Schriftstellerinnen um 1800 - Die männliche Perspektive

Unter dem besonderen Gesichtspunkt des Dilettantismus


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

29 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Frau und ihre Natur - Anthropologie der Ungleichheit
2.1 J.- J. Rousseau - Das schwache Geschlecht
2.2 Rousseau auf deutsch - Humboldt, Herder, Kant und Co

3. Martin Wieland über den Nutzen des Fräulein von Sternheim

4. Goethe, Schiller und die schreibende Frau
4.1 Zum sogenannten Dilettantismus

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Allein schon durch das Gesetz der Natur sind die Frauen ebenso wie die Kinder dem Urteil der Männer ausgesetzt. [...] Die Frau ist dazu geschaffen, dem Mann nachzugeben und selbst eine Ungerechtigkeit zu ertragen. Knaben kann man nie dahin bringen; ihr innerstes Gefühl erhebt sich gegen die Ungerechtigkeit; die Natur schuf sie nicht, Ungerechtigkeit zu dulden.1

Was Jean- Jacques Rousseau hier so unverblümt zur Sprache bringt, dürfte wohl manch aufgeklärter Frau von heute die Haare zu Berge stehen lassen. Tatsächlich jedoch entspricht genau dies dem allgemein gültigem Rollenverständnis im Europa des 18. Jahrhunderts. Auch in Deutschland stießen Rousseaus programmatische Schriften auf positive Resonanz. Namhafte Pädagogen wie Johann- Gottfried Herder stehen vehement hinter dem Gedanken der Ungleichheit zwischen den Geschlechtern und setzen, was die Aggressivität der Äußerungen angeht, noch kräftig nach. Für das Feld der Literatur gewinnt dieses Thema im ausgehenden 18. Jahrhundert ebenfalls immer mehr an Bedeutung. Die Frauen dieser Zeit bilden nicht nur einen großen Teil des Lesepublikums; immer mehr treibt es sie auch zur eigenen schriftstellerischen Betätigung. Stoff für konfliktreiche Auseinandersetzungen ist hier nun reichlich gegeben. Gegenstand der folgenden Darstellung soll es sein, das männliche Urteil näher zu betrachten, dem Rousseau zu folge die Frauen, und hier besonders die Autorinnen um 1800, ausgesetzt sind. Wie beurteilen die männlichen Zeitgenossen die literarischen Bestrebungen des anderen Geschlechts und welche Legitimationen führen sie dabei ins Feld?

Zunächst soll in einem ersten Teil anhand einiger Beispiele ein kurzer Einblick in das Rollenverständnis der Zeit gegeben werden. Im Anschluss soll in einem zweiten Teil verdeutlicht werden, in welcher Form diese Ansichten sich im literarischen Diskurs wiederfinden. Im Zentrum der Untersuchung soll dabei der Zusammenhang zwischen weiblicher Schriftstellerei und Dilettantismus stehen, so wie er v.a. von Goethe und Schiller zur Jahrhundertwende insbesondere den Frauen zum Vorwurf gemacht wurde.

2. Die Frau und ihre Natur - Anthropologie der Ungleichheit

Das 18. Jahrhundert steht voll und ganz im Zeichen der Aufklärung. Mit der Reformation begann man sich von kirchlicher und adliger Vormundschaft abzulösen und leitete somit den Prozess der bürgerlichen Emanzipation ein. Fremdbestimmung und Unmündigkeit wurden mehr und mehr überwunden. Die neuen Kategorien heißen nun Selbstbestimmung und bewusste Individualität.

