Als im Januar 1974 im Hamburger Strafjustizgebäude Funk, Film, Fernsehen und Presse mit Blitzlichtgewitter auf den kommenden Prozess warteten, hätte man annehmen können, es handele sich um einen Mord, Terrorismus oder Ähnliches. Aber es ging um Beleidigung. Angeklagter war ein bekannter Schriftsteller, Sachverständiger war ein Nobelpreisträger für Literatur. Im Spiegel 7/1972 war ein Leserbrief abgedruckt, in dem der Polizeibeamte, der den 24jährigen Georg von Rauch im Dezember 1971 in West-Berlin erschossen hatte, des „Vorbeugemordes“ beschuldigt wurde. Der damalige West-Berliner Polizeipräsident sah darin eine Beleidigung und stellte Strafantrag. Erich Fried war der Schreiber des Leserbriefes und mit ihm wurde die damals für die Leserbriefe verantwortliche Redakteurin angeklagt. Der Sachverständige war Heinrich Böll.
Der Leserbrief war ein Nebenprodukt zu dem eigentlichen Text „Schneibarkeit“ zum Tod von Georg von Rauch. Erich Fried hat den Polizeibeamten, der den 24jährigen erschossen hat, nicht beleidigen wollen. Wie der Schriftsteller selber sagte, galt das Wort „Vorbeugemord“ dem Kompetenzenwirrwarr in West-Berlin. Damals gab es eine „blindwütige Volksfahndung“, der Terrorismus war eine ständige Bedrohung.
Heinrich Böll, zum ersten Mal Sachverständiger vor Gericht, sieht einen Zusammenhang zwischen „Notwehr“ und „Vorbeugen“. Er plädiert aber „nicht für eine ungehemmte Verbalität, für Privilegien“ für die Schreibenden, wenn er auch daran erinnert, dass der Ausdruck eines Autors etwas anders ist, als jener der Legislative. Der Fall ist ein Beispiel dafür, welche Verwirrungen Sprache anrichten kann.
Um die „neue“ Sprache, um experimentelle Literatur und um Erich Fried soll es in meinem Aufsatz gehen. An zwei Beispielen möchte ich Ausprägungsformen der experimentellen Literatur bei Fried und seine „friedschen“ Besonderheiten zeigen.
Eine an den Anfang gestellte Definition des Begriffs "Experimentelle Lyrik“ darf natürlich nicht fehlen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Experimentelle Lyrik
2.1. Merkmale dieser Literaturform
2.2. Wissenschaftliches und künstlerisches Experiment
3. Erich Fried
3.1. Biographie
3.2. Das Besondere bei Erich Fried
3.3. Gedichtbeispiele
Gedicht „Euphorie“
Gedicht „Vom Menschen ausgehende Geschichtsauffassung“
4. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Verhältnis von Erich Fried zur experimentellen Lyrik und analysiert, wie der Dichter trotz seiner distanzierten Haltung zu rein experimentellen Strömungen spezifische Sprachspiele und Verfremdungseffekte für seine eigene Lyrik nutzt, um gesellschaftliche und historische Realitäten kritisch zu hinterfragen.
- Merkmale und Definition der experimentellen Lyrik nach 1945
- Die Abgrenzung zwischen wissenschaftlichem und künstlerischem Experiment
- Biographische Prägung von Erich Fried und deren Einfluss auf seine Sprachgestaltung
- Analyse der Lyrik Frieds anhand konkreter Gedichtbeispiele und deren gesellschaftskritischer Gehalt
Auszug aus dem Buch
Gedicht „Euphorie“
In dem Gedicht „Euphorie“ sind zwei deutsche Sprichwörter enthalten: „Jemandem das Fell über die Ohren ziehen.“ und „Seine Haut zu Markt tragen.“ Es wird kaum jemanden geben, der diese Aussprüche nicht kennt, oder nicht schon einmal benutzt hat. Aber in dem Moment in dem ich versuchen wollte sie zu erklären, fiel es mir schwer, andere Worte zu finden. Erstaunlich war, dass mir dazu sogar nur andere Sprichwörter oder umgangssprachliche Floskeln einfielen. Ich fühlte mich von Erich Fried ertappt und ausgelacht. Es ist meine Muttersprache, und ich kann sie nicht richtig benutzen. Hier liegt der Schlüssel für die Interpretation des Textes.
„Jemandem das Fell über die Ohren ziehen“ heißt, jemandem absichtlich zu schaden, umgangssprachlich gesagt „ihn übers Ohr hauen“, ihn betrügen oder auch jemandem absichtlich Schmerzen bereiten, ihn verletzten.
„Seine Haut zu Markte tragen“ benutzt man, wenn man sagen will, das sich jemand verkauft. Gleichzeitig ist der Markt ein Schauplatz des Geschehens in vielen Städten und auch in der Literatur. Dort spielt sich das Leben ab, dorthin kommen die Hausfrauen und Anwohner aus umliegenden Dörfern. Wenn jemand „seine Haut zu Markt trägt“, dann heißt es auch, dass er sich bloßstellt unter all den Leuten, die sich auf diesem Markt befinden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet anhand eines juristischen Falls um Heinrich Böll und Erich Fried die Macht der Sprache und führt in die Thematik der experimentellen Literatur ein.
2. Experimentelle Lyrik: Dieses Kapitel definiert die Merkmale experimenteller Literatur als Sprachspiel und grenzt das künstlerische Experiment vom strengen wissenschaftlichen Verfahren ab.
3. Erich Fried: Dieser Abschnitt bietet einen biographischen Abriss des Autors, analysiert seinen speziellen Umgang mit der Alltagssprache und interpretiert zwei seiner Gedichte im Kontext politischer und gesellschaftlicher Reflexion.
4. Zusammenfassung: Die Zusammenfassung resümiert die Entwicklung der experimentellen Lyrik und stellt fest, dass Erich Fried diese Mittel auf eigenwillige, faszinierte Art einsetzt, ohne sich vollständig dieser Strömung zu unterwerfen.
Schlüsselwörter
Erich Fried, experimentelle Lyrik, Sprachbewusstsein, Sprachspiel, Literaturtheorie, Gedichtanalyse, politische Lyrik, Nachkriegsliteratur, Mehrdeutigkeit, Alltagssprache, Lyrikanalyse, literarisches Experiment, Gesellschaftskritik, Wortkunst, Sprachverfall
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Verhältnis von Erich Fried zur experimentellen Lyrik und analysiert, inwieweit er deren Techniken nutzt, um Sprache zu erneuern und politisch-gesellschaftliche Themen zu reflektieren.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Definition experimenteller Dichtung, die biographische Einordnung von Erich Fried und die konkrete Analyse seiner Sprachbehandlung in Gedichten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie Fried durch das gezielte Spiel mit der Mehrdeutigkeit von Wörtern und die Dekonstruktion von Sprichwörtern neue Erkenntnisse über Alltagssprache und politische Verantwortung ermöglicht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die theoretische Grundlagen zur experimentellen Lyrik mit einer textnahen Interpretation ausgewählter Gedichte verbindet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst die Merkmale experimenteller Lyrik und der Begriff des Experiments geklärt, gefolgt von einem biographischen Teil zu Fried sowie der Interpretation der Gedichte „Euphorie“ und „Vom Menschen ausgehende Geschichtsauffassung“.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören experimentelle Lyrik, Erich Fried, Sprachbewusstsein, Sprachspiel, Mehrdeutigkeit und Gesellschaftskritik.
Wie geht Erich Fried mit Sprichwörtern um?
Fried verfremdet bekannte Sprichwörter durch minimale Änderungen, um deren ursprüngliche Bedeutung zu schärfen und die Stumpfheit des alltäglichen Sprachgebrauchs aufzudecken.
Warum ordnet Fried die historischen Figuren in seinem Gedicht zeitlich rückläufig an?
Die rückläufige Anordnung zwingt den Leser dazu, die Einschätzung der historischen Größen zu hinterfragen, da die Distanz zu den Ereignissen die Wahrnehmung von Fehlern und menschlicher Schuld beeinflusst.
- Arbeit zitieren
- Anja Meisner (Autor:in), 1997, Erich Fried und Experimentelle Lyrik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/172033