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Flüchtlingsfrauen erzählen ihre Geschichte

Title: Flüchtlingsfrauen erzählen ihre Geschichte

Novel , 2026 , 144 Pages

Autor:in: Dr. paed. Riccardo Bonfranchi (Author)

PureBiography: Biographies
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Sechs Frauen. Sechs Lebenswege. Sechs Stimmen, die gehört werden sollten.

In „Flüchtlingsfrauen erzählen ihre Geschichte“ gibt Riccardo Bonfranchi jenen eine Stimme, die oft im Verborgenen bleiben. Frauen aus der Ukraine, Afghanistan, dem Irak, dem Iran und dem kurdischen Raum berichten von Krieg, patriarchaler Gewalt und Verlust – aber auch von Überlebenswillen, Begegnungen, Unterstützung und dem Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben.

Die eindringlichen Porträts zeigen, was es bedeutet, alles zurückzulassen: Heimat, Familie, Identität. Dabei geht es nicht um abstrakte Zahlen oder politische Schlagworte, sondern um Menschen. Um Frauen, die nicht nur Opfer ihrer Umstände sind, sondern Überlebende, Mütter, Arbeiterinnen, Lernende, Kämpferinnen – Frauen, die trotz allem weitergehen.

„Flüchtlingsfrauen erzählen ihre Geschichte“ schafft Nähe, wo sonst Distanz herrscht, und lädt dazu ein, genauer hinzusehen: auf Flucht nicht als abstraktes Phänomen, sondern als konkrete Erfahrung von Menschen, die mitten unter uns leben.
Ein Buch, das berührt, aufklärt und zum Nachdenken anregt.

Eine Übersicht der bisher erschienenen Bücher des Autors findet sich auf seiner Homepage unter: www.bonfranchi.info

Excerpt


Auszüge aus dem Buch

Cover: Flüchtlingsfrauen erzählen ihre Geschichte

2. Prolog

Es geht um die Geschichten von Flüchtlingen, von Frauen, die ihr Land, wo sie geboren wurden und aufgewachsen sind, auf Grunde von männlich-kriegerischen Auseinandersetzungen gezwungen sahen, zu verlassen. So wurden aus diesen Frauen Flüchtlinge. Es sind Frauen, die aus ihrem bisherigen Leben herausgerissen wurden und dies geht ohne Verletzungen, physischer und vor allem psychischer Art, nicht ab. Jede dieser Frau hat eigene Wege und Mittel gefunden, mit diesen Verletzungen umzugehen.

Flüchtlinge gehören heute zu unserem Alltag. Dies aus a) europäisch-westlicher und b) hoch-industrialisierter Sicht. Es geht einem Teil der Welt wesentlich besser als einem anderen Teil der Welt. Das ist nicht neu. Man könnte sich darüber streiten, ob sich die Spaltung der Welt im neuen Jahrtausend in Reich und Arm nicht noch vergrössert hat. Warren Buffett, einer der reichsten Männer der Welt, hat mit Aussagen über einen herrschenden „Klassenkampf“ für Aufsehen gesorgt, in dem er die Reichen als Sieger sieht. Sein bekanntestes Zitat von 2006 (New York Times) lautet: „Es herrscht Klassenkampf, richtig, aber es ist meine Klasse, die Klasse der Reichen, die Krieg führt, und wir gewinnen. Und das sollten wir nicht“.

Nein, das sollten die Reichen wirklich nicht. Dieses zwanzigjährige Zitat hat aber nichts von seiner Bedeutung verloren, denn aus meiner Sicht als Zeitungsleser und Nachrichten-Schauer ist in diesen letzten 20 Jahren die Schere her noch weiter aufgegangen. Das, aus meiner Sicht, grösste Problem unserer Zeit ist nicht der Klimawandel, oder die militärischen Auseinandersetzungen, sondern der Kampf Arm gegen Reich oder Reich gegen Arm. Davon leiten sich alle anderen Konflikte und Probleme ab. Aber wenden wir uns nun dem Kernthema zu.

