Goethes Nausikaa-Fragment im Kontext seiner Italienischen Reise


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

43 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt:

1. Einleitung

2. Textüberlieferung

3. Anregungen
3.1. Bilder
3.2. Die empfundene Landschaft: Goethe und Sizilien
3.3. Die erinnerte Lektüre: Goethe und Homer
3.4. Die autobiographische Verbindung: Goethe und Odysseus

4. Die homerische Vorlage des Nausikaa-Fragments

5. Goethes Nausikaa-Fragment
1. Akt
2. Akt
3. Akt
4. Akt
5. Akt

6. Das Fragmentarische — oder: der Abbruch des Schreibens

7. Literatur

1. Einleitung

Das Dramenfragment zur „Nausikaa“ gehört zwar nicht zu den vielbeachteten Texten Goethes - wurde jedoch von der Forschung auch nicht ignoriert. Insbesondere aufgrund der Rolle, welche die Beschäftigung mit dem Fragment für Goethes Italienische Reise und vor allem für sein Sizilienerlebnis spielte, war es für einige Literaturwissenschaftler von Bedeutung.1 Auch hinsichtlich der Überlegungen zu Goethes Verhältnis zu Homer und der antiken Dichtung, können das Dramenfragment, aber noch mehr Goethes Aussagen zu selbigem, nutzbringend sein.2

In der vorliegenden Arbeit soll es zunächst um die Werkentstehung bzw. Textüberlieferung gehen. Nachdem sich in dieser Weise dem Text als solchem bzw. seiner äußeren Gestalt genähert wurde, soll sich der inhaltlichen Seite zugewandt werden.

Die Motivation des Nausikaa-Stoffes wird in das Geflecht der Umstände des Schreibens einzuordnen sein. Hier soll es zum einen um die Sizilianische Reise gehen:

Welche Bedeutung hatte Sizilien für Goethe? Welche Rolle spielt die Landschaft Siziliens für seine Vorstellungen von der antiken Welt / dem antiken Menschen?

Zum anderen muss auch Goethes Beziehung zur antiken Dichtung - insbesondere zu Homer bzw. zur Odyssee zur Sprache kommen.

Als weiterer Impetus für die Beschäftigung mit der Odyssee müssen die autobiographischen Parallelen, die Goethe zwischen sich und Odysseus zieht, betrachtet werden.

Daran anschließend soll es um das Fragment in seiner Anlehnung und Änderung der homerischen Vorlage gehen. Die zwei Vorstellungen, die Goethe uns (einmal in Form einer erhaltenen Akt- und Szenenübersicht - und zum andern in dem dreißig Jahre älteren kurzen Ablaufplan in „Aus der Erinnerung“) gibt, können als Anhaltspunkte für die Rekonstruktion der grundsätzlichen Anlage des Dramas dienen. Es werden von einigen Forschern jedoch auch Veränderungen im Vergleich beider Pläne ausgemacht, die es zu diskutieren gilt. Den Abschluss bilden Überlegungen hinsichtlich möglicher Gründe für den fragmentarischen Charakter der Schrift bzw. das Abbrechen des Schreibens.

2. Textüberlieferung

Die Textüberlieferung zeigt sehr deutlich, wie plötzlich der Abbruch der Arbeit erfolgte, nachdem sich Goethe von Sizilien entfernt hatte.

Eine erste schriftliche Fixierung (Handschrift H1 ) erfolgte in einem Notizheft, das Goethe während seines sizilianischen Aufenthalts - besonders in Palermo - benutzte.3 Hier finden sich die frühesten Entwürfe der beiden ersten Szenen.

Die Handschrift H2, die in Sizilien entstand, besteht zum einen aus der Überarbeitung der ersten Szenen, zum anderen enthält sie eine schematische Aktübersicht mit der Andeutung einzelner Szenen. Dies gibt uns heute neben den Aussagen in der Italienischen Reise (im Abschnitt „Aus der Erinnerung“), die wichtigsten Hinweise darüber, wie Goethe sein Drama plante.

Die Handschrift H3 besteht aus zwei aus anderen Notizbüchern herausgerissenen Blättern, und bietet vermutlich den Beginn des dritten Aktes.

Bei den drei ersten Handschriften ist anzumerken, dass Goethe sich an manche Details der „Odyssee“ nicht mehr erinnerte - vor allem was die Namen betrifft4 (bei Homer heißt die Insel der Phäaken nicht Phäa sondern Scheria (Exsp^); außerdem gab Goethe der Königstochter Nausikaa fälschlicherweise den Namen ihrer Mutter Arete und auch die Vertraute Nausikaas hieß bei Goethe nicht Eurymedusa sondern Xanthe5 ). Offenkundig schrieb Goethe ohne die Odyssee vor sich liegen zu haben. Diese kaufte er sich vermutlich vor dem Verfassen der Handschrift H4, denn in letzterer erscheinen nun die richtigen Namen. Hier finden sich schließlich die beiden ersten Szenen des ersten Aufzugs sowie den in der fünften Zeile abbrechenden Beginn der dritten Szene in Reinschrift, welche Goethe auf der Rückreise nach Rom schrieb.

Weitere Arbeiten am Fragment wurden nicht vorgenommen. Goethe hatte H4 an den Grafen von Schlitz verschenkt. Sie tauchte erst knapp 100 Jahre später wieder auf.

Der Erstdruck des Fragments erschien unter dem Titel „Nausikaa. Ein Trauerspiel“ im vierten Band der Ausgabe letzter Hand (1827/28). Dieser Druck enthielt die beiden ersten Auftritte des ersten Aufzugs. Der fragmentarische dritte Auftritt und die übrigen Paralipomena wurden in „Goethe’s poetische und prosaische Werke in zwei Bänden“ 1836 gedruckt.6

3. Anregungen

3.1.Bilder

Wie der Kommentar zum Nausikaa-Drama in der Goethe-Werkausgabe feststellt, hätte Goethe seine Anregungen für das Nausikaa-Drama „eher aus Werken der bildenden Kunst denn aus der Literatur“ bezogen.7 Über die Richtigkeit dieser Aussage wird noch zu diskutieren sein. Festzuhalten bleibt, dass Goethe verschiedene Bilder mit Inhalten aus der Odyssee gesehen haben kann / wird - aber immerhin erwähnt er nie diesen Impuls, wenn er über seine Motivationen des Nausikaa-Dramas spricht. Dies muss zunächst als Einwand gegen den Kommentar genügen.

Während seines Aufenthaltes in der norditalienischen Stadt Cento (17.10.1786) sieht Goethe Werke von Guercino. Im Palazzo Chiarelli-Pannini befanden sich zu dieser Zeit eine Reihe von Odysseus-Fresken Guercinos8 - allerdings erwähnt Goethe diese nicht und somit bleibt unklar, ob er sie ebenfalls sah.

Als Goethe am 19. Oktober 1786 in Bologna die berühmte wissenschaftliche Anstalt besuchte, wird er wahrscheinlich auch die Fresken mit Motiven der Odyssee von Tibaldi betrachtet haben. Diese befanden sich, gemäß VolkmannsHistorisch-kritischen Nachrichten von Italien- dem auch von Goethe genutzten „Reiseführer“ - im Versammlungssaal und in einem kleineren Nebensaal.9 Auch hier ist nicht sicher, ob Goethe diese sah. Immerhin hält er in der Italienischen Reise fest: „Nun war ich auch in der berühmten wissenschaftlichen Anstalt, das Institut oder die Studien genannt. [...] Auf den Treppen und Korridors fehlt es nicht an Stukko- und Freskozierden; alles ist anständig und würdig, und über die mannigfaltigen schönen und wissenswerten Dinge, die hier zusammengebracht worden, erstaunt man billig“.10 Dass Goethe auch die Odyssee-Fresken gesehen haben muss und diese einen starken Eindruck auf ihn gemacht haben, schließt man aus seiner schon aus diesen Tagen stammenden Idee zu einem Odysseus-Drama. Er schreibt am 22. Oktober 1786 in seinem Reisetagebuch an Frau von Stein: „Sagt ich dir schon daß ich einen Plan zu einem Trauerspiel Ulysses auf Phäa gemacht habe? Ein sonderbarer Gedancke, der vielleicht glücken könnte.“11 An dieser Stelle wird also zum ersten Mal die Dramenidee erwähnt.

