ob andere Kompetenzen diese kompensieren können.
- Historische und theoretische Einbettung der Arbeitsmigration und Sprachproblematik
- Methodische Durchführung narrativer Interviews mit MigrantInnen
- Analyse der Bedeutung von Sprachkenntnissen für den Arbeitsmarktzugang
- Untersuchung von Diskriminierungserfahrungen und deren Bezug zum Sprachstand
- Bewertung des Verhältnisses zwischen sprachlichen und fachlichen Kompetenzen
Auszug aus dem Buch
Der Einstieg in den Arbeitsmarkt – oder „Ich hatte mit dem Meister erst mit Handzeichen kommuniziert dan hat er langsam erzählt“
„Die Bäckerei war türkische und habe ich erst als Bäckerhelfer (6 Monate) angefangen, wir waren 5 Mitarbeiter und unser Meister war erfahrener deutscher Brotmeister. Ich habe von ihm viel gelernt dann nach einem Jahr bin ich als Brotmeister eingestigen. Weil unser Meister aufgehört hatte. Meine Aufgaben waren die Bestellungen aufzunehmen, den Teig vorbereiten, den Ofen an und ausmachen den Garraum kontrolieren den Teig in den Ofen reinschiben und die Brote aus dem Ofen rausholen usw. Ich hatte mit dem Meister erst mit Handzeichen kommuniziert dan hat er langsam erzählt, was ich machen sollte. Die Kunden waren meisten türkische Geschäftsleute.“ (Işık, Sozialpädagoge, Auszug aus einer E-Mail vom 07.01.2011, Z.290-298)
Das bestehende Sprachdefizit impliziert und legitimiert den Einstieg in einer türkischen Firma, da hierbei auch die türkische Sprache als Kommunikationsmedium genutzt werden kann. Zudem spielt „der ethnische Hintergrund“ der Bäckerei eine entscheidende Rolle, wenn es darum geht, sich mit der Arbeit zu identifizieren. Allerdings stellt sich dabei auch heraus, dass sein höchster direkter Vorgesetzter ein „deutscher Brotmeister“ war. Beide haben anfangs nur „mit Handzeichen kommuniziert“. Eine sprachliche Ebene war möglicherweise aber dennoch, wenn auch nur auf einfachstem Niveau vorhanden. So kommt es bspw. dazu, dass die zu erklärenden Tätigkeiten dennoch automatisch in der jeweiligen Sprache expliziert werden, ohne dass das Gesagte verstanden wird. So entwickeln sich die Begriffe mit den Tätigkeiten und ermöglichen mittelfristig auch eine gegenseitige verbale Interaktion („dan hat er langsam erzählt, was ich machen sollte“). Seine Tätigkeiten in der Bäckerei waren anfangs deutlich auf das handwerkliche reduziert.
Zusammenfassung der Kapitel
1. ZUR EINFÜHRUNG: Die Arbeit thematisiert die Schwierigkeiten von Menschen mit Migrationshintergrund auf dem Arbeitsmarkt und stellt die Relevanz der deutschen Sprache als zentrales Medium für die berufliche Integration heraus.
2. IMMIGRATION UND ARBEITSMARKT IN DEUTSCHLAND UNTER SPRACHTHEORETISCHEN BEDINGUNGEN: Es erfolgt ein historischer Abriss der Arbeitsmigration in Deutschland und eine theoretische Fundierung des Begriffs „Sprache“ im Kontext von Migration.
3. STAND DER FORSCHUNG: Dieser Abschnitt bietet einen Überblick über bestehende Studien zum Thema Sprache und Arbeitsmarkt, insbesondere unter Einbeziehung von kulturellem Kapital.
4. FELDFORSCHUNG: Der Autor beschreibt das methodische Vorgehen der Studie, inklusive der biografischen Skizzierung der Interviewpartner und der Anwendung der dokumentarischen Methode.
5. ERFAHRUNGEN MIT DER DEUTSCHEN SPRACHE AUF DEM ARBEITSMARKT: Der Hauptteil analysiert konkrete Fallbeispiele bezüglich Arbeitsmarkteinstieg, rechtlicher Exklusion, interkultureller Kommunikation, Diskriminierung und Kompetenzkompensation.
6. FAZIT UND AUSBLICK: Zusammenfassend wird das Verhältnis zwischen Sprachkompetenz und beruflichem Erfolg bewertet und diskutiert, wie andere Fähigkeiten sprachliche Barrieren ausgleichen können.
Schlüsselwörter
Arbeitsmigration, Gastarbeiterdeutsch, Sprachdefizit, Zweitspracherwerb, Dokumentarische Methode, Soziale Integration, Diskriminierung, Fachkompetenz, Kulturelles Kapital, Narratives Interview, Berufspädagogik, Interkulturelle Kommunikation, Akkreditierung, Bildungstitel, Arbeitsmarktzugang
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Erfahrungen von MigrantInnen mit der deutschen Sprache im beruflichen Kontext und deren Einfluss auf den Erfolg oder Misserfolg auf dem deutschen Arbeitsmarkt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Studie?
Im Fokus stehen der Arbeitsmarkteinstieg, die Bedeutung von Sprachzertifikaten, interkulturelle Kommunikation im Team sowie die Diskriminierungserfahrungen aufgrund sprachlicher Barrieren.
Welches Ziel verfolgt die Forschungsfrage?
Die Arbeit möchte herausarbeiten, ob und wie Sprachdefizite den Berufsalltag behindern oder ob fachliche und soziale Kompetenzen als Ausgleich fungieren können.
Welche wissenschaftliche Methode wurde angewendet?
Es wurde eine qualitative Untersuchung durchgeführt, die sich primär auf narrativ fundierte Interviews stützt, welche im Anschluss mit der dokumentarischen Methode analysiert wurden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in fünf Bereiche: Einstiegsszenarien, rechtliche Exklusion durch nicht anerkannte Titel, sprachliche Dynamiken in interkulturellen Gesprächen, Diskriminierungserfahrungen sowie die Kompensation sprachlicher Defizite durch fachliche Stärken.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Publikation?
Wichtige Schlagworte sind Migration, Sprachkompetenz als kulturelles Kapital, soziale Inklusion, berufliche Identität und der "modus operandi" des Habitus.
Warum ist das Sprachniveau C2 für einige Interviewpartner ein zentrales Hindernis?
Das Sprachniveau C2 wird für Lehrer als zwingende Voraussetzung für die Anerkennung ihrer ausländischen Bildungsabschlüsse gefordert, was zu einer langwierigen rechtlichen Exklusion und Wartezeiten führt.
Wie spielt die Muttersprache eine Rolle im Berufsalltag der Befragten?
Die Muttersprache dient häufig als Mittel zur Konfliktdeeskalation, zur Sicherung von Informationen gegenüber Dritten oder zur präzisen Vermittlung von Anweisungen an Jugendliche, wenn Deutsch als Medium nicht ausreicht.
- Arbeit zitieren
- B.A Bildungs- und Erziehungswissenschaftler Michel Beger (Autor:in), 2011, Sprache und Beruf - Eine dokumentarische Analyse der praktischen Erfahrungen mit der deutschen Sprache als Zweitsprache von Menschen mit Migrationshintergrund, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/171879