Die molinistische Sicht der göttlichen Allwissenheit

Eine Beschreibung und Untersuchung


Hausarbeit, 2009

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was ist Molinismus?
2.1 Geschichtlicher Abriss
2.2 Was ist mittleres Wissen?
2.3 Implikationen des Molinismus

3. Ist göttliches Vorwissen mit zukünftigen Kontingenten vereinbar?
3.1 Was ist Fatalismus?
3.2 Ist der Fatalismus schlüssig?

4. Wie kennt Gott zukünftige Kontingente?
4.1 Haben zukünftige Kontingente einen Wahrheitsgehalt?
4.2 Wie erhält Gott sein Vorwissen?

5. Was leistet das molinistische Konzept?
5.1 Weitgehend naturalistische Geschichte
5.2 Freiheit
5.3 Schlussfolgerungen

Literaturverzeichnis

Molinismus – Eine Beschreibung und Untersuchung

1. Einleitung

Als der Geist von Christmas yet to come dem alten und unbarmherzigen Scrooge er­schien und ihm furchtbare Bilder aus zukünftigen Weihnachtsfesten zeigte, fragte der Geizkragen: „Are these the shadows of the things that Will be, or are they shadows of things that may be, only?“ Der Geist antwortete nicht. Denn Dinge die sein werden, können nicht abgewendet werden. Auf der anderen Seite sind Dinge die sein könnten auch nicht so Furcht einflößend, da im Grunde alles eintreten könnte. Beide Male hätte Scrooge keinen überzeugenden Grund, sein Leben zu ändern. Aber Geist antwortete nicht. Daher versucht Scrooge verzweifelt selbst eine Antwort zu schlussfolgern: „Men's courses will foreshadow certain ends, to which, if persevered in, they must lead [...] But if the courses be departed from, the ends will change.“[1] An den Bildern war beängstigend, dass sie zeigten was sein würde, würde Scrooge sich nicht ändern.

Gott ist allwissend. Das gehört zu seinem Wesen – sonst wäre er nicht Gott. Das scheint nachvollziehbar zu sein. Sobald man jedoch Allwissenheit definiert als: „Er weiß alles was es zu wissen gibt.“ fangen die Probleme an. Was gibt es zu wissen? Und was gibt es zu wissen über Dinge, die nie eintreffen werden (wie die schreckli­chen Visionen Scrooges)? Es gibt viele Konzepte der Allwissenheit Gottes, die zurzeit in der Wissenschaft diskutiert werden. Eines von ihnen wird in dieser Hausarbeit vor­gestellt. Dieses Konzept wird Molinismus genannt und hat einige beachtenswerte Ver­treter wie William Lane Craig und Alvin Plantinga. Dabei sollen Kernbegriffe (wie mittleres Wissen) und die wichtigsten Implikationen (wie Vorsehung und Freiheit) des Molinismus er-klärt werden. Zusätzlich sollen die relevantesten Fragen (wie die nach der Gültigkeit des Fatalismus und dem Wahrheitsgehalt von zukünftigen Kontrafak­tualen) anhand mit der verfügbaren Literatur diskutiert werden. Zum Schluss soll ein Fazit folgen, dass die Leistungsfähigkeit bewerten und einige noch offene Fragen oder Probleme aufzeigen soll.

2. Was ist Molinismus?

2.1 Geschichtlicher Abriss

Der Begriff „Mittleres Wissen“ (scienta media) geht auf den jesuitischen Theologen Louis de Molina (1535-1600) zurück. Mittleres-Wissen ist dabei das Kernstück eines Konzepts, das im Nachhinein Molinismus genannt wurde. Der Molinismus ist als Re­aktion auf die Ansichten Calvins und Luthers entwickelt worden, da beide vertraten, dass Gott die Zukunft festlegt und somit determiniert.[2] Im Gegensatz dazu wollte Mo­lina Gottes Vorwissen mit menschlicher Freiheit vereinbaren. Aus diesem Grund ent­wickelte er das nach ihm benannte Konzept. Besonders berühmt ist der Streit der Moli­nisten mit den Dominikanern über das Wesen von Gottes Vorwissen. Im wesentlichen ging es in der Diskussion um die Existenz von „mittlerem Wissen“, das von den Moli­nisten postuliert, von den Dominikanern jedoch geleugnet wurde.

2.2 Was ist mittleres Wissen?

Mittleres Wissen liegt zwischen seinem Wissen um mögliche Welten (possible Worlds) und der wirklichen Welt (actual World). Um das ganze Konzept besser zu verstehen, hilft es, sich vorzustellen, dass Gott in seiner Planung und Erschaffung der Welt in drei Phasen von den ersten Entwürfen von möglichen Welten zu nach seinen Vorstellungen oder Maximen realisierbaren zu der jetzt aktuellen Welt voran geschritten. Die Phasen können auch Momentaufnahmen sein, die in der logischen Entwicklung (nicht zeitli­che!, sonst müsste Gott ein lernendes und somit nicht-allwissendes Wesen sein) von Gottes Wissen von möglichen Welten zu der unseren aufeinander folgen. Von dem ers­ten bis zum letzten Moment wird die Anzahl der Welten, die Gott schaffen könnte, je­des Mal reduziert, bis er nach der Schöpfung bei nur einer Welt angelangt ist. Folgen­des Schaubild[3] soll diese Abfolge darstellen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Moment 1: Natürliches Wissen

Im ersten Moment kennt Gott alle möglichen Welten. Die meisten von ihnen könnte er erschaffen.[4] Da Gott ein allwissendes Wesen ist, muss er notwendiger Weise alle not­wendigen Wahrheiten, aber auch alle möglichen Welten, die er erschaffen könnte ken­nen. Wichtig für unser Thema ist, das Gott alles kennt, was passieren könnte, und auch jede noch so ausgefallene Welt. Beispielsweise gibt es Welten (und Gott kennt diese) ohne Menschen oder es gibt Welten mit mehreren Arten intelligenter und kreativer We­sen (wie in C. S. Lewis' Perelandra-Triologie). Genauso gibt es eine Welt in der Petrus Jesus dreimal verleugnet, aber auch eine in der Petrus Jesus in exakt den gleichen Um­ständen nicht verleugnet. Alle Welten, die zu keinem Widerspruch führen (wie Welten in denen 2 + 3 = 4 ist), fallen in diese Kategorie und sind Gott im Moment 1 bekannt.

Moment 2: Mittleres Wissen

Nun wird die Zahl der möglichen Welten auf die Anzahl der für Gott mach-baren redu­ziert. Diese Reduzierung kommt aufgrund von Gottes Wissen um Kontrafaktuale menschlicher freier Entscheidungen zustande.[5] Die Definition eines solchen Kontra­faktuals ist:

Wenn Person P in der Situation S wäre, dann würde P freiwillig X tun.[6]

Beispiele für Kontrafaktuale solcher Art sind: „Wenn du sie fragen würdest, würde sie ja sagen“ oder „Wenn Petrus in der Situation S wäre, würde er frei-willig Jesus ver­leugnen.“ Das „freiwillig“ heißt nicht, dass Petrus sich nicht durch Umstände, Veranla­gungen oder Launen gezwungen fühlen könnte (wahrscheinlich fühlte er sich in dem Moment wirklich so). Es heißt nur, dass er anders handeln könnte, auch wenn es ihm sehr schwer gefallen wäre (er sah das später ein und bereute daher seine Tat).

[...]


[1] Dickens, C. (1907) A Christmas Carol and other Christmas Books, London: Aldine House, 75.

[2] Vgl. Craig 2001, 59.

[3] Entnommen: Craig & Moreland 2003, 522.

[4] Diese Einschränkung ist nötig, da Gott keine Welt schaffen kann, die ihn selbst nicht enthält. Das gilt natürlich nicht, wenn nachgewiesen würde, das Gott ein notwendiges Wesen ist und daher in jeder mög­lichen Welt existieren muss. Vgl. Plantinga 1974a, 170+213-221.

[5] In der von mir konsultierten Literatur meist als counterfactuals of creaturely free choices oder so ähn­lich bezeichnet. Für diese Arbeit beschränke ich mich auf die Freiheit von Menschen und unterschlage die von Tieren (sofern sie frei sind) und Engeln.

[6] Vgl. Zagzebski 2008, Kap. 2.4.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Die molinistische Sicht der göttlichen Allwissenheit
Untertitel
Eine Beschreibung und Untersuchung
Hochschule
Universität Bielefeld  (Fakultät für Geschichte, Philosophie und Theologie, Abteilung Philosophie)
Veranstaltung
Analytische Religionsphilosophie
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
18
Katalognummer
V175189
ISBN (eBook)
9783640960583
ISBN (Buch)
9783640961085
Dateigröße
612 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Molina, Plantinga, Craig, Allwissenheit, Religionsphilosophie, Gott, Jesuiten, Dominikaner, A Christmas Carol, Vorwissen, Truth-Maker, Kontrafaktuale, Logik, Molinismus, Christentum, Attribute, Fatalismus, Freiheit, Open Theism
Arbeit zitieren
Vit Heptin (Autor), 2009, Die molinistische Sicht der göttlichen Allwissenheit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/175189

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