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Eine 'vulnerable family' in Wien zur Zeit des Nationalsozialismus

Title: Eine 'vulnerable family' in Wien zur Zeit des Nationalsozialismus

Seminar Paper , 2001 , 19 Pages , Grade: 1

Autor:in: Ilsemarie Walter (Author)

History of Germany - National Socialism, World War II
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Unter den vielen, mit der Methode der „oral history“ aufgezeichneten Zeitzeugenberichten finden sich kaum solche, die von GegnerInnen des Nationalsozialismus aus dem katholischen Milieu in Österreich stammen. Einer der Gründe für diese Forschungslücke mag sein, dass es kaum möglich ist, sich mit diesem Thema zu befassen, ohne auch das vorangegangene katholisch-autoritäre (oder in anderer Diktion faschistische) Regime in den Blick zu nehmen. Gespräche oder Diskussionen über diesen Zeitraum (1933 – 1938) sind in Österreich jedoch noch immer weitgehend tabu.

In der vorliegenden Arbeit wird ein Interview mit einer überzeugten Katholikin aus Wien dargestellt und analysiert, in dem der Schwerpunkt auf der Zeit von 1933 bis ungefähr 1946 liegt. Dieser Interviewpartnerin, einer 80jährigen, eindrucksvoll erzählenden und auch selbst die Ereignisse reflektierenden Dame, die ihre Zustimmung zur Veröffentlichung dieser Arbeit gegeben hat, soll an dieser Stelle herzlichst gedankt werden.

In dem ungefähr zwei Stunden dauernden Gespräch werden viele Facetten des an dramatischen Ereignissen reichen Zeitraums deutlich, wie sie sich im Erleben beteiligter Personen widergespiegelt haben. Da es sich um ein einzelnes Interview handelt, waren Vergleiche mit anderen Interviews nicht möglich, es konnte nur die spärlich vorhandene Literatur zu einzelnen Punkten herangezogen werden. Viele über das einzelne Leben hinausgehenden Fragen mussten offen bleiben. Dazu gehört unter anderem die Frage, ob das in diesem Bericht deutlich werdende offensichtlich vorhandene Widerstandspotential gerade junger katholischer Menschen nicht zum politischen Widerstand gegen das unmenschliche nationalsozialistische Regime und seine unmenschliche Ideologie hätte genützt werden können.

Die Arbeit enthält auch forschungsmethodologische Reflexionen, in denen Passagen aus der Methodenliteratur zur „oral history“ aufgegriffen und auf das konkrete Interview angewendet werden. Das Interview selbst wird dabei als Prozess betrachtet, in dem die beiden Gesprächspartnerinnen bestimmte Rollen einnehmen und die Beziehung zueinander von Bedeutung ist.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1. Das Interview

„Das hat mich zuinnerst empört“

Zweimal das gleiche Motiv

„Dort bin ich, dort bleibe ich“

Überwintern

„dass das nicht in Frage kommt, und dass ich so was nicht mach’“

Kompromisslosigkeit und Kompromisse

„Mein Vater hat sie nie aus den Augen gelassen“

Eine „vulnerable family“

„für uns war’s wie ein Gerücht über die Konzentrationslager“

Zwischen Nichtwissen und Wissen

„Ich habe nie verstanden, dass man nicht das österreichische Heer in Bewegung bringt“

Ein ungenütztes Widerstandspotential?

„Uns hat es nicht gestört, denn es war ja unsere Richtung“

Der österreichische „Ständestaat“ / „Austrofaschismus“

„alle haben gewusst, wer wer ist“

Die eigene Gruppe und die anderen

„Da hab’ ich gewusst, jetzt muss ich in die Pfarrgruppe gehen“

Brüche

„Ich fahr’ bestimmt nicht mit mit dem Schiff“

Das Fremde für mich

2. Weitere Überlegungen

1. Ein „Widerspruchspotential gegenüber verkürzten Generalisierungen“?

2. „Gewaltfreie Kommunikation“?

3. Sprache und Stil

4. Das Interview als Prozess

Zielsetzung & Themen

Die Arbeit untersucht anhand eines lebensgeschichtlichen Interviews mit einer katholisch geprägten Wienerin die Wahrnehmung und Bewältigung der Zeit des Nationalsozialismus in Österreich. Ziel ist es, den "Alltag" und die ideologischen Spannungsfelder aus der Perspektive einer Zeitzeugin zu beleuchten und kritisch zu hinterfragen, inwieweit individuelle Handlungsspielräume und katholische Milieubindungen eine Widerstandshaltung ermöglichten oder limitierten.

  • Analyse der nationalsozialistischen Zeit aus der Sicht einer katholischen Zeitzeugin.
  • Untersuchung von Identität, Gruppenzugehörigkeit und Abgrenzung im NS-Alltag.
  • Kritische Reflexion des Wissens und Nichtwissens über den Holocaust.
  • Methodische Auseinandersetzung mit Oral History und der Interviewbeziehung.
  • Erforschung des Widerspruchspotentials zwischen persönlichen Überzeugungen und politischem Druck.

Auszug aus dem Buch

„Das hat mich zuinnerst empört“

Zu diesem Interview habe ich F. gebeten, weil mich interessiert hat, wie in ihrem damaligen Milieu die Zeit des Nationalsozialismus erlebt wurde. Äußerst interessiert und bereitwillig sitzt mir meine fast 80jährige Bekannte gegenüber; es ist ihr offensichtlich ein Anliegen, ihre Sicht der Dinge darzustellen. Vor die Wahl gestellt, wo sie anfangen will, beginnt sie ihre Schilderung in den 30er Jahren und erzählt sehr bald von einem Ereignis, das ihr im Rückblick als eine Art politisches Schlüsselerlebnis erscheint:

„.. Richtig angefangen so nachzudenken über diese Dinge habe ich dann in der Mittelschule, das wird etwa 1935 gewesen sein, wo mich ein Zeichenprofessor aufgefordert hat, das war unser Klassenvorstand damals, und ich war sehr schlecht im Zeichnen, und da hat er mich natürlich (...) können – weil er mich aufgefordert hat, ihm mitzuteilen, aufzupassen, mitzuteilen, wer von den Mitschülerinnen ein Hakenkreuz trägt. Das hat mich zuinnerst empört, natürlich. Ich habe natürlich nie etwas gesagt...“

Viel später im Gespräch taucht dieses Motiv der „Aufforderung zum Bespitzeln“ noch einmal auf. F. erzählt, dass „der Mann, den sie gerne zum Mann gehabt hätte“ einrücken musste und dann als vermisst gemeldet wurde. Er sei bei der Armee des General Paulus gewesen, „der die Armee in die Gefangenschaft geführt hat“. 1945 sei er mit dem ersten Flugzeug aus Russland zurückgekehrt und bald habe sie dann erkannt, dass „etwas passiert“ sein musste.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Das Interview: Das Kapitel bietet eine ausführliche Analyse des Zeitzeugeninterviews, unterteilt in verschiedene thematische Schwerpunkte wie das Erleben des NS-Alltags, die Rolle der katholischen Kirche und das persönliche Umgehen der Zeitzeugin mit dem politischen Druck.

2. Weitere Überlegungen: Hier reflektiert die Autorin methodische Aspekte, wie das Widerspruchspotential biographischer Erzählungen, die Problematik der "gewaltfreien Kommunikation" im Interview sowie die sprachliche Konstruktion und den Prozesscharakter lebensgeschichtlicher Dokumentation.

Schlüsselwörter

Oral History, Nationalsozialismus, Österreich, katholisches Milieu, Lebensgeschichte, Zeitzeugenschaft, Widerstand, Ständestaat, Identität, Erinnerung, Verfolgung, Alltag, Ideologie, Biografie, Wien.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in der Arbeit grundlegend?

Die Arbeit analysiert die Lebensgeschichte einer Wiener Zeitzeugin, die in einem katholischen Umfeld aufwuchs, um zu verstehen, wie sie die Zeit des Nationalsozialismus in Österreich wahrgenommen und verarbeitet hat.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Die Arbeit fokussiert auf die Dynamik von Gruppenzugehörigkeiten, das Spannungsfeld zwischen katholischer Identität und NS-Ideologie sowie die Konstruktion biographischer Erinnerungen.

Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?

Ziel ist es, den individuellen Handlungsspielraum einer überzeugten Katholikin in einer totalitären Diktatur zu erforschen und dabei die Grenzen von Widerstand und Anpassung zu eruieren.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Die Autorin nutzt die Methode der Oral History, basierend auf einem ausführlichen lebensgeschichtlichen Interview, und ergänzt dies durch eine kritische Reflexion des Interviewprozesses.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in eine Analyse der Interviewinhalte – wie Schlüsselerlebnisse, das Thema "Wissen/Nichtwissen" über den Holocaust und den Umgang mit dem Kriegsende – sowie in methodische Überlegungen zur biographischen Analyse.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Wesentliche Begriffe sind Oral History, katholisches Milieu, Nationalsozialismus, biographische Erinnerung und Lebensgeschichte.

Wie geht die Zeitzeugin mit dem Thema "Konzentrationslager" um?

Die Zeitzeugin äußert ein Nichtwissen über die Ausmaße der Konzentrationslager und ordnet diese Informationen retrospektiv als "Gerüchte" ein, während sie gleichzeitig ihre Beobachtungen von Gewaltakten im Alltag schildert.

Welchen Einfluss hatte das "katholische Milieu" auf die Handlungen der Befragten?

Das Milieu bot einen Rückzugsort und eine ethische Orientierung, die half, eine innere Distanz zum NS-Regime zu wahren, limitierte jedoch gleichzeitig die Möglichkeiten für einen aktiven politischen Widerstand.

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Details

Title
Eine 'vulnerable family' in Wien zur Zeit des Nationalsozialismus
College
University of Vienna  (Institut für Geschichte)
Course
Autobiographien und Oral History im 20. Jahrhundert
Grade
1
Author
Ilsemarie Walter (Author)
Publication Year
2001
Pages
19
Catalog Number
V17781
ISBN (eBook)
9783638222655
ISBN (Book)
9783638801782
Language
German
Tags
Eine Wien Zeit Nationalsozialismus Autobiographien Oral History Jahrhundert
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Ilsemarie Walter (Author), 2001, Eine 'vulnerable family' in Wien zur Zeit des Nationalsozialismus, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/17781
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