Berlin-Blicke zur Zeit der Weimarer Republik

Die Repräsentation Berlins in Erich Kästners "Fabian. Die Geschichte eines Moralisten" und Irmgard Keuns "Das kunstseide Mädchen" im Vergleich


Hausarbeit, 2008

15 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Einleitung

Die Zeit der Weimarer Republik in Deutschland, die Zeit „zwischen den Kriegen“ 1918 und 1945, hat viele schriftstellerische Erzeugnisse hervorgebracht. In der Literaturepoche der sogenannten „Neuen Sachlichkeit“ erschienen auch Erich Kästners und Irmgard Keuns Romane. So wurde im Jahr 1931 Kästners Fabian. Die Geschichte eines Moralisten 1, eine Gesellschaftssatire über das Berlin während der Weltwirtschaftskrise um 1930, veröffentlicht. 1932 erschien Keuns Das kunstseidene M ä dchen, das die Geschichte einer jungen Frau erzählt, die von einer „mittleren Stadt“ - mit Blick auf Keuns Biografie als Köln deutbar2 - nach Berlin flieht, um dort ein „Glanz“, das heißt berühmt und erfolgreich, zu werden.

Da beide Romane das Leben in der Großstadt Berlin zum Thema haben und auch zur gleichen Zeit veröffentlicht wurden, liegt es nahe, dass sie im Hinblick auf das Leben in Berlin selbst gut miteinander vergleichbar sind, um den Blick des Lesers für das damalige Berlin zu erweitern und zu konkretisieren.

Ziel dieser Hausarbeit soll es sein, nach einer kurzen Zusammenfassung der Inhalte beider Romane, einen Überblick über die Sichtweisen auf die Metropole Berlin der 1930er Jahre der jeweiligen Protagonisten der Romane zu geben. Diese Blicke auf Berlin sollen sodann anhand unterschiedlicher, für die Charakterisierung einer Stadt typischer Aspekte miteinander verglichen werden, wobei Unterschiede und Gemeinsamkeiten herausgearbeitet und erkennbar gemacht werden sollen. Zum Schluss wird dann einerseits ein umfassendes Bild von Berlin aufgezeigt und die BerlinBlicke nochmals zusammen fassend dargestellt werden.

1. Kurzinhalte und Form

1.1. Erich Kästners Fabian

Erich Kästners Roman Fabian 3 beschreibt das Leben des 32-jährigen Intellektuellen Jakob Fabian in Berlin um 1930. Fabian, einst Germanistikstudent, arbeitet bis zu seiner Kündigung in einer Werbeagentur und frönt den gesellschaftlichen, vielseitigen Amüsements Berlins. Nach der Trennung von Cornelia Battenberg, beide verband eine romantische, doch kurzfristige Liebesbeziehung, und dem sinnlosen Suizid seines besten Freundes Labude sowie Fabians Verlust der Arbeit und damit verbundenen Arbeitslosigkeit flieht er in seine provinzielle Heimatstadt - unter Heranziehung Kästners Biografie4 als Dresden erkennbar. Beim Rettungsversuch eines in einen Fluss gefallenen Kindes ertrinkt Fabian.

Der Roman ist in viele kurze Kapitel, die zu Beginn jeweils schlagzeilenartig den Inhalt des jeweiligen Kapitels wiedergeben, unterteilt. Diese sogenannte Montagetechnik ist ein beliebtes Stilmittel der Neuen Sachlichkeit. Durch diese Form des Romans wird bereits eine vielseitige Eigenschaft jeder Großstadt transparent gemacht, nämlich die des Tempos. Durch den ständigen und schnellen Wechsel der Orte und Personen bekommt man einen kurzen Einblick in das Leben in Berlin, sogenannte Momentaufnahmen werden erzeugt. Diese Momentaufnahmen bestehen nicht nur für den Leser - sondern auch für die Protagonisten. Diese nehmen aufgrund der Geschwindigkeit der U-Bahn (die von Fabian ebenfalls benutzt wird) nur noch Momente wahr.5 Die schlagzeilenartigen Subüberschriften der jeweiligen Kapitel erinnern zudem an ein Medium, das zur Zeit der Weimarer Republik von immenser Bedeutung für die Stadtbewohner war: die Zeitung.6

1.2. Irmgard Keuns Das kunstseidene M ä dchen

Das kunstseidene M ä dchen ist in Irmgard Keuns Roman Doris, ein 18-jähriges Mädchen, das in Köln, der „mittleren Stadt“ (S.6), lebt. Doris arbeitet als Stenotypistin in einem Anwaltsbüro, doch träumt sie aufgrund der trübsinnigen Arbeit und innerfamiliären Verhältnissen davon, ein „Glanz“ zu werden. Nach dem Diebstahl eines Pelzmantels sieht sie keinen anderen Ausweg als den der Flucht - und zwar in die Metropole Berlin, in der sie sich besserer Aufstiegschancen gewiss ist. Nach zahlreichen Umzügen und Männergeschichten, doch keinem Erfolgserlebnis, das Doris ihrem Ziel näher gebracht hätte, findet sie sich am Ende des Romans am Bahnhof Friedrichstraße wieder, mit der Überlegung, dass es „auf den Glanz [...] nämlich vielleicht gar nicht so furchtbar an[komme]“ (S. 219). Das Ende des Romans ist ein offenes, doch es liegt nahe, anzunehmen, dass Doris, wie in ihrer vorherigen Überlegung, zum Bahnhof Zoo zurückkehrt, um dort Karl zu suchen und sodann mit ihm in seine Laubenkolonie im Osten Berlins zu ziehen.7

Im Gegensatz zu Fabian ist Das kunstseidene M ä dchen in nur drei etwa gleich große, längere Kapitel unterteilt. Die Kapitel sind ebenfalls durch Subüberschriften gekennzeichnet, wobei erkennbar ist, dass mit jedem Kapitel ein Wechsel der Jahreszeiten und Orte, an denen sich Doris aufhält, einhergeht. Auch werden hier durch den Erzählstil Momentaufnahmen erzeugt, die an dem Auge des Lesers vorbei fliegen. „[...] ich will schreiben wie Film [...]“, das selbst legt sich Doris auf, „[...] denn so ist mein Leben und wird noch mehr so sein.“ (S. 8). Dieses „Schreiben wie im Film“ hat wie bei Fabian einen raschen Orts- und Personenwechsel zur Folge. Am deutlichsten wird der Erzählstil bei der Brenner-Episode, hier berichtet Doris dem Blinden Herr Brenner, was sie in Berlin sieht. Das Sehen ist von vielen Anekdoten durchzogen, alle sinnlichen Eindrücke prasseln auf Doris ein, die sie an den Blinden mithilfe nicht-enden-wollender- Sätze, gespickt mit Verben der Wahrnehmung, Farben und Beschreibungen der Passanten, weiter gibt (S. 101 - 110). Durch dieses Erzählen wird ebenfalls, wie bei Fabian, Tempo und Hektik, die Charakteristika einer modernen Großstadt, evoziert.

2. Berlin-Blicke

2.1. Sterne und Reklame

Fabian sammelt Stadteindrücke beim Flanieren durch diese:

Die Stadt glich einem Rummelplatz. Die Häuserfronten waren mit buntem Licht beschmiert, und die Sterne am Himmel konnten sich schämen. Ein Flugzeug knatterte über die Dächer. (S. 12)

Hier wird ein sehr hektisches und lautes Bild von der Stadt erzeugt. Auf einem Rummelplatz herrscht zumeist Betrieb, Menschenmassen drängeln auf ein bestimmtes Ziel zu und verursachen Lärm.8 Des Weiteren wird hier auf die oft vorhandene und auffällige Reklame an den Häuserfronten eingegangen, die mit buntem Licht assoziiert wird und aufgrund des negativ konnotierten Begriffs „beschmiert“ als optisch unangenehm beschrieben wird. Es wird gezeigt, dass die Stadt ständig beleuchtet ist, so dass selbst die Sterne am Himmel nicht mehr sichtbar sind.

Auch bei Doris könnten sich die Sterne schämen - so fragt sie der blinde Brenner beim Herumführen durch die Stadt, ob Sterne am Himmel zu sehen seien. „'Ja, es scheinen Sterne', lüge ich ihm und schenke ich ihm - es sind gar keine Sterne [...]“ (S. 114) und später: „[...] manchmal kommt jetzt ein halber Stern - aber doch nichts gegen die Reklame [...]“ (S. 115). Aufgrund der Frage Brenners macht sich Doris nun auf die Suche nach Sternen, kann aber keine finden.

Im Gegensatz zu Fabian sieht Doris bei ihrem ersten Blick auf Berlin nur das Glänzende:

Ich habe Maßloses erlebt. Berlin senkte sich auf mich wie eine Steppdecke mit feurigen Blumen. Der Westen ist vornehm mit hochprozentigem Licht - wie fabelhafte Steine ganz teuer und mit so gestempelter Einfassung. Wir haben hier ganz übermäßige Lichtreklame. Um mich war ein Gefunkel. Und ich mit dem Feh. (S. 67)

Das Licht ist hochprozentig, fabelhaft und teuer, zusammen mit der Reklame an den Häusern bilden die beiden Einheiten ein „Gefunkel“, in dem sich Doris auf dem Kurfürstendamm, wie man später erfährt, mit ihrem wertvollen, jedoch gestohlenem Pelz, sichtlich wohl fühlt, sieht sie sich doch mit Blick auf Ihr Ziel, ein „Glanz“ zu werden, unter ihresgleichen. Selbst Beobachtungen, bei denen man eine ängstliche Reaktion erwarten würde, werden als „aufregend“ empfunden:

Und schicke Männer wie Mädchenhändler, ohne dass sie gerade mit Mädchen handeln […]. Sehr viel glänzende schwarze Haare und Nachtaugen so tief im Kopf. Aufregend. (S. 67)

Diese unterschiedlichen Sichtweisen auf Berlin gehen sicherlich mit der Dauer des Lebens in der Stadt einher - wohnt doch Fabian schon seit längerem in Berlin, während Doris zum ersten Mal aus der Provinz in die Metropole fährt, und von den Eindrücken geradezu überrannt wird. Fabian ist schon an das Leben in der Stadt gewohnt und aufgrund seines Bildungshintergrundes auch fähig, die Beobachtungen an der Stadt zu hinterfragen. Doris' Bildungshorizont ist dagegen beschränkt, wie sie selbst weiß, und daher nicht in der Lage, die auf sie einprasselnden Eindrücke zu interpretieren. Außerdem fährt sie frohen Mutes in die Stadt, mit der Sicherheit, hier Karriere zu machen und ein „Glanz“ zu werden.

[...]


1 Im Folgenden nur noch Fabian.

2 vgl. auch Marchlewitz, Ingrid: Irmgard Keun: Leben und Werk. Würzburg 1999.

3 Kästner, Erich: Fabian. Die Geschichte eines Moralisten. DTV. München 2007.

4 vgl. auch Bemmann, Helga: Erich Kästner: Leben und Werk. Frankfurt am Main, Berlin 1994.

5 Ladenthin, Volker: Die große Stadt bei Erich Kästner. In: Euphorion. Zeitschrift für Literaturgeschichte 90 (1996), Heft 3, S. 328.

6 Schütz, Erhard: Romane der Weimarer Republik. München 1986, S. 179.

7 Keun, Irmgard: Das kunstseidene Mädchen. List. Berlin 2007.

8 Rauch, Marja: Erich Kästner: Fabian. Die Geschichte eines Moralisten. München, Oldenburg 2001, S. 62.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Berlin-Blicke zur Zeit der Weimarer Republik
Untertitel
Die Repräsentation Berlins in Erich Kästners "Fabian. Die Geschichte eines Moralisten" und Irmgard Keuns "Das kunstseide Mädchen" im Vergleich
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Deutsche Sprache und Literatur)
Veranstaltung
Berlin. Film. Prosa
Note
2,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
15
Katalognummer
V173530
ISBN (eBook)
9783640937141
ISBN (Buch)
9783640937356
Dateigröße
477 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kästner, Keun, Berlin, Fabian, Das kunstseidene Mädchen, Neue Sachlichkeit, Weimarer Republik
Arbeit zitieren
Julia Hans (Autor), 2008, Berlin-Blicke zur Zeit der Weimarer Republik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/173530

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