Ein nächster Impuls erfolgte möglicherweise bei der Besichtigung des königlichen Palastes Capo di Monte bei Neapel. Goethe besuchte am 9. März 1787 (also wenige Wochen vor seiner Sizilienreise) die dortige Gemäldesammlung. Dort soll sich ein fälschlicherweise Guido Reni zugeschriebenes Bild mit dem Thema „Odysseus und Nausikaa“ befunden haben.12 Auch hier ist wiederum nicht geklärt, ob Goethe dieses Bild sah. Er schreibt lediglich: „Heute waren wir mit dem Fürsten von Waldeck auf Capo di Monte, wo die große Sammlung von Gemälden, Münzen u.d.g. sich befindet, nicht angenehm aufgestellt, doch kostbare Sachen.“13 Am 3. April schließlich (gerade in Palermo angekommen) wird der Bezug Kunstbetrachtung und Naturerleben vielleicht am deutlichsten. Goethe schreibt:

„Mit keinen Worten ist die dunstige Klarheit auszudrücken, die um die Küsten schwebte, als wir am schönsten Nachmittage gegen Palermo anfuhren. Die Reinheit der Konture, die Weichheit des Ganzen, das Auseinanderweichen der Töne, die Harmonie von Himmel, Meer und Erde. Wer es gesehen hat, der hat es auf sein ganzes Leben. Nun versteh’ ich erst die Claude Lorrains und habe Hoffnung, auch dereinst in Norden aus meiner Seele Schattenbilder dieser glücklichen Wohnung hervorzubringen.“14

Während auf die anderen (eventuellen) „Bildeindrücke“ (Guercino / Tibaldi) nicht eingegangen werden kann, da sich zum einen Goethe selbst nicht dazu äußert und zum anderen die jeweiligen Gemälde / Fresken usw. nicht vorliegen, bietet nur Lorrain in dieser Hinsicht Anhaltspunkte. Auch wenn dieser Maler am wenigsten mit der Odyssee als solcher zu tun hat, stellt Goethe einen unmittelbaren Bezug zwischen seinen Bildern und der idyllischen Landschaft Siziliens her. Er leitet uns damit direkt zu dem vielleicht wichtigsten Schaffensimpuls (was das Nausikaa-Drama betrifft), nämlich dem Eindruck der sizilianischen Landschaft.

3.2 Die empfundene Landschaft: Goethe und Sizilien

Zunächst scheint Goethe unschlüssig zu sein, ob er die Reise nach Sizilien wirklich unternehmen solle. Sizilien gehörte erst mit der Wiederentdeckung des klassischen Griechentums zum Reiseziel - zuvor endeten die Reisen meist in Neapel.

Seine Zweifel treten denn auch in Neapel auf, wo die Boote nach Sizilien aller 14 Tage ablegen.

Am 16. März schreibt er: „In vierzehn Tagen muß sich’s entscheiden, ob ich nach Sizilien gehe. Noch nie bin ich so sonderbar in einem Entschluß hin und her gebogen worden. Heute kommt etwas, das mir die Reise anrät, morgen ein Umstand, der sie abrät. Es streiten sich zwei Geister um mich.“15

Auch hier (wie es ebenso an anderen Passagen der Italienischen Reise deutlich wird16 ) will Goethe es von einem günstigen Zeichen abhängig machen, ob er fährt oder nicht.

Am 17. März schreibt er schließlich: „Über meine sizilianische Reise halten die Götter noch die Waage in Händen; das Zünglein schlägt herüber und hinüber. Wer mag der Freund sein, den man mir so geheimnisvoll ankündigt? Daß ich ihn nur nicht über meiner Irr- und Inselfahrt versäume!“17

Hier scheint er in doppelter Weise auf Odysseus zu verweisen. Neben dem eindeutigen Hinweis „Irrfahrt“, könnte auch der „Freund“ Odysseus meinen. Immerhin nennt Goethe ihn an späterer Stelle seinen Patron.18

Schließlich steht der Entschluß fest - obwohl Goethe uns nicht die konkreten Gründe bzw. Zeichen nennt. Am 22. März vermerkt er: „Und nun nach allem diesem und hundertfältigem Genuß locken mich die Sirenen jenseits des Meeres, und wenn der Wind gut ist, geh’ ich mit diesem Briefe zugleich ab, er nordwärts, ich südwärts.“19

Mit dem Hinweis, die Sirenen würden ihn locken, ist wiederum ein deutlicher Bezug zur Odyssee gegeben.

