Die Arbeit liefert eine historische Rekonstruktion der post-empiristischen sprachphilosophischen Prämissen, die zu der heutigen Debatte um den moralischen Realismus führten. Diese Perspektive ermoglicht, die Schwächen der realistischen Position sichtbar zu machen, in dem man auf die Unzulänglichkeiten der pragmatischen Sprachphilosophie zeigt, die ihr Rückhalt gibt. In diesem Zusammenhang untersucht die Arbeit die relevantesten Argumente in der Diskussion um den Moralischen Realismus, insbesonders bezüglich der Frage nach der Wahrheit dichter ethischer Aussagen. In Rahmen einer sprachanalytischen Untersuchung, welche 'dichte Begriffe' als kondensierte Aussagen versteht, und dabei die sogenannte ‚Entanglement These‘ in Frage stellt, wird eine nicht-realistische, aber dennoch kognitivistische Position vertretten
Die Arbeit befasst sich ferner mit der Frage nach der Möglichkeit einer realistischen Begründung der Moral und nähert sich von dieser Perspektive aus wieder der Debatte um den moralischen Realismus an. Es geht mir darum zu untersuchen, inwiefern diese Diskussion um den moralischen Realismus einen Beitrag zur Beantwortung der Begründungsfrage liefern kann. Die Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass die Diskussion um die Frage nach der Wahrheit moralischer Aussagen, nichts Entscheidendes zur Beantwortung der Frage nach einer realistischer Begründbarkeit der Moral liefern kann. Dasselbe gilt für die Diskussion im Rahmen der Diskursethik nach der Richtigkeit moralischer Normen. Auch diese Diskussion – unabhängig davon, ob wir die Gültigkeit von Normen im (anti-realistischen) Sinne von Richtigkeit oder von (realistischer) Wahrheit verstehen – kann weder die Rede von einer realistischen Begründung der Moral noch einen Moralischen Realismus im genuinen Sinne rechtfertigen. Um eine solche Rechtfertigung zu liefern, müsste man beweisen, dass dem Maßstab (an dem die Richtigkeit moralischer Normaussagen oder Aussagen zu prüfen wäre) selbst ein realistisch verstandener ontologischer Status gegeben werden kann. Solange die Richtigkeit bzw. Wahrheit moralischer Aussagen von der Befriedigung eines nicht im realistischen Sinne bewiesenen Maßstabes abhängt, ist die Rede von einem Moralischen Realismus fehl am Platze.
Die Arbeit setzt sich unter anderem mit den Positionen von John.McDowell, Simon Blackburn, Crispin Wright, Bernard Williams, Hilary Putnam, Cristina Lafont, Jürgen Habermas auseinander.
Inhaltsverzeichnis
I. EINLEITUNG. DIE FRAGE NACH DER BEGRÜNDUNG DER MORAL UND DIE WIEDERKEHR REALISTISCHER ANTWORTSVERSUCHE
1. Wiederkehrende Aspekte einer Begründung der Moral. Erörterung einer realistischen Perspektive
2. Neuere Versuche einer realistischen Begründung der Moral. Zum Gegenstand dieser Untersuchung
3. Das sprachphilosophische Verständnis einer realistischen Begründung moralischer Überzeugungen
4. Der Debatte um den Moralischen Realismus in der gegenwärtigen Philosophie
II. KONSEQUENZEN DER POSTEMPIRISTISCHEN SPRACHPHILOSOPHIE FÜR DIE METAETHISCHE DISKUSSION
KAPITEL I. HISTORISCHER RÜCKBLICK: DER ÜBERGANG VON EINER POSITIVISTISCHEN ZU EINER PRAGMATISCH-PHÄNOMENOLOGISCHEN WELTSICHT
1.1. The ‚Bluring of Boundaries‘ – Die Preisgabe des modernen Projektes einer auf der sinnlichen Erfahrung basierenden Demarkation unseres Wissens
1.2. Der Übergang von einem starken zu einem schwachen Verifikationismus
KAPITEL II. ZENTRALE ARGUMENTE FÜR DEN MORALISCHEN KOGNITIVISMUS
2.1. ERSTES ARGUMENT: DER LOGISCH_SYNKTAKTISCHE GEBRAUCH MORALISCHER AUSSAGEN
2.2. ZWEITES ARGUMENT: `MORALISCHES REGELFOLGEN´
III. DIE FRAGE NACH DER WAHRHEIT DICHTER MORALISCHER AUSSAGEN
KAPITEL III. DIE IDEE PERSPEKTIVISTISCHEN MORALISCHEN WISSENS. BERNARD WILLIAMS UNTERSCHEIDUNG ZWISCHEN NATURWISSENSCHAFTLICHEM UND MORALISCHEM WISSEN UND WAHRHEIT
3.1. WILLIAMS `NON-OBJEKTIVISTISCHER´ KOGNITIVISMUS
3.2. PUTNAM KRITIK AN WILLIAMS
KAPITEL IV. HABERMAS AUSEINANDERSETZUNG MIT DEN "POSTWITTGENSTEINIANISCHEN UND NEOARISTOTELISCHEN ANSÄTZE
4.1. HABERMAS ÜBER DIE OBJEKTIVITÄT MORALISCHES WISSENS
4.2. PUTNAMS KRITIK AN HABERMAS VERSTÄNDNIS ETHISCHER WERTURTEILE
4.3. WIE SOLL DANN DICHTE BEGRIFFE UND DEREN GEBRAUCH VERSTEHEN
4.4. ZURÜCK ZU PUTNAMS KRITIK AN HABERMAS
4.5. INWIEFERN IST DANN PUTNAMS KRITIK AN HABERMAS’ POSITION ZUTREFFEND?
IV. KONDENSETHIK, MORALISCHE NORMEN UND DIE FRAGE NACH DER BEGRÜNDUNG DER MORAL
KAPITEL V. VON DER WAHRHEIT DICHTER MORALISCHER AUSSAGEN ZU DER RICHTIGKEIT MORALISCHER NORMEN
5.1. HABERMAS VERSTÄNDNIS MORALISCHER RICHTIGKEIT
5.2. ZWEI INTERPRETATIONSMODELLE DER ABHÄNGIGKEITSVERHÄLTNISSE ZWISCHEN MORALISCHEN NORMEN UND MORALISCHEN WERTAUSSAGEN
5.3. WELCHEN STELLENWERT HAT FÜR HABERMAS DIE RICHTIGKEIT MORALISCHER NORMEN
KAPITEL VI. REALISTISCHE UND ANTI-REALISTISCHE AUFFASSUNGEN DER RICHTIGKEIT MORALISCHER NORMEN
6.1. HABERMAS AUSEINANDERSETZUNG MIT DER REALISTISCHEN LEKTÜRE DER DISKURSETHIK VON C. LAFONT
6.2. ÜBERTRAGUNG AUF DEN MORALISCHEN FALL
KAPITEL VII. DIE FRAGE NACH DER RICHTIGKEIT MORALISCHER NORMEN UND DER ANSPRUCH AUF EINE REALISTISCHE BEGRÜNDUNG DER MORAL
7.1. DAS PROBLEM DER BEGRÜNDUNGSRICHTUNG
7.2. RICHTIG IN MORALISCHEN SINNE UND DIE NORMATIVE FRAGE NACH DER RICHTIGKEIT MORALISCHER NORMEN
7.3. ERGEBNISSE
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit befasst sich mit der metaethischen Frage nach einer Begründung der Moral im Kontext der postempiristischen Sprachphilosophie. Ziel der Untersuchung ist es, zu klären, ob realistische Ansätze zur Begründung moralischer Überzeugungen angesichts der sprachpragmatischen Wende der Philosophie haltbar sind und wie moralische Werte und Normen sprachphilosophisch fundiert werden können.
- Die wiederkehrende Bedeutung realistischer Begründungsansätze für moralische Überzeugungen.
- Die Auswirkungen der postempiristischen Sprachphilosophie auf die metaethische Diskussion.
- Die Analyse zentraler Argumente für den moralischen Kognitivismus, insbesondere zur logischen Struktur moralischer Aussagen.
- Das Verhältnis von moralischer Wahrheit, Richtigkeit und Objektivität in den Ansätzen von Bernard Williams, Hilary Putnam und Jürgen Habermas.
Auszug aus dem Buch
1. Wiederkehrende Aspekte einer Begründung der Moral. Erörterung einer realistischen Perspektive
Ein gutes Beispiel für die Tendenz die unterschiedlichen Begründungsmodi der Moral als konkurrierende Antworten auf die gleiche Frage darzustellen, liefert Christine Korsgaard vieldiskutiertes Buch The Sources of Normativity. Nach Korsgaard lassen sich die ”Quellen der Normativität” in Begriffen von Voluntarismus, menschlicher Autonomie, affirmativer Natur (”Reflektive Endorsement”) und Realismus beschreiben.
Diese vier Positionen sollen unterschiedliche Erklärungen des Ursprungs moralischer Normativität entsprechen. Auf diese Weise wird das Problem der Begründung in Korsgaards Termini ”the seek of a philosophical foundation” hauptsächlich zum Problem des Ursprungs von Normativität, also dem verpflichtenden Charakter bzw. der Autorität moralischer Normen. Es ist auch im Hinblick auf die Frage, daß sie diese vier verschiedenen historischen Antworten ausfindig macht. Ihrer Darstellung nach wurde in der Moderne der zwingende Appell moralischer Normen entweder auf die Autorität Gottes oder die eines Legislators auf die unausweichliche Autorität der eigenen Vernunft, auf die reflexive Akzeptanz der Beschaffenheit bzw. Dispositionen der eigenen Natur oder auf die Realität zurückgeführt. Der Versuch, die entsprechenden ethischen Positionen, die hiermit gemeint sind, d. h. Voluntarismus und Kontraktualismus, Kantianismus, Projektivismus à la Hume und Realismus als alternative parallele Antworten auf dieselbe Frage zu verstehen, scheint mir jedoch etwas gezwungen.
Zusammenfassung der Kapitel
I. EINLEITUNG. DIE FRAGE NACH DER BEGRÜNDUNG DER MORAL UND DIE WIEDERKEHR REALISTISCHER ANTWORTSVERSUCHE: Einführung in die thematische Problematik, die die Moral als wiederkehrende philosophische Frage und das erneute Aufkommen realistischer Begründungsmuster beleuchtet.
II. KONSEQUENZEN DER POSTEMPIRISTISCHEN SPRACHPHILOSOPHIE FÜR DIE METAETHISCHE DISKUSSION: Analyse der sprachphilosophischen Wende und deren Auswirkungen auf die metaethische Debatte, insbesondere der Übergang zu kognitivistischen Positionen.
III. DIE FRAGE NACH DER WAHRHEIT DICHTER MORALISCHER AUSSAGEN: Diskussion über Wahrheit und Wissensansprüche in der Moral unter besonderer Berücksichtigung der Ansätze von Williams und Putnam.
IV. KONDENSETHIK, MORALISCHE NORMEN UND DIE FRAGE NACH DER BEGRÜNDUNG DER MORAL: Untersuchung von Habermas' Diskursethik im Hinblick auf die Begründung moralischer Normen und die Unterscheidung zu ethischen Wertaussagen.
Schlüsselwörter
Moralischer Realismus, Metaethik, Sprachphilosophie, Normativität, Kognitivismus, Diskursethik, Wahrheit, Richtigkeit, Rechtfertigung, Postempirismus, Moralische Überzeugungen, Werte, Objektivität, Regelfolgen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die metaethische Debatte über die Begründung von Moral, insbesondere vor dem Hintergrund der postempiristischen Sprachphilosophie und der Wiederkehr des moralischen Realismus.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Im Zentrum stehen die Fragen nach dem Ursprung moralischer Normativität, der kognitiven Struktur moralischer Aussagen und dem Status von Wahrheit und Richtigkeit in ethischen Diskursen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist zu klären, ob moralische Einsichten in realistischen Termini begründet werden können oder ob alternative Begründungsmodelle, etwa durch prozedurale Ansätze wie die Diskursethik, überlegen sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die philosophische Analyse und Rekonstruktion zeitgenössischer metaethischer Theorien, insbesondere unter Einbezug sprachphilosophischer Argumente.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil behandelt die historische Entwicklung sprachphilosophischer Ansätze, Argumente für den Kognitivismus, die Debatte um die Wahrheit moralischer Aussagen und Habermas' Auseinandersetzung mit realistischen und neo-aristotelischen Positionen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zu den zentralen Begriffen gehören unter anderem der moralische Realismus, der Kognitivismus, die Diskursethik sowie Konzepte wie Wahrheit, Richtigkeit und Rechtfertigung.
Wie unterscheidet die Autorin zwischen moralischen Normen und ethischen Werten?
Die Autorin folgt hier Habermas: Moralische Normen beanspruchen universelle Gültigkeit, während ethische Werte eher partikularistische, an Lebensformen gebundene Sichtweisen darstellen.
Welche Rolle spielen die Ansätze von McDowell und Blackburn in der Argumentation?
Die Ansätze von McDowell und Blackburn dienen als zentrale Gegenüberstellungen, um die Debatte zwischen Realisten und Anti-Realisten bezüglich moralischer Urteile und Regelfolgen zu verdeutlichen.
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- Olga Ramírez Calle (Author), 2004, Konsequenzen der post-empiristischen Sprachphilosophie für die metaethische Diskussion, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/176516