Interpretation der Kurzgeschichte "Der Kübelreiter" von Franz Kafka

Eine formale und inhaltliche Analyse


Hausarbeit, 2011
20 Seiten, Note: Sehr Gut (1)

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Vorbemerkungen

2 Inhaltsangabe

3 Biographie des Autors
3.1 Leben
3.2 Werk

4 Interpretation
4.1 Formal
4.2 Inhaltlich

5 Zusammenfassung

6 Literaturverzeichnis

7 Anhang

1 Vorbemerkungen

Im Rahmen dieses Proseminars hatte ich erstmals die Gelegenheit mich ausführlicher mit Franz Kafka und seinem Werk zu beschäftigen.

Die vorliegende Arbeit stellt - nach einer kurzen Vorstellung des Autor und seines Werks - eine Analyse seiner Kurzgeschichte Der Kübelreiter dar.

Der formalen Analyse, die sich in ihren Begrifflichkeiten an Genette, Weber und Stanzel orientiert, schließt sich eine ausführliche inhaltliche Analyse bzw. Interpretation der Kurzgeschichte an, bevor versucht wird, eine „Quintessenz“ im abschließenden Resümee herauszustellen.

2 Inhaltsangabe

Ein Mann sitzt an einem eiskalten Abend in einem Zimmer vor dem Ofen; die Kohle ist ausgegangen. Um nicht zu erfrieren, entschließt er sich, den Kohlenhändler aufzusuchen, und um ein wenig Kohle zu betteln, die er aufgrund akuten Geldmangels später bezahlen will. Die Tür des Händlers, der gemeinsam mit seiner Frau im Keller des Hauses sitzt, ist offen. Der Mann ruft hinunter, die Frau des Kohlenhändlers, der sich zunächst der vernommenen Stimme nicht sicher ist, verbietet diesem aber, hinauf zu gehen, und übernimmt das selbst. Sie tut so, als habe ihr Mann sich verhört und es wäre niemand da, und ignoriert den Bettelnden völlig. Da es sechs Uhr abends ist, beschließt sie, das Geschäft für heute zu schließen. Der Mann flucht noch auf die ihn Ignorierende, hat aber sonst kein Mittel, um aufzubegehren.

3 Biographie des Autors

Die folgende Biographie basiert auf dem Beitrag von Ludwig Dietz zu Frank Kafka aus dem Band Deutschsprachige Autoren der Reihe metzler kompakt (2004), wobei die Aspekte „Leben“ und „Werk“ in je einem extra Kapitel behandelt werden. Für Kafkas „Leben“ wurden zusätzlich an wenigen gekennzeichneten Stellen lexikalische Informationen aus einer Kurzbiographie über Kafka von Gerhard Rieck, einem psychologischen Kafkainterpreten1, stammend ergänzt.

3.1 Leben

Der Vater Hermann Kafka, tschechischer Jude aus der Provinz, heiratet die deutsche Jüdin Julie und gründet in Prag ein erfolgreiches Geschäft für Kurzwaren und Modeartikel. In dieser Stadt wird Franz Kafka am 3.7.1883 in Prag als erstes von fünf Kindern geboren, wobei beide Brüder noch im Säuglingsalter sterben2. Kafka steht mit seiner Herkunft als tschechisch-deutscher Jude zwischen den drei Völkern Prags. Dort besucht er zunächst das humanistische Gymnasium und studiert im Anschluss Jura. Kafka hat 1907, also mit etwa 24 Jahren, bereits sein Examen, Doktordiplom und Gerichtsjahr, womit alle Voraussetzungen für den Staatsdienst erfüllt wären. Zunächst arbeitet er allerdings kurz bei einer privaten Versicherungsgesellschaft, bevor er 1908 zur halbstaatlichen „ rbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen in Prag“ wechselt, wo er bis zu seiner vorzeitigen Pensionierung im Juli 1922, also bis er 39 ist, bleibt. Er arbeitet dort bald in der wichtigsten „technischen“ bteilung, wo er eine leitende Position inne hat. In seinem Aufgabenbereich liegt es etwa, über die Klassifizierung von Betrieben nach Gefahrenklassen zu entscheiden und muss diese dafür auch inspizieren, womit er tagtäglich mit den Problemen der Arbeiterklasse konfrontiert ist.