Drei Tage vor der Abreise am 26. März - fasst er noch einmal zusammen: „Der Zweifel, ob ich reisen oder bleiben sollte, machte einen Teil meines hiesigen Aufenthaltes unruhig; nun, da ich entschlossen bin, geht es besser. Für meine Sinnesart ist diese Reise heilsam, ja notwendig. Sizilien deutet mir nach Asien und Afrika, und auf dem wundersamen Punkte, wohin so viele Radien der Weltgeschichte gerichtet sind, selbst zu stehen, ist keine Kleinigkeit.“20

Das „nach Asien und Afrika deutende Sizilien“ scheint auf den ersten Blick etwas zu verwundern, denn Sizilien war in Goethes Augen zunächst ja „griechische Welt“. Die Magna Graecia war wohl das größte „Kolonisationsprojekt“ der Griechen, sieht man von der Besiedlung der Ionischen Küste ab.

Nun deutet hier zunächst wenig nach Afrika und Asien. Die Geschichte Siziliens soll daher kurz hinsichtlich der von Goethe betonten Umstände betrachtet werden.

Etwa um 1000 v. Chr. begannen die Phoinizier, Siedlungen auf Sizilien anzulegen - wurden aber von den Griechen, die sich ab dem 8. Jahrhundert in Sizilien ansiedelten, größtenteils verdrängt. Die Phoinizier, die an der Mittelmeerküste mehrere Handelsplätze bzw. Kolonien anlegten (Südspanien, Sardinien, Malta - am bekanntesten ist wohl Karthago), zogen sich in den Nordwesten Siziliens zurück.21 Später nahmen die Karthager wiederum Sizilien ein, bis die Insel (ausgenommen das Gebiet um Syrakus) im Jahre 241 v.Chr. schließlich die erste Provinz Roms wurde. Während des 2. Punischen Krieges (218-201 v.Chr.) wurde ganz Sizilien zur römischen Provinz.22

Sizilien war insbesondere als Kornkammer von Bedeutung. Dieser Punkt wird auch von Goethe erwähnt. Er ändert sogar seine Reiseroute, um „quer durchs Land“ zu gehen, nachdem er sich verwundert erkundigt hatte, warum er auf seiner bisherigen Strecke durch Sizilien so wenig kornreiche Gegenden gesehen hatte.23 Nachdem also Syrakus, von dem sowieso wohl nur „wenig mehr als der prächtige Name geblieben sei“24, vom Reiseplan gestrichen worden war, ging er in Richtung Caltanisetta. Am 28. April schreibt Goethe: „Heute können wir endlich sagen, dass uns ein anschaulicher Begriff geworden, wie Sizilien den Ehrennamen einer Kornkammer Italiens erlangen können.“25 An dieser Stelle wird deutlich, dass Goethe zum einen zwar möglich viel Neues sehen wollte, andererseits jedoch auch eine gewisse Vorstellung von Sizilien hatte, die bestätigt werden sollte.

Mit einem zeitlich etwas größeren Sprung zurück zur Geschichte Siziliens: Das nordafrikanische Vandalenreich (quasi als Fortsetzer des natürlich schon längst römischen Karthago) erobert im Jahre 429 schließlich wieder Teile Siziliens,26 wobei hier wohl Tradition und geographisch günstige Lage zusammenspielen.

So ist es nicht nur Karthago, sondern schon allein die Lage Siziliens in relativer Nähe zur nordafrikanischen Küste, das es in den Bezug zu Afrika stellt. Die Phoinizier - ursprünglich aus Asien (genauer: dem heutigen Libanon) stammend - könnten den Bezug zu Asien bei Goethe evozieren. Allerdings ist hier eher anzunehmen, dass er auf die Eroberung Siziliens durch Byzanz anspielt, welche im Jahre 535 stattfand.27

Was sagt Goethe ansonsten zur Geschichte Siziliens? Relativ wenig. Zum einen erwähnt er kurz die ursprünglichen Besiedler Siziliens: „Messinas Anblick ist äußerst verdrießlich und erinnert an die Urzeiten, wo Sikaner und Sikuler diesen unruhigen Boden verließen und die westliche Küste Siziliens bebauten.“28

Und in einer ebenfalls nicht sehr erfreulichen Zusammenfassung - oder eher in einer Negativ-Projektion - anlässlich seiner von Seekrankheit geprägten Rückreise von Sizilien schreibt er:

„In dieser Lage wollte mir unsere ganze sizilianische Reise in keinem angenehmen Lichte erscheinen. Wir hatten doch eigentlich nichts gesehen, als durchaus eitle Bemühungen des Menschengeschlechts, sich gegen die Gewaltsamkeit der Natur, gegen die hämische Tücke der Zeit und gegen den Groll ihrer eigenen feindseligen Spaltungen zu erhalten. Die Karthager, Griechen und Römer und so viele nachfolgende Völkerschaften haben gebaut und zerstört.“29 Während der Versuch, die Sicht Goethes auf die sizilische Geschichte nachzuvollziehen, unversehens ans Ende der Reise führte, soll im Folgenden die Reise in chronologischer Weise näher betrachtet werden:

Nach einer schwerlichen Überfahrt, die viereinhalb Tage dauerte, und von Unwetter und Seekrankheit geprägt war, gelangt Goethe am 2. April im Hafen von Palermo an.

Sizilien erscheint ihm als „Königin der Inseln“ und er schildert den ersten Eindruck wie folgt: „Wie sie uns empfangen hat, habe ich keine Worte auszudrücken: mit frischgrünen Maulbeerbäumen, immergrünendem Oleander, Zitronenhecken etc. In einem öffentlichen Garten stehn weite Beete von Ranunkeln und Anemonen. Die Luft ist mild, warm und wohlriechend, der Wind lau. Der Mond ging dazu voll hinter einem Vorgebirge herauf und schien ins Meer; und diesen Genuß, nachdem man vier Tage und Nächte auf den Wellen geschwebt!“30 Dieser öffentliche Garten von Palermo wird für den Plan zur Nausikaa prägend.

In einem Brief an Fritz von Stein31 setzt er ihn dem Garten des Alkinoos, also des Vaters der Nausikaa gleich.

Eigentlich gibt es in der Odyssee zwei Gärten des Alkinoos. Der eine befindet sich außerhalb der Stadt - und spielt insofern eine Rolle, als sich Odysseus in selbigem eine kurze Weile aufhalten soll, bevor er der Nausikaa in die Stadt folgt. Bei Homer sagt Nausikaa: „Nah am Wege findest du einen Hain der Athene, schimmernd von Pappeln, ein Quell inmitten und ringsherum Wiese. Dort ist die Flur meines Vaters, dort auch sein sprossender Garten, so weit weg von der Stadt, als reicht eines Rufenden Stimme.“32 Odysseus betet dann auch im Hain der Athene. Der „zweite Garten“, von dem Nausikaa nichts gesagt hat, liegt direkt beim Palast des Alkinoos. Während Nausikaas Anweisungen an Odysseus in dieser Hinsicht nur sehr knapp ausfallen: „Aber sobald dich aufgenommen das Haus und der Vorhof, Dann durchschreite sehr rasch die Halle...“33 Im Gegensatz dazu wird jedoch eben dieser Garten von Homer ausführlich beschrieben.

„Außer dem Hof ist ein großer Garten nahe der Hoftür,

An vier Morgen, auf allen Seiten vom Zaune umzogen.

Große Bäume stehen darin in üppigem Wachstum,

Apfelbäume mit glänzenden Früchten, Granaten und Birnen Und auch süße Feigen und frische, grüne Oliven.

Denen verdirbt nie die Frucht, noch fehlt sie winters und sommers Während des ganzen Jahres, sondern der stetige Westhauch Treibt die einen hervor und lässt die anderen reifen.

Birne auf Birne reift da heran und Apfel auf Apfel,

Aber auch Traube auf Traube und ebenso Feige auf Feige.

Dort ist ihm gepflanzt ein üppiges Rebengelände;

Hier auf ebenem Platz zum Trocknen werden die Trauben In der Sonne gedörrt; dort ist man gerade beim Ernten;

Dort beim Treten der Trauben; doch vorne sind sie noch unreif,

Stoßen die Blüten ab, und andere färben sich eben.“34 Dieses wunderbare / oder vielleicht: wundersame Szenario finden wir bei Goethe in ähnlicher Weise wieder. Er fühlt sich gleichsam an den in der Odyssee geschilderten locus amoenus versetzt.

Am 7. April schreibt er:

„In dem öffentlichen Garten an der Reede brachte ich im stillen die vergnügtesten Stunden zu. Es ist der wunderbarste Ort von der Welt. Regelmäßig angelegt, scheint er uns doch feenhaft; vor nicht gar langer Zeit gepflanzt, versetzt er ins Altertum. Grüne Beeteinfassungen umschließen fremde Gewächse, Zitronenspaliere wölben sich zum niedlichen Laubengange, hohe Wände das Oleanders, geschmückt von tausend roten nelkenhaften Blüten, locken das Auge. [...] Aber der Eindruck jenes Wundergartens war mir zu tief geblieben; die schwärzlichen Wellen am nördlichen Horizonte, ihr Anstreben an die Buchtkrümmungen, selbst der eigene Geruch des dünstenden Meeres, das alles rief mir die Insel der seligen Phäaken in die Sinne sowie ins Gedächtnis. Ich eilte sogleich, einen Homer zu kaufen, jenen Gesang mit großer Erbauung zu lesen und eine Übersetzung aus dem Stegreif Kniepen vorzutragen...“35 Es ist anzumerken, dass er wohl eben nicht gleich loseilte, um sich einen Homer zu kaufen. Laut seinem Ausgabenbuch erwarb er erst rund eine Woche später (am 15.4.) eine griechischlateinische Ausgabe der Odyssee. Offensichtlich zog er aber im Rückblick, seine sofortige Begeisterung für den Garten mit dem Kauf zusammen. Oder wie Norbert Miller annimmt: „Goethe verdichtet hier den Zusammenhang von Naturbewunderung und Sehnsucht nach Homer, um die Überblendung der Wahrnehmung durch den mythischen Tagtraum intensiver spüren zu lassen.“36

Wie bereits bei den Handschriften zu zeigen versucht wurde, ist an den ersten Versuchen am Nausikaa-Drama deutlich zu sehen, dass sie noch ohne direkte Benutzung der Vorlage zustandegekommen waren.

Am 16. April erwähnt Goethe erneut den Garten und den Plan zur Nausikaa:

„Da wir uns nun selbst mit einer nahen Abreise aus diesem Paradies bedrohen müssen, so hoffte ich, heute noch im öffentlichen Garten ein vollkommenes Labsal zu finden, mein Pensum in der „Odyssee“ zu lesen und auf einem Spaziergang nach dem Tale am Fuße des Rosalienbergs den Plan der „Nausikaa“ weiter durchzudenken und zu versuchen, ob diesem Gegenstande eine dramatische Seite abzugewinnen sei. Dies alles ist, wo nicht mit großem Glück, doch mit vielem Behagen geschehen. Ich verzeichnete den Plan und konnte nicht unterlassen, einige Stellen, die mich besonders anzogen, zu entwerfen und auszuführen.“37 Was an beiden Stellen deutlich wird, ist der Bezug: Landschaft - Schreiben bzw. Landschaft - Lektüre - Schreiben.

Vollends eindeutig wird dieser Bezug auch in dem mit den Worten „Aus der Erinnerung“ überschriebenen Abschnitt aus der „Italienischen Reise“. Dort legt uns Goethe seine Beweggründe noch einmal klar vor:

„so gab ich um so mehr einem nach und nach auflebenden Drange nach: die gegenwärtige herrliche Umgebung, das Meer, die Inseln, die Häfen, durch poetische würdige Gestalten zu beleben und mir auf und aus diesem Lokal eine Komposition zu bilden ... Die Klarheit des Himmels, der Hauch des Meeres, die Düfte, wodurch die Gebirge mit Himmel und Meer gleichsam ineinElement aufgelöst wurden, alles dies gab Nahrung meinen Vorsätzen; und indem ich in jenem schönen öffentlichen Garten zwischen blühenden Hecken von Oleander, durch Lauben von fruchttragenden Orangen- und Zitronenbäumen wandelte und zwischen andern Bäumen und Sträuchern, die mir unbekannt waren, verweilte, fühlte ich den fremden Einfluß auf das allerangenehmste.

Ich hatte mir, überzeugt, dass es für mich keinen besseren Kommentar zur „Odyssee“ geben könne als eben gerade diese lebendige Umgebung, ein Exemplar verschafft und las es nach meiner Art mit unglaublichem Anteil. Doch wurde ich gar bald zu eigner Produktion angeregt, die, so seltsam sie auch im ersten Augenblicke schien, mir doch immer lieber ward und mich endlich ganz beschäftigte. Ich ergriff nämlich den Gedanken, den Gegenstand derNausikaaals Tragödie zu behandeln.“38 Auf den Zusammenhang von Lektüre und Schreiben wird an späterer Stelle eingegangen werden.39

Nach diesen Erlebnissen sieht Goethe, dass seine Zweifel hinsichtlich der Sizilien-Reise unbegründet waren und stellt knapp zwei Wochen nach seiner Ankunft überwältigt fest: „Italien ohne Sizilien macht gar kein Bild in der Seele: hier ist erst der Schlüssel zu allem.“40

Diese Äußerungen fallen allesamt in die Zeit seines Palermo-Aufenthaltes. Weitere Orte, die er auf seiner anderthalbmonatigen „Rundreise“ besuchte, waren u.a. Segesta, Girgenti, Catania, Taormina und Messina. Es gibt hier wieder die Konstanten, die wir auch während der gesamten italienischen Reise bereits wahrgenommen haben. Er besucht (natürlich) die antiken Stätten - so z.B. den Concordia-Tempel in Girgenti oder das Theater in Taormina. Man hat jedoch teilweise das Gefühl, dass die Bauten mehr und mehr zum Dekor werden - und nicht das eigentliche Interesse Goethes sind.

[...]


1 Vgl. hierzu: Miller, Norbert: Die Insel der Nausikaa. Spiegelungen des Sizilianischen Abenteuers, Mainz / Stuttgart 1994; Lohmeier, Dieter: Goethes ,Nausikaa’-Fragment, in: Jahrbuch des Freien Deutschen Hochstifts 1974, S. 1-16; Dornheim, Alfred: Mythos als Erlebnis und Dichtung. Die italienische Reise’ und das ,Nausikaa’-Fragment, in: Ders.: Vom Sein der Welt. Beiträge zur mythologischen Literaturgeschichte von Goethe bis zur Gegenwart, Mendoza 1958, S. 33-66; Morris, Max: Nausikaa, in: Goethe-Jahrbuch, Bd. 25 (1904), S. 89-115.

2 Kohlschmidt, Werner: Goethes „Nausikaa“ und Homer, in: Wirkendes Wort, Bd. 2 (1951/1952), S. 206-215, S. 207: „Es ist leicht einzusehen, dass die Problematik von Goethes ,Nausikaa’-Fragment nach der formgeschichtlichen wie der motivgeschichtlichen Seite sich zunächst darstellt alseingeschichtlicher Augenblick aus der Beziehung Goethes zu Homer.“

3 Die Grundlage für die folgenden Aussagen bildet der Kommentar zum Nausikaa-Drama in: Goethe, Johann Wolfgang: Dramen 1776-1790, hg. v. Dieter Borchmeyer, (= Goethe, Johann Wolfgang: Sämtliche Werke. Briefe, Tagebücher und Gespräche. Abt.1, Bd. 5), Frankfurt am Main 1988, S. 1322f.

4 Hier widerspricht sich die unter Anm. 3 genannte Werkausgabe: zum einen wird behauptet, dass Handschrift H4 „erstmals die originalen Personennamen der Odyssee“ enthalte (S. 1323) - während zum anderen an späterer Stelle erwähnt wird, dass bereits in Handschrift H3 der Name der Nausikaa auftauche (S. 1326).

5 Während es sich bei Nausikaa / Arete tatsächlich um eine Verwechslung aufgrund des Verblassens in der Erinnerung handeln kann, stellt Lohmeier richtig fest, dass Goethe sprechende Namen verwendet. Eine bei Homer nicht benannte Dienerin der Nausikaa hieß bei Goethe zunächst Treche (von xpexeiv = laufen), dann Tyche (Glück). Xanthe - als Name der „homerischen Eurymedusa“ - bedeutet „die Blonde“ (von ^av0o^). Aus diesem Grund scheint Goethe vielleicht auch der Name Arete im Sinn geblieben zu sein. Dieses Wort hat im Griechischen einen umfangreichen Bedeutungsinhalt (u.a. Tugend, Vollkommenheit, Schönheit). Lohmeier (wie Anm. 1), S. 2.

6 Vgl. den Kommentar zum Nausikaa-Drama: Lohmeier, Dieter: Nausikaa. in: Goethes Werke, Bd. 5, Dramatische Dichtung III, hg. v. Erich Trunz, 12., durchges. Aufl. München 1994, S. 493.

7 Kommentar, wie Anm. 3, S. 1334

8 vgl. Kommentar, wie Anm. 3, S. 1334.

9 „In dem Versammlungssaal der Akademie befindet sich eine schöne Decke vom Pellegrino Tibaldi, worauf verschiedene Stücke der Odyssee vorgestellt sind...“ Volkmann I, S. 398 (zitiert nach dem Kommentar in der Goethe-Werkausgabe, vgl. Anm. 3, S. 1335)

10 Goethe, Johann Wolfgang: Italienische Reise, Frankfurt a. Main / Leipzig 1976, S. 144.

11 Goethe, Johann Wolfgang: Italien - Im Schatten der Revolution. Briefe, Tagebücher und Gespräche vom 03. September 1786 bis 12. Juni 1794. hg. v. Karl Eibl, (= Goethe, Johann Wolfgang: Sämtliche Werke. Briefe, Tagebücher und Gespräche. Abt. 2, Bd. 3), Frankfurt am Main 1991, S. 138.

12 Kommentar, wie Anm. 3, S. 1335.

13 Italienische Reise, wie Anm. 10, S. 258.

14 Italienische Reise, wie Anm. 10, S. 302f.

15 Italienische Reise, wie Anm. 10, S. 272.

16 Vgl. hierzu z.B. den Eintrag zu seiner Abreise aus Karlsbad vom 3. September 1786: „Die obern Wolken streifig und wollig, die untern schwer. Mir schienen das gute Anzeichen.“ oder am 7. September: „Es scheint, mein Schutzgeist sagt Amen zu meinem Kredo, und ich danke ihm, der mich an einem so schönen Tage hierher geführt hat. Der letzte Postillon sagte mit vergnüglichem Ausruf, es sei der erste im ganzen Sommer. Ich nähre meinen stillen Aberglauben, dass es so fortgehen soll, doch müssen mir die Freunde verzeihen, wenn wieder von Luft und Wolken die Rede ist.“ (Italienische Reise, wie Anm. 10, S. 13 und S. 18)

17 Italienische Reise, wie Anm. 10, S. 274.

18 Italienische Reise, wie Anm. 10, S. 395: „und folgte mit heiterm Sinne meinem Führer, Odysseus, den Patron anrufend“

19 Italienische Reise, wie Anm. 10, S. 283.

20 Italienische Reise, wie Anm. 10, S. 289.

21 Vgl. Ziegler, Konrat: EiKeMa - Sicilia, in: RE, Bd. II, A, 2, München 1923, Sp. 2461-2522, Sp. 2486.

22 Vgl. Finley, M. I.: Das antike Sizilien. Von der Vorgeschichte bis zur arabischen Eroberung. München 1979, S. 149-156.

23 Eintrag zum 27. April 1787, Italienische Reise, wie Anm. 10, S. 364.

24 Ebd.

25 Italienische Reise, wie Anm. 10, S. 364.

26 Vgl. Anm. 22, S. 197.

27 Vgl. Anm. 22, S. 223f.

28 Italienische Reise, wie Anm. 10, S. 395.

29 Italienische Reise, wie Anm. 10, S. 404.

30 Italienische Reise, wie Anm. 10, S. 303.

31 Goethe, wie Anm. 11, S. 282.

32 Homer: Odyssee, übers. v. Roland Hampe, Stuttgart 1979, S. 100. (6. Gesang, Vers 291-294)

33 Homer, wie Anm. 32, S. 100 (6. Gesang, Vers 303f.)

34 Homer, wie Anm. 32, S. 105f. (7. Gesang, Vers 112-126)

35 Italienische Reise, wie Anm. 10, S. 313f.

36 Miller, wie Anm. 1, S. 31.

37 Italienische Reise, wie Anm. 10, S. 345.

38 Italienische Reise, wie Anm. 10, S. 385f.

39 Siehe unten, S. 16ff.

40 Italienische Reise, wie Anm. 10, S. 328.

Ende der Leseprobe aus 43 Seiten

Details

Titel
Goethes Nausikaa-Fragment im Kontext seiner Italienischen Reise
Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg  (Institut für Germanistik)
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
43
Katalognummer
V172348
ISBN (eBook)
9783640921973
ISBN (Buch)
9783640922086
Dateigröße
642 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Goethe, Nausikaa, Nausikaa-Fragment, Italienische Reise
Arbeit zitieren
Claudia Schmidt (Autor:in), 2006, Goethes Nausikaa-Fragment im Kontext seiner Italienischen Reise, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/172348

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