Wirtschafts- und sozialgeschichtliche Untersuchungen zur Künzelsauer Berufsstruktur von 1690 anhand der Bürgerliste aus der Chronik von Augustin Faust


Hausarbeit (Hauptseminar), 1983

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Disposition

2. Augustin Faust und die Künzelsauer Chronik

3. Berufsstruktur von Künzelsau um 1690
3.1 Bürgerliste von Augustin Faust
3.2 Umlage vom März 1690
3.3 Erklärung nicht mehr üblicher Berufe
3.4 Auswertung der in Künzelsau um 1690 vorhandenen Berufe

4. Literaturangaben

1. Disposition

Die vorliegende Hausarbeit über die Künzelsauer Berufsstruktur anhand der Chronik von Augustin Faust gliedert sich in zwei große Teile.

Zur Einführung wird in Kapitel 2 der Autor der Künzelsauer Chronik, Augustin Faust, sowie die Chronik selbst vorgestellt.

Wie sich zeigen wird, bietet die Chronik viele Ansatzpunkte und eine Fülle von auswertbarem Material. Aus einer Bürgerliste von 1690, die als Anlage der Chronik beigegeben ist und die von Albert Schumann in mühsamer Kleinarbeit mit Angaben aus den evangelischen Kirchenbüchern überprüft bzw. ergänzt wurde, können hochinteressante Rückschlüsse auf die Wirtschafts- und Sozialstruktur von Künzelsau gezogen werden. Dies soll in Kapitel 3 erfolgen. Im Mittelpunkt steht da-bei die Berufsstruktur von Künzelsau, die sich aus dieser Bürgerliste rekonstruieren lässt. Zunächst werden heute nicht mehr übliche bzw. nicht mehr bekannte Berufe erläutert, ehe dann eine Aufstellung einer Berufsliste von Künzelsau bzw. deren Auswertung vorgenommen wird.

2. Augustin Faust und die Künzelsauer Chronik

Augustin Faust wurde am 13. Oktober 1659 als eines von 6 Kindern in der Kleinstadt Künzelsau (Hohenlohe) geboren. Sein Vater Johann Faust war - wie Generationen vor ihm - Weißgerber von Beruf.[1][2] Nach seiner Schulzeit wurde Augustin Faust von seinem Vater ebenfalls in das Weißgerberhandwerk eingelernt. Gleichzeitig inter-essierte er sich fürs Schreinern. Für den Handel war er jedoch nicht besonders geeignet.[3]

Mit 21 Jahren heiratet Augustin Faust im Jahre 1681 die 43- jährige Witwe des Walkers Jacob Braitinger und in den folgenden Jahren unternimmt er vieles für den Ausbau der Walkmühle. Anfang 1694 stirbt seine erste Frau. Wenige Monate später heiratet der inzwischen 35- jährige Faust eine 24- Jährige. Von den 6 Kindern dieser Ehe überlebt bloß ein Sohn. Als seine zweite Frau 1728 stirbt, heiratet der nun schon 69 Jahre alte Faust zum dritten Mal: dieses Mal eine 58- jährige Witwe. Am 13. November 1742 stirbt Augustin Faust mit 83 Jahren.[4]

Schon früh hatte sich Augustin Faust für das Gemeinwesen von Künzelsau inter-essiert. Er bekleidete verschiedene öffentliche Ämter. So war er Almosenpfleger, Flurschätzer, Eicher, Baumeister (entspricht einem Gemeindepfleger) und von 1706 an war er durchgängig Richter, was einem Gemeinderat mit einer gewissen richterlicher Kompetenz entspricht.[5] Doch trotz allem wäre er in Vergessenheit geraten und für uns unbedeutend geblieben, wenn er nicht der Verfasser einer bis heute erhaltenen Chronik wäre.

Bevor auf die Motivation des Schreibers und auf den Inhalt der Chronik eingegan-gen wird, sei noch kurz die Rechtsform der damaligen Stadt Künzelsau erläutert. Künzelsau hatte eine nicht sehr häufige Verfassung. An seiner Herrschaft waren mehrere Herren beteiligt: der Erzbischof von Mainz, der Bischof von Würzburg, der Graf von Hohenlohe und die Herren von Stetten.[6] Damit war sowohl Hochadel und Niederadel vertreten wie auch katholische und protestantische Herren.

