Die Arbeit untersucht, wie männliche Jugendliche in Deutschland in sozialen Medien in hegemoniale Männlichkeitsordnungen verwickelt werden und wie diese ihre Subjektivierungsprozesse prägen. Aus einer postdigitalen Perspektive werden soziale Medien als zentrale Sozialisationsräume verstanden, in denen Geschlecht durch algorithmisch strukturierte Praktiken hervorgebracht wird. Theoretisch stützt sich die Analyse auf Connells Konzept hegemonialer Männlichkeit, den Ansatz der Bildung durch produktive Verwicklung (Allert & Asmussen) sowie postdigitale Theorien (Jandrić et al.). Auf Basis aktueller Studien zu Social-Media-Nutzung, digitalen Männlichkeitsdarstellungen und der Manosphere wird gezeigt, dass Jugendliche auch ohne aktive Beteiligung an extremen Online-Communities in hegemoniale Männlichkeitsnarrative eingebunden werden. Plattformlogiken und alltägliche Praktiken wie Liken, Teilen oder Beobachten stabilisieren Leitbilder von Dominanz, Leistungsorientierung, emotionaler Kontrolle und Misogynie. Abschließend werden Konsequenzen für eine kritisch-reflexive, postdigitale Medienbildung diskutiert, die auf die Bearbeitung dieser Verwicklungen und die Eröffnung alternativer Handlungsspielräume zielt.
Inhaltsverzeichnis
Abbildungsverzeichnis
Abkürzungsverzeichnis
Hilfsmittelverzeichnis
1 Einleitung
2 Theoretischer Rahmen
2.1 HegemonialeMännlichkeit
2.2 Bildung durch produktiveVerwicklung
2.3 Postdigitalität
3 ZentraleBegriffe
3.1 Autonomie
3.2 Subjektivierung
3.3 Bildung
4 Analyse aktueller Studienbefunde
4.1 Männliche Jugendliche und soziale Medien in Deutschland
4.2 Männlichkeitsdarstellungen in den sozialen Medien
4.3 Verwicklung und Subjektivierung männlicherJugendlicher
4.4 Beantwortung der Forschungsfrage
5 Diskussion der Ergebnisse
6 Fazit und Konsequenzen für Medienbildung
7 Literaturverzeichnis
Abbildungsverzeichnis
Abbildung 1: Die Strukturdes Geschlechts nach Connell
Abbildung 2: Wie viel Zeit verbringen Jugendliche privat mit Social Media?
Abbildung 3: Darstellung eines „Incels" und eines „Chads"
Abkurzungsverzeichnis
BKA Bundeskriminalamt
Incels Involuntary Celibates
MGTOW Men Going Their Own Way
MRA Men's Rights Activists
Abstract
Die Arbeit untersucht, wie männliche Jugendliche in Deutschland in sozialen Medien in hegemoniale Männlichkeitsordnungen verwickelt werden und wie diese ihre Subjekti- vierungsprozesse prägen. Aus einer postdigitalen Perspektive werden soziale Medien als zentrale Sozialisationsräume verstanden, in denen Geschlecht durch algorithmisch strukturierte Praktiken hervorgebracht wird. Theoretisch stützt sich die Analyse auf Connells Konzept hegemonialer Männlichkeit, den Ansatz der Bildung durch produktive Verwicklung (Allert & Asmussen) sowie postdigitale Theorien (Jandric et al.). Auf Basis aktueller Studien zu Social-Media-Nutzung, digitalen Männlichkeitsdarstellungen und der Manosphere wird gezeigt, dass Jugendliche auch ohne aktive Beteiligung an extremen Online-Communities in hegemoniale Männlichkeitsnarrative eingebunden werden. Plattformlogiken und alltägliche Praktiken wie Liken, Teilen oder Beobachten stabilisieren Leitbilder von Dominanz, Leistungsorientierung, emotionaler Kontrolle und Misogynie. Abschließend werden Konsequenzen für eine kritisch-reflexive, postdigitale Medienbildung diskutiert, die auf die Bearbeitung dieser Verwicklungen und die Eröffnung alternativer Handlungsspielräume zielt.
Schlagwörter: Hegemoniale Männlichkeit; Soziale Medien; Subjektivierung; Medienbildung; Postdigitalität; männliche Jugendliche.
Abstract
This paper examines how male adolescents in Germany become entangled in hegemonic orders of masculinity through social media use and how this shapes their processes of subjectivation. From a postdigital perspective, social media are understood as key spaces of socialisation in which gender is produced through algorithmically structured practices. The analysis draws on Connell’s concept of hegemonic masculinity, the notion of education as productive entanglement (Allert & Asmussen), and postdigital theory (Jandric et al.). Drawing on recent studies of social media use, digital masculinities and the German manosphere, the paper shows that young men are drawn into hegemonic masculinity narratives even without active participation in extremist communities. Platform logics and everyday practices such as liking, sharing and browsing stabilise ideals of dominance, performance, emotional control and misogyny. The paper concludes by discussing implications for a critically reflective, postdigital approach to media education that engages with these entanglements and opens up alternative spaces of action.
Keywords: hegemonic masculinity; social media; subjectivation; media education; post- digitality; male adolescents
Hilfsmittelverzeichnis
Abb. in Leseprobe nicht enthalten
1 Einleitung
„Adolescence“ erregte im Jahr 2025 weltweit Aufmerksamkeit: Die Netflix-Serie stellt nicht nur dar, wie ein 13-jähriger Junge wegen Mordes an seiner Mitschülerin festgenommen wird. Sie lenkt auch den Fokus darauf, wie toxische Männlichkeitsbilder und Frauenhass, die im Internet kursieren, Jugendliche und junge Männer auf ihrer Suche nach einer Identität in die Irre leiten können (WDR, 2025). Die Serie brach StreamingRekorde und führte dazu, dass die Thematik sowohl von den Medien (Boie, 2025; deutschlandfunkkultur.de, 2025; Pouplier, 2025) als auch in der Wissenschaft verstärkt in den Blick genommen wurde (Rampal, 2025, S. 270; Reintjes et al., 2025, S. 2).
Hinter den in „Adolescence“ genannten Incels (involuntary celibates), also Männern, die unfreiwillig ohne Sex leben, steht eine heteronormative, sexistische und teils rassistische Ideologie der Manosphere 1 (Döring, 2023, S. 12). Andrew Tate, der in sozialen Medien wie YouTube, TikTok und Instagram ein Weltbild vom dominanten Mann vertritt und den Staat als „Matrix“ bezeichnete, gilt als „[...] prototypischer Vertreter der toxischen Ideologie vom Alpha-Mann, der sich über den Staat, die Frauen und andere Männer erhebt“ (S. 11). Anhänger dieser Bewegung verwenden in den sozialen Medien Emojis, die eine Analogie zum Film „The Matrix“ enthalten: So steht eine rote Pille für das Erwachen, also die Bewusstwerdung, dass Frauen Macht über Männer ausüben. Eine blaue Pille steht dagegen dafür, weiterhin der Illusion anzuhängen, dass dem nicht so ist (Lindsay, 2022, S. 212). Zuletzt symbolisiert die schwarze Pille die Unmöglichkeit, dieser sozialen Hierarchie zu entkommen (S. 215-217).
Das Thema ist auch in Deutschland relevant: Die große Mehrheit der 12- bis 19-Jährigen nutzt täglich das Internet (Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest, 2025, S. 24), und ihre durchschnittliche Bildschirmzeit liegt bei knapp vier Stunden pro Tag (S. 25). Soziale Medien wie Instagram, Snapchat und TikTok gehören zu den beliebtesten Apps unter Jugendlichen (S. 27), doch problematische Inhalte nehmen spürbar zu (S. 55). So berichten drei von zehn Jugendlichen von sexuellen Belästigungen (S. 59), die sie vor allem auf diesen drei Plattformen wahrnehmen (S. 60). Im Jahr 2024 verzeichnete das Bundeskriminalamt (BKA) eine Zunahme der digitalen Gewalt gegen Frauen und stellte fest, dass rund 34 Prozent der Opfer Minderjährige waren (Bundeskriminalamt, 2025a, S. 33). Der Anteil minderjähriger Tatverdächtiger lag mit rund 38 Prozent noch höher, und auch bei „analogem“ sexuellem Missbrauch waren knapp 30 Prozent der Tatverdächtigen minderjährig (S. 38). Höchststände Minderjähriger wurden auch im Bereich Gewaltkriminalität dokumentiert: Sieben Prozent der Tatverdächtigen waren noch Kinder und rund 16 Prozent Jugendliche. Das BKA nannte gewaltlegitimierende Männlichkeitsnormen als Risikofaktorfürdiese Entwicklung (Bundeskriminalamt, 2025b).
Männlichkeitsdarstellungen in den Medien werden häufig mit Gewalt oder Aggression verknüpft (Scharrer & Warren, 2022, S. 295), und partizipative Medien spielen eine zunehmende Rolle bei den Identitätsaushandlungen Jugendlicher (Hintermann & Pichler, 2023, S. 321). So stellt sich die Frage, wie männliche Jugendliche in Deutschland bei der Nutzung sozialer Medien in hegemoniale Männlichkeitsdarstellungen verwickelt werden und wie dies ihre Subjektivierung beeinflusst. Für eine theoretische Untersuchung dieser Frage stützt sich die vorliegende Arbeit auf das Konzept der hegemonialen Männlichkeit (Connell, 2015, S. 130-131), der Bildung durch produktive Verwicklung (Allert & Asmussen, 2017, S. 27-68) und eine postdigitale Perspektive (Jandric et al., 2018, S. 893). Anhand aktueller Studienergebnisse sollen Antworten auf diese Frage herausgearbeitetwerden, die Rückschlüsse auf Maßnahmen in der Medienbildung zulassen.
Die Arbeit gliedert sich in acht Kapitel: Nach dieser Einleitung folgt eine Einführung in die theoretische Rahmung im zweiten Kapitel und die Klärung zentraler Begriffe im dritten Kapitel. In Kapitel 4 werden aktuelle Studienergebnisse analysiert und die Forschungsfrage beantwortet. Die Resultate werden in Kapitel 5 diskutiert und in Kapitel 6 ein Fazit sowie Rückschlüsse aufdie Medienbildung gezogen.
2 Theoretischer Rahmen
Das folgende Kapitel legt die theoretischen Grundlagen der Arbeit dar und umreißt die Konzepte der hegemonialen Männlichkeit, Bildung durch produktive Verwicklung und Postdigitalität. Zusammengenommen ermöglichen diese Zugänge eine Analyse von Subjektivierungsprozessen männlicher Jugendlicher in sozialen Medien, die Machtverhältnisse, digitale Praktiken und bildungstheoretische Fragestellungen miteinander verbindet.
2.1 Hegemoniale Männlichkeit
Das Konzept der hegemonialen Männlichkeit von R. W. Connell fußt auf der Annahme der sozialen Konstruktion des Geschlechts (Connell, 2015, S. 124). Anstatt vom biologischen Körper als Grundlage der Geschlechtlichkeit auszugehen, sieht Connell Männlichkeit nicht als einheitliche, feststehende Identität, sondern als historisch und gesellschaftlich veränderbare Struktur sozialer Machtverhältnisse. Männlichkeit ist demnach relational: Sie existiert immer in Bezug auf andere Formen von Männlichkeit sowie im Verhältnis zu Weiblichkeit (S. 125-126). Connell schuf ein dreistufiges Modell, um die Struktur des Geschlechts darstellen zu können (Abb. 1). Machtbeziehungen spielen darin die wichtigste Rolle, da sie eine Art allgemeingültige Ordnung vorgeben. Als Beispiel für die westliche Geschlechterordnung nennt Connell das Patriarchat und die damit verbundene,,[...] allgegenwärtige Unterordnung von Frauen und die Dominanz von Männern [...]“ (S. 127). Produktionsbeziehungen beziehen sich auf die geschlechtliche Arbeitsteilung und somit auf die geschlechtsbezogenen Akkumulations-prozesse, während emotionale Bindungsstrukturen das sexuelle Begehren und die mit ihm verbundenen Praktiken meinen (S. 127-128).
Abb. in Leseprobe nicht enthalten
Abbildung 1: Die Strukturdes Geschlechts nach Connell (Eigene Darstellung).
Weil durch Geschlecht soziale Praxen strukturiert werden, ist es nach Connell unweigerlich auch mit anderen sozialen Strukturen, wie Rasse und Klasse, verknüpft. „Die Männlichkeit weißer Männer ist zum Beispiel nicht nur in Relation zu weißen Frauen konstruiert, sondern auch in Relation zu schwarzen Männern“ (S. 128). Die Gestaltung der Männlichkeit derArbeiterklasse ist laut derAutorin nur zu begreifen, wenn neben ihrer Geschlechterpolitik auch die Klassenzugehörigkeit berücksichtigt wird (S. 129).
Hegemoniale Männlichkeit fasst Connell im Rückgriff auf das Hegemoniekonzept von Antonio Gramsci, der Hegemonie als widersprüchliche Einheit aus Zwang und Konsens sieht (Gramsci, 1991, S. 783 GH 4). Connell betrachtet hegemoniale Männlichkeit dabei nicht als starres Konstrukt, das über Zeit und Raum einen gleichbleibenden Charakter behält (Connell, 2015, S. 130), sondern vielmehr als eine „[...] Form von Männlichkeit, die in einer gegebenen Struktur des Geschlechterverhältnisses die bestimmende Position einnimmt, die jederzeit in Frage gestellt werden kann“ (S. 130). Sie entsteht nur, ,,[...] wenn es zwischen dem kulturellen Ideal und der institutionellen Macht eine Entsprechung gibt, sei sie kollektiv oder individuell“ (S. 131). Hegemoniale Männlichkeit bezeichnet also dasjenige kulturelle Leitbild von Männlichkeit, das innerhalb einer Gesellschaft als ideal, legitim und überlegen gilt - aber auch als historisch bewegliche Relation zu verstehen ist. „Innerhalb dieses umfassenden Rahmens gibt es aber spezifische Ge- schlechterbeziehungen von Dominanz und Unterordnung zwischen Gruppen von Männern“ (S. 131), so Connell. Diese Hierarchie unterteilt sie in drei Stufen: Unterdrückung, Komplizenschaft und Marginalisierung (S. 131-134), wobei letztere „[...] immer relativ zur Ermächtigung hegemonialer Männlichkeit der dominanten Gruppe [entsteht]“ (S. 132). Nach Connell benutzen viele Mitglieder der privilegierten Gruppe auch Gewalt, um ihre Dominanz zu sichern. „Die Einschüchterung von Frauen kann vom Nachpfeifen auf der Straße, über sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz, Vergewaltigung und Misshandlung zu Hause, bis hin zur Ermordung durch den patriarchalen .Eigentümer' der Frau (z. B. durch einen verlassenen Ehemann) reichen“ (S. 137). Aber auch in der Geschlech- terpolitik unter Männern spielt Gewalt durch Krieg, Terror und Gewaltverbrechen eine Rolle (S. 137). Gewalt als Macht- und Unterdrückungsmittel sowie ihr derzeitigesAus- maß deuten nach Connell darauf hin, dass die Legitimation der patriarchalen Macht zusammenbricht. Das weist auf die „Krisentendenz“ der Geschlechterordnung hin, die von ihrer Transformation erschüttert wird und Widerstandsbewegungen hervorbringt, die das Patriarchat verteidigen (S. 138-139). Im Zusammenhang mit der Digitalen Disruption2 ist besonders eine Aussage Connells hervorzuheben: Autorität und Rationalität können auch durch den Wandel von Technologien und ökonomischen Gegebenheiten ihre Bedeutung verlieren und zu einer Neudefinition der Männlichkeit führen (S. 147). Wenn ideologische, technologische und ökonomische Veränderungen etablierte Selbst- und Weltverhältnisse transformieren, rückt auch die Frage nach veränderten Subjektivie- rungs- und Bildungsprozessen in den Vordergrund, welche aus Sicht der produktiven Verwicklung betrachtet werden.
2.2 Bildung durch produktive Verwicklung
Das Konzept der Bildung durch produktive Verwicklung von Allert und Asmussen zielt darauf ab, „[...] ein Verständnis von Bildung zu entwerfen, das auf Phänomene wie Algorithmisierung und Digitalisierung reagieren kann, ohne sich jedoch auf diese Phänomene zu beschränken“ (Allert & Asmussen, 2017, S. 27). Anlässe für Bildungsprozesse sind aus dieser Sicht nichts Naturgegebenes, sondern entstehen durch menschliche Tätigkeiten, soziales Miteinander und durch die Auseinandersetzung mit dem Neuen (S. 27). Bildung entsteht demnach aus einem gestaltenden und produktiven Umgang mit der Unbestimmtheit-gerade in Zusammenhang mit Algorithmen (S. 30).
„Kreativ und produktiv sein hat in einer Welt, die wir nicht mehr als bestimmt und stabil annehmen, eine neue Bedeutung, denn Unbestimmtheit spielt im prozessontologischen Sinne eine grundlegende Rolle: Menschliche Akteure setzen sich in Situationen, die andernfalls unbestimmt und in diesem Sinne fragwürdig bleiben, mit Technologien produktiv auseinander. Produktiv heißt hier, dass die Situation nicht bestimmt ist, sondern dass sie erst in Interaktion wechselseitig erzeugt und bestimmtwird“ (S. 34).
Das Digitale wird dabei nicht als etwas verstanden, „[...] das dem Subjekt gegenüber steht [sic] sondern mit dem es in Praktiken konstitutiv verwoben ist“ (S. 32). Menschen können also nicht mehr aus dieser Verwicklung mit der Digitalität heraustreten, und auch, wenn sie nicht mit Technologien interagieren, bleiben sie primäre Faktoren in kulturellen Praktiken und Subjektivierungsprozessen (S. 30). Dies gilt vor allem für komplexe Algorithmen, die inzwischen an allen alltäglichen Aktivitäten der Menschen beteiligt sind. Ihnen gegenüber wird Autonomie und Selbstbestimmung aufgegeben, obwohl undurchsichtig bleibt, wie sie arbeiten und wie sich dies auswirkt (S. 34). Durch die produktive Auseinandersetzung mit der Welt, beispielsweise beim kreativen Austricksen von Algorithmen, entstehen Einblicke, die „[...] nicht nur das Selbst- und das Weltverständnis im Inneren der Person, sondern auch die äußere Situation [...]“ (S. 35) verändern.
In Bezug auf die Verwicklung des Subjekts stützen sich die Autorinnen auf einen praxe- ologischen Zugang, bei dem Praktiken im Mittelpunkt stehen - also routinisierte, kontinuierliche und kollektive Handlungsgepflogenheiten (Allert & Asmussen, 2017, S. 46). Subjektivierung geschieht aus dieser Perspektive in der Relation mit der Welt, den Praktiken und anderen Subjekten, die an ihnen teilnehmen. In diesem Wechselspiel wird nicht nur die Realität verändert, sondern auch die Praktiken selbst sowie die Position der Teilnehmenden im Beziehungsgefüge (S. 47). Subjekte werden „[...] Teil einer Gemeinschaft, wenn ihr Beitrag dort als Beitrag der Gemeinschaft wahrgenommen und anerkannt wird“ (S. 51) und konstituieren so die Gemeinschaft und Praktik mit. Dieses Verständnis basiert auf Felix Stalders „Kultur der Digitalität“:
„Der Einzelne muss viel und kontinuierlich kommunizieren, um sich innerhalb der Felder und Praktiken zu konstituieren, sonst bleibt er unsichtbar. Die dazu notwendige Masse an Tweets, Updates, E-Mails, Blogs, geteilten Bildern, Texten, Einträgen auf kollaborativen Plattformen, Datenbanken und so weiter kann nur mithilfe von digitalen Technologien produziert und reproduziert werden“ (Stalder, 2016, S. 137).
Mit der Subjektivierung wird demnach ein performatives Selbst geschaffen, welches andauernden Transformationsprozessen ausgesetzt ist. Es hat also keinen unveränderbaren, bestimmten Kern, sondern bleibt selbst unbestimmt (Allert & Asmussen, 2017, S. 51). Vor diesem Hintergrund gewinnt die Frage nach der Autonomie des Individuums eine neue Kontur: Autonomie als bürgerliche Freiheit zu verstehen, würde bedeuten, sich gänzlich aus der Verwobenheit und Verstrickung zu lösen und eine Distanz herzustellen. Dies ist angesichts der Annahme einer andauernden Verstrickung jedoch unmöglich, weshalb Autonomie als Produktion von Differenz in gemeinschaftlichen Formationen gefasstwird (S. 53-54). Bildung ist aus dieser Perspektive ein transaktionales Geschehen, das sich innerhalb sozialer Praktiken vollzieht. Es handelt sich um einen beweglichen und fortlaufenden Prozess der Selbst- und Weltkonstitution, der im Mitspielen, Mitgestalten und im eigensinnigen Eingreifen in soziale Zusammenhänge stattfindet. Bildung ist kein individueller Erkenntnisprozess und keine distanzierte Reflexion - diese würde ja das Herauslösen aus der Verstrickung erfordern. Reflexion bedeutet dagegen, einen Schritt mitten in die Situation zu machen (S. 58) und kreative, eigensinnige Spielzüge auszuprobieren, sogenannte „poetische Spielzüge“. Sie sind Ausdruck der Autonomie eines Subjekts und werden nicht vollständig durch die Regeln einer Praktik kontrolliert. Poetische Spielzüge irritieren die stabile Ordnung und überführen Situationen so von der Bestimmtheit in die Unbestimmtheit - und genau dann finden Transformation und Bildung statt(S.58-61).
Die Annahme, dass ein Herauslösen aus der Verstrickung mit dem Digitalen nicht möglich ist, ist auch Grundlage eines Konzepts der Postdigitalität, das im folgenden Unterkapitel umrissen wird.
2.3 Postdigitalität
„Like air and drinking water, being digital will be noticed only by its absence, not its presence“ (Negroponte, 1998): Dieser Satz des US-amerikanischen Informatikers Nicholas Negroponte startete einen Diskurs, der um die Jahrtausendwende in der Musik- und Kunstszene und ab 2019 auch in den Erziehungswissenschaften aufgenommen wurde. Der Begriff „postdigital“, erstmals von Kim Cascone in einem Musikjournal verwendet (Cascone, 2000, S. 12), ging anschließend um eine Welt, die sich rasant veränderte - und dies ausdrückte: „We are increasingly no longer in a world where digital technology and media is separate, virtual, ‘other’ to a ‘natural’ human and social life“ (Jandric et al., 2018, S. 893). Das Postdigitale sei schwierig zu beschreiben, so Jandric et al. Es ist,,[...] messy; unpredictable; digital and analog; technological and non-technological; biological and informational“ (S. 895). Ganz selbstverständlich mischen sich analoge und digitale Kommunikation, die Grenzen virtueller und natürlicher Welt verschwinden. Mit ,,post“digital ist also nicht das Ende des Digitalen gemeint, sondern dessen ganz selbstverständliche Verschmelzung mit dem Alltag. Zugleich wird das Postdigitale als Reaktion auf die enttäuschten Utopien des Internets, auf die Machtkonzentration großer Tech-Konzerne, Ungleichheit, Kommerzialisierung und ökologische Folgen verstanden (S. 895). In Bildung und Wissenschaft zeigt sich die Postdi- gitalität beispielsweise in veränderten Lernorten, neuen Arbeitsformen und datengetriebener Forschung (S. 895-896) - so findet Bildung auch in den sozialen Medien statt. Aus der postdigitalen Perspektive wird das Digitale in der Bildung also nicht lediglich als Unterstützung wahrgenommen, sondern als grundlegend mit ihr verwickelt (Jandric & Knox, 2022, S. 785). Dass digitale Technologien neutrale Werkzeuge oder reine Innovationstreiber seien, wird aus dieser Sicht kritisch betrachtet. In der Postdigitalität steht Bildung zunehmend unter dem Einfluss von Datenökonomie, Plattformen, Überwachung, privat-wirtschaftlichen Interessen und materieller Infrastruktur. So wird auch eine kritische Auseinandersetzung mit Macht, Umweltfolgen, Arbeitsbedingungen, Datenpolitik und sozialen Ungleichheiten als nötig erachtet (S. 786). Jandric und Knox weisen zudem auf die Notwendigkeit einer postdigitalen Ecopedagogy hin, eine Bildung, die Umwelt und Technologie gemeinsam denkt sowie Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit und Verantwortung ins Zentrum rückt. Bildung sollte demnach nicht länger technikgetrieben gestaltet, sondern kritisch sozial und ökologisch reflektiert werden - als Teil einer komplexen Welt, in der Mensch, Technik und Natur untrennbar verbunden sind (S. 788-791).
Wie diese theoretische Perspektive mit den vorangehenden verbunden wird, um zentrale Begriffe rund um Bildung und Subjektivierung bestimmen zu können, ist Thema des folgenden Kapitels.
3 Zentrale Begriffe
Zur Beantwortung der Frage, wie männliche Jugendliche bei der Nutzung sozialer Medien in hegemonialen Männlichkeitsdarstellungen verwickelt werden und wie dies ihre Subjektivierung beeinflusst, ist eine präzisierende Begriffsbestimmung nötig. Autonomie, Subjektivierung und Bildung müssen so gefasst werden, dass sie anschlussfähig an die vorangehende theoretische Rahmung sind und folgerichtig genutzt werden können.
3.1 Autonomie
Autonomie im Sinne von Selbstbestimmung, Eigengesetzlichkeit und als Gegensatz zur Fremdbestimmung, der Heteronomie, muss vor dem Hintergrund postdigitaler Verwicklungen und hegemonialer Männlichkeit grundsätzlich überdacht und neu gefasst werden. Connell versteht Autonomie als Teil der sozial konstruierten Geschlechtervorstellungen und Konzepte wie Unabhängigkeit oder Kontrolle als männliche Werte (Connell, 2015, S. 106), während beispielsweise Unterwerfung dem Weiblichen zugeordnet wird (S. 61). Aus postdigitaler Perspektive wiederum ist Autonomie etwas, das Maschinenprozessen zugeschrieben wird (Cramer & Jandric, 2021, S. 972) - von individueller, menschlicher Autonomie ist im Kontext algorithmischer Steuerung, datenökonomischer Verwertung und infrastruktureller Kontrolle kaum mehr die Rede. Allert und Asmussen sehen wiederum ein Herauslösen des Subjekts aus seinen vielen Verstrickungen als unmöglich an (Allert & Asmussen, 2017, S. 53). Sie definieren Autonomie deswegen als kreative Produktion von Differenz in gemeinschaftlichen Formationen:
„Diese >Form der Autonomie< setzt beim Andershandeln, bei eigensinnigen und produktiven Spielzügen an. Sie ist insofern ein produktiver Umgang mit Unbestimmtheit und Unsicherheit, mit dem Hineinwerfen und Hineingeworfensein in die unbestimmte Situation, als dass sie die transaktionale Teilnahme an perfor- mativen Praktiken und die Herstellung von Differenz im Miterzeugen der Gemeinschaftlichkeit als Autonomie versteht“ (S. 54).
Autonomie wird hier daher relational gefasst: als Fähigkeit eines Subjekts, innerhalb postdigitalerVerwobenheiten Differenz in gemeinschaftlichen Formationen zu produzieren. Autonom ist demnach nicht, wer sich entzieht, sondern wer innerhalb von Praktiken Spielräume entdeckt, auslotet und nutzt. Autonomie ist somit kein Zustand, sondern ein Prozess, derfragil, vorläufig und abhängig von der Technik und Algorithmen, von sozialen und persönlichen Ressourcen bleibt. Der Begriff ist nicht mit männlich besetzter Unabhängigkeit und Kontrolle zu verwechseln - auch nicht mit Gewalt und Widerstand. Bezogen auf den Umgang Jugendlicher mit sozialen Medien würde Autonomie bedeuten, dass junge Männer in der Verstrickung mit hegemonialen Männlichkeitsvorstellungen alternative und eigensinnige Spielzüge austesten und somit Differenz erzeugen.
3.2 Subjektivierung
Aus der Perspektive der hegemonialen Männlichkeit ist Geschlecht eine Art und Weise der sozialen Praxis (Connell, 2015, S. 124). Weil es in dieser Arbeit explizit um männliche Jugendliche geht, gilt es zunächst zu beachten, dass diese bereits einen Zuordnungsprozess zum männlichen Geschlecht durchlaufen haben, der zu einer Identifikation damit führte. Dieser Prozess ist aber nicht abgeschlossen, denn in der hegemonialen Geschlechterordnung unterlaufen Jugendliche andauernd Subjektivierungsprozessen. Sie üben bestimmte Formen der Männlichkeit ein und werden dann Teil der dominanten, untergeordneten oder marginalisierten Gruppen (S. 130-134). Aus postdigitaler Perspektive wiederum findet Subjektivierung in der Verwobenheit mit der Digitalität statt - also allein durch das bloße Betrachten von Posts, aber auch durch deren Kreation, Abspeicherung und Kommentierung. Allert und Asmussen beschreiben Subjektivierung als ,,[...] Prozesse und Praktiken, in denen wir uns als Subjekt gleichsam entwerfen und entworfen werden“ (Allert & Asmussen, 2017, S. 50).
In dieserArbeit wird Subjektivierung als Prozesse und Praktiken verstanden, in denen Individuen innerhalb sozialer, kultureller und medialer Praktiken zu Subjekten werden - also zu bestimmten Weisen des Seins gelangen. Subjektivierung wird nicht als selbstbestimmte Identitätsentwicklung gesehen, sondern als historisch und gesellschaftlich gerahmter Prozess der Selbstwerdung , in dem Machtverhältnisse, Normen und kulturelle Leitbilder wirksam werden. Es ist folglich kein linearer oder abgeschlossener Prozess, sondern eine dauerhafte Verwicklung in diskursive und technische Ordnungen , in denen Geschlecht fortlaufend neu hervorgebracht wird. Im Kontext hegemonialer Männlichkeit und sozialer Medien kann Subjektivierung so aussehen, dass sich Jugendliche diese Männlichkeitsvorstellungen aneignen und eine Gruppenzuordnung stattfindet.
3.3 Bildung
Bildung wird in dieserArbeit im Sinne von Nohl, Koller und Marotzki als Transformation der Selbst- und Weltreferenz (Nohl et al., 2015, S. 154) und nach Allert und Asmussen als transaktionaler Prozess der Selbst- und Weltkonstitution innerhalb sozialer Praktiken verstanden (Allert & Asmussen, 2017, S. 58). In einer postdigitalen Gesellschaft ereignet sich Bildung in der Verwobenheit mit der Digitalität, nicht in der Distanz und Reflexion. Sie findet dort statt, wo Irritationen auftreten, Routinen brechen, Ordnungen fragwürdig und neue Deutungen erforderlich werden. Bildung ist demnach kein innerpsychischer Vorgang, sondern ein relationaler Prozess: Sie entsteht im Zusammenspiel von Subjekt, Welt und Technologie, wobei das Digitale nicht Medium, sondern Teil ihres Vollzugs ist.
Im Kontext von hegemonialen Männlichkeitsdarstellungen in sozialen Medien kann Bildung als Konfrontation und Auseinandersetzung mit dieser Thematik verstanden werden. Dies wird als Prozess verstanden, der von der bloßen Betrachtung bis hin zur Infragestellung normativer Erwartungen führen kann. In der Postdigitalität kann dies eine Reflexion über die Verwobenheit der analogen und digitalen Welten sein, die nicht in der Distanz, sondern durch Praktiken stattfindet und kreative, eigensinnige poetische Spielzüge beinhalten.
4 Analyse aktueller Studienbefunde
Zur Beantwortung der Frage, wie männliche deutsche Jugendliche bei der Nutzung von sozialen Medien in hegemoniale Männlichkeitsdarstellungen verwickelt werden und wie dies ihre Subjektivierung beeinflusst, wurden Studien aus dem englisch- und deutschsprachigen Raum analysiert, die zwischen 2020 und 2025 veröffentlicht wurden. Die Analyse bündelt dabei unterschiedliche empirische Zugriffspunkte: Zunächst wird die Nutzung sozialer Medien in den Blick genommen, dann werden Männlichkeitsdarstellungen im Netz betrachtet und zuletzt die Verwicklung und Subjektivierung männlicher Jugendlicher untersucht.
4.1 Männliche Jugendliche und soziale Medien in Deutschland
Der Großteil deutscher Jugendlicher nutzt soziale Medien ein bis drei Stunden pro Tag. Achtzehn Prozent nutzen die Apps wochentags eine Stunde oder weniger und 20 Prozent drei bis fünf Stunden pro Tag. Sieben Prozent verbringen zwischen fünf und sieben und drei Prozent sogar mehr als sieben Stunden in den sozialen Medien. Am Wochenende steigt die Dauer der Langzeitnutzung noch, während die der Jugendlichen, die bis zu drei Stunden in den sozialen Medien verbringen, sinkt (Abb. 2). Seit einigen Jahren verschwimmt dabei die Trennlinie zwischen Instant-Messengern und sozialen Medien. Multitechnische Plattformen wie WhatsApp, Instagram, Snapchat und TikTok ermöglichen sowohl den Austausch von Text-, Sprach- und Videobotschaften. Nutzer können Inhalte aktiv posten und reposten, liken und kommentieren oder passiv durch Feeds scrollen und einfach nur beobachten, ohne zu posten (lurking). WhatsApp wird von 96 Prozent der deutschen 12- bis 19-Jährigen regelmäßig genutzt und befindet sich damit seit Jahren auf dem ersten Platz der am meisten genutzten Kommunikations- und Social- Media-Apps. Instagram folgt mit 63 Prozent auf dem zweiten, Snapchat mit 56 Prozent auf dem dritten und TikTok mit 53 Prozent auf dem vierten Platz (Medienpädagogischer Forschungsverbund Südwest, 2025, S. 31). Zwar liegt der Anteil weiblicher Nutzerinnen von Apps wie Instagram, Snapchat und Pinterest rund zehn Prozentpunkte höher als der von männlichen Nutzern, doch Apps wie Discord, Twitch und X werden deutlich häufiger von männlichen Jugendlichen genutzt (S. 32).
Abb. in Leseprobe nicht enthalten
Abbildung 2: Wie viel Zeit verbringen Jugendliche privat mit Social Media? (ifo Institut, 2025).
Auffällig ist, dass die Nutzung von Instagram im Altersverlauf deutlich zunimmt. TikTok wird zumeist von 16- bis 17-Jährigen genutzt (S. 33) - größtenteils mehrmals täglich (S. 33). Jungen verwenden dabei weniger Sprachnachrichten, Emojis, Sticker und animierte Grafiken, aber mehr WhatsApp-Kanäle als Mädchen (S. 34). Insgesamt 37 Prozent der männlichen Jugendlichen nutzen „Flammen“ bei Snapchat, 34 Prozent „Insta-Reels“ auf Instagram, 27 Prozent „YouTube Shorts“ und sechs Prozent „TikTok LIVE“, wobei außer bei „YouTube Shorts“ dieweiblichen Nutzerinnen überwiegen (S. 36).
Die beliebtesten Influencer3 bei männlichen 14- bis 19-Jährigen in Deutschland sind Montana Black auf Platz eins, gefolgt von Kontra K, Twenty4Tim, Apache 207 und Jules- boringlife (Internationales Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen, 2025, S. 47). Allein Montana Black, der unter anderem mit seiner Aussage „Frauen sind wie Hunde und das meine ich nicht abwertend“ (RND, 2019) für einen Shitstorm sorgte, erreicht mit seinem Twitch-Account derzeit über 5,7 Millionen Follower.
4.2 Männlichkeitsdarstellungen in den sozialen Medien
Unabhängig von Plattform und Nutzungsintensität prägen die sozialen Medien zunehmend die Identitätsbildung männlicher Teenager und beeinflussen maßgeblich, wie sie ihr persönliches und intimes Selbst konstruieren und kommunizieren (Scholes et al., 2025, S. 44). Sie stellen für Jugendliche zentrale Erfahrungs- und Sozialisationsräume dar, in denen Geschlechterbilder nicht nur rezipiert, sondern aktiv hervorgebracht, bewertet und verhandelt werden (S. 41). Sie dienen zudem als Plattform für die Verbreitung und Darstellung toxischer Männlichkeitsbilder, wie dies beispielsweise im Falle der Ideologie der Manosphere der Fall ist.
Zur Manosphere gehören verschiedene Gruppierungen, darunter die sogenannten PickUp-Artists, die ihren männlichen Followern erklären, wie man durch Manipulation von Frauen mit möglichst vielen von ihnen Geschlechtsverkehr haben kann - auch wenn sie keinen Sex wollen (Döring, 2023, S. 12). In den meisten ihrer Beiträge geht es darum, die männliche Performance und das männliche Verhalten gegenüber Frauen an die Ideologie der Manosphere anzupassen. Ein starker Fokus liegt hierbei auf der Formung eines maskulinen Körpers (Qaglar et al., 2025, S. 9).
Eine weitere Gruppe der Manosphere sind MGTOWs (Men Going Their Own Way). Sie machen sich für die Verbreitung von Darstellungen zur Geschlechterhierarchie und Ge- schlechterbeziehungen stark, wobei sich Rassismus und Misogynie überschneiden. Sie meiden Frauen, und viele unter ihnen befürchten fälschlicherweise, der Vergewaltigung beschuldigt zu werden. Sie sind überzeugt, dass Unterhalts- und Scheidungsgesetze zur Unterdrückung von Männern geschaffen wurden und Feminismus die Gesellschaft zerstört (S. 10).
Auch MRAs (Men's Rights Activists) sorgen sich um fälschliche Beschuldigungen der sexuellen Belästigung. Im deutschen Sprachraum als „Maskulisten“ bezeichnet, sehen sie sich als Opfer des Feminismus und versuchen, dies in akademischer Sprache auszudrücken. Sie stellen Männer als Opfer dar und machen Frauen dafür verantwortlich, dass Männer zunehmend ihren Status verlieren (Qaglar et al., 2025, S. 12).
Zudem gibt es die Red Pillers, die sich gegen die Unterdrückung durch Frauen wehren wollen. Elon Musk ist ein weltweit bekannter Vertreter dieser Gruppe (Döring, 2023, S. 12). Red Pillers sehnen sich zurück in ein Patriarchat. Ihr männliches Idealbild ist der chauvinistische Übermann: hart, emotionslos und dominant. Für sie haben Selbstoptimierung und maskulines Aussehen Priorität. Frauen sollten ihrer Meinung nach jung, gutaussehend und traditionelle Hausfrauen mit weniger als fünf Sexpartnern sein, die sich dem Mann unterordnen (Kracher, 2021, S. 13).
Zuletzt gibt es noch die Incels (Involuntary Celibates): junge, sexuell unerfahrene Männer, die sich von Frauen abgelehnt fühlen und deswegen sowohl Frauen als auch ihre erfolgreicheren Konkurrenten hassen4 (Döring, 2023, S. 12). Wie die Red Pillers glauben Incels, dass Frauen der Führung eines Alpha-Mannes bedürfen, doch maskulines Aussehen und Selbstoptimierung bieten in ihren Augen keine Option, da sie grundlegend davon ausgehen, unattraktivzu sein (S. 13-14).
Abb. in Leseprobe nicht enthalten
Abbildung 3: Darstellung eines „Incels"und eines „Chads" (BOJA - Bundesweites Netzwerk Offene Jugendarbeit, 2023).
„Ähnlich obsessiv, wie sich Incels mit dem eigenen Aussehen befassen, beschäftigen sie sich mit Sex oder eben dem Mangel daran“ (S. 14). Dass ihr Grundbedürfnis wiederum nicht erfüllt werden kann, führt zu einem Frauenhass, mit dem sie auch Gewalt gegen Frauen rechtfertigen. In der Incel-Szene werden zudem gerne Meme5 -Figuren genutzt, die für bestimmte Männer- und Frauentypen stehen (Abb. 3). Auch Videos aus der sogenannten Wojak6 -Welt sind auf YouTube im Umlauf (Döring, 2023, S. 13).
All diese Ideologien der Manosphere stehen miteinander, mit rechtsnationalem Gedankengut sowie mit verschiedenen Verschwörungsmythen in Verbindung (S. 12). Um ihre Inhalte und Narrative zu Gesicht zu bekommen, muss man kein Mitglied einer Community sein, denn die Inhalte stehen frei in Internetforen und in den sozialen Medien zur Verfügung.
Der Incel-Ideologie wurden bereits zahlreiche Forschungsarbeiten gewidmet (Qaglar et al., 2025, S. 7), und Untersuchungen zur Verbreitung der Manosphere-Ideologie in deutschen Online-Milieus nehmen zu (S. 8). Die Bundesarbeitsgemeinschaft „Gegen Hass im Netz“ untersuchte beispielsweise deutschsprachige Threads auf den Plattformen Incels.is und 4plebs auf deren Inhalte. Unter anderem wurde dabei incelbezogener Wortschatz identifiziert, der auch für die Untersuchung von Beiträgen in den sozialen Medien wertvoll wäre (Bundesarbeitsgemeinschaft „Gegen Hass im Netz“, 2024, S. 54). In einer Fallstudie wurden zudem misogyne und antifeministische Narrative unter Pick-Up Artists und Life Coaches auf TikTok untersucht, von denen sich viele ein Vorbild an Andrew Tate nehmen (S. 56). Es wurde beispielsweise festgestellt, dass Männer mit Eigenschaften, die stereotyp dem Weiblichen zugeordnet werden, als unnatürlich und als „[...] Abweichung von einer als naturgegeben propagierten Hierarchie [...]“ (S. 60) bezeichnet werden. Am häufigsten enthalten sind Narrative über Maskulinität, männliche Dominanz und Antifeminismus. Bei einer quantitativen Untersuchung von Nachrichten im Hauptforum der Incels wurde zwar festgestellt, dass 99,55 Prozent der Nachrichten auf Englisch verfasst wurden, und auch Nachrichten, die der breiteren Manosphere zugeordnet werden konnten, wurden meist in englischer Sprache geschrieben. Gleich an zweiter Stelle fanden sich jedoch deutsche Mitteilungen (S. 77). Zudem nahm die Incel-Sprache in Deutschland in den Jahren 2022 bis 2024 zu (S. 84). Eine Untersuchung der am häufigsten verwendeten Schlüsselwörter im Incel- und Manosphere-Milieu zeigt eine Bandbreite von Begriffen, die von „Manlet“[7] und „Gigachad“[8] bis hin zu „geil“ und „Opfer“ reichen (S. 86-87). Die anhand der Analyse erstellten Wortwolken könnten ebenso für die Untersuchung von Inhalten in den sozialen Medien wertvoll sein. „Ausgehend von Analysen der Rechtsextremismuspräventions-NGO ,Moonshot‘ zählt die Incel-Szene in Deutschland ca. 1.000 Mitglieder. Sie ist auf Twitter und YouTube vertreten, und auch auf dem Imageboard Kohlchan finden sich regelmäßig Incel-Postings“ (Kracher, 2021, S. 26) - die Gefährlichkeit der Incel-Szene ist also auch in Deutschland nicht zu unterschätzen. Die Struktur der deutschen Manosphere und ihrer Gruppierungen gleicht der internationalen (S. 38). Bezüglich der Plattformen scheinen Pick-Up Artists, Red Pillers und maskulistische InfluencerTikTok, Instagram und YouTube zu bevorzugen, während Incels am liebsten Imageboards nutzen. Reddit ist für sie und MGTOWs die Schlüsselplattform (S. 20), während Facebook und X vor allem von MRAs genutzt werden (S. 21).
Die beliebtesten Influencer bei männlichen Teenagern in Deutschland üben einen weiteren Einfluss aus, wenn es um die Darstellung von Männlichkeit in den sozialen Medien geht. MontanaBlack, dem beliebtesten Influencer männlicher Teenager in Deutschland, inszeniert in seinen Streams und öffentlichen Auftritten eine Form von protesthafter, dominanzorientierter Männlichkeit , die stark an hegemoniale Männlichkeitsmuster anschließt. Sein wiederholt abwertendes Verhalten gegenüber Frauen (RND, 2020; Spiegel, 2020) verweist auf ein Geschlechterverständnis, in dem Frauen primär als Objekte emotionaler, sexueller oder sozialer Bewertung erscheinen. Der zweitbeliebteste Influencer Kontra K verkörpert eine Form von leistungs- und disziplinorientierter Männlichkeit , die sich stark über Selbstkontrolle, körperliche Stärke und Durchhaltevermögen definiert. In seinen Texten und öffentlichen Auftritten wird Männlichkeit häufig mit Kampfmetaphern, Schmerzresistenz und individueller Verantwortlichkeit verknüpft (Lanzinger, 2017). Twenty4Tim stellt dagegen einen Gegenentwurf zur klassisch hegemonialen Männlichkeit dar. Seine Selbstinszenierung ist geprägt von Offenheit, Emotionalität, spielerischem Umgang mit Geschlechterrollen und der bewussten Irritation normativer Männlichkeitsbilder (Deutschlandfunk Nova, 2021). Apache 207 thematisiert und problematisiert in seinen Rap-Stücken traditionelle Männlichkeitskonzepte, wobei seine Auseinandersetzung mit toxischer Männlichkeit sowohl Anerkennung als auch kontroverse Reaktionen hervorrief (Kunze, 2025). Julesboringlife ist die einzige Frau unter den Top 5 der beliebtesten Influencer bei männlichen Jugendlichen in Deutschland. Sie befasst sich jedoch mehr mit ihrer Krebserkrankung als mit Männlichkeitsbildern.
1.3 Verwicklung und Subjektivierung männlicherJugendlicher
Wie im vorangehenden Unterkapitel angeführt, werden durch das Posten von Memes entscheidende Inhalte der Manosphere-Ideologie transportiert. Ob „Chad“, „Wojak“, „Doomer“7 oder stereotype Frauendarstellungen, Incels nutzen Memes in umfangreichem Ausmaß (Kracher, 2021, S. 28-34). Diese performative Praxis, aber auch das Posten von Selfies (aus dem Fitnessstudio), das Kommentieren von Beiträgen sowie das passive Folgen und Betrachten von Inhalten (lurking) stellen Praktiken dar, durch die männliche Teenager in den sozialen Medien in hegemoniale Männlichkeitsdarstellungen verwickelt werden können. Nach Allert und Asmussen vollzieht sich hierbei die Subjektivierung der Jugendlichen - nicht primär als innerpsychischer Reifungsprozess, sondern als Praxis innerhalb digital strukturierter Öffentlichkeiten. Dies geschieht, indem sich die Teenager mit einem Post identifizieren, problematischen Content replizieren oder auch Content oder Nachrichten blockieren, die ihnen nicht gefallen. Sie bewerten Inhalte, nehmen Trends an oder lehnen sie ab (Scholes et al., 2025, S. 129). Memes erkennen zu können und sich mit ihnen zu identifizieren, führt dazu, sich einer Gruppe zugehörig oder sich anderen über- oder unterlegen zu fühlen (Kracher, 2021, S. 27). Anonymität, digitale Enthemmung und Verstärkung durch Echokammern8 sind dabei Schlüssel zur Erklärung, wie die Manosphere funktioniert. In einer derartigen Umgebung kreieren Anhänger dieser Ideologien alternative Formen ihrer Selbst oder Avatare, die sowohl physikalisch als auch ethisch und moralisch völlig von Einschränkungen befreit sind (Zimmerman, 2023, S. 109). Die Enthemmung sowie die Algorithmen der Plattformen und Suchmaschinen können dann zur Bildung von Echokammern und Filterblasen9 und somit zu einer Verstärkung führen, die Nutzer von den Rändern der Manosphere in ihren misogynen Kern treiben. In den sozialen Medien werden solche Posts wiederum mit Likes und Kommentaren versehen, die zu deren algorithmischer Aufwertung und Weiterverbreitung beitragen. „Generally, the most extreme posts are the ones that are rewarded, thus reifying and incentivising extreme rhetoric“ (S. 110).
1.4 Beantwortung der Forschungsfrage
Die leitende Frage dieser Arbeit lautete, wie sich deutsche Teenager bei der Nutzung sozialer Medien in hegemoniale Männlichkeitsdarstellungen verwickeln und wie dies ihre Subjektivierung beeinflusst . Auf Grundlage der vorangegangenen Analyse lassen sich hierzu nun mehrere Antworten bündeln:
Erstens zeigt sich, dass soziale Medien für männliche Jugendliche zentrale postdigitale Sozialisations- und Subjektivierungsräume darstellen, in denen Männlichkeit nicht nur dargestellt, sondern performativ hervorgebracht, bewertet und normalisiert wird (Scholes et al., 2025, S. 41). Die Nutzung sozialer Medien ist dabei nicht als Zusatz zur analogen Lebenswelt zu verstehen, sondern als integraler Bestandteil alltäglicher Praktiken, in denen Selbst- und Weltverhältnisse kontinuierlich ausgehandelt werden. Subjektivierung vollzieht sich somit in einer andauernden Verwobenheit mit digitalen Plattformen, algorithmischen Logiken und sozialen Anerkennungsmechanismen.
Zweitens verdeutlichen die Studien, dass männliche Jugendliche insbesondere auf visuell und algorithmisch stark kuratierten Plattformen wie Instagram und TikTok mit hegemonialen Männlichkeitsnarrativen konfrontiert werden können, die Dominanz, emotionale Kontrolle, körperliche Leistungsfähigkeit und sexuelle Verfügbarkeit von Frauen als normative Orientierungspunkte setzen (Qaglar et al., 2025, S. 9-13; Scharrer & Warren, 2022, S. 295). Diese Narrative werden nicht nur von Akteuren der Manosphere verbreitet, sondern auch durch populäre Influencer reproduziert, die an hegemoniale Leitbilder anschließen, ohne sich explizit zu positionieren.
Drittens wird deutlich, dass Verwicklung nicht an eine aktive Mitgliedschaft an Communities gebunden ist . Auch passives Konsumieren, Liken, Folgen oder das bloße Wiedererkennen von Memes stellen eine Beteiligung an Praktiken dar, durch die hegemoniale Männlichkeitsvorstellungen stabilisiert werden (Kracher, 2021, S. 27-34; Scholes et al., 2025, S. 129). Algorithmen verstärken diese Verwicklungen, indem sie polarisierende sowie extreme Inhalte häufiger sichtbar machen und dadurch Echokammern und Filterblasen begünstigen (Deutscher Bundestag, 2022, S. 8-13; Zimmerman, 2023, S. 109110).
Viertens beeinflussen diese Verwicklungen die Subjektivierung männlicher Jugendlicher insofern, als sie Orientierungsangebote für Zugehörigkeit, Anerkennung und Selbstwert bereitstellen , die insbesondere in Phasen biografischer Unsicherheit anschlussfähig sind. Hegemoniale Männlichkeit fungiert dabei als kulturelles Versprechen von Kontrolle, Status und Bedeutung, auch, wenn diese Versprechen faktisch unerreichbar bleiben (Connell, 2015, S. 130-139; Lindsay, 2022, S. 215-217). Für marginalisierte Gruppen verdichtet sich diese Dynamik zu affektiven Gemeinschaften (z. B. Incels), in denen Frustration, Ohnmacht und Gewaltlegitimation diskursiv normalisiert werden.
Männliche Jugendliche werden in sozialen Medien also durch alltägliche Praktiken, algorithmische Strukturen und kulturelle Leitbilder in hegemoniale Männlichkeits-darstellungen verwickelt, wobei diese ihre Subjektivierung maßgeblich prägen können.
Subjektivierung vollzieht sich dabei nicht als autonome Identitätswahl, sondern als relationale Positionierung innerhalb von Macht- und Anerkennungsordnungen.
5 Diskussion der Ergebnisse
Die Ergebnisse aus derAnalyse im vorherigen Kapitel lassen sich als postdigitale Reproduktion hegemonialer Männlichkeit interpretieren. Connells Konzept erweist sich insoweit als anschlussfähig, als die beobachteten Dynamiken nicht als individuelles Fehlverhalten, sondern als strukturell eingebettete Praxisformen zu verstehen sind (Connell, 2015, S. 130-134). Aus Sicht der Bildung durch produktive Verwicklung wird zudem deutlich, dass männliche Teenager nicht außerhalb dieser Dynamiken stehen können. Vielmehr sind sie konstitutiv in digitale Praktiken verwoben , in denen Subjektivierung, Anerkennung und Autonomie gleichzeitig erzeugt und begrenzt werden (Allert & Asmussen, 2017, S. 30-35). Autonomie zeigt sich dabei als Fähigkeit, innerhalb dieser Praktiken Differenz zu produzieren - etwa durch das Austricksen von Algorithmen. Während soziale Medien prinzipiell auch Räume für pluralisierte Männlichkeitsbilder eröffnen, werden hegemoniale und toxische Formen algorithmisch verstärkt . Extreme, polarisierende Inhalte erzielen höhere Sichtbarkeit und Anerkennung, wodurch insbesondere vulnerable Jugendliche in eskalierende Dynamiken hineingezogen werden können (Zimmerman, 2023, S. 110). Diese algorithmische Selektion wirkt dabei nicht neutral, sondern verstärkt Formen von Männlichkeit, die Dominanz, Aggression oder emotionale Kontrolle sichtbar machen. Aus postdigitaler Perspektive verschiebt sich damit die Analyse von individuellen Nutzungsentscheidungen hin zu einer Betrachtung sozio-technischer Machtgefüge, in denen Subjektivierung stattfindet (Jandric et al., 2018, S. 895). Die Studien zur Manosphere zeigen zudem, dass Emotionen wie Scham, Kränkung, Wut oder Neid zentrale Bindungskräfte digitaler Gemeinschaften darstellen (Lindsay, 2022, S. 214; 218). Diese Affekte funktionieren dabei wie Motoren der Verwicklung, indem sie individuelle Erfahrungen wie beispielsweise Unsicherheit in kollektive Deutungsmuster überführen. Zuletzt verdeutlichen die Ergebnisse, dass hegemoniale Männlichkeitsdarstellungen in gesellschaftlichen Transformationsprozessen als Bewältigungsstrategien fungieren. Vor dem Hintergrund ökonomischer Herausforderungen und digitaler Disruption bieten sie Verunsicherten eine scheinbar klare Orientierung (Connell, 2015, S. 138139).
Aus bildungstheoretischer Perspektive bedeutet dies, dass Bildung weder als Schutzraum vor problematischen Inhalten noch als reine Kompetenzvermittlung verstanden werden kann, sondern eineAuseinandersetzung innerhalb digitaler Praktiken nötig ist. Wenn Subjektivierung männlicher Jugendlicher in sozialen Medien in hegemoniale Männlichkeitsnarrative eingebettet ist, dann besteht Bildung nicht darin, diese Narrative nur zu entlarven, sondern darin, Verwicklungen sichtbar und bearbeitbar zu machen . Im Sinne der Bildung durch produktive Verwicklung vollzieht sich Bildung dort, wo eigensinnige Spielzüge innerhalb bestehender Praktiken erprobt werden können. Bildung bedeutet damit nicht Distanznahme, sondern eine vertiefte Teilhabe, die Differenz produziert und neue Selbst- und Weltverhältnisse eröffnet. Zugleich erfordern solche Bildungsprozesse pädagogisch gerahmte Räume, in denen alternative Männlichkeitsentwürfe anerkannt werden und affektive Erfahrungen wie Scham, Kränkung oder Wut reflexiv bearbeitet werden können. Bildung erscheint unter diesen Bedingungen als relationaler Prozess, der nicht auf Autonomie im Sinne von Unab-hängigkeit zielt, sondern auf Autonomie als Fähigkeit, in gemeinschaftlichen Formationen „eigensinnig“ bleiben zu können.
Die Aussagekraft der Ergebnisse dieser Analyse ist mit mehreren Limitationen verbunden: Zum einen basiert ein erheblicher Teil der empirischen Forschung zur Mano-sphere auf Studien aus dem englischsprachigen Raum, und die Übertragbarkeit internationaler Befunde auf den deutschen Kontext ist nur eingeschränkt möglich. Zudem fokussiert sich die bestehende Forschung häufig auf extreme Phänomene (Incels, explizite Misogynie), während alltägliche, ambivalente Formen hegemonialer Männlichkeitsreproduktion - etwa durch Mainstream-Influencer - bislang weniger systematisch untersucht wurden. Gerade diese Grauzonen sind jedoch für medienpädagogische Interventionen besonders relevant.
6 Fazit und Konsequenzen für Medienbildung
Die vorliegende Arbeit hat gezeigt, dass männliche Jugendliche in sozialen Medien auf vielfältige Weise in hegemoniale Männlichkeitsdarstellungen verwickelt werden und dass dies ihre Subjektivierungs- und Bildungsprozesse maßgeblich prägen kann. Soziale Medien fungieren dabei als postdigitale Sozialisationsräume, in denen geschlechtliche Ordnungen nicht nur sichtbar werden, sondern durch algorithmisch strukturierte Praktiken reproduziert und aufgewertet werden. Hegemoniale Männlichkeit erscheint in diesem Kontext als scheinbar stabiles Orientierungsangebot in Zeiten gesellschaftlicher Transformation, das jedoch zugleich Ausschlüsse, Gewaltlegitimationen und soziale Externa- lisierungen mit sich bringt.
Ausgehend von den Ergebnissen dieser Arbeit und der theoretischen Rahmung ergibt sich die Notwendigkeit, Medienbildung neu zu justieren. Weder eine rein präventive Medienerziehung noch eine auf individuelle Medienkompetenz reduzierte Perspektive greifen unter postdigitalen Bedingungen ausreichend. Stattdessen bedarf es einer Medienbildung, die Verwicklung anerkennt , Verantwortung thematisiert und „eigensinnige“ Differenzproduktion ermöglicht . Im Sinne der Bildung durch produktive Verwicklung sollte Medienbildung nicht darauf abzielen, Jugendliche von sozialen Medien fernzuhalten oder problematische Inhalte ausschließlich zu vermeiden. Anstatt hegemoniale Männlichkeitsbilder nur zu kritisieren, sollte Medienbildung Räume eröffnen, in denen Jugendliche hierzu kreative Gedankenspiele und eigensinnige Spielzüge erproben können. Aus der postdigitalen Perspektive ist es zentral, digitale Technologien nicht isoliert, sondern als Teil sozial-ökologischer Gefüge zu betrachten (Jandric & Knox, 2022, S. 787-789). Medienbildung sollte daher algorithmische Steuerung, Plattformökonomien und datenbasierte Aufmerksamkeitssysteme nicht nur als technische Phänomene erklären, sondern ihre ökologischen, sozialen und geschlechterpolitischen Implikationen reflektieren.
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[...]
1 „Manosphere refers to a diverse collection of websites, blogs, and online forums promoting masculinity, misogyny, and opposition tofeminism“ (Scholes et al., 2025, S. 50).
2 „The rapidly unfolding processes through which digital innovation comes to fundamentally alter historically sustainable logics for value creation and capture by unbundling and recombining linkages among resources or generating new ones“ (Skog et al., 2018, S. 432).
3 „Influencers are individuals with large and/or highly engaged social media followers who have significant influence in specific industries such as beauty, fashion, fitness, travel, and food“ (Scholes etal., 2025, S. 43).
4 Qaglar et al. fügen diesen Gruppen auch misogyne Men’s Rights Activits (MRAs) hinzu (Qaglar etal.,2025,S.7).
5 „Memes sind zu einem integralen Bestandteil der modernen Kommunikation geworden, zu einem Code, der mittels eines Bildes überdas Bild hinausgehende Inhalte und Botschaften vermitteln kann. Dies macht sie zu einem nicht zu unterschätzenden Werkzeug im politischen Kampf, da sie politische Inhalte schnell und widerspruchsfrei vermitteln können“ (Kracher, 2021, S. 27).
6 Wojak ist der benachteiligte Mann, meist ohne Partnerin und mit einem schlecht bezahlten Job (Döring, 2023, S. 13).
7 „Der ,Doomer‘ bezeichnet einen depressiven jungen Mann [...], der sich mit der allgemeinen Schlechtigkeit der Welt abgefunden hat“ (Kracher, 2021,S.31).
8 Echokammern sind Kommunikationsumgebungen, in denen Gleichgesinnte die eigenen Meinungen gegenseitig immer wieder wie ein Echo bestätigen, während der Kontakt zu abweichenden Meinungen abnimmt (Deutscher Bundestag, 2022, S. 8-9).
9 Filterblasen bezeichnet eine Situation, in der durch algorithmische Personalisierung für jeden Internetnutzer ein persönliches Informationsuniversum entsteht, das vorrangig Inhalte zeigt, die den persönlichen Neigungen entsprechen (Deutscher Bundestag, 2022, S. 9-13).
- Arbeit zitieren
- Daniela Haindl (Autor:in), 2026, Teenager und "Manosphere" in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1733283