Die Ermordung der Agrippina


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

17 Seiten, Note: 2.0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Tacitus und die Annales

3. Tacitus’ Schilderung der Ermordung der Agrippina

4. Zusammenfassung

5. Bibliographie

1. Einleitung

In dieser Arbeit beschäftige ich mich mit den Nero-Büchern der Annales des römischen Ge- schichtsschreibers Publius Cornelius Tacitus, wobei ich mein Hauptaugenmerk auf die Er- mordung der Mutter Neros, Agrippina (ann. 14, 1 ff.), legen möchte. Zunächst scheint es mir wichtig, das Werk und seinen Autor in den Kontext der römischen Historiographie einzuord- nen. Im Hauptteil meiner Arbeit versuche ich, die schriftstellerische Leistung des Tacitus in angemessener Weise zu würdigen, indem ich die Ermordung der Agrippina in den Gesamtzu- sammenhang der Annales einbette und in einer möglichst umfassenden interpretatorischen Darstellung den Gedankengang des Autors offenlege und deute. Dabei möchte ich vor allem auch die Frage diskutieren, inwieweit sich die Annales als Quelle für die Geschichte der römischen Kaiserzeit eignen. Darüber hinaus werde ich an einigen Stellen auch auf die Schilderung der Ermordung Agrippinas in Suetons Nero-Biographie zu sprechen kommen.

2. Tacitus und die Annales

Der römische Geschichtsschreiber Publius Cornelius Tacitus (ca. 55 - ca. 120 n. Chr.), ein Vertreter der silbernen Latinität, überlebte die Terrorherrschaft Domitians (81 - 96 n. Chr.) und konnte erst unter Kaiser Trajan ohne Gefahr für Leib und Leben damit beginnen, litera- risch tätig zu sein. „Nach der Ermordung Domitians im Jahre 96 brachen Kontroversen darüber aus, wie sich Senatoren gegenüber einem Kaiser zu verhalten hätten. Auf diese Frage antwortete Tacitus zunächst mit dem Agricola, später mit seinen beiden großen historiogra- phischen Werken, Historiae und Annales“ (Flaig 2001: 1210). Er porträtiert mit bitter-ironi- schem Unterton die Herrschaft des Julisch-Claudischen Hauses und warnt vor den Gefahren uneingeschränkter Macht.

Die Annales, deren ursprünglicher Titel wohl Ab excessu Divi Augusti lautete, sind das letzte große Werk des Tacitus. Das mindestens 16 Bücher umfassende Geschichtswerk deckt die Zeit vom Tode des Augustus (14 n. Chr.) bis zum Tode Neros (68 n. Chr.) ab, also die Herrschaft der Kaiser Tiberius, Caligula, Claudius und Nero. Dabei sind jedoch nur die Bücher über Tiberius und Nero fast vollständig erhalten. Vermutlich basieren die Annales auf einer Vielzahl von Quellen, über deren Zuverlässigkeit sich aber keine genauen Aussagen treffen lassen, da Tacitus sie fast nie nennt.

Der Autor verbindet mehrere Historikermethoden zu seiner ganz eigenen. „Tacitus is an historian, and the ancient historian played many roles as he presented and interpretated his material: an historical methodologist, a moralist, a psychologist, a political analyst, and, far from least, a literary artist“ (Mellor 1993: 29). Er berücksichtigt in erster Linie die Kaiser und die Kaiserstadt Rom, wobei er einen der Hauptschwerpunkte auf das Verhältnis zwischen Senat und Kaiser legt. „As a moral historian, Tacitus demands that individual responsibility and free will remain a central element in his narative and in the destiny of the Roman people“ (ibid.: 31). Er kritisiert den politischen und moralischen Verfall, der eingetreten ist, weil der römische Senat es nicht geschafft hat, sich dem neuen System, dem Prinzipat, anzupassen. Die Mehrheit der Senatoren verzichteten jetzt darauf, ihren eigenen Willen durchzusetzen. „In antiquity, all serious writers intended both to entertain and to teach, and history was a literary genre, not the scientific one that it became in modern times. [...] The historian records in order to explain; he explains in order to teach“ (ibid.: 29/30).

Tacitus schrieb weder wissenschaftlich fundierte Geschichte noch eine bloße Chronik der Ereignisse (vgl. Mellor 1993: 45). Ausgehend von der Psyche, der Moral und den inneren Motivationen der Mächtigen im Kaiserhaus beschreibt, analysiert, erklärt und deutet der Autor die politischen Ereignisse. „Some critics suggested that Tacitus created a new genre which combined the political aim of history with the ethical goal of ancient biography, and thereby foreshadowed later drama and even the novel“ (ibid.: 135).

3. Tacitus’ Schilderung der Ermordung der Agrippina

Nero (37 - 68 n. Chr.), der letzte Kaiser aus dem Julisch-Claudischen Haus, war der Sohn des Senators Gnaeus Domitius Ahenobarbus und der Agrippina der Jüngeren. Diese war die Schwester des Kaisers Caligula sowie die Tochter von Agrippina der Älteren und Germanicus Caesar, dem Enkel des Kaisers Augustus. Agrippina hatte 49 n. Chr. ihren Onkel, Kaiser Claudius, geheiratet und ihn dazu gebracht, ihren Sohn Nero zu adoptieren und diesen seinem eigenen Sohn Britannicus vorzuziehen. Darüber hinaus arrangierte sie im Jahre 53 n. Chr. die Heirat Neros mit des Kaisers Tochter Octavia.

Mit der Erziehung ihres Sohnes beauftragte sie Lucius Annaeus Seneca (um 4 v. Chr. - 65 n. Chr.). Dieser war im Jahre 41 aufgrund einer Hofintrige nach Korsika verbannt worden, Agrippina hatte ihn jedoch bald nach ihrer Hochzeit mit Claudius wieder zurückgerufen (vgl. Dingel 2001: 412). Dabei konnte sie sich der Loyalität Senecas sicher sein, hatte sie doch große Anstrengungen zu seiner Rehabilitierung unternommen. „[Agrippina also convinced Claudius] that two Prefects [for the Praetorian Guard] only interfered with the guard discipline by their mutual rivalry. She produced, as a candidate for the single Prefecture, the irreproachable Burrus, known to Claudius as his financial agent, yet hereafter bound by loyality to his wife who had raised him unexpectable to such heights“ (Griffin 1984: 68). Als die Ratgeber des Claudius ihn darauf aufmerksam machten, dass er seinen Spross Britannicus mit solchen Entscheidungen erheblich benachteiligte, und er ihnen Gehör zu schenken schien, ließ Agrippina ihren Mann 54 n. Chr. vergiften, ihren Sohn Nero schließlich von den Prätorianern zum Kaiser ausrufen und vom Senat bestätigen (vgl. Eck 2000: 851). „At the accession of a new Princeps or when a serious conspiracy threatened the throne, the loyality of the praetorians could determine the course of history. For this reason, they became involved in intrigue regarding the succession“ (Griffin 1984: 68).

Nach der Machtergreifung Neros übernahmen Agrippina, sein Erzieher Seneca und der Präto- rianerpräfekt Sextus Afranius Burrus für ihn die Regierungsgeschäfte (55 - 59 n. Chr.). Für Seneca und Burrus stellte sich nun das Problem, dass sie zwar durch Agrippina zu ihrer einflussreichen Stellung gelangt waren, doch als Vertraute Neros wollten sie ihn möglichst auch dem übermächtigen Einfluss seiner Mutter entziehen. Somit bahnte sich schon früh ein Machtkampf zwischen Agrippina und des Kaisers beiden Beratern an. Seine Mutter hatte Nero gegen alle Widerstände den Thron verschafft, doch nun wollte sie ihre Vorstellung von Macht verwirklichen und erweckte damit das Missfallen Senecas und Burrus’ (vgl. ibid.: 76). „Agrippina was a formidable adversary. She had political allies at all levels, acquired during Claudius’ reign, and she knew how to exploit her Augustan lineage and descent from Germanicus to the full. [...] She certainly exploited the habits of obedience Nero acquired in childhood towards his sole parent, and she never hesitated to remind him of her efforts in securing him the throne“ (Griffin 1984: 73).1

Tacitus ordnet in den Nero-Büchern der Annales die geschichtlichen Ereignisse immer um die Personen an, die Neros Herrschaft gerade beeinflussen. Jolanda Tresch unterscheidet dabei drei Phasen (vgl. Tresch 1965: 75): In der ersten Phase seiner Herrschaft lenken Agrippina, Seneca und Burrus die Entscheidungen des Kaisers. Agrippina zieht im Machtkampf jedoch den kürzeren und wird schließlich ermordet. In einer zweiten Phase gewinnt Neros Geliebte und spätere Ehegattin Poppaea Sabina, deren Einfluss am Ende der ersten Phase schon beträchtlich gewachsen ist, an Macht, Seneca und Burrus treten hingegen immer mehr in den Hintergrund. In der dritten und letzten Phase seiner Herrschaft gerät Nero zunehmend unter den schlechten Einfluss des Tigellinus.

[...]


1 In ann. 13, 21, 3 lässt Tacitus Agrippina ganz offen ihre Absichten erklären: „cum meis consiliis adoptio et proconsulare ius et designatio consulatus et cetera apiscendo imperio praepararentur“ (vgl. Späth 1994: 92).

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Details

Titel
Die Ermordung der Agrippina
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Latinistik)
Note
2.0
Autor
Jahr
2005
Seiten
17
Katalognummer
V178148
ISBN (eBook)
9783640999309
ISBN (Buch)
9783640999187
Dateigröße
443 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tacitus, Annalen, Agrippina, Nero, Geschichte
Arbeit zitieren
Patrick Roesler (Autor:in), 2005, Die Ermordung der Agrippina, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/178148

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