Interpretation zu "Michael Kohlhaas" von Heinrich von Kleist

Die Lutherszene - Analyse und Deutung


Referat / Aufsatz (Schule), 2010

6 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Julia Harzheim

Interpretationsaufsatz zu „Michael Kohlhaas“ von Heinrich von Kleist

(Lutherszene)

Die Novelle „Michael Kohlhaas“ entstand als Reaktion Heinrich von Kleists (1777 bis 1811) auf die europäischen Koalitionskriege und deren Folgen, wozu unter anderem auch eine ausgeprägte Zensurpraxis zu zählen ist. So widmet sich der deutsche Lyriker in seinem ab 1808 veröffentlichten Werk, ohne dabei jedoch politischer Agitation verdächtig zu werden, vor allem denjenigen Themen, die kurz nach einer Revolution ein gehöriges Maß an Brisanz besitzen: den Begleiterscheinungen der damaligen gesellschaftlichen Gewaltstrukturen und der zentralen Frage nach Recht, Gewalt und Widerstand.

Eine besonders tragende Rolle kommt in der Novelle der sogenannten „Lutherszene“ zu, dem Textabschnitt, der im Folgenden einer genaueren Betrachtung unterzogen werden wird. Die wichtigsten Geschehnisse und Handlungen, die es bis zu dieser Szene zu schildern gilt, lassen sich wie nachstehend zusammenfassen: Der aus dem Brandenburgischen stammende Rosshändler Michael Kohlhaas befindet sich mit einigen seiner Pferde auf dem Weg nach Sachsen, als er vom Junker Wenzel von Tronka dazu genötigt wird, zwei Rappen als Pfand auf dessen Tronkenburg zurückzulassen; angeblich deswegen, weil er den neu eingeführten und unbedingt notwendigen Passierschein nicht vorweisen kann. Als Kohlhaas in Sachsen schon bald darauf von der Unrechtmäßigkeit dieser Forderung erfährt, kehrt er zur Tronkenburg zurück, muss dort jedoch feststellen, dass seine einst so prächtigen Rappen zur Feldarbeit missbraucht wurden, sein zurückgelassener Knecht davongejagt wurde und die Tiere sich in einem erbärmlichen Zustand befinden. Ungläubig angesichts dieses Unrechts versucht Kohlhaas, anfangs als „Muster eines guten Staatsbürgers“ bezeichnet (S.3, Z.5f.), zunächst zwei Male auf dem Rechtswege Klage einzureichen und Recht zu bekommen, was jedoch in beiden Fällen erfolgreich durch die verwandtschaftlichen Beziehungen des Junkers verhindert werden kann. Als dann auch noch Kohlhaas´ geliebte Frau Lisbeth bei dem Versuch, ihm zu helfen, ums Leben kommt, ist es um dessen Fassung endgültig geschehen und er übernimmt das „Geschäft der Rache“ (S.22, Z.11f.): Brandschatzend und mordend überfällt er mit seinen Knechten die Tronkenburg, der Junker jedoch kann entkommen. Auf der nun beginnenden Verfolgungsjagd fällt der Rosshändler in zunehmender Hybris auch noch über die Städte Wittenberg und Leipzig her, wo er ebenfalls Feuer legt und die Einwohnerschaft in Angst und Schrecken versetzt. Da er, dank der Aufmerksamkeit, die ihm im ganzen Lande aufgrund mehrerer Mandate, die er erlassen hat, inzwischen zuteil geworden ist, eine immer größere Anhängerschaft um sich versammeln kann, weiß bald keiner mehr eine Möglichkeit, ihm Einhalt zu gebieten, und es kommt zum Eingriff des Dr. Luthers: Dieser erlässt ein Plakat an Kohlhaas, in welchem er ein solches Verhalten verurteilt und ihn sogar als „Gottvergessenen“ (S.32, Z.26f.) oder als „Vermessenen“ (S.32, /.9f.), den „Ungerechtigkeit selbst vom Wirbel bis zur Sohle erfüllt“ (S.32, Z.9ff.), bezeichnet. Von diesen Worten tief getroffen, begibt sich Kohlhaas zugleich auf den Weg, um den von ihm so geschätzten Doktor davon zu überzeugen, dass er sich in dem schrecklichen Bildnis, welches er von ihm besitzt, geirrt haben muss.

Zu Beginn des zu analysierenden Textabschnittes hat Kohlhaas gerade das Wirtshaus erreicht, von dem er weiß, dass Luther dort untergekommen ist. Schon der erste Satz der Szene, der sich von Z.1 bis zu Z.5 erstreckt, offenbart eine Besonderheit der Sprache Heinrich von Kleists: In der gesamten Novelle bedient er sich eines hypotaktischen Satzbaus, bei dem sogar oft Verb und Subjekt durch Nebensätze voneinander getrennt werden. Dieser Stil verleiht auch diesem Satz eine ungeheure Spannung und lässt einen atemlosen Sog zu dessen Ende hin entstehen. Als Kohlhaas das Zimmer Luthers betritt, mit einem Paar Pistolen, die er „in der Tronkeburg erbeutet hat“ (Z.4), sitzt dieser gerade an seinem Pult. Natürlich bekommt er zunächst einen gehörigen Schrecken, als ein fremder Mann sein Zimmer betritt und es verriegelt (worüber sich auch Kohlhaas im Klaren ist, was z.B. die Formulierung in Zeile 10f. erahnen lässt: „[…] mit dem schüchternen Vorgefühl des Schreckens, den er verursachen würde […]“) und will ihn vertreiben mit den Worten: „Weiche fern hinweg“ (Z.12), „dein Odem ist Pest und deine Nähe Verderben“ (Z.14f.). Diese Zitate sind an eine Bibelstelle im Evangelium angelehnt, was die Gottlosigkeit Kohlhaas´ zum Ausdruck bringt, die Kleist dem Leser verdeutlichen möchte. Dass Kohlhaas indessen den Hut „ehrerbietig“ in der Hand hält (Z.9), zeigt, welche Achtung er vor dem Theologen hat und wie wichtig im dessen Meinung von ihm ist. Deswegen ist ihm auch sehr daran gelegen, Luther seine Angst schnellstmöglich zu nehmen, indem er ihm versichert, genauso ungefährlich wie die „Engel, dessen Psalmen er aufschreibt“ (Z.19f.) zu sein. Wie dringlich es ihm ist, von Luther angehört zu werden, suggeriert Z.17f., wo er sogar mit Selbstmord droht, falls Luther um Hilfe rufen wird: „[…] dies Pistol, wenn Ihr die Klingel rührt, streckt mich leblos zu Euren Füßen nieder!“. Nach diesen Worten ist Luther bereit, sich Kohlhaas anzuhören, dessen Absicht es ist, Luthers Meinung von ihm als „ungerechten Mann“ zu widerlegen (Z.22f.) und freies Geleit nach Dresden zu bekommen (Z.25). Dass es für Kohlhaas schwierig sein wird, eine veränderte Urteilsbildung über ihn bei dem Theologen hervorzurufen, zeigt sich jedoch bereits bei Luthers Ausruf: „Heilloser und entsetzlicher Mann!“ (Z.26f.). In der Frage von Z.28 bis 32: „Wer gab dir das Recht, den Junker […] in Verfolgung eigenmächtiger Rechtsschlüsse zu überfallen und […] die ganze Gemeinschaft heimzusuchen, die ihn beschirmt?“ spiegelt sich die Einstellung Luthers bezüglich Selbstjustiz wider: Diese wird von ihm strikt verurteilt, ebenso wie das Widerstandsrecht des Einzelnen. Kohlhaas versucht daraufhin, sein Verhalten zu erklären und gewissermaßen zu rechtfertigen, als er sagt, die Nachricht, die er aus Dresden erhielt, habe ihn „getäuscht“ und „verführt“ (Z.34f.). Die Argumentation, mit deren Hilfe er sein Handeln zu legitimieren versucht, lässt sich anhand folgender Aussagen von ihm darlegen: In Zeile 35 – 38 gesteht er ein, der Krieg, den er einst begonnen habe, sei „eine Missetat“, sobald er „nicht aus der Gemeinschaft der Menschen verstoßen“ gewesen sei. Da er jedoch zum Zeitpunkt der Taten davon ausging, dass die für seine Klage zuständige Obrigkeit diese auch erhalten habe (s.Z.33ff.), ohne darauf angemessen zu reagieren, fühlt er sich nicht mehr als Teil der Gesellschaft. Dies suggeriert vor allem seine Aussage in Z.43ff.: „Verstoßen […] nenne ich den, dem der Schutz der Gesetze versagt ist“. Sein folgender Satz: „Denn dieses Schutzes, zum Gedeihen meines friedlichen Gewerbes, bedarf ich; ja, er ist es, dessenthalben ich mich […] in diese Gemeinschaft flüchte“ (Z.45 bis 48) lässt erahnen, dass Kohlhaas sich bezüglich seiner Auffassung von Gesellschaft an der Theorie des Gesellschaftsvertrages des Philosophen und Staatstheoretikers Jean – Jacques Rosseau orientiert, der der Meinung war, es handele sich um einen freiwilligen Zusammenschluss von Menschen, eine Art Vertragsgemeinschaft. Dem Staat käme dabei, wie von Kohlhaas dargestellt, die Aufgabe des Schutzes von Eigentum und Handel zu. Er führt weiterhin aus, wer ihm diesen Schutz versage, stoße ihn „zu den Wilden der Einöde hinaus“ (Z.48ff.) und gebe ihm „die Keule, die [ihn] selbst schütz[e], in die Hand“ (Z.50f.). Er bezieht die Legitimation dazu, Gewalt auszuüben, also aus der These, kein Teil der Gesellschaft mehr zu sein, da er dann Gewalt benötige, um sich gewissermaßen selbst zu schützen. Diese Gedanken korrespondieren in hohem Maße mit den Vorstellungen der Aufklärung und einiger ihrer Philosophen. Auch hier ist man zu dieser Zeit der Auffassung, es gebe Umstände, die einen Menschen zwingen, wieder in den „Naturzustand“ mit seinen über allem stehenden Naturrechten zurückzukehren, um gegebenenfalls Widerstand gegen Ungerechtigkeiten auszuüben (allerdings sei beachtet, dass dies unter der Bedingung des kollektiven Widerstands zu geschehen habe!). Luther jedoch zeigt sich von Kohlhaas´ Ausführungen alles andere als beeindruckt. Dass er eine ganz andere Auffassung, nämlich die des Absolutismus, vertritt, suggeriert z.B. sein Satz in Z.54 bis 58, als er sagt, „wer anders als Gott“ dürfe einen Landesherren zur Rechenschaft ziehen und der „gottverdammte und entsetzliche Mensch“ (Z.59) sei nicht „befugt, ihn deshalb zu richten“ (Z.59f.). Dies bringt zum Ausdruck, dass nur Gott selbst einen Anspruch darauf haben kann, bei Verfehlungen als Richter zu fungieren, und niemals ein Mensch wie z.B. Kohlhaas. In Z.41ff. zweifelt er Kohlhaas´ Auffassung von Gesellschaft an: „Ja, wo ist, so lange Staaten bestehen, ein Fall, dass jemand […] aus der Gemeinschaft verstoßen wäre?“. Wie bereits vorher schon erwähnt, meint Luther, der Herrscher sei ein von Gott ausgewählter Mensch, dem das Volk uneingeschränkt Gehorsam schulde, wenn auch unter dem Vorbehalt, dass der Herrscher natürlich niemals willkürlich zu handeln habe. Selbst als Luther sich auf Kohlhaas´ Ebene des Gesellschaftsvertrages begibt, argumentiert er auf eine Weise, die Kohlhaas das Recht zur Ausübung von Gewalt eindeutig abspricht: „Schrieb ich dir nicht, dass die Klage, die du eingereicht, dem Landesherren, dem du sie eingereicht, fremd ist?“ (Z.52ff.). Aufgrund seiner „Unwissenheit“ (Z.56f.) konnte der Kurfürst überhaupt nichts von der ganzen Rechtssache wissen und auch nicht handeln. Somit wäre Kohlhaas nie aus der Gemeinschaft verstoßen gewesen und hätte demnach selbst aus seiner eigenen Argumentation heraus niemals das Recht besessen, sich zur Wehr zu setzen. Am Ende überzeugt Luther Kohlhaas von der Unrechtmäßigkeit seines Handelns, also genau mit Hilfe der These, die Kohlhaas zum Zwecke seiner Verteidigung auserkoren hatte; es bleibt ihm gar nichts anderes übrig, als am Ende der Auseinandersetzung klein beizugeben und Luthers Argumentation als überzeugend zu akzeptieren. Er ist sich sicher, falsch gehandelt zu haben und im Unrecht gewesen zu sein; von dem späteren ungewollten Eingeständnis Luthers, dass die Unwissenheit des Kurfürsten eventuell doch nicht ganz wahr ist, kann er zu diesem Zeitpunkt noch nichts ahnen. So endet der Besuch Kohlhaas´ bei Luther mit einem Eingeständnis und einer Einigung unter Vorbehalt folgender Forderung des Rosshändlers: Er möchte „freies Geleit nach Dresden“ (Z.63f.), um die Klage, mit der er abgewiesen worden ist, „noch einmal bei dem Tribunal des Landes vorzubringen“ (Z.65ff.). Außer der schon im Vorangegangenen erwähnten ungewöhnlichen Komplexität des Satzbaus gibt es noch weitere Merkmale, die Kleists Sprache als subversiv gegenüber gattungskonformer Schreibweise ausweisen; zum Beispiel wird fast immer eine ausgeprägte Faktizität, geprägt durch Knappheit und Prägnanz, gewahrt, die sich durch das Fehlen von ausschmückenden und beschreibenden Elementen auszeichnet und auch in der Luther-Szene zu finden ist. Es herrscht ein sogenannter „Aktionsstil“ mit vielen Verben vor (z.B. Z.1-5), wodurch eine perfekte Transformation von Sprache in Bewegung erzielt wird und die Handlung einiges an Dynamik und Lebendigkeit erhält. Auch wenn in der vorliegenden Szene aufgrund des großen sprachlichen Anteils nicht viel davon zu bemerken ist, weist sich der Erzähler, z.B. in Z.10f. „mit dem schüchternen Vorgefühl des Schreckens, den er verursachen würde“, doch als auktorialer Erzähler aus, der allwissend ist und uns Einblicke in das Innere der Figur erlaubt, was den Leser größtenteils zur Parteinahme mit Kohlhaas sowie zum Nachdenken anregt.

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Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Interpretation zu "Michael Kohlhaas" von Heinrich von Kleist
Untertitel
Die Lutherszene - Analyse und Deutung
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
6
Katalognummer
V174537
ISBN (eBook)
9783640948901
Dateigröße
516 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
interpretaion, michael, kohlhaas, heinrich, kleist, lutherszene, analyse, deutung
Arbeit zitieren
Julia Harzheim (Autor), 2010, Interpretation zu "Michael Kohlhaas" von Heinrich von Kleist, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/174537

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