Eine derartige Herrschaft nennt man Ganerbiat. Dieser Begriff leitet sich von „gan“ (= gemeinsam) ab und bezeichnet die unterschiedliche Höhe eines Erbteils, der gemeinschaftlich verwaltet wird.[7] Zum Ganerbiat gehört eine Burgfriedenverord-nung. Die Ganerben besaßen nicht nur Besitztitel, sondern auch Rechtstitel. Zur Zeit Augustin Fausts hatte Hohenlohe und Stetten anteilsmäßig den größten Grund-besitz, wobei Hohenlohe den wesentlichsten Einfluss auf die Stadt hatte. Die direkte Verwaltung geschah durch einen von den Ganerben zum Schultheißen ernannten Bürger der Stadt. Zur besseren Übersicht war die Stadt in Viertel eingeteilt, weshalb sich auch vier Schultheißen in Künzelsau finden.[8]

Mit 19 Jahren, gerade von der so genannten hitzigen Krankheit gesundet und noch unverheiratet, beginnt der relativ ungebildete Handwerker Augustin Faust alle möglichen Dinge aufzuschreiben, die ihm irgendwie aufschreibenswert erscheinen. Diese Aufschriebe führt er beharrlich über 60 Jahre lang bis ins Jahr 1741 fort.[9]

Den Anfang seiner Chronik bildet eine Abschrift der Burgfriedensverordnung und der Eide der öffentlichen Ämter, die aber nicht der im Druck erschienenen Chronik beigegeben wurden. Sein schon frühes Interesse für das Gemeinwohl der Stadt mag ihn dazu bewogen haben, davon eine Abschrift anzufertigen. Sein Vater war zu dieser Zeit Schultheiß und es gab manche Unstimmigkeit mit den Ganerben, so dass auch ein nahe liegendes, familiäres Interesse zu vermuten ist.[10]

Doch seine Chronik ist nicht nur eine reine Rechtssammlung. Nach den prinzipiellen Kapiteln erfahren wir, was diesen einfachen, aber interessierten Mann bewegte. Faust schreibt unreflektiert, sowohl thematisch als auch zeitlich ungeordnet. Gerade die Sprünge, die Vielfalt und die gänzlich unsystematische Abfolge seiner Aufzeichnungen, der einfache, aber doch klare Stil machen den Reiz dieser Chronik aus. Faust unterbricht oft seine Ausführungen, führt sie erst nach vielen Seiten fort und fügt Nachträge und Ergänzungen ein. Er verfolgt kein höheres Interesse mit seiner Chronik.[11] Denn er schreibt für sich ganz privat, bestenfalls aus einem genealogischem Schema heraus, ohne irgendeine Selbstbeweihräucherung, allenfalls um das ehrliche Herkommen und den ehrlichen Namen der Familie Faust zu unterstreichen.

Mit großem Fleiß notiert er die Ereignisse der Gegenwart und der Vergangenheit, die er selten aus Kalendern, sondern meist aus mündlicher Tradition heraus erhalten hat. Aber er ist immer bemüht, wahrheitsgetreu zu berichten. Und wo sich ihm Gelegenheit bietet, schaut er sich die Dinge selbst an, misst und rechnet sie nach und wird so oftmals zum Statistiker.[12]

In einer Zeit, in der die Kirche einen bedeutenden Einfluss hat, kommt sie naturgemäß immer wieder in seiner Chronik vor. Die Einsetzung eines neuen Pfarrers erscheint ebenso wichtig wie der Inhalt seiner Predigt. Man kann sich hineinversetzen, wie die Leute auf etwas Ungewöhnliches, auf einen Fingerzeig Gottes warten. Und wenn dann nach Sichtbarwerden eines Kometen, von dessen ungewöhnlichen Erscheinen man nur etwas Schlechtes zu erwarten habe, tatsächlich ein Krieg ausbricht oder ein Ganerbe stirbt, wird dies kausal damit in Zusammenhang gebracht und das einfache Gottvertrauen dadurch weiter verfestigt.[13]

Faust berichtet immer wieder über die Pfälzischen und Spanischen Erbfolgekriege, die zu seiner Lebzeit im Gange waren, sowie über die damit verbundenen Ein-quartierungen, die geordnet oder ausgeartet verliefen.[14]

Wenn er über Menschenschicksale berichtet, so ist es in gewissem Sinne tröstlich zu erfahren, dass schon damals Glück und Leid oft eng beieinander lagen.[15] Die Ereignisse sind so hautnah und ungeschminkt weitererzählt, dass man einen realistischen Einblick in das kleinstädtische Leben erhält. Die Verhältnisse waren nicht gerade rosig: die Kinder- und Müttersterblichkeit war hoch.[16] Und mit den öffentlichen Geldern ging man damals oft genauso unverantwortlich um wie dies heutzutage oft der Fall ist.[17]

[...]


[1] Dieses Kapitel hat einleitende und Überblick gebende Funktion und stützt sich im Wesentli- chen auf Schuhmann, Augustin Faust (1659 bis 1742) und seine Künzelsauer Chronik, S. 10- 36 sowie auf die vom Historischen Verein für Württembergisch Franken edierten Teile der Chronik (Künzelsauer Chronik 1678-1741) von Augustin Faust.

[2] Vgl. Schuhmann, Augustin Faust (1659 bis 1742) und seine Künzelsauer Chronik, S. 36

[3] Vgl. Schuhmann, Augustin Faust (1659 bis 1742) und seine Künzelsauer Chronik, S. 16-17.

[4] Vgl. Schuhmann, Augustin Faust (1659 bis 1742) und seine Künzelsauer Chronik, S. 18-20.

[5] Vgl. Schuhmann, Augustin Faust (1659 bis 1742) und seine Künzelsauer Chronik, S. 12.

[6] Vgl. Schuhmann, Augustin Faust (1659 bis 1742) und seine Künzelsauer Chronik, S. 10-11.

[7] Vgl. Schumm, Die Gemeindeverfassung in Künzelsau um 1700, S. 9.

[8] Vgl. Schumm, Die Gemeindeverfassung in Künzelsau um 1700, S. 10-13.

[9] Vgl. Schuhmann, Augustin Faust (1659 bis 1742) und seine Künzelsauer Chronik, S. 10.

[10] Vgl. Schuhmann, Augustin Faust (1659 bis 1742) und seine Künzelsauer Chronik, S. 10-12.

[11] Vgl. Schuhmann, Augustin Faust (1659 bis 1742) und seine Künzelsauer Chronik, S. 16.

[12] Vgl. Schuhmann, Augustin Faust (1659 bis 1742) und seine Künzelsauer Chronik, S. 12.

[13] Vgl. Schuhmann, Augustin Faust (1659 bis 1742) und seine Künzelsauer Chronik, S. 12-14 und S. 23-24.

[14] Vgl. Schuhmann, Augustin Faust (1659 bis 1742) und seine Künzelsauer Chronik, S. 13-14.

[15] Vgl. Schuhmann, Augustin Faust (1659 bis 1742) und seine Künzelsauer Chronik, S. 13.

[16] Vgl. Schuhmann, Augustin Faust (1659 bis 1742) und seine Künzelsauer Chronik, S. 23.

[17] Vgl. ebenda.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Wirtschafts- und sozialgeschichtliche Untersuchungen zur Künzelsauer Berufsstruktur von 1690 anhand der Bürgerliste aus der Chronik von Augustin Faust
Hochschule
Eberhard-Karls-Universität Tübingen  (Institut für geschichtliche Landeskunde und historische Hilfswissenschaften)
Veranstaltung
Deutsche und Schweizerische Städtechroniken des Spätmittelalters und der Frühneuzeit
Note
1,0
Autor
Jahr
1983
Seiten
19
Katalognummer
V175498
ISBN (eBook)
9783640965069
ISBN (Buch)
9783640965281
Dateigröße
431 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Augustin Faust (1659-1742), Chronik, Künzelsau, Hohenlohe, Alltagsgeschichte, Berufsstruktur, Gewerbewesen, Bürgerliste, Steuerumlage, Wirtschafts- und Sozialstruktur, Stadtgeschichte
Arbeit zitieren
Dr., M.A. Roland Engelhart (Autor), 1983, Wirtschafts- und sozialgeschichtliche Untersuchungen zur Künzelsauer Berufsstruktur von 1690 anhand der Bürgerliste aus der Chronik von Augustin Faust, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/175498

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Wirtschafts- und sozialgeschichtliche Untersuchungen zur Künzelsauer Berufsstruktur von 1690 anhand der Bürgerliste aus der Chronik von Augustin Faust



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden