Wie führt die Darstellung der Rollen der Frau in der Sturm-und-Drang Literatur zum Kindsmord?

Exemplarisch dargestellt am Drama „Die Kindermörderin“ von Heinrich Leopold Wagner und an der Ballade „Des Pfarrers Tochter von Taubenhain“ von Gottfried August Bürger.


Seminararbeit, 2006
16 Seiten, Note: 1-

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Großes Interesse an dem Thema „Kindermord“ im 18. Jahrhundert

2. Analyse des Dramas „Die Kindermörderin“ von Heinrich Leopold Wagner und der Ballade „Des Pfarrers Tochter von Taubenhain“ von Gottfried August Bürger
2.1.1 „Die Kindermörderin“ von Heinrich Leopold Wagner
2.1.2 Evchen als Frau der Gesellschaft und Geliebte
2.1.3 Evchen als Tochter
2.1.4 Evchen als Mutter
2.1.5 Evchen als Mörderin
2.2. „Des Pfarrers Tochter von Taubenhain“ von Gottfried August Bürger
2.2.1 Rosette als Frau der Gesellschaft und Geliebte
2.2.2 Rosette als Tochter
2.2.3 Rosette als Mutter
2.2.4 Rosette als Mörderin
2.3 Fazit

3. Evchen und Rosette – Opfer oder Heldinnen?

Literaturverzeichnis

1. Großes Interesse an dem Thema „Kindermord“ im 18. Jahrhundert.

Im 18. Jahrhundert erregten viele Themen das Interesse der Öffentlichkeit, aber keines wurde wohl so häufig diskutiert wie das Thema des Kindermordes. Dies wird besonders an der berühmten „‘Mannheimer Preisfrage’“,[1] die im Jahre 1780 gedruckt wurde, deutlich: „Welches sind die besten ausführbaren Mittel, dem Kindermorde Einhalt zu thun?“[2] Die Resonanz der Antworten war „rund zehnmal soviel wie bei anderen Preisaufgaben“,[3] was die große Anteilnahme der Bevölkerung an diesem Thema zeigt.

Besonders die Literatur des Sturm und Drang beschäftigte sich mit diesem Gebiet. So brachte beispielsweise Heinrich Leopold Wagner 1776 sein Drama „Die Kindermörderin“ heraus und Autoren wie Bürger, Schiller und Goethe folgten.

Auffällig in den Stücken ist, dass Frauen in den Mittelpunkt des Interesses und der Handlung gerückt sind. Dies liegt nicht nur an der Thematik, sondern auch daran, dass die Rolle der Frau sich besonders im 18. Jahrhundert stark verändert hat. Die Frau ist „zu einem Wesen geworden, das nurmehr mit Zuschreibungen erfaßt werden kann, die dem Männlichen diametral entgegengesetzt sind.“[4]

Am Beispiel von Heinrich Leopold Wagners Drama „Die Kindermörderin“ und Gottfried August Bürgers Ballade „Des Pfarrers Tochter von Taubenhain“ zeigt diese Arbeit, wie sich die Darstellung der Rolle der Frau in der Sturm und Drang Literatur auf die Ausübung des Kindsmordes auswirkt. Dabei ist jedoch zu beachten, dass nicht auf Stereotype, sondern auf die Rollen der Frau eingegangen wird, die „nicht nur die Beschreibung, sondern auch die normative Erwartung bestimmter Eigenschaften und insbesondere Handlungsweisen“[5] beinhaltet.

2. Analyse des Dramas „Die Kindermörderin“ von Heinrich Leopold Wagner und der Ballade „Des Pfarrers Tochter von Taubenhain“ von Gottfried August Bürger.

2.1 „Die Kindermörderin“ von Heinrich Leopold Wagner

Begonnen wird mit der Analyse von Wagners Drama „Die Kindermörderin“.

Das sechsaktige Trauerspiel handelt von einer Mutter, die ihr Kind einige Zeit nach der Geburt tötet. Evchen Humbrecht, die 18-jährige Tochter des Metzgers Martin Humbrecht ist dabei die weibliche Hauptperson des Stückes. In ihrer Entwicklung im Drama nimmt sie verschiedene Frauenrollen ein, welche sich am Ende auf den Kindermord auswirken.

2.1.1 Evchen als Frau der Gesellschaft und Geliebte

Die erste Betrachtung gilt Evchen als Frau der Gesellschaft und Geliebte.

Evchen ist „jung, schön, unschuldig, passiv, voller Vertrauen“[6] und „repräsentiert die Unerfahrenheit und Naivität des bürgerlichen Mädchens.“[7] So kann sie es zum Beispiel nicht unterlassen Leutnant von Gröningseck „hinterrücks der Mutter ein Rübchen“ zu schaben[8] und sie bemerkt auch erst nach dem Sexualakt mit Gröningseck, dass der tiefe Schlaf ihrer Mutter nicht normal ist: „‘dein Schlaf ist nicht natürlich, Mutter! jetzt merk ichs.’“[9] Evchen versucht den Leutnant auf Distanz zu halten und wehrt sich körperlich gegen Gröningseck, „der sich Verfügungsgewalt über jeglichen Frauenkörper anmaßt“:[10] „sie [Evchen] sträubt sich, reißt sich los, und lauft der Kammer zu.“[11]

[Doch] [s]ie kann ihm nicht widerstehen, da sie aus der Sitte heraus argumentiert, d.h. nicht aus der Erfahrung heraus. Anders als Stadtmädchen, die mehr Umgang mit Offizieren haben, und jeden Schritt selbst berechnen können, ist sie völlig ihrem Gefühl überlassen.[12]

Laut der Autorin Nagla El-Dandoush führt schließlich „[d]ie einzige Leidenschaft, die sie [Evchen] sich jemals erlaubt [...] ihr Verhängnis herbei.“[13]

Durch die „nichteheliche[...] Sexualität mit Kindesfolge“[14] gilt die Verführte nun „in den Augen der Gesellschaft als Hure.“[15] Evchen hat dies nach dem Vollzug des Sexualaktes erkannt, was auch Nagla El-Dandoush bestätigt:

Evchen scheint sich der Konsequenzen ihrer Tat [...] bewusst zu sein [...] [und] [a]ls schwächerer Teil der Gesellschaft wird sie darunter leiden müssen und es zu verantworten haben, wie sie sich gut vorstellen kann. Sie ahnt ihr Los.[16]

Aufgrund dieser Gewissheit wird Evchen klar, dass sie von Gröningseck abhängig ist, wenn sie ihre „Schande“ wieder loswerden will, denn eine Entdeckung der „vor- und außereheliche[n] Sexualität“ würde für Evchen den „sozialen Abstieg“ bedeuten.[17] Der „Verlust ihrer Ehre“, später der „Verlust ihres Geliebten und möglichen Partners“ und der „Verlust der Ruhe ihrer Seele“, führen für Evchen schließlich zum „Verlust ihres Kindes.“[18]

2.1.2 Evchen als Tochter

Weiterhin muss Evchens Rolle als Tochter betrachtet werden, da diese für die Ausübung des Kindermordes von großer Bedeutung ist, denn der familiäre Hintergrund trägt mit dazu bei, dass Evchen ihr Kind tötet. So wird besonders der Charakter von Evchens Mutter „meist negativ gezeichnet und am Schicksal der Tochter als mitschuldig dargestellt.“[19] Dies zeigt sich unter anderem darin, dass Frau Humbrecht eine „verführbare Frau“ ist,19 die „schwach, dumm und allzu beeindruckt [ist] vom militärischen Rang des aristokratischen Freiers, mit dem sie selber flirtet.“[20] Demgemäß lässt sie sich vom Leutnant, der ihr einen Schlaftrunk einflößt, um den Finger wickeln: „[Gröningseck] faßt sie mit der einen Hand um den Hals, und hält ihr mit der andern das Glas an Mund.“[21] Durch diese Willigkeit setzt sie ihre Tochter einer Gefahr aus, die sie durch ihre Leichtgläubigkeit und die Hoffnung, Evchen mit einem reicheren Mann zu verheiraten, nicht sieht. Auch Martha Kaarsberg Wallach bestätigt dies:

Die Tochter wird verführt, weil die Mutter dumm, naiv und leichtgläubig die Gefahr, der die Tochter ausgesetzt ist, nicht sieht und sie ihrem Untergang entgegentreibt.[22]

[...]


[1] Luserke, Matthias: Sturm und Drang. Autoren- Texte- Themen. Stuttgart 2003, S. 221

[2] Lamezan, Ferdinand Adrian von: Preisfrage. In: Rheinische Beiträge zur Gelehrsamkeit 2 (1780) S. 84-87. (Zit. nach: Luserke, Matthias: Sturm und Drang. Autoren- Texte- Themen. Stuttgart 1997, S. 221)

[3] Ulbricht, Otto: Kindsmord und Aufklärung in Deutschland. München 1990

(Zit. nach: Schulz, Georg- Michael: Lust an kühnen Bildern. In: Norbert Oellers (Hrsg.): Interpretationen. Gedichte von Friedrich Schiller. Stuttgart 1996, S. 15)

[4] Schabert, Ina: Gender als Kategorie einer neuen Literaturgeschichtsschreibung. In: Hadumod Bußmann & Renate Hof (Hrsg.): Genus. Zur Geschlechterdifferenz in den Kulturwissenschaften. Stuttgart 1995, S. 172

[5] Alfermann, Dorothee: Geschlechterrollen und geschlechtstypisches Verhalten. Stuttgart 1996, S. 31

[6] Kaarsberg Wallach, Martha: Mit dem Blick des Mannes. Die Polarisierung der Frau im 18. und 19. Jahrhundert. Emilia und ihre Schwestern: Das seltsame Verschwinden der Mutter und die geopferte Tochter. In: Helga Kraft & Elke Liebs: Mütter – Töchter – Frauen. Weiblichkeitsbilder in der Literatur. Stuttgart/ Weimar 1993, S. 55

[7] El-Dandoush, Nagla: Leidenschaft und Vernunft im Drama des Sturm und Drang. Dramatische als soziale Rollen. Bd.: 474-2004. Würzburg 2004, S. 124

[8] Wagner, Heinrich Leopold: Die Kindermörderin. Bibliographisch ergänzte Ausgabe 1997. Stuttgart 2003, S. 8

[9] Ebd., S. 17

[10] Luserke 2003, S. 234

[11] Wagner 2003, S. 16

[12] El-Dandoush 2004, S. 129

[13] Ebd., S. 124

[14] Luserke 2003, S. 220

[15] El-Dandoush 2004, S. 124

[16] Ebd., S. 130

[17] Luserke 2003, S. 235

[18] El-Dandoush 2004, S. 131

[19] Kaarsberg Wallach 1993, S. 54

[20] Ebd., S. 63

[21] Wagner 2003, S. 15

[22] Kaarsberg Wallach 1993, S. 54

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Wie führt die Darstellung der Rollen der Frau in der Sturm-und-Drang Literatur zum Kindsmord?
Untertitel
Exemplarisch dargestellt am Drama „Die Kindermörderin“ von Heinrich Leopold Wagner und an der Ballade „Des Pfarrers Tochter von Taubenhain“ von Gottfried August Bürger.
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg  (Neuere Deutsche Literaturgeschichte)
Veranstaltung
Proseminar: Sturm und Drang
Note
1-
Autor
Jahr
2006
Seiten
16
Katalognummer
V174074
ISBN (eBook)
9783640944613
ISBN (Buch)
9783640944774
Dateigröße
491 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sturm und Drang, Germanistik, Rolle der Frau, Die Kindermörderin, Des Pfarrers Tochter von Taubenhain, Leopold Wagner, Gottfried August Bürger
Arbeit zitieren
Susann Münzner (Autor), 2006, Wie führt die Darstellung der Rollen der Frau in der Sturm-und-Drang Literatur zum Kindsmord?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/174074

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