Seit 1910 gastiert regelmäßig eine polnisch-jüdische Theatergruppe in Prag. Durch sie lernt Kafka die jiddische Sprache und die ost-jüdische Religiosität näher kennen und durch ihre ausdrucksstarken Aufführungen schätzen. Das bedingt auch seine Freundschaft mit einem der Hauptdarsteller, Jizchak Löwy.

Über seinen lebenslangen Freund und Propagator Max Brod lernt Kafka die damals 24-jährige Felice Bauer, eine leitende Angestellten aus Berlin3, kennen, was einen regen Briefwechsel zur Folge hat. Im Juni 1914 kommt es zur Verlobung, die im anschließenden Juli schon wieder gelöst wird. 1917 folgt eine zweite Verlobung, im Dezember dieses Jahres endet die Beziehung endgültig. Bei Kafka ist eine offene Lungentuberkulose ausgebrochen, die als Vorwand für die Trennung dient. Vom Kriegsdienst für den ausbrechenden ersten Weltkrieg ist Kafka in der Folge befreit. Er sieht aber vor allem die polnischen Juden zu der Zeit in die frontnahe Großstadt Prag flüchten. Das fördert während des Krieges seine Annäherung an den Zionismus, was in den nächsten Jahren auch durch seine Hebräisch- Studien und seine wiederholten Erwägungen, nach Palästina zu übersiedeln, deutlich wird. Bald kommt es zu einem dritten Heiratsversuch, nämlich mit der Pragerin Julie Wohryzek; allerdings scheitert auch diese relativ kurzlebige4 Beziehung. 1920 lernt Kafka die Pragerin Milena Jesenská, Übersetzerin einer seiner Erzählungen, brieflich kennen. Die Beziehung scheitert allerdings daran, dass sie, die mit Ernst Pollak5 verheiratet ist und in Wien lebt, sich von ihrem bestehenden Leben nicht trennen kann. In den Sommerferien 1923, Kafka ist zu diesem Zeitpunkt vierzig Jahre alt, trifft er an der Ostsee auf die halb so alte Ostjüdin Dora Diamant, mit der er noch ein halbes Jahr in Berlin lebt. Seine Krankheit zwingt ihn - ständige ärztliche Kontrolle ist nun notwendig geworden - im März 1924 nach Prag zurückzukehren. Am 3. Juni 1924 stirbt Kafka schließlich in Kierling bei Klosterneuburg in der Nähe von Wien an den Folgen seines Gesundheitszustandes.

3.2 Werk

Im Gegensatz zu anderen utoren des „Prager Kreises“, Max Brod, Oskar Baum, Willy Haas, Egon Erwin Kirsch, Franz Werfel u.a. hat Kafka zu dem Zeitpunkt, als er seine Ausbildung schon abgeschlossen hat und ins Berufsleben eingetreten ist, noch nichts publiziert. Sein diesbezüglicher Widerwille ist bedingt durch das rein autobiographische Interesse seines Schreibens in Kombination mit dessen eigener Geringschätzung, was teils sogar Vernichtung von Geschriebenem zur Folge hat. Die älteste erhaltene Erzählung ist die Beschreibung eines Kampfes (von 1902 bis 1910), die schon die Prägungen seines späteren Werkes zeigt. Erstmals veröffentlicht wird kleine Prosa von Kafka von Franz Blei 1908 in einer seiner Zeitschriften.

Mit Das Urteil, entstanden in einer einzigen Nacht, gelingt Kafka 1912 nach einer öffentlichen Lesung schlagartig der Durchbruch. Gewidmet ist das Werk Felice Bauer. Als erste größere Arbeit Kafkas steht es in einem Jahrbuch des Kurt-Wolff-Verlags. Die Begegnung Kafkas mit Kurt Wolff ist auch Max Brod zu verdanken, der die zwei auf einer gemeinsamen Ferienreise nach Weimar, wohin sie ihre Goetheverehrung geführt hat, zusammengebracht hat. Aufgrund Wolffs Vorliebe für die „Expressionisten“ seiner Zeit wird auch Kafka fälschlicherweise oft unter diesen Begriff subsumiert. Als erste größere Arbeit entsteht Das Urteil in einem Jahrbuch des.

In der Folge entstanden die zwei Erzählungen Der Heizer (1913), Die Verwandlung (1916) sowie die Novelle In der Strafkolonie (1914). Der Heizer bildet das erste Kapitel des Romans Der Verschollene (Amerika) (1927), der aber auch unvollendet blieb.