Was versteht man unter einem Flüchtling? Gemäss der Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 versteht man darunter:

«Flüchtlinge sind Personen, welche aufgrund ihrer Religion, ihres Geschlechts, ihrer sexuellen Orientierung, ihrer politischen Ausrichtung, Herkunft oder Rasse an Leib und Leben bedroht sind und den Schutz ihres Heimatlandes nicht in Anspruch nehmen können.»1

Im Original:

“The 1951 Refugee convention (UNHCR) defined international obligations of refugees, but is also exposed global tensions in a context of decolonisations and ongoing conflict.”

Diese Konvention wurde in der Schweiz von der Bundesversammlung genehmigt am 14.12.1954. Sie trat am 21.4.1955 für die Schweiz in Kraft.

Es war die Idee der Flüchtlingsfrau Rana aus Afghanistan, die meinte, es wäre doch wichtig und auch interessant, wenn man ihre Geschichte hier in der Schweiz erfahren würde. Da ich gerne schreibe und bereits einige Bücher veröffentlicht habe (www.bonfranchi.info), gelangte diese Idee von Rana, über einige Umwege, zu mir. Ich bin ehrenamtlicher Mitarbeiter bei der Caritas Mutschellen-Reusstal (katholisch) und bei der Reformierten Kirche Bremgarten Mutschellen. Letztendlich sind es dann sechs Geschichten geworden.

Wir leben in einer Zeit, in der Flüchtlingsbewegungen in grossem Stil die Regel werden, bzw. bereits geworden sind. Weltweit sind Menschen unterwegs, um von Kriegen, Misshandlungen, Hunger, aber auch Umwelt-Katastrophen zu fliehen. In den letzten 10 Jahren hat sich ihre Zahl nahezu verdoppelt. Dabei haben sich die Fluchtsituationen dramatisch verändert, d.h. verschlechtert. Die Menschen, die sich zu einer Flucht entschlossen haben, sind zum Teil Jahre unterwegs, bis sie die Schweiz oder ein anderes westeuropäisches Land erreicht haben und sich sicher fühlen können. So wird von Flüchtlingen berichtet, die an die vier Jahre unterwegs waren.

Die Situation für die Kinder auf der Flucht kann als Horror bezeichnet werden. Kinder erleben (statistisch betrachtet) bis zu sieben bedrohliche, traumatisierende Ereignisse. So ist es nicht verwunderlich, dass die Ankunft in die Schweiz als ein Kulturschock empfunden wird. Es ist eben ein wesentlicher Unterschied, ob man freiwillig, z. B. als Feriengast, in eine fremde Kultur eintaucht, oder ob man dies muss, weil man an Leib und Leben gefährdet ist. Letztere Situation ist mit grossen Problemen verbunden.

Ich orientiere mich bei meinen eigenen Ausführungen u.a. an folgenden Quellen

  • Mehr wissen, besser verstehen, bewusster handeln. Information für hauptamtliche und freiwillige Mitarbeitende, die mit traumatisierten Geflüchteten zusammentreffen. Schweizerisches Rotes Kreuz. Ambulatorium für Folter und Kriegsopfer, Wabern 2018
  • Da+Dort Jugend. Unabhängiges aargauisches Magazin für Migrations- und Integrationsthemen. Caritas Aargau, HEKS Aargau/Solothurn, Nr. 90/Juni 2024
  • Weiterbildung für Freiwillige: Flucht und Trauma. Was Geflüchtete brauchen und wie wir sie unterstützen können. Integration im Freiamt, 27.8.2024
  • Aktion Flucht.Punkt: Kirchgemeinden engagieren sich. Leitfaden. Reformierte Landeskirche Aargau, o. J., Aarau
  • Migration & Integration – Kanton Aargau
  • Verein netzwerk asyl aargau
  • www.caritas-aargau.ch
  • www.fluechtlingshilfe.ch
  • www.integrationaargau.ch

Wie gestaltet sich nun die Situation für die Frauen, die sich auf eine Flucht aufmachen? Frau fühlt sich allein, Einsamkeit macht sich breit. Man sorgt sich um die Familienmitglieder, die in der Heimat geblieben sind. Man leidet unter der Trennung von seinem angestammten Daheim und den dort verbliebenen Menschen. Vielleicht hat man auch Schuld-, oder Schamgefühle, weil man dem Elend entronnen ist. Es können sich plötzlich grosse finanzielle Sorgen ergeben, die man zu Hause nicht hatte. Die neue Wohnsituation ist ungeklärt. Vielleicht wird man am neuen Ort von den Einheimischen diskriminiert. Vielleicht ergeben sich auch Schwierigkeiten mit den Behörden vor Ort. Besteht die Gefahr, dass man sogleich wieder abgeschoben wird? Man ist von der neuen Umgebung und ihren Menschen enttäuscht. Etc. Man geht davon aus, dass 50 % der Flüchtlinge Traumafolge-Störungen aufweisen. Aber nur 10 % dieser Menschen erhalten in der Schweiz eine dementsprechende Behandlung.

Auch die Arbeitssituation ist für Flüchtlinge, neben dem Sprachproblem, erstmal eine unüberwindbar scheinende Hürde. Viele wollen sofort wieder aktiv sein, wollen arbeiten. Dies ist insbesondere bei den Menschen aus der Ukraine zu beobachten. Sie setzen ihre Wirkkraft gegen den Statusverlust ein, den sie durch die Flucht erlitten haben. Dabei ist aber, wie bereits erwähnt, nicht zu vergessen und auch nicht zu unterschätzen, dass viele von ihnen traumatisiert sind. Dies deswegen, weil sie zwischenmenschliche Gewalt, je nach dem über eine längere Zeit, Folter, sexuelle Ausbeutung, häusliche Gewalt und emotionale Deprivation erleben mussten. Traumata machen hilflos, rauben einem das Selbstwertgefühl und stellen einen Dauer-Stress dar. Trigger, jeglicher Art (Geräusche, Gerüche, vergleichbare Situationen, plötzlich auftretende Erinnerungen usw.) können eine traumatische Reaktion auslösen. In der traumatischen Situation ist die Realität in viele Teile zersplittert. Die Person, ihre Persönlichkeit, ist einem zerbrochenen Spiegel gleich, desintegriert. Deshalb galt auch mein besonderes Augenmerk darauf, dass es bei den Erzählungen, den Interviews mit den Frauen zu keiner retraumatsierenden Begebenheit kam. Dies war bei Rana der Fall und wir haben die Gespräche abgebrochen, obwohl sie das Bedürfnis hatte, ihre Geschichte erzählen zu wollen.

Aber es gibt Möglichkeiten und Hilfen, die diese Menschen wieder zu einem normalen Leben zurückführen können. Flüchtlinge sind nicht nur Opfer, sondern sie haben auch Grosses geleistet. D.h. sie verfügen über Ressourcen ungeahnten Ausmasses. Sie haben sich entschlossen, dem Elend zu entkommen, haben viele äusserst schwierige Situationen gemeistert und haben es hierher, zu uns, geschafft. Diese Leistung ist nicht hoch genug einzuschätzen.

Man stelle sich – nur kurz – als Schweizer oder Schweizerin vor, man wäre gezwungen zu fliehen. Wie würde ich reagieren? Wäre ich dieser Herausforderung überhaupt gewachsen. Wäre ich stark genug, all diesen Hindernissen zu begegnen und wie ginge ich mit meiner Angst um, oder dem Schicksal, dass ich plötzlich von meiner Frau, meinem Mann, meinen Kindern, irgendwo auf der Welt, getrennt würde, weil es die Umstände so ergeben haben. Also, ich weiss nicht, wenn ich das hier so schreibe, ob ich stark genug wäre. Aber lassen Sie den Gedanken mal kurz auf sich wirken.

Ich habe mich entschlossen, nur Geschichten von Frauen aufzuschreiben, weil diese es oft noch viel schwerer haben, den Weg hierhin zu finden als Männer. Sie sind noch weit mehr als Männer auf dem Weg der Flucht, Misshandlungen ausgesetzt. Dies sind Misshandlungen der Diskriminierung, der psychischen Gewalt, der sexuellen Ausbeutung und/oder physischer Gewalt. Dies alles i.d.R. begangen von Männern, die dafür – vermutlich – nie zur Rechenschaft gezogen werden (können). Wo kein Kläger, da kein Richter, sagt der Volksmund und die Frauen sind froh, wenn sie den Ort dieser Verbrechen so schnell wie möglich wieder verlassen können. Warum? Sie sind auf der Flucht.

Dies sind einige Geschichten, stellvertretend für Tausende von Frauen, die zurzeit auf ihrem Weg in ein besseres Leben, in eine glücklichere Zukunft sind.

Alle hier verwendeten Namen sind anonymisierte Produkte meiner Phantasie. Aussagen, die in Anführungs- und Schlusszeichen gesetzt sind, geben jeweils die Original-Aussagen der Frauen wieder. Die Interviews sind in einem Zeitraum von 2024 bis 2026 entstanden. Hat sich in dieser Zeit etwas geändert. Ich denke nicht.

Die Durchführung der Interviews gestaltete sich nicht immer einfach. Dies hing mit der psychischen Verfassung der Frauen, mit Terminproblemen und anderen Kleinigkeiten des Alltags zusammen. Einige Frauen erzählten frisch von der Leber weg und anderen machte es eher Mühe, obwohl die Bereitschaft vorhanden war. Alle Interviews basieren deshalb auf freiwilligen Einverständnissen. Eine Frau erklärte ihre Bereitschaft, ich hatte keine Zweifel daran, zog sich dann aber schnell wieder zurück, als es daran ging, sich in die Details zu vertiefen. Ihre Geschichte erscheint deshalb hier nicht.

Ein guter, alter Bekannter von mir hat im Vorfeld einige Interviews gelesen und gemeint:

«Du hast gefragt und es kam eine Antwort. Aber dann hast du nicht nachgehakt. Mich hätte an manchen Stellen noch mehr interessiert.»

Ich musste meinem Bekannten recht geben. Aber ich wollte das in der betreffenden Gesprächssituation nie tun. Es sollte ja auch keine «Verhöre» werden. Die Frauen haben so viel erzählt, wie sie wollten und soviel wie sie auch konnten. Wenn eine Frau erzählte, dass die Unterkunft in der Türkei auf ihrer Flucht aus dem Iran schrecklich war, dann wäre ich mir schlecht vorgekommen, wenn ich da nach Details nachgehakt hätte. Sie erzählten so viel wie sie wollten und – eben – konnten. Ich denke, dass die Berichte aber aussagekräftig genug sind.

[...]

[...]

4.4 Flucht aus Afghanistan

Vorab einige Informationen zu der ‘Methodik’ einer Flucht aus Afghanistan. Diese steht und fällt mit den Schleppern. Das sind Männer, die die Flucht-Absichten ihrer Landsleute gegen Geld natürlich, organisieren, durchführen, begleiten. Ein neues Berufsbild ist damit entstanden.

«Games, so nennt man die Versuche, über eine Grenze zu kommen. Nicht im Sinne eines Spiels, aber im Sinn von ‘sein Schicksal testen’. Man kann ein Game gewinnen, aber auch verlieren.»1

Oberholzer hat in einem Schema die Arbeitsweise der Schlepper dargestellt:

  1. In Afghanistan geht man zu einem bekannten Vermittler und legt Preis und Ziel der Flucht fest.
  2. Das benötigte Summe wird bei einem Vertrauensmann (Hawaladar) hinterlegt. Er wacht über das Geld und zahlt es erst aus, wenn das Fluchtziel erreicht worden ist.
  3. Nun kommt der Organisator ins Spiel. Er wirkt im Hintergrund, organisiert aber jede Etappe der Flucht.
  4. Der erste Vermittler bringt die Fluchtperson zum ersten Schlepper, in eine Wohnung, in ein abgetakeltes Hotel oder irgendwohin.
  5. Die Kommunikation geschieht über die Handys. Der Organisator gibt die Nummer jeweils weiter.
  6. Schlepper Nr. 2 bringt die Fluchtperson an die nächste Station usw. Die Anzahl der benötigten Schlepper hängt von diversen Faktoren ab (Länder der Route, Schwierigkeiten während der Flucht etc.).
  7. Am Ziel wird die Fluchtperson so lange festgehalten, bis das Geld überwiesen wurde. Der Hawaladar überweist das Geld an den Vermittler. Dieser bezahlt dann alle Schlepper, die für die Flucht bzw. eine Etappe verantwortlich waren.

Wie heute bekannt ist, sind unzählige ‘Helfer’ an diesen Fluchten beteiligt. Oft sind diese Helfer, es sind i.d.R. Männer, auf einzelne Aufgaben spezialisiert. Jeder dieser Männer ist ein Teil einer Kette, die von kriminellen Vereinigungen geleitet werden. Diese Schlepper transportieren die Menschen auf der Flucht. Sie bestechen, wenn notwendig die Beamten oder sind selber Beamte und lassen sich bestechen. Oberholzer (a.a.O., S. 17) schreibt:

«Physische und sexuelle Gewalt kommen häufig vor. Schlimm wird es für die Flüchtenden dann, wenn sich rivalisierende Schlepper-Banden gegenseitig ins Gehege kommen. Aber die Flüchtenden sind ihnen, wenn sie sich zur Flucht entschlossen haben, auf Gedeih und Verderben ausgeliefert.»

Wie es insbesondere den Flüchtlingen auf den Schiffen und Booten ergeht und wie viele dem Tode durch Ertrinken geweiht sind bzw. als Schiffbrüchige gerettet werden, wird eindrücklich in dem Roman von Jutta Motz2 geschildert. In diesem Kapitel wurde ich durch das Buch ‘Games’– Auf den Spuren der Flüchtenden aus Afghanistan von Patrick Oberholzer (Verlag Splitter, Bielefeld 2023) beeinflusst. (Oberholzer (a.a.O., S. 9)

Es leben im Iran heute ca. 4'500 000 Afghaninnen und Afghanen im Iran. Dies teilweise unter völlig menschenverachtenden Bedingungen. Drei Millionen sind nach Pakistan geflüchtet, ca. 670'000 nach Europa und 300'000 in die Türkei. Oberholzer (a.a.O., S. 16, 17)

Ausschlaggebender Grund für die Flucht von Rana waren die Misshandlungen durch die Familie ihres Mannes, insbesondere durch ihren Schwiegervater, der sie regelmässig schlug. «Als mich mein Schwiegervater das letzte Mal schlug, wollte er mich umbringen. Ich war da im achten Monat schwanger. Er hat mein Baby getötet, als er mich mehrmals in den Bauch schlug und trat. Danach war ich einen Monat im Krankenhaus. Rana: «Meine Mutter beschloss dann, dass wir Afghanistan verlassen sollten, damit mein Schwiegervater uns nicht mehr finden kann. Mein Mann schlug mich nie und er lag auch mit seinem Vater im Streit. So kam es zur Flucht.»

Anlässlich ihrer Hochzeit hat Rana eine Menge Schmuck in Gold geschenkt erhalten. Sie verkauft diesen Schmuck und erhält 22'000 US-Dollar dafür. Damit werden Flüge und Schlepper bezahlt. Ihr älterer Bruder besorgt, organisiert ihnen zwei Pässe. 2016 verlassen in Richtung Iran Afghanistan. Sie fliegen erst von ?, sie erinnert sich nicht mehr an den Abflugs Ort, nach Kabul. Dann fliegen sie weiter in den Iran nach Meschhed. Hier geht es weiter nach Teheran. Mit Hilfe von Schleppern geht es weiter in die Türkei. Sie durchqueren mittels leeren Viehtransportern, die voller Menschen sind, die Türkei von Ost nach West. Diese Fahrt dauerte drei Nächte. Sie hatte die ganze Zeit über starke Bauchschmerzen infolge ihrer Schwangerschaft. Der Grenzübertritt erfolgt schwarz. Teilweise erfolgte die Flucht auch zu Fuss. «Es ging mir damals sehr schlecht. Ich kann mich an die Flucht durch die Türkei nicht mehr richtig erinnern.» Nach der Türkei verläuft die Fluchtroute nach Griechenland. Mit einem kleinen Schiff, ca. 25 Personen, fuhr Rana mit ihrem Mann auf die drittgrösste Insel Griechenlands, nach Lesbos. Diese Fahrt hat sie in schrecklicher Erinnerung. Sie hatte grosse Angst, dass das Schiff dem Wellengang nicht gewachsen war. Auf Lesbos kommen sie in ein privates Auffangheim. In Lesbos wird sie aber, aufgrund ihrer fortgeschrittenen Schwangerschaft sofort in ein Spital In Athen verlegt, wo dann auch ihr gemeinsamer Sohn geboren wurde. Ihr Sohn E. kommt am 1.6. 2017 in Athen zur Welt. Nach Athen wird sie nach Deutschland geflogen. Sie vermutet, dass sie dann in München in ein Lager kam. So genau kann sie sich nicht mehr erinnern.

In Athen wird sie aber von ihrem Mann getrennt, weil für ihn das Geld für die Weiterfahrt nicht mehr reicht. Das Geld wurde nun für E. verwendet. «Als mein Mann in Athen blieb, wurde die Welt dunkel für mich. Es ging mir gar nicht gut. Denn ich liebe meinen Mann sehr und die Trennung, bis er auch in der Schweiz war, war für mich sehr schwer.» Sie erreicht am 9.9.2017 als Asylsuchende die Schweiz. Es war ihr Mann, der den Wunsch hatte, dass sie in der Schweiz leben wollten, und deshalb kam sie von Deutschland in die Schweiz. Ihr Mann war der Meinung, dass das Leben in der Schweiz ruhiger sei und dass es auch weniger Menschen aus Afghanistan hier haben würde. Sie verbringt dann ca. 2 Monate im Asylzentrum in St. Gallen und kommt dann über ein Zentrum in Buchs in ein weiteres Zentrum nach Unter-Siggenthal (Kanton Aargau), wo auch ihr Sohn geimpft wird und danach einen Schlaganfall erleidet.


1. Oberholzer, Patrick: ‘Games’, Auf den Spuren der Flüchtenden aus Afghanistan. Splitter Verlag, Bielefeld 2023, S. 14 (In diesem Buch befindet sich auch eine ausführliche Literaturliste zur Flüchtlingsproblematik)

2. Motz, Jutta: Blutfunde. Elster Verlag, Zürich 2013

Excerpt out of 144 pages  - scroll top

Details

Title
Flüchtlingsfrauen erzählen ihre Geschichte
Author
Dr. paed. Riccardo Bonfranchi (Author)
Publication Year
2026
Pages
144
Catalog Number
V1722080
ISBN (eBook)
9783389188996
ISBN (Book)
9783389189009
Language
German
Tags
Flüchtlingsfrauen Geschichten Flucht und Migration Erfahrungen Frauen auf der Flucht Geflüchtete Frauen Europa Integration Schweiz Flüchtlinge Migration Schicksale Frauen Krieg und Flucht persönliche Berichte Frauenrechte Afghanistan Ukraine Trauma Flucht Verarbeitung Asyl und Integration Geschichten Biografien geflüchteter Frauen Migration Europa Erfahrungsberichte Leben nach der Flucht Flüchtlingskrise persönliche Geschichten Frauen im Exil
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Quote paper
Dr. paed. Riccardo Bonfranchi (Author), 2026, Flüchtlingsfrauen erzählen ihre Geschichte, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1722080
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