Die vorliegende Hausarbeit untersucht die Darstellung von Trauer im Nibelungenlied am Beispiel der Figur Kriemhild. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Kriemhild ihre Emotionen ausdrückt und inwieweit sie diese kontrollieren kann. Ausgehend von Siegfrieds Tod wird analysiert, wie sich ihre Trauer in körperlichen und sprachlichen Ausdrucksformen manifestiert und sich im Verlauf der Handlung zunehmend mit dem Motiv der Rache verknüpft. Dabei zeigt sich ein Spannungsfeld zwischen affektiver Überwältigung und strategischer Rationalität: Während Kriemhild zunächst von intensiven Gefühlsausbrüchen geprägt ist, gelingt es ihr später, ihre Emotionen gezielt zu steuern und für ihre Rachepläne einzusetzen. Die Arbeit verbindet literaturwissenschaftliche Analyse mit Ansätzen der Emotionsforschung und leistet damit einen Beitrag zum Verständnis mittelalterlicher Gefühlsdarstellungen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Emotionen und Emotionsforschung am Beispiel von Trauer
3. Die Darstellung von Kriemhilds Trauer
3.1 Siegfrieds Tod
3.2 Die Heirat mit Etzel
3.3 Trauer und Umsetzung der Rache
4. Zwischen Affekt und Kontrolle
5. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Darstellung von Kriemhilds Trauer im Nibelungenlied sowie ihre Fähigkeit, diese Emotion zweckgerichtet zu kontrollieren, um ihr Racheziel gegen Hagen zu erreichen.
- Kriemhilds spezifische Ausdrucksformen der Trauer als weibliche Hauptfigur.
- Die Transformation von emotionaler Trauer in strategisches Rachehandeln.
- Der Wechsel zwischen öffentlichem und privatem Ausdruck von Emotionen.
- Die Rolle der Rationalität bei der Emotionskontrolle in extremen Konfliktsituationen.
Auszug aus dem Buch
3.1 Siegfrieds Tod
Die 17. Aventiure stellt der Hochpunkt des Trauerausdrucks im Nibelungenlied dar, weil eine Vielzahl an Möglichkeiten präsentiert werden, wie Trauer ausgedrückt werden kann. Normalerweise spielt die Trauer von Frauen in Heldenepen keine zentrale Rolle. Da Kriemhilds Klage eine besonders starke emotionale Komponente aufweist, weicht sie von dem typischen Muster ab. Küsters zufolge ist die Totenklage um Siegfried „zur hochrepräsentativen höfischen Trauerliturgie gestaltet, in ihrem Ablauf choreographisch festgelegt […] und vollgespickt mit detaillierten Schilderungen adlig-höfischer Sachkultur“. Dass das Wort „trûrec“ (z.B. 1009,1, 1035,4) nur sparsam gebraucht wird, liegt daran, dass auf eine große Bandbreite an weiteren Begriffen für den Ausdruck von Trauer zurückgegriffen wird. In Kriemhilds Fall äußert sich ihr Schmerz überwiegend durch körperliche Reaktionen, da sie sich verbal vorwiegend zurückhält und nur sehr knapp ausdrückt. Weder von maßlosen Ausbrüchen noch von weitläufigen Klagen macht sie Gebrauch. Wie auch Küsters festgestellt hat, trifft Kriemhild eher kürzere Aussagen, Verwünschungen und Befehle.
Die Ursache für Kriemhilds Trauer liegt ohne Zweifel an Siegfrieds Tod, worauf eine Textstelle aus der 25. Aventiure hinweist: „di Sîfrides wunden / tâten Kriemhilde wê.“ (1520,4) Siegfrieds Wunden werden als Grund für Kriemhilds Gefühlslage genannt, die aus Emotionen wie Trauer, Leid, aber auch aus Rachegelüsten besteht. Auf der einen Seite wird mit den Wunden Müller zufolge ein eigentlich psychisches Leiden ausgedrückt, nämlich die Trauer um Siegfrieds Tod. Auf der anderen Seite repräsentieren die Wunden auf anschauliche Weise den Mord an Siegfried, weil sie daraus resultieren. Da der Mord in Beziehung zu Emotionen wie Trauer steht, seien die Folgen dieser Tat nach Haferland „als signifikantester Bestandteil der Gesamtsituation stellvertretend herausgehoben“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung der Problematik, der zentralen Motive (Tod, Trauer, Rache) und der Zielsetzung der Untersuchung.
2. Emotionen und Emotionsforschung am Beispiel von Trauer: Erläuterung theoretischer Ansätze zur Emotionsdarstellung und der spezifischen Einordnung von Trauer im Mittelalter.
3. Die Darstellung von Kriemhilds Trauer: Analyse der konkreten Ausprägungen von Kriemhilds Schmerz, insbesondere nach Siegfrieds Tod, bei der Heirat mit Etzel und im Hinblick auf den Racheplan.
4. Zwischen Affekt und Kontrolle: Untersuchung des Spannungsfeldes zwischen unkontrollierter emotionaler Entäußerung und rationalem, strategischem Verhalten.
5. Fazit: Zusammenfassende Beantwortung der Forschungsfrage über den Zusammenhang von Trauerbewältigung, Emotionskontrolle und der Umsetzung des Racheziels.
Schlüsselwörter
Nibelungenlied, Kriemhild, Trauer, Rache, Emotionsforschung, Affektkontrolle, Siegfried, Mittelalter, Literaturwissenschaft, Emotionsregulation, Trauerausdruck, Racheplan, Heldenepos, Mittelalterliche Literatur, Psychostudie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Darstellung der Trauer von Kriemhild im mittelalterlichen Nibelungenlied und untersucht, wie diese Trauer als Motiv für ihr Rachehandeln fungiert.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind die Emotionsforschung im Mittelalter, die körperlichen und verbalen Ausdrücke von Trauer sowie die Entwicklung von emotionalen Zuständen zu strategischen Racheplänen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es zu zeigen, wie Kriemhild ihre Trauer in verschiedenen Situationen sowohl emotional auslebt als auch rational kontrolliert, um ihr Racheziel gegen Hagen umzusetzen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die primär textnah arbeitet und Konzepte der mediävistischen Emotionsforschung heranzieht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung zur Emotionsforschung, eine detaillierte Analyse der Trauerdarstellung in spezifischen Aventiuren und eine Untersuchung des Spannungsfeldes zwischen Affekt und Kontrolle.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Nibelungenlied, Kriemhild, Trauer, Rache, Emotionsforschung und Affektkontrolle definieren.
Warum spielt der Körper bei Kriemhilds Trauer eine so zentrale Rolle?
Im Nibelungenlied dominiert der Ausdruck über den Körper, da Kriemhild ihre Gefühle häufig durch körperliche Reaktionen wie Bluten, Ohnmacht oder Klagelaute zeigt, was ihre unkontrollierbare emotionale Intensität verdeutlicht.
Wie verändert sich Kriemhilds Trauerausdruck nach der Heirat mit Etzel?
Der Trauerausdruck verlagert sich vom öffentlichen in den privaten Bereich, da sie ihre Trauer nun verheimlicht, um ihren Racheplan strategisch und ungestört verfolgen zu können.
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- Melina Boll (Author), 2023, Die Expression und Kontrolle von Kriemhilds Trauer im Nibelungenlied, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1719671