Durch Kafkas „Kampf“ um Felice entsteht nicht nur ein umfangreiches Briefwerk. Zeitgleich entsteht auch der Roman Der Prozeß, in dem die Initialen des „Fräulein Bürstner“ auf Felice anspielen wie auch die Initialen der Hauptfigur auf Kafka selbst.

Die Erzählungen des Buches Der Landarzt (1916/1917) stehen in Zusammenhang mit Kafkas intensiverer Auseinandersetzung mit dem Judentum. Diese Erzählungen erscheinen 1919 als Buch Kafkas Vater gewidmet und bilden das Gegenstück zu Kafkas schonungsloser Abrechnung mit seinem Vater im Brief an den Vater (1919).

Das Geschehen rund um Kafkas Beziehung zu Milena Jesenská hat sein dritter Roman Das Schloss (1922) integriert; alle seine drei Romane blieben unvollendet.

Im Dezember 1921 erscheint die Kurzgeschichte Der Kübelreiter in der Prager Presse.6

Kafkas wechselndes Verhältnis zum Judentum wird von ihm kurz nach seiner frühen, krankheitsbedingten Pensionierung deutlich in der Form einer Parabel in der großen Erzählung Forschungen eines Hundes (1922) herausgearbeitet.

Obgleich seine Krankheit sich verschlimmert, ist seine Zeit mit Dora Diamant in Berlin literarisch sehr aktiv, was vor allem die dort entstandenen Werke Bau (1923/24) und Josefine die Sängerin (1924) zeigen.

4 Interpretation

4.1 Formal

Die formale Analyse bedient sich hauptsächlich Begriffen, die durch Dietrich Weber in seinem Buch Erzählliteratur (1998) und durch Die Erzählung (1994) von Gérard Genette geprägt sind.

Im Hinblick auf die rt, wie Kafkas „Kübelreiter“ gestaltet ist, kann man nach Weber (vgl. Erzählliteratur, 1998, S. 11f.) von starkem Erzählen sprechen. Die Erzählung in sich ist geschlossen und geradlinig, es wird großteils singulativ erzählt. Insofern kann man die Geschichte auch Webers Modell II, der „Kleinen Pyramide“, unterordnen, was Erzählen im engeren Sinne bedeutet. Denn die Geschichte besteht zumindest aus drei Teilen; dem Beginn, da der Mann sich entschließt, um Kohle betteln zu gehen, der Mitte, da er es tatsächlich in die Tat umsetzt, und dem Ende, da er ohne Kohle zurückbleibt. Allerdings könnte man auch von Webers fünfteiliger „Großen Pyramide“ und somit von Erzählen im engsten Sinne sprechen: Der Mann gibt zu Beginn eine kurze „Orientierung“, die Situation betreffend. Die „Komplizierung“ tritt ein mit „Ich muß Kohle haben“ und seiner „ uffahrt“ zum Kohlenhändler. Dort stellt sich der „Höhepunkt“ ein, indem er wirklich um Kohle bettelt. Diese „Krise“ vermischt sich mit ihrer bwicklung, die im Endeffekt aber daraus besteht, dass die Frau des Händlers zur Tür geht, den Bettelnden aber ignoriert. Der „Endzustand“ besteht in den zwei kurzen, letzten Absätzen, wo er ohne Kohle zurückbleibt.

Man kann nach Genette einen homodiegetischen Ich-Erzähler7 erkennen, der zu einem großen Teil zeitdeckend, insgesamt gesehen relativ zusammenfassend, zeitraffend seine Geschichte erzählt, was aber im Folgenden detaillierter betrachtet wird.

Obwohl der erste Absatz sprachlich sehr elaboriert ist, soll er doch die Gedanken der Hauptperson darstellen. Beginnend mit unvollständigen Sätzen könnte man stilistisch fast auf einen Bewusstseinsstrom schließen, die Sprache ist dafür aber zu kunstvoll und konstruiert. Insofern handelt es sich zwar auf jeden Fall um eine Art inneren Monolog, die Höhe der Sprache deutet aber trotzdem eine gewisse Distanz der Erzählinstanz von der Situation an, die diese nachempfindet und theatralisch wiedergibt.

Ab „Ich muß Kohle haben“ sind die Gedanken klar in Sätzen ausformuliert und man kann eindeutig von einem inneren Monolog sprechen, wobei die Sprache nach wie vor hoch literarisiert ist. Wir erfahren, dass der Mann in einem Zimmer sitzt, in dem der Ofen keine Wärme mehr von sich geben kann, weil die Kohle ausgegangen ist, und dass er vor hat, sich vom Kohlenhändler Kohle erbetteln zu gehen. Wie lange er dort sitzt, um sich schließlich zu entschließen, tatsächlich zum Händler aufzubrechen, wissen wir nicht; auch nicht wie viel dieses Entschlussprozesses innerhalb der Geschichte stattfindet. Man könnte sich zumindest den elliptischen ersten Teil des Absatzes zeitlich relativ langgezogen vorstellen. Jede Interpunktion könnte eine „Denkpause“ darstellen, in der der Mann sich nur dem Versuch widmet, ohne irgendetwas zu denken nicht zu erfrieren - also einer Pause vom Denken und nicht um zu denken; dann könnte man hier auch von raffendem Erzählen sprechen, da alle Gedanken inklusive der „Pausen“ zu ein paar Zeilen mit raffenden Satzzeichen zusammengefasst sind. Will man dieses Modell relativieren, so kann man doch zumindest diese sieben einleitenden Ellipsen zu drei Gedankengängen zusammenfassen, die man voneinander zeitlich getrennt annehmen könnte: zu einem ersten Gedankengang „Verbraucht alle Kohle; leer der Kübel; sinnlos die Schaufel“, der die Ausgangslage beschreibt und zeigt, dass es bald irgendwo kalt werden könnte, aber noch nicht, dass es irgendwo wirklich kalt ist; zu einem zweiten Gedankengang „Kälte atmend der Ofen; das Zimmer vollgeblasen von Frost“, der die Folge der Ausgangslage sowie das Zimmer und die sich inzwischen darin ausgebreitete Kälte darstellt; und schließlich zu einem dritten Gedankengang mit den nächsten zwei Ellipsen, der die Kälte draußen zusammen mit der Hilfsbedürftigkeit der Hauptperson zeigt.

Natürlich könnten es aber auch bloß Sekunden sein, in denen dem Mann diese Gedanken schnell durch den Kopf fliegen, die niedergeschrieben mehr Zeit zur Rezeption in Anspruch nehmen. Also wäre auch zeitdehnendes Erzählen denkbar. Diese letzte Annahme bezieht sich schon auf den gesamten ersten Absatz. In diesem Falle könnte man im Sinne Genettes von einer deskriptiven Pause sprechen.

Auch deckendes Erzählen könnte man theoretisch annehmen, wenn der Mann alles genau so, wie es im Text steht, vor sich hin denkt. Ebenso vorstellbar wäre aber ab dem Zeitpunkt, da er die Entscheidung „Ich muß Kohle haben“ getroffen hat, auch, dass er nicht mehr denkt, sondern vor sich hin spricht, vielleicht um sich selbst Mut zuzureden, wirklich loszugehen und um bei sich selbst damit Hoffnung bzw. Aussicht auf Erfolg zu wecken; was dann auf jeden Fall zeitdeckend wäre.

[...]


1 Gerhard Rieck: Kafka konkret - das Trauma ein Leben. Wiederholungsmotive im Werk als Grundlage einer psychologischen Deutung. Würzburg: Königshausen & Neumann 1999.

2 http://members.aon.at/rieck/index.htm 06.02.2011 11:30

3 Ebda.

4 Ebda.

5 Ebda.

6 Franz Kafka: Der Kübelreiter. In: Prager Presse (Prag) vom 25.12.1921

7 Begriff nach Stanzel; vgl. Franz K. Stanzel: Theorie des Erzählens

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Interpretation der Kurzgeschichte "Der Kübelreiter" von Franz Kafka
Untertitel
Eine formale und inhaltliche Analyse
Hochschule
Karl-Franzens-Universität Graz  (Germanistik)
Note
Sehr Gut (1)
Autor
Jahr
2011
Seiten
20
Katalognummer
V174581
ISBN (eBook)
9783640952458
ISBN (Buch)
9783640952700
Dateigröße
1886 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Franz Kafka, Kurzgeschichten, Der Kübelreiter, Interpretation, Kafka Interpretation
Arbeit zitieren
Norbert Galler (Autor), 2011, Interpretation der Kurzgeschichte "Der Kübelreiter" von Franz Kafka, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/174581

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Interpretation der Kurzgeschichte "Der Kübelreiter" von Franz Kafka


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden