Das Postulat der Existenz Gottes

Darstellung und Analyse des kantischen Gottesbegriffs in der 'Kritik der praktischen Vernunft'


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011

21 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Höchstes Gut und Antinomie der praktischen Vernunft
2.1. Das höchste Gut
2.2. Die Antinomie der praktischen Vernunft
2.3. Zur kritischen Aufhebung der Antinomie der praktischen Vernunft

3. Gott als Postulat der reinen praktischen Vernunft

4. Kants Kritik an den griechischen Schulen

5. Das Reich Gottes gemäß der Lehre des Christentums im Sinne Kants

6. Das Gebot, das höchste Gut zu befördern

7. Schluss

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Nach Immanuel Kant sind alle auf der reinen Vernunft begründeten Gottesbeweise, womit der kosmologische, der ontologische wie auch der teleologische Gottesbeweis gemeint sind, zum Scheitern verurteilt, da dem Menschen bei diesen der zwingende Beweis für die Existenz des Transzendenten fehlt. Doch es war nicht in Kants Sinne die Existenz Gottes, aufgrund der Widerlegung aller klassischen Gottesbeweise, vollkommen abzulehnen. Er ließ bloß ausschließlich Erkenntnisse zu, welche durch die Vernunft legitimiert wurden. Somit beinhaltet seine Gotteskonzeption, dass Gott nicht in der theoretischen Erkenntnis, sondern in der moralischen zu finden ist. Für diesen moralischen Gottesbeweis formulierte er in seiner Kritik der praktischen Vernunft Postulate, wobei er von einer grundlegenden Differenz von Pflicht und Neigung ausgeht. Doch der nach Glückseligkeit strebende Mensch kann diese nur erreichen beziehungsweise sich ihrer erst einmal als würdig erweisen, wenn er diese Gegensätze vereinen kann. Das erste Postulat der praktischen Vernunft umfasst daher die Willensfreiheit, da der Mensch frei sein muss, um Neigung und Pflicht überhaupt vereinen zu können. Der Mensch handelt als Vernunftwesen aus Achtung vor dem Gesetz und damit gemäß des kategorischen Imperativs, der ihm moralische Vollkommenheit gebietet. Doch im irdischen Leben ist diese nicht erlangbar, wodurch der Mensch es nicht auf Dauer erreichen kann Neigung und Pflicht zu vereinen. Daher muss ein Leben über den Tod hinaus möglich sein, das die Unsterblichkeit der Seele postuliert. Das dritte Postulat Kants umfasst die Existenz Gottes und stellt den zentralen Untersuchungsgegenstand der vorliegenden Hausarbeit dar. Denn erst Gott stellt die Verbindung von Glückseligkeit und Moralität her, womit das höchste Gut, wonach der Mensch strebt, erreicht werden kann. Demnach bildet es die Transzendenz, welche den klassischen Gottesbeweisen fehlt. Doch wie setzt sich der moralische Gottesbeweis in der Dialektik der Kritik der praktischen Vernunft im Konkreten zusammen und wovon ist er abhängig?

Einführend in die Untersuchung des kantischen Gottesbegriffs soll nicht allein das höchste Gut definiert werden, sondern ebenso eine Erläuterung hinsichtlich der Antinomie der praktischen Vernunft sowie ihrer Auflösung mit Hilfe des Gottespostulats vorgenommen werden. Nach einer umfangreichen Analyse des Postulats der Existenz Gottes hinsichtlich seiner Entwicklung und besonderen Merkmale, soll des Weiteren Bezug auf die Positionen der griechischen Schulen genommen werden, welche ebenfalls in Kants Dialektik Erwähnung finden. Es stellt sich die Frage, ob Gott auch von ihnen als Bedingung der Möglichkeit des höchsten Guts postuliert wird. Des Weiteren findet sich in dem Kapitel zum Gottespostulat in der Kritik der praktischen Vernunft Kants Auslegung der christlichen Lehre in Form eines Reich Gottes. Diese Interpretation nach der Lehre des Christentums soll ebenfalls in der vorliegenden Arbeit diskutiert werden. Abschließend gilt es zu beweisen, warum das Gebot, das höchste Gut zu befördern, für Kants Postulat Gottes solch eine wesentliche Rolle spielt.

2. Höchstes Gut und Antinomie der praktischen Vernunft

2.1. Das höchste Gut

Kants moralischer Gottesbeweis hat seinen Ansatz nicht, wie angenommen werden könnte, in der unbedingten Verbindlichkeit des Sittengesetzes, sondern im höchsten Gut, welches den Gegenstand der verantwortlichen und freien Handlungen bildet. Der Glaube an Gott nimmt bei Kant starken Bezug zu seiner Darstellung des Ideals des höchsten Guts. Er spricht vom „Begriffe des höchsten Guts, als dem eines Ganzen, worin die größte Glückseligkeit mit dem größten Maße sittlicher (in Geschöpfen möglicher) Vollkommenheit, als in der genauesten Proportion verbunden vorgestellt wird, [und] meine eigene Glückseligkeit mit enthalten ist.“[1] Daraus ergibt sich, dass nicht allein die Sittlichkeit das höchste Gut darstellt, sondern der Begriff des Höchsten sogar zwei Komponenten enthält. Die Sittlichkeit als Glückswürdigkeit bildet zwar das oberste Gut, doch „das vollendete Gut enthält nicht nur die Sittlichkeit, sondern auch ihre Beziehung zur Glückseligkeit, die sich selbst zum natürlichen Zweck des menschlichen Lebens macht, und darüberhinaus auch als Zweck der Welt angesehen werden kann.“[2] Hieraus ergibt sich für den kantischen Begriff des höchsten Guts eine synthetisch a priorische Verbindung von Tugend und Glückseligkeit, wobei die Tugend eine systematische proportionale Beziehung zur Glückseligkeit aufweist und die sogenannte Glückswürdigkeit impliziert.

Die Kritik der praktischen Vernunft leitet den Begriff des höchsten Guts vom Vernunftstreben nach dem Unbedingten ab: Die Vernunft „sucht, als reine praktische Vernunft, zu dem Praktisch-Bedingten (was auf Neigungen und Naturbedürfnis beruht) ebenfalls das Unbedingte, und zwar nicht als Bestimmungsgrund des Willens, sondern, wenn dieser auch (im moralischen Gesetze) gegeben worden, die unbedingte Totalität des Gegenstandes der reinen praktischen Vernunft, unter dem Namen des höchsten Guts.“ (AA S. 108) Der folgende Widerstreit im Gebrauch der praktischen Vernunft, den Kant in den Abschnitten I und II seiner Dialektik ausführt, ergibt sich allerdings nicht aus der Suche nach dem Unbedingten, sondern aus den sachlichen Gründen, welche sich auf die Verwirklichung des höchsten Guts beziehen. „Die systematische Verbindung des Begriffes vom höchsten Gut mit einer Antinomie der praktischen Vernunft und damit mit einer Dialektik derselben [bilden] das Eigentümliche der Lehre Kants vom höchsten Gut in der KpV.“[3]

2.2. Die Antinomie der praktischen Vernunft

Die synthetische Verbindung von Tugend und Glückseligkeit wirft in Abschnitt I des zweiten Buches der Dialektik die Frage nach der Realisation des höchsten Guts auf. Kant formuliert seine Antinomie wie folgt: „Es muß also entweder die Begierde nach Glückseligkeit die Bewegursache zu Maximen der Tugend, oder die Maxime der Tugend muß die wirkende Ursache der Glückseligkeit sein.“ (AA S. 113) Hierbei stellt er zwei widerstreitende Sätze auf, wobei Tugend und Glückseligkeit jeweils die eine Komponente als Ursache der anderen annehmen. Die Thesis beinhaltet das Streben nach Glückseligkeit als Bewegursache der Tugend und die Antithesis, dass die Tugend den Bewegungsgrund der Glückseligkeit ausmacht. Die Thesis vertritt eine Sittenlehre, welche rein von aller Glückseligkeitslehre entwickelt wird und steht somit im Gegensatz zu Kants Moralphilosophie. Die Analytik der Kritik der praktischen Vernunft lehnt den Eudämonismus entschieden ab. Aus diesem Grund erklärt Kant diesen Satz für „schlechterdings unmöglich“ (AA S. 113) und erwähnt ihn auch in der darauffolgenden Aufhebung der Antinomie nicht mehr. Die Antithesis, nach welcher die Tugend die Glückseligkeit hervorbringt, stellt aufgrund einer Vernunftidee eine Aufforderung an die Wirklichkeit. Doch auch dieser Satz wird von ihm für unmöglich erklärt, da die Natur „sich nicht nach moralischen Gesinnungen des Willens“ (AA S. 113) richtet.[4]

2.3. Zur kritischen Aufhebung der Antinomie der praktischen Vernunft

Abschnitt II der Dialektik soll die Lösung der Antinomie bieten und den Schlüssel zur Aufhebung des dialektischen Scheins liefern. Kant erinnert in diesem Abschnitt an die Denkbarkeit der Freiheit in der Antinomie der reinen spekulativen Vernunft (Kritik der reinen Vernunft), nach der in der Sinnenwelt eine intelligible Kausalität nicht ausgeschlossen wird und behauptet, es sei bei der Antinomie der praktischen Vernunft ähnlich. (Vgl.: AA S. 114) Er geht davon aus, dass Erscheinungen nicht mit Dingen an sich gleichgesetzt werden dürfen. Womit es zur Auflösung des dialektischen Scheins der praktischen Vernunft gehört, dieses Missverständnis, dass „man das Verhältnis zwischen Erscheinungen für ein Verhältnis der Dinge an sich selbst zu diesen Erscheinungen hielt“ (AA S. 115) aufzulösen.

Weiterhin soll eine reale Möglichkeit des höchsten Guts in der Sinnenwelt vermittelt werden. Die Antithesis gilt auch nur so lang als „schlechterdings falsch, […] so fern sie als die Form der Kausalität in der Sinnenwelt betrachtet wird“ (AA S. 114) Trifft dies nicht zu, ist sie „nur bedingterweise falsch“ (AA S. 114), womit das höchste Gut denkbar wird. Die Verwirklichung des höchsten Guts beruht auf der Reflexion eines vernunftbegabten Wesens über einen Bestimmungsgrund der eigenen Kausalität: „Da ich aber nicht allein befugt bin, mein Dasein auch als Noumenon in einer Verstandeswelt zu denken, sondern sogar am moralischen Gesetze einen rein intellektuellen Bestimmungsgrund meiner Kausalität (in der Sinnenwelt) habe, so ist es nicht unmöglich, daß die Sittlichkeit der Gesinnung einen, wo nicht unmittelbaren, doch mittelbaren (vermittelst eines intelligibelen Urhebers der Natur) und zwar notwendigen Zusammenhang, als Ursache, mit der Glückseligkeit, als Wirkung in der Sinnenwelt habe, welche Verbindungen in einer Natur, die bloß Objekt der Sinne ist, niemals anders als zufällig stattfinden, und zum höchsten Gute nicht zulangen kann.“ (AA S. 114f.) Demzufolge schafft die sittliche Erfahrung nicht allein eine Welt, in welcher das Unbedingte des Sittengesetzes und der Freiheit existiert, sondern erlaubt dem Menschen einen Zugang zum Absoluten eines Welturhebers, dem sogar die Natur untersteht. „Daß wir frei sind, ist Bedingung der Moralität. Daß aber die Moralität einen absoluten Anspruch an unsere Freiheit stellen kann, ist seinerseits durch die reale Möglichkeit des höchsten Gutes, näherhin der Glückseligkeit, bedingt. Letzteres ist durch die Existenz Gottes bedingt.“[5] Das heißt durch den Glauben an einen Schöpfer würde die Möglichkeit des höchsten Guts in der Sinnenwelt erst denkbar werden. Somit könnte aus der Formulierung des Begriffs dieses intelligiblen Urhebers die Aufhebung des Scheins im praktischen Urteil geschlossen werden, womit die Möglichkeit des höchsten Guts durch die Annahme einer Existenz Gottes gesichert wäre. Damit sind an dieser Stelle die Weichen für die Behandlung der Postulate der Unsterblichkeit der Seele und der Existenz Gottes gestellt. Jedoch ist das Gottespostulat hinsichtlich der Lösung der Dialektik wesentlich entscheidender als das erste Postulat. Schließlich geht es „ja darum, die Kluft zwischen Tugend (deren Wesen und Möglichkeit bereits aus der Analytik feststeht) und der Glückseligkeit auszufüllen – eine Aufgabe bzw. Forderung, mit der weder die Natur noch wir selber als freie Wesen fertig werden können.“[6]

3. Gott als Postulat der reinen praktischen Vernunft

Zwar wird die Lösung der Dialektik bereits in Abschnitt II erwähnt, nämlich dass nur ein intelligibler Urheber einen Zusammenhang von Sittlichkeit und Glückseligkeit erzeugen kann. Doch ihre vollkommene Ausformulierung findet sie erst in dem Kapitel über das Postulat der Existenz Gottes. Der Terminus Postulat wird an die traditionelle Argumentation, die moralischer Gottesbeweis genannt wird, angeschlossen und somit annähernd gleichgesetzt, da in der Kritik der Urteilskraft ebenfalls von einem „moralischen Beweis des Daseins Gottes“[7] die Rede ist. Unter einem Postulat der reinen praktischen Vernunft versteht Kant „einen theoretischen, als solchen aber nicht erweislichen Satz […], so fern er einem a priori unbedingt geltenden praktischen Gesetze unzertrennlich anhängt.“ (AA S. 122) Das heißt es fehlt ihm die Beweiskraft, um seine Ideen bezüglich des Daseins Gottes zu stützen, weshalb er lediglich eine Annahme der Existenz eines göttlichen Wesens fordern kann. Er bezeichnet die Postulate weiterhin als „Voraussetzungen in notwendiger praktischer Rücksicht […die] den Ideen der spekulativen Vernunft im allgemeinen (vermittelst ihrer Beziehung auf das Praktische) objektive Realität [geben], und berechtigen sie zu Begriffen, deren Möglichkeit auch nur zu behaupten sie sich sonst nicht anmaßen könnte[n].“ (AA S. 132)

Das Postulat Gottes zeichnet sich vor allem dadurch aus, „daß Kant hier seine ältere Lehre vom höchsten Gut als Verbindung von Tugend und Glückseligkeit übernommen und sie zu einem moralischen Gottesbeweis ausgeformt hat, in dem Gott als Urheber dieser Verbindungen postuliert wird. Als solcher ist diese Art moralischen Gottesbeweises in ‚hohem Maße Kants eigene Leistung.‘“[8]

Er beginnt seine Darstellung des Postulats Gottes in Kapitel V des 2. Hauptstücks mit dem Hinweis darauf, dass neben der Sittlichkeit auch die Glückseligkeit dem höchsten Gut zugeordnet wird und dass erstere das Postulat der Unsterblichkeit bestimmt. Bei der Glückseligkeit hingegen wird jedoch als Möglichkeit des höchsten Guts das Dasein Gottes vorausgesetzt. Die Struktur der Argumentation setzt sich dabei folgendermaßen zusammen: Kant definiert die Glückseligkeit auf empirische Art und Weise als „Zustand eines vernünftigen Wesens in der Welt, dem es, im Ganzen seiner Existenz, alles nach Wunsch und Willen geht, und beruhet also auf der Übereinstimmung der Natur zu seinem ganzen Zwecke, imgleichen zum wesentlichen Bestimmungsgrunde seines Willens.“ (AA S. 124) Wenn die Glückseligkeit zum ganzen Zwecke des Menschen zählt, so bildet sie das Endziel. Folglich stellt sie das „Zielobjekt des Sittengesetzes als Gesetz der Verwirklichung der menschlichen Natur“[9] dar. Doch für die Verwirklichung der Glückseligkeit ist die Übereinstimmung der Natur zur Bestimmung des Menschen unabdingbar. Dass die Natur die Glückseligkeit und damit die Vollkommenheit des Menschen herbeiführt, hängt nicht allein davon ab, ob sie das Endziel ist, sondern auch von der Moralität des Menschen und der damit verbundenen Willensbestimmung. Hierzu verweist der Autor der Kritik der praktischen Vernunft auf „das moralische Gesetz, als ein Gesetz der Freiheit, durch Bestimmungsgründe, die von der Natur und der Übereinstimmung derselben zu unserem Begehrungsvermögen […] ganz unabhängig sein sollen.“ (AA S. 124) Das bedeutet, die Bestimmungsgründe des Gesetzes stehen in keiner Abhängigkeit zum Endzweck des menschlichen Daseins und sind damit ebenfalls unabhängig von der Verwirklichung der Glückseligkeit durch die Natur. Giovanni B. Sala spricht an dieser Stelle sogar von einer bestehenden Diskrepanz der Natur zur Verwirklichung der Glückseligkeit. Denn sie richtet sich nicht nach der Moralität des Menschen, ganz gleich ob das Sittengesetz vom Ziel des Menschen absieht oder sich als Gesetz der Verwirklichung mit diesem Ziel verbindet.[10] Der Mensch besitzt nicht die Macht, um die Natur mit seiner Moralität in Einstimmigkeit zu versetzen. Des Weiteren wird in der Kritik der praktischen Vernunft festgehalten, dass der Mensch als freies und vernünftig handelndes Wesen nicht die „Ursache der Welt und der Natur selbst“ (AA S. 124) ist. Demzufolge enthält weder das moralische Gesetz, welches als rein formal gilt, noch der Mensch, der nicht Herr über die Natur ist, einen Grund für den Zusammenhang „zwischen Sittlichkeit und der ihr proportionierten Glückseligkeit.“ (AA S. 124)

Bisher behandelte der Abschnitt über das Gottespostulat besonders den Endzweck des Menschen, genauer die Glückseligkeit, unter der Voraussetzung, der Mensch sei ein freies und verantwortliches Geschöpf. Weiterhin wird allerdings darin aufgeführt, dass das moralische Gesetz unfähig ist diesen Endzweck herbeizuführen. Daher kann aus der Verbindlichkeit des moralischen Gesetzes nur noch die Postulierung der Existenz Gottes folgen. Ansonsten würde das Sittengesetz den Menschen zu einem bestimmten freien Verhalten vollkommen verpflichten, welches das unabdingbare Ziel der Freiheit aber nie erreichen kann und letztendlich ins nivellierende Nichts führen würde, was einem unmoralischen Lebenswandel gleich käme. Doch eine absolute Inanspruchnahme zum Nichts hin wäre vollkommen absurd. Aus dem Zusammenhang von moralischem Gesetz und Glückseligkeit und dem darin implizierten Zusammenhang von moralischem Gesetz und dem Dasein Gottes folgt, dass die Verbindlichkeit des Sittengesetztes durch die Existenz Gottes bedingt wird.[11] An dieser Stelle kommt ein Dilemma, zwischen „einerseits der Geltung des Sittengesetzes bei gleichzeitiger Aufhebung der Autonomie des Menschen und andererseits der Aufrechterhaltung der Autonomie des Menschen bei gleichzeitiger Preisgabe des Endzwecks des Gesetzes und somit […] sich ergebenden Sinnlosigkeit des Sittengesetzes“[12] zustande. Kant meint dem entgehen zu können, indem er ein besonderes Gebot aufstellt: „Wir sollen das höchste Gut […] zu befördern suchen.“ (AA S. 125) Jedoch enthält der eigentliche Gegenstand dieses Gebots nur einen Teil des höchsten Guts und zwar die Glückseligkeit. Denn die Handlung gemäß des Sittengesetzes und der daraus folgenden Verwirklichung der Tugend begründet sich bereits in der Analytik ohne dass dort auf den Begriff des höchsten Guts rekurriert wurde. Kant denkt demzufolge bei der Postulierung einer transzendenten Ursache, welche das höchste Gut verwirklichen soll, an eine Ursache der Glückseligkeit, da die Ursache der Tugend bereits der freie Mensch ausmacht.

[...]


[1] Kritik der praktischen Vernunft. Hrsg. von Horst D. Brandt und Heiner F. Klemme. Meiner: Hamburg

2003 (= Philosophische Bibliothek 506) S. 174. Es wird im Folgenden nach der Akademie-Ausgabe unter

der Verwendung der Sigle AA und der Seitenangabe zitiert.

[2] Chen, Jau-hwa: Kants Gottesbegriff und Vernunftreligion. Bonn: Univ., Diss. 1993. S. 90.

[3] Sala, Giovanni B.: Kant und die Frage nach Gott. Gottesbeweise und Gottesbeweiskritik in den Schriften

Kants. Berlin; New York: de Gruyter 1990 (= Kantstudien: Ergänzungshefte 122) S. 403.

[4] Vgl.: Sala, Giovanni B.: Kant und die Frage nach Gott 1990. S. 407ff.

[5] Ebd. S. 411.

[6] Ebd.

[7] Kritik der Urteilskraft. Beilage: Erste Einleitung in die Kritik der Urteilskraft. Hrsg. von Heiner F.

Klemme. Meiner: Hamburg 2006 (= Philosophische Bibliothek 507) S. 377.

[8] Sala, Giovanni B.: Kants „Kritik der praktischen Vernunft“. Ein Kommentar. Darmstadt:

Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2004. S. 283.

[9] Sala, Giovanni B.: Kant und die Frage nach Gott 1990. S. 412.

[10] Vgl.: Sala, Giovanni B.: Kant und die Frage nach Gott 1990. S. 413.

[11] Vgl.: Ebd. S. 413f.

[12] Sala, Giovanni B.: Kants „Kritik der praktischen Vernunft“ 2004. S. 290f.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Das Postulat der Existenz Gottes
Untertitel
Darstellung und Analyse des kantischen Gottesbegriffs in der 'Kritik der praktischen Vernunft'
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Kants Kritik der praktischen Vernunft
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
21
Katalognummer
V177870
ISBN (eBook)
9783640997350
ISBN (Buch)
9783640997121
Dateigröße
566 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Kommentar des Dozenten: In ihrer Arbeit untersucht die Autorin das Postulat der Existenz Gottes, indem sie umfassend die einzelnen Begründungsschritte offenlegt und die entsprechenden Bezüge zu dem von Kant eingeführten höchsten Guten sowie den Antinomien der Vernunft herausarbeitet. Die Gliederung sowie die Ausführung der präzisen und zugleich kompakten Darstellung sind übersichtlich und gut nachvollziehbar, woraus sich für den Leser ein instruktiver Einblick in den Problemzusammenhang ergibt. Insgesamt handelt es sich um eine solide und kenntnisreiche Erörterung.
Schlagworte
Kant, Kritik der praktischen Vernunft, Höchste Gut, Postulat Gottes, Gottesbeweis, Antinomie
Arbeit zitieren
Rebecca Tille (Autor), 2011, Das Postulat der Existenz Gottes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/177870

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