Leseprobe
Inhalt
Vorwort
Die Spätbronzezeit in Österreich
Abfolge und Verbreitung der Kulturen und Gruppen
Die große Zeit der Wallburgen
Die Urnenfelder-Kultur von etwa 1300/1200 bis 800 v. Chr.
Golden glänzten die Helden in der Sonne
Die Nordtiroler Urnenfelder-Kultur von etwa 1300/1200 bis 800 v. Chr.
Grabhügel, Bronzepanzer, Sonnensymbole Die Caka-Kultur von etwa 1300 bis 1200 v. Chr.
Das Heiligtum auf dem Schlern
Die Laugen-Melaun-Gruppe von etwa 1200 bis 800 v. Chr. / S. 109
Anmerkungen
Literatur
Bildquellen
Die wissenschaftliche Graphikerin Friederike Hilscher-Ehlert
Der Autor Ernst Probst
Bücher von Ernst Probst
Vorwort
Rund 500 Jahre Urgeschichte von etwa 1300/1200 bis 800 v. Chr. passieren in dem Taschenbuch »Österreich in der Spätbronzezeit« in Wort und Bild Revue. Es befasst sich mit den Kulturen und Gruppen, die in dieser Zeitspanne im Gebiet der heutigen Alpenrepublik existierten. Geschildert werden die Anatomie und Krankheiten der damaligen Ackerbauern, Viehzüchter und Bronzegießer, ihre Siedlungen, Kleidung, ihr Schmuck, ihre Keramik, Werkzeuge, Waffen, Haustiere, Jagdtiere, ihr Verkehrswesen, Handel, ihre Kunstwerke und Religion.
Verfasser ist der Wiesbadener Wissenschaftsautor Ernst Probst, der sich vor allem durch seine Werke »Deutschland in der Urzeit« (1986), »Deutschland in der Steinzeit« (1991) und »Deutschland in der Bronzezeit« (1996) einen Namen gemacht hat. Das Taschenbuch »Österreich in der Spätbronzezeit« ist Dr. Elisabeth Ruttkay (1926— 2009) und Dr. Johannes-Wolfgang Neugebauer (1949— 2002) gewidmet, die den Autor mit Rat und Tat bei seinen Werken über die Steinzeit und Bronzezeit unterstützt haben. Es enthält Lebensbilder der wissenschaftlichen Graphikerin Friederike Hilscher-Ehlert aus Königswinter.
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Der dänische Archäologe
Christian Jürgensen Thomsen (1788—1865)
hat 1836 die Urgeschichte
nach dem jeweils am meisten verwendetem Rohstoff
in drei Perioden eingeteilt:
Steinzeit, Bronzezeit und Eisenzeit.
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PAUL REINECKE, geboren am 25. September 1872 in Berlin-Charlottenburg, gestorben am 12. Mai 1958 in Herrsching. Er wirkte 1897 bis 1908 am Römisch-Germanischen Zentralmuseum in Mainz. 1908 bis 1937 war er Hauptkonservator am Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege in München.
1917 wurde er kgl. Professor.
Reinecke teilte 1902 die Bronzezeit in die Stufen A bis D ein.
1902 sprach er von der Straubinger Kultur sowie von der Grabhügelbronzezeit und später von der Hügelgräber-Bron%e%eit.
Die Spätbronzezeit in Österreich
Abfolge und Verbreitung der Kulturen und Gruppen
Die Spätbronzezeit umfasst in Österreich die Stufe Bronzezeit D (etwa von 1300 bis 1200 v. Chr.) sowie die Stufen Hallstatt A und B (etwa von 1200 bis 800 v. Chr.). Diese Einteilung geht auf den süddeutschen Prähistoriker Paul Reinecke (1872—1958) zurück.
In den meisten Gebieten Österreichs lebten von etwa 1300/1200 bis 800 v. Chr. die Menschen der Urnen- felder-Kultur (s. S. 17).1 Diese war — in verschiedenen regionalen Ausprägungen — im Burgenland, in Niederösterreich, Kärnten, der Steiermark, Oberösterreich, im Land Salzburg und teilweise in Vorarlberg beheimatet.
Im größten Teil Nordtirols existierte von etwa 1300/ 1200 bis 800 v. Chr. die Nordtiroler Urnenfelder-Kul- tur (s. S. 81).
Im Burgenland behauptete sich in der Bronzezeit D von etwa 1300 bis 1200 v. Chr. gebietsweise die vor allem in der Slowakei heimische Caka-Kultur (s. S. 101). Sie ist nur durch wenige Grabhügel, Brandbestattungen und Grabbeigaben nachgewiesen.
In einigen Gegenden Nordtirols und Vorarlbergs siedelten ab etwa 1200 bis 800 v. Chr. Angehörige der Laugen-Melaun-Gruppe (s. S. 109), deren Lebensraum hauptsächlich in Südtirol und im Trentino lag.
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ERNST WAGNER,
geboren am 5. April 1832 in Karlsruhe,
gestorben am 7. März 1920 in Karlsruhe.
Der Sohn des Stadtpfarrers von Schwäbisch Gmünd war 1861 bis 1863 Erzieher in London und 1864 bis 1875 Erzieher des Erbgroßherzogs in Karlsruhe.
1867 wurde er Leiter der Friedrichschule.
Von 1875 bis 1919 leitete er
die Großherzogliche Altertümersammlung
(das spätere Badische Landlesmuseum in Karlsruhe)
und war Oberschulrat.
Auf Wagner geht der Begriff Urnenfelder-Kultur zurück.
Die große Zeit der » Wallburgen «
Die Urnenfelder-Kultur
Im Burgenland, in Niederösterreich, in Kärnten, der Steiermark, in Oberösterreich, im Land Salzburg und teilweise in Vorarlberg ist ab etwa 1300/ 1200 v. Chr. bis 800 v. Chr. — wie in Deutschland — die Urnenfelder-Kultur nachweisbar. Dieser Begriff geht auf den süddeutschen Prähistoriker Ernst Wagner (1832—1920) zurück. Er bezieht sich auf die Bestattungen der Knochenreste von auf Scheiterhaufen verbrannten Toten, die in Urnen und in Süddeutschland auf großen Gräberfeldern beigesetzt wurden.
Der Wiener Prähistoriker Richard Pittioni (1906—1985) meinte 1938, im 13. Jahrhundert v. Chr. habe im Gebiet der Lausitz zwischen Sachsen, Brandenburg und Schlesien eine massenhafte Abwanderung der dortigen Bevölkerung begonnen. Nach dem Aufeinandertreffen dieser umherziehenden Völker mit einheimischen Kulturen in verschiedenen Teilen Europas seien durch Vermischung lokale Urnenfelder-Gruppen hervorgegangen.
Von heutigen Prähistorikern wird die Entstehung der Urnenfelder-Kultur in Österreich unterschiedlich erklärt. Die einen glauben an Unruhen und Wanderungen als
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Verbreitung der Kulturen und Gruppen während der Spät- brongegeit (etwa 1300/1200 bis 800 v. Chr.) in Österreich Ursachen, andere dagegen halten die Urnenfelder-Kultur lediglich für ein Ergebnis des Austausches von kulturellen und religiösen Ideen zwischen damaligen Kulturen.
In Österreich wird die Urnenfelder-Kultur in zwei Stufen eingeteilt. Die ältere davon fällt in die Abschnitte Bronzezeit D und Hallstatt A. Sie wurde 1954 von Richard Pittioni als Baierdorf-Velatitz-Stufe1 bezeichnet. Dieser Begriff erinnert an die Fundorte Baierdorf in Niederösterreich und Velatitz (Velatice) in Tschechien (Mähren).
Typisch für die Baierdorf-Velatitz-Stufe sind bestimmte Tongefäße, wie Doppelkonus, Zylinderhalsgefäß und Amphore. Ebenfalls als charakteristisch gelten bronzene doppelschneidige Rasiermesser, Sicherheitsnadeln ähnelnde Fibeln, Riegsee- und Liptauer-Schwert, Lanzenspitzen mit Tülle, Helme, Panzer, Beinschienen und Schilde.
Die jüngere Stufe der Urnenfelder-Kultur in Österreich entspricht dem Abschnitt Hallstatt B. Sie wurde 1974 durch den damals in Wien arbeitenden Prähistoriker Clemens Eibner als Podol-Stillfrieder Stufe2 bezeichnet. Am mährischen Fundort Podolí3 bei Brno hat man ein größeres Urnengräberfeld entdeckt, der Fundort Still- fried4 liegt in Niederösterreich.
Kennzeichnend für die Podol-Stillfrieder Stufe sind Tongefäße, die gegenüber denjenigen aus der älteren Stufe in abgewandelter Form erhalten blieben, jedoch nicht mehr so scharf profiliert wie ihre Vorgänger sind. Bei den Metalltypen kamen als Neuheiten bronzene halbmondförmige Rasiermesser, Harfenfibeln, Spiralbrillenfibeln und Antennenschwerter dazu.
Die Zweiteilung der Urnenfelder-Kultur in eine ältere und eine jüngere Stufe wird immer mehr verfeinert. So spricht man heute in Ostösterreich bereits von den Stufen Blucina-Kopcany, Baierdorf-Lednice, Velatice, Ockov, Oblekovide, Klentnice I, Klentnice II, Brno Obrany und Podolí.
Holzreste von manchen Fundstellen veranschaulichen, welche Bäume in den einstigen Wäldern wuchsen. Fichte (Picea excelsa), Weißtanne (Abies alba) und Rotbuche (Fagus silvática) sind aus einer Feuerstelle auf dem Brandstattbühel bei Schwarzach im Land Salzburg nachgewiesen. Arve beziehungsweise Zirbelkiefer (Pinus cembra) und Stieleiche Quercus robur) kennt man aus dem Urnengräberfeld von Wels in Oberösterreich. In den Wäldern streiften Braunbären (Ursus arctos) und Wölfe (Canis lupus) umher.
Die Körpergröße der damaligen Männer, Frauen und Kinder wird anhand der Mehrfachbestattung von sieben Menschen auf dem Kirchhügel in Stillfried ersichtlich. Ein etwa 30 Jahre alter Mann war 1,72 Meter groß, eine Frau um 40 maß 1,63 Meter und eine Frau von etwa 45 Jahren erreichte 1,59 Meter. Ein neunjähriges Mädchen hatte eine Körperhöhe von 1,24 Metern. Von drei Jungen war der Achtjährige 1,16 Meter, der Sechsjährige 1,11 Meter und der Dreijährige 0,83 Meter groß. Ein Mann aus dem Gräberfeld von Obereching im Land Salzburg kam auf eine Körperhöhe von 1,77 Metern. Dagegen war eine Frau von dort nur 1,56 Meter groß.
Die Gebisse der drei Erwachsenen aus Stillfried haben stark unter Karies gelitten. Die Frau um 40 hatte dadurch bereits einen Backen- und einen Vorbackenzahn im Oberkiefer verloren, drei weitere Zähne im Oberund Unterkiefer waren weitgehend zerstört, und zwei wiesen Kariesspuren auf. Bei der Frau um 45 waren von dem Backenzahn im Oberkiefer nur noch Wurzelruinen erhalten und zwei andere Zähne kariesgeschädigt. Bei dem Mann sind im Oberkiefer zwei Backenzähne und ein Vorbackenzahn bis auf Wurzelreste zerstört gewesen.
Die Frau um 40 hatte sich viele Jahre vor ihrem Tod als Erwachsene die rechte neunte Rippe gebrochen. Ursache hierfür könnten ein plötzliches Ausgleiten und Aufprallen mit der rechten Rumpfseite auf einer Kante oder ein heftiger Stoß von einem Rinderhorn beim Füttern oder Melken gewesen sein. Die Fraktur verheilte mit geringfügiger Verschiebung der Bruchenden. Auf dem linken Scheitelbein dieser Frau ist eine ovale Delle von 3,2 mal 2,1 Zentimeter Größe sichtbar. Sie könnte von einer chirurgischen Ausschabung oder symbolischen Schädeloperation (Trepanation) stam-men. Bei der Frau um 45 ist eine Knochennarbe von 4,2 mal 2,5 Zentimeter Größe auf der linken Stirnhälfte erkennbar, die vielleicht ebenfalls von einer Ausschabung oder Schädeloperation herrührt. Diese Frau hatte zudem ein chronisches Wirbelsäulenleiden (Spondylosis deformans).
Das neunjährige Mädchen und der achtjährige Junge aus Stillfried litten unter Eisenmangel-Anämie. Dies ließ sich an siebartigen Porositäten des Augenhöhlendaches (Cribra obitalia) ablesen. An den Langknochen eines Menschen aus Mannersdorf am Leithagebirge wurden Symptome einer Hungerosteopathie festgestellt Offenbar kannte man damals schon die betäubende und anregende Eigenschaft des Bilsenkrautes (Hyo- scyamus). Denn Samen dieser Pflanze lagen in einer tönernen Urne des Gräberfeldes von Leobersdorf in Niederösterreich. Eine solche Grabbeigabe war vorher nicht bekannt.
Tönerne Spinnwirtel und Webgewichte belegen das Spinnen von Flachs und Schafwolle sowie das Weben von Kleidungsstücken. Spinnwirtel und Webgewichte wurden in den Siedlungen von Gars am Kamp und Stillfried (beide in Niederösterreich) sowie auf dem Heiligen Berg bei Bärnbach (Steiermark) gefunden. Bei Ausgrabungen am 458 Meter hohen Burgstallkogel bei Kleinklein5 in der Steiermark konnten Reste einer Grube freigelegt werden, in der ein Webstuhl gestanden hatte. Mit einer Breite von etwa drei Metern handelte es sich hierbei um den größten Webstuhl aus der Ur- nenfelder-Zeit.
In einem der Gräber des Friedhofes von SalzburgMaxglan fand sich ein ganzer Satz von Webgewichten, die teilweise durch Hitzeeinwirkung zerbrochen sind. Der Salzburger Prähistoriker Fritz Moosleitner vermutet, dass man zusammen mit dem Leichnam einen kompletten Webstuhl auf dem Scheiterhaufen verbrannt hat. Dieser Brauch ist zur gleichen Zeit auch aus Norditalien bekannt.
Außer Kleidungsstücken aus Leinen und Schafwolle waren auch solche aus Fell oder Leder in Mode. Aus dreieckigen Fellstücken hatte man zum Beispiel eine kegelförmige Kopfbedeckung angefertigt, die im Grünerwerk von Hallstatt (Oberösterreich) entdeckt wurde. Bronzene Nähnadeln aus Gräbern belegen das Nähen. Die Garderobe wurde durch bronzene Nadeln, Fibeln oder Knöpfe zusammengehalten und verziert. Es gab Violinbogen- und Bogenfibeln mit Fußspirale.
In etlichen Gräbern kamen bronzene Gürtelhaken zum Vorschein. Diese Gürtelschließen waren teilweise reich verziert und in seltenen Fällen sogar vergoldet.
Der Gürtelhaken in einem der Gräber aus der Stufe Bronzezeit D von Salzburg-Maxglan wurde bereits in der Hügelgräber-Bronzezeit hergestellt. Er diente später in der Bronzezeit D als Grabbeigabe. Dieser Gürtelhaken ist auf der Schauseite mit eingravierten konzentrischen Kreisen und der Darstellung eines Dolches Fragment eines Gürtelhakens mit geritztem und eingeschlagenem Strichdekor aus Grab 1 von Dorf in Pinzgau (Land Salzburg). Durchmesser der Scheibe zehn Zentimeter Das ursprünglich im Salzburger Museum Carolino Augusteum auf bewahrte Original ist verschollen.
versehen. Der Haken wurde ehedem durch schmale, abgerundete Laschen, die sich klammerartig zur Rückseite umbogen, auf dem Ledergurt befestigt. Eines der Enden des Gürtelhakens hat man geflickt, indem man eine Bronzemanschette aus dünnem Blech darüber legte und eine Klammer durchschlug.
Zu dem in Dorf bei Bramburg im Oberpinzgau (Land Salzburg) gefundenen Gürtelhaken gehört eine Gürtelscheibe von zehn Zentimeter Durchmesser und zwei Millimeter Dicke. Die Scheibe weist auf der Vorderseite einen zentralen Spitzbuckel auf und ist mit Kreismustern verziert. Auf der Rückseite findet sich eine Öse. Am linken Rand der Scheibe schließt sich ein einfacher Haken an. Der größere und längere Haken auf der rechten Seite ist abgebrochen.
Drei scheibenförmige Gürtelhaken wurden in Sankt Johann im Pongau (Land Salzburg) geborgen. Ihre Gürtelscheiben sind unterschiedlich groß. Sie haben einen Durchmesser von sieben, siebeneinhalb und neun Zentimetern.
Unter den Funden aus dem Bronzedepot von Sip- bachzell bei Leombach in Oberösterreich befand sich ein in Gürtelblech des süddeutschen Typs Riegsee. Es ist mit Spiralmustern geschmückt. Als Raritäten gelten die vergoldeten Gürtelbeschläge aus dem Schatzfund von Rothengrub in Niederösterreich.
Ein fast vollständig erhaltenes tönernes Schuhgefäß aus Unterhautzenthal bei Korneuburg in Niederösterreich
Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten
Tönernes Schuhgefäß aus Unterhautgenthal bei Korneuburg in Niederösterreich von verschiedenen Seiten.
Es ahmt einen Lederschuh nach. Höhe neun Zentimeter.
Original im Museum für Urgeschichte
des Landes Niederösterreich, Asparn an der Zaya.
gilt als naturalistische Nachbildung eines rechten Lederschuhs. In dessen oberem Schaftbereich sind ein kleiner Ösenhenkel und zwei umlaufende Rillen sichtbar, die wohl Verschnürungen andeuten. Der gut sichtbare Faltenwurf im vorderen Fuß- und Zehenbereich lässt ebenfalls auf eine Verschnürung schließen. Der Bereich der Ferse ist mit kleinen, knubbenartigen Verstärkungen versehen. Dass damals auch Schnabelschuhe in Mode waren, beweist ein tönernes Miniaturmodell aus Gars am Kamp.
Bronzene Steigeisen aus Treffelsdorf bei Ottmanach (Kärnten) und Schönberg bei Oberwölz (Steiermark) erleichterten in bergigen Gegenden spürbar das Begehen von Steilhängen. In Schönberg hat man ein komplettes Exemplar und ein Bruchstück geborgen. Ersteres Stück ist 10,2 Zentimeter lang und hat vier Spitzen, le]tzteres trug ursprünglich sechs Spitzen. Nach den vielen Funden von bronzenen Rasiermessern aus Gräbern zu schließen, dürfte man auf ein gepflegtes Äußeres großen Wert gelegt haben. Mit diesen Toilettegegenständen wurden Bart- und Kopfhaare geschnitten. Ein zweischneidiges Rasiermesser von Grünbach am Schneeberg (Niederösterreich) war aus einer Dolchklinge angefertigt worden.
Die Urnenfelder-Leute wohnten in unbefestigten kleinen Weilern oder Bauerndörfern im Flachland, aber auch in mit Gräben, Wällen und Palisaden stark befestigten burgähnlichen Siedlungen (»Burgen«) in Höhenlage.
Zeichnung auf Seite 29:
Befestigung aus der Zeit der Urnenfelder-Kultur auf einem Berg in Bayern.
Sie wurde an der ungeschützten Flanke durch eine Steinmauer mit Torgasse
und an Steilhängen nur durch eine hölzerne Palisade gesichert. Zeichnung von Friederike Hilscher-Ehlert, Königswinter, für das Buch »Deutschland in der Bronzezeit« (1996) von Ernst Probst.
Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten
Diese »Wallburgen« hatten teilweise eine erhebliche Größe. Sie dürften eher Zentren der Macht eines »Fürsten« gewesen sein als Zufluchtsstätten vor den damals aus Südosten vordringenden Kimmeriern und Thrakern.
Eine Flachlandsiedlung der älteren Urnenfelder-Kultur wurde von 1981 bis 1994 vom Bundesdenkmalamt Wien in Gemeinlebarn (Niederösterreich) untersucht. Auf einer Fläche von etwa 15.000 Quadratmetern konnte ein großer Teil einer zweiphasigen Dorfanlage erforscht werden. Teilweise waren die Hausgrundrisse bis zu 18 Meter lang und maximal sieben Meter breit. Das Brandgräberfeld, auf dem man die ehemaligen Bewohner bestattete, ist schon in den 1920-er Jahren entdeckt worden. In Mannersdorf am Leithagebirge (Niederösterreich) konnte aus 41 Pfostengruben der Grundriss eines zwölf Meter langen und 8,60 Meter breiten Hauses rekonstruiert werden.
Einige besonders große »Wallburgen« in Höhenlage sind in Niederösterreich errichtet worden. Dazu gehören die Siedlungen von Stillfried an der March6, auf dem Oberleiserberg bei Ernstbrunn7, auf der »Holzwiese« und »Schanze« bei Thunau am Kamp8, bei Michelstetten9 und auf dem Burgstall von Schiltern10. Diese Befestigungen stammen aus der jüngeren Urnenfelderzeit. Die Stillfrieder »Wallburg« nordöstlich von Wien war auf einem Plateau mit einer Fläche von etwa 23 Hektar angelegt worden, das auf drei Seiten durch Taleinschnitte geschützt ist und zur March hin etwa 20 Meter tief abfällt. Dieser ausgedehnte Komplex wurde durch den Wiener Prähistoriker Fritz Felgenhauer untersucht.
Nach den Erkenntnissen des Ausgräbers war die Befestigung der älteren Urnenfelder-Kultur nur im Westen durch eine Palisade aus zugehauenen Baumstämmen geschützt. Erst in der jüngeren Stufe hat man einen 1,7 Kilometer langen Wall aus Erdreich aufgeschüttet und diesen im Inneren mit einer Holzkonstruktion verstärkt. Der Wallabschnitt im Westen erreichte eine Höhe von vier Metern. Zusammen mit dem 26 Meter breiten und sieben Meter tiefen Graben davor bildete er den mächtigsten Teil der »Wallburg«.
Im Norden der Anlage erlaubte ein kleines Tal den Zugang zum Tor. Dieser Zugang wurde durch eine schwere Holzkonstruktion geschützt. Die links und rechts des Nordtores errichteten Bastionen ragen noch heute 13 bis 15 Meter hoch auf. In der Urnenfelder-Zeit waren sie sogar vier Meter höher. Auf der an den Westwall anschließenden Innenfläche, dem so genannten Hügelfeld, lagen Teile der Siedlung, von der Reste der Häuser, Speichergruben und Werkstätten freigelegt wurden. Der höchste Punkt, auf dem heute die Pfarrkiche Sankt Georg steht, war vermutlich dem Herrensitz des »Fürsten« vorbehalten. In der Nachbarschaft fanden sich rätselhafte Hirschbestattungen und Deponierungen vereinzelter Menschenschädel.
Westlich von Thunau am Kamp lag auf einem Höhenrücken hoch über dem Kamptal eine große »Wallburg«, die durch den Wiener Prähistoriker Herwig Friesinger erforscht wurde. Der westliche Teil dieses Höhenrückens wird »Holzwiese«, der östliche »Schanze« genannt.
Diese Anlage wurde im Süden und Osten durch natürliche Steilhänge geschützt. Deswegen mussten nur noch die Nord- und die Westseite durch einen Wall gesichert werden. Im umwallten Bereich war vor allem der Nordhang dicht besiedelt. Dort wurden teilweise bis zu einem Meter in den Fels gehauene Vorratsgruben und Pfostenlöcher von Ständerbauten mit lehmverschmierten Flechtwänden sowie Reste von zahlreichen Backöfen entdeckt. Die Häuser hatte man auf Terrassen erbaut. Für Helligkeit darin sorgten Tonlampen. Nördlich von Thunau am Kamp, nur wenige hundert Meter von der »Wallburg« auf der »Holzwiese« und »Schanze« entfernt, erstreckte sich auf dem Burgberg von Gars am Kamp eine weitere Befestigung der Urnenfelder-Kultur. Sie wurde vermutlich durch den heute noch erkennbaren Graben geschützt.
Aus der Übergangsphase von der späten Urnenfelder- zur frühen Hallstatt-Zeit stammt die »Wallburg« auf dem Burgstall von Schiltern. Dort haben 1939 der Wiener Prähistoriker Eduard Beninger (1897—1963) und 1979 der Wiener Prähistoriker Gerhard Trnka gegraben. Der Burgstall hat im Westen, Süden und Osten durch
Steilhänge den Charakter einer Naturfestung. Er war nur von Norden her zugänglich, weswegen dort das 100 Meter hohe, nahezu quadratische Bergplateau durch einem Stein-Erde-Wall mit Holzkonstruktion bewehrt wurde.
Zu den kleineren »Wallburgen« aus der älteren Urnen- felder-Zeit in Niederösterreich gehört die Anlage auf der Hohen Wand am Gelände bei Grünbach am Schneeberg11. Sie liegt in etwa 1000 Meter Höhe. Während der jüngeren Urnenfelder-Zeit existierten die »Wallburgen« auf der »Heidenstatt« bei Limberg12, auf dem Buchberg bei Alland13 (beide in Niederösterreich) und auf dem Leopoldsberg bei Wien14.
Ebenfalls in die jüngere Urnenfelder-Zeit datiert werden die »Wallburgen« am Burgstall von Purbach15 und in der Pinkaschlinge von Burg16 im Burgenland. Unweit davon lag die gleichaltrige Befestigung von Sopron- Krautacker (Ödenburg) in Ungarn.
Auch aus der Steiermark sind etliche Befestigungen der jüngeren Urnenfelder-Zeit bekannt. Dazu gehören die Anlagen auf dem Burgstallkogel bei Kleinklein17, dem Heiligen Berg bei Bärnbach18, dem Hoarachkogel bei Spielfeld19, dem Königsberg bei Tieschen20, dem Kulm bei Weiz21, dem Ringkogel bei Hartberg22, der Riegersburg bei Riegersburg23 und dem Fötzberg bei Tacken24.
Der Heilige Berg bei Bärnbach verdankt einer auf ihm errichteten barocken Wallfahrtskirche seinen
Namen. Während der ausgehenden Urnenfelder-Zeit war auf diesem Berg ein Wall aufgeschüttet worden, der eine Siedlung mit hölzernen Wohnhäusern sicherte.
Die »Wallburg« auf dem Hoarachkogel wurde durch einen ein Kilometer langen, hufeisenförmigen Wall geschützt. Dort konnten Grundrisse von mehrräumi- gen Blockhäusern freigelegt werden, von denen das größte 22,6 Meter lang und acht Meter breit war sowie eine Herdanlage besaß.
Zehn Hektar Fläche umfasste die »Burg« auf dem durch Steilhänge geschützten Königsberg bei Tieschen. Der höchste Punkt in der Nordwestecke war besonders gut bewehrt. Dem Wall an der Ost- und der Nordseite hatte man außen einen Graben vorgelagert. Ein Einschnitt im Wall diente als Zugang und wurde durch einen Vorwall zusätzlich abgeschirmt. Den Rand der Südwestseite schloss durch eine Trockenmauer ab. Im Inneren der Befestigung befanden sich kleine Blockhäuser.
Auch von den Behausungen der »Wallburg« auf dem Ringkogel wurden Reste entdeckt. Es handelte sich um drei Grundrisse mit Herden, Abfallgruben und Steinpflasterungen. Auf dem Fötzberg hat man sogar sieben Grundrisse von Anwesen sowie Herde auf Lehmböden gefunden.
»Wallburgen« der Urnenfelder-Zeit sind des weiteren aus Vorarlberg bekannt. Hierzu gehören die Anlagen auf der Heidenburg25 und dem Hochwindenkopf bei Göfis26, auf dem Sattelbergköpfle im Rheintal bei Koblach27 sowie auf dem Katilsköpfle bei Nüziders28. Auch dort wurden die offenen Seiten durch Wälle gesichert. Dagegen handelte es sich am kleinen Exerzierplatz in Bludenz29 um eine ungeschützte Talsiedlung, von der Herdstellen von Wohnhütten erhalten blieben.
Die etwa drei Hektar große Höhensiedlung auf dem Freinberg bei Linz30 in Oberösterreich wurde durch einen etwa 200 Meter langen und bis zu fünf Meter hohen Wall geschützt. Dort war in der späten vorrömischen Eisenzeit eine weitere Befestigung errichtet worden.
Eine der am bekanntesten Höhensiedlungen im Land Salzburg lag auf dem Rainberg in Salzburg31. Auf diesem Berg hatten um 4000 v. Chr. bereits Menschen der Jungsteinzeit ihre Siedlungen errichtet. Das umfangreiche Fundgut aus verschiedenen Abschnitten — darunter der Urnenfelder-Zeit — ist durch einen Steinbruchbetrieb ohne genauere Fundbeobachtung zutage gefördert worden. Es überwiegen Keramikreste, aber auch Metallfunde sind zahlreich vertreten. Die Bewohner der Höhensiedlung auf dem Rainberg sind nach Auffassung des Salzburger Prähistorikers Fritz Moosleitner auf dem nur 1,5 Kilometer entfernten Gräberfeld von Salzburg-Maxglan bestattet worden.
Mitunter wurden auch hochgelegene Höhlen in Niederösterreich von Urnenfelder-Leuten aufgesucht. Sie dienten aber nicht für längere Zeit als Wohnungen, sondern lediglich als vorübergehender Unterschlupf für Jäger oder Erzsucher. Das war offenbar in der Kammerwandhöhle bei Reichenau an der Rax und möglicherweise zudem in der Breccienkammer oberhalb von Sieding der Fall.
Den Ackerbau bezeugen Reste von Getreidekörnern und von Hülsenfrüchten. Aus Burgschleinitz in Niederösterreich sind Emmer (Triticum dicoccon), Gerste (Hordeum vulgare)., Ackerbohne (Vicia faba) und Linse (Lens culinaris), aus Thunau am Kamp-»Holzwiese« (Niederösterreich) Weizen, Emmer, Gerste, Ackerbohne, Erbse (Pisum sativum) und Linse, aus WienAspern Zwergweizen (Triticum aestivum ssp. compactum) und Einkorn (Triticum monococcum) bekannt. In Traun bei Linz (Oberösterreich) wurden Emmer und Hühnerhirse Echinochloa crusgalli) nachgewiesen und in NeuburgHorst bei Koblach (Vorarlberg) Zwergweizen, Rispenhirse (Panicum miliaceum^), Ackerbohne und Erbse.
Eine tönerne Deckeldose aus Stillfried (Niederösterreich) in einer Grube unter dem Westwall enthielt Asche von Gerste. Sie rührt entweder von verbrannten Getreidekörnern oder von spelzenreichem