Die Neuorientierung gegenüber dem religiös- ständischen Weltbild dringt seit Beginn des 18. Jahrhunderts auf vielfältige Weise in das bürgerliche Leben ein. Man geht nun davon aus, dass die menschliche Persönlichkeit sich mit Willen und Bewusstsein selbst bestimmt.2

Die Freisprechung von übergeordneten Kontrollinstanzen im Sinne eine göttlichen Ordnung bzw. Vorbestimmung, vertreten von Kirche und Aristokratie, brachte auch eine große Verantwortung mit sich. „Selbstkontrolle, Erziehung und Selbsterziehung werden die ständigen Themen der bürgerlichen Emanzipation.“3 Ein bürgerliches Selbstbewusstsein, wie es die Aufklärung anstrebte, bedurfte der Ausbildung einer gewissen Kritikfähigkeit und Vernunft, welche zu zentralen Kategorien für das 18. Jahrhundert wurden. Vor der Entwicklung eigener Ideen war daher die Bildung ein sehr wichtiges Moment dieser Zeit. Die Bildungsbewegung in Deutschland um die Mitte des 18. Jahrhunderts ist unmittelbar mit dem Lesen verbunden.

Was die Entwicklung der Ideen angeht, und insbesondere in Deutschland, haben wir es in der Zeit von 1750 bis 1790 mit einer kulturellen Revolution zu tun. Ihr korrespondiert die Lesewut, die alle modernen emanzipatorischen Bewegungen begleitet. Sie ist ein Anzeichen der Suche nach neuen Orientierungen, nach Experimenten der Phantasie. Das Medium der bürgerlichen Emanzipation in Deutschland ist die Literatur.4

Im Zusammenhang mit der Lesewut in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wird immer wieder darauf hingewiesen, dass es gerade die Frauen waren, welche den größten Teil des damaligen Lesepublikums bildeten.5

Jenen, welche Zugangsmöglichkeiten zur Bildung über die Lektüre von Texten hatten, d.h. Frauen aus Familien des gehobenen Bürgertums oder in unmittelbarer Umgebung gelehrter Männer, schien es geradezu ein Verlangen zu sein, sich auf diesem Wege geistig weiterzuentwickeln. Es bleibt zu fragen, wo ihr Platz in dieser gesellschaftlich- kulturellen Revolution war. Galten die neuen Maximen der Aufklärung im gleichen Maß für das weibliche Geschlecht? Die Bibel hatte eine recht eindeutige Vorstellung über die Bildung von Mann und Frau.

Bei den Versammlungen dürfen Frauen nicht das Wort ergreifen. Das ist verboten, denn sie sollen sich unterordnen, wie auch das Gesetz vorschreibt. / Wollen sie etwas wissen, dann sollen sie zu Hause ihre Ehemänner fragen.6

Auch die Reformation, welche den Anstoß für die Aufklärung geliefert hatte, ist in diesem Punkt nicht weniger radikal. Martin Luther äußert sich über die Bestimmung der Frau folgendermaßen:

[...] das Weib soll nicht ihres freien Willens leben, wie denn geschehen wäre, wo Eva nicht gesündigt, so hätte sie mit Adam, dem Mann, zugleich regiert und geherrscht als sein Mitgehilfe.7

Gerade hier wird die Argumentationsgrundlage deutlich, welche im religiös fundierten Weltbild klassisch ist für die Begründung der Unterordnung der Frau unter den Mann. Mit der Erbsünde als unumstößliches Argument für ihre Unmündigkeit verlagerte man die Bestimmung der Rollenverhältnisse in eine göttliche Ordnung, was sie unangreifbar werden ließ. Im Zuge der Aufklärung hatte man sich nun von einer solchen Ordnung abgelöst. Die Tore für eine Selbstbestimmung - auch für die weiblichen Individuen - schienen offen zu stehen. Doch die Realität zeigt das genaue Gegenteil, welches sich in einem recht eigentümlichen Wiederspruch darstellt. Wo der Aufklärungsgedanke so manche althergebrachte Ordnung auflöste, da wird am Thema Geschlechterunterschied beharrlich festgehalten.

Die jungen Männer um 1770 lehnen sich auf gegen ihre Väter, sie lehnen sich auf gegen die feudale Ordnung - aber da, wo es um die Frauen geht, sind sie nicht nur traditionell wie ihre Väter, sondern sie übertreffen diese.8

Im Folgenden soll auf einige zentrale Vertreter dieser Gruppe Mann um 1770 und ihre Ansichten zur Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern näher eingegangen werden. Im Zentrum des Interesses stehen dabei die Argumente, mit denen sie ihre Thesen untermauern und die Unterordnung der Frau gegenüber des Mannes für die Neuzeit aufbereiten.

2.1 J.- J. Rousseau - Das schwache Geschlecht

Eines der eindringlichsten Beispiele solch patriarchatsbejahenden Gedankenguts findet sich bei Jean- Jacques Rousseau, auf den hier schon zu Beginn verwiesen wurde. In seinem erstmals 1962 erschienen Werk Émile oder Über die Erziehung stellt er seine Ansichten über die richtige Erziehung von Mann und Frau dar. Gleich zu Beginn des fünften Buches leitet er seine Unterscheidung von Mann und Frau mit der Erkenntnis ein, dass sich die Differenzen zwischen ihnen nur schwer am Geschlecht festmachen lassen. Neben vielen Ähnlichkeiten - z.B. was bestimmte Fähigkeiten, Bedürfnisse oder die Beschaffenheit der Organe angeht - gäbe es jedoch gravierende Differenzen, welche, zwar unscheinbar, jedoch unweigerlich mit dem Geschlecht zusammenhängen.

In allem, was nicht mit dem Geschlecht zusammenhängt, ist Mann Frau [...] Die Schwierigkeit, sie zu vergleichen, kommt daher, daß schwer festzustellen ist, was bei der Konstitution geschlechtsgebunden ist und was nicht. [...] aber schon bei bloßer Betrachtung findet man allgemeine Unterschiede, die nichts mit dem Geschlecht zu tun haben scheinen. Trotzdem hängen sie damit zusammen, aber in Verbindungen, die wir nicht wahrnehmen können [...]9

Für Rousseau ist es eines der größten Wunder der Natur, dass sie zwei so ähnliche Wesen hervorgebracht hat, indem sie sie so verschieden machte.10 Hier nun schneidet Rousseau den Aspekt an, welcher für die Konzipierung der Geschlechterrollen in der Neuzeit zur zentralen Kategorie wurde - die Natur. Die Natur habe Mann und Frau mit konträren aber ineinandergreifenden Merkmalen ausgestattet. So ist der Mann bspw. aktiv und stark, die Frau hingegen passiv und schwach.11

[...] notwendiger Weise muß der eine wollen und können; es genügt, wenn der andere wenig Widerstand leistet. [...] Ich gebe zu, daß das noch nicht das Gesetz der Liebe ist; aber es ist das Gesetz der Natur, das älter ist als die Liebe selbst.12

Rousseau folgert weiterhin, dass es der Frau auf Grund ihrer Veranlagung auferlegt sei, dem Mann zu gefallen. Der Mann hingegen nimmt den Part des Handelnden ein, sein Vorzug läge in der Kraft.13

Diese Kraft ist ihm nicht bedingungslos gegeben, sondern wird durch die Reize der Frau belebt. Auf diese Weise greifen Mann und Frau wie Zahnräder in einem Getriebe der Gesellschaft ineinander. Beide Zahnräder in die selbe Richtung zu bewegen, hieße das Getriebe zu stören.

Wäre es natürlich, dass sich die beiden Geschlechter mit der gleichen Kühnheit einem Unternehmen hingeben, das für beide so unterschiedliche Folgen hat? Wie kann man übersehen, dass bei so ungleichem gemeinschaftlichen Einsatz bald beide zugrunde gingen und das Menschengeschlecht durch die zu seiner Erhaltung bestimmten Mittel vernichtet würde [...]14

Rousseau betont bewusst, dass es sich bei diesem Rollenverständnis nicht um eine Unterdrückung der Frau zu Gunsten der Dominanz des Mannes handelt. Vielmehr versucht er deutlich zu machen, dass die Unterordnung der Frau eine Notwendigkeit sei, welche letztendlich die Bedingung für die Aufrechterhaltung der sozialen Ordnung ist. Zudem käme ihr dieser Part nicht zu, weil es der Mann so festgelegt hätte, sondern durch die Natur, welche beiden Geschlechtern unterschiedliche Eigenschaften hat zukommen lassen. Worin genau diese natürliche Passivität und Schwäche der Frau liegt, legt Rousseau nicht offen. Dies soll auch nicht weiter thematisiert werden. Wichtig ist der Naturgedanke, den er seinen Thesen zu Grunde legt. Die Natur als Grundprinzip der menschlichen Existenz nimmt nun die Rolle ein, welche vorher der göttlichen Ordnung zukam. Sie bildet ein ebenso schlagkräftiges wie unumstößliches Fundament zur Bestimmung der Lebensverhältnisse, wie dem zwischen den Geschlechtern. Sie steht gleichbedeutend mit einer unangreifbaren Wahrheit und ist frei von individuellen Werturteilen. In diesem Kontext wird man sich ihrer noch oft bedienen. Wie hält es Rousseau nun aber mit den geistigen Bestrebungen der Frau? Tatsächlich befürwortet er die Bildung der Frau sehr.

Soll er sie am Fühlen und Denken hindern, um sie besser beherrschen zu können? [...] Nein, gewiß nicht! So hat es die Natur nicht gewollt, die den Frauen einen so angenehmen und feinen Geist gab. Im Gegenteil: sie will, daß sie denken, urteilen, lieben, wissen; daß sie ihren Geist ebenso pflegen wie ihr Antlitz.15

[...]


1 Jean Jacques Rousseau: Emile oder über die Erziehung.12.Auflage. Paderborn/ München/ Wien/ Zürich: Schönigh Verlag 1995. S. 733 u. 795.

2 Ulrike Prokop: Einsamkeit der Imagination. Geschlechterkonflikt und literarische Produktion um 1770. In : Deutsche Literatur von Frauen. Erster Band. Vom Mittelalter bis zum Ende des 18. Jahrhunderts. hrsg. von Gisela Brinker- Gabler. München: C. H. Beck 1988. S.325.

3 Ebd.

4 Ebd. S.326.

5 Vgl. ebd.

6 Paulus. Erster Brief an die Korinther. Kapitel 14, V 34-37. In: Das neue Testament und frühchristliche Schriften. übersetzt und kommentiert von Klaus Berger und Christiane Nord. Fünfte revidierte Auflage. Frankfurt am Main u. Leipzig: Insel Verlag 2001.

7 Martin Luther: Vom ehelichen Leben und andere Schriften über die Ehe. hrsg. von Dagmar C. G. Lorenz. Stuttgart: Reclam 1978. S. 70.

8 U. Prokop: Einsamkeit der Imagination. S. 330.

9, J. J. Rousseau: Emile. S. 385.

10 Vgl ebd. S. 386.

11 Vgl. ebd.

12 Ebd.

13 Ebd.

14 Ebd. S. 387.

15 Ebd. S. 393.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Schriftstellerinnen um 1800 - Die männliche Perspektive
Untertitel
Unter dem besonderen Gesichtspunkt des Dilettantismus
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Germanistik)
Veranstaltung
Schriftstellerinnen um 1800
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
29
Katalognummer
V172721
ISBN (eBook)
9783640927609
ISBN (Buch)
9783640927401
Dateigröße
875 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Dilettantismus, Goethe, Schiller, weibliche Schriftstellerinnen, Rousseau, Wieland, Fräulein von Sternheim
Arbeit zitieren
Robert Bachmann (Autor), 2007, Schriftstellerinnen um 1800 - Die männliche Perspektive, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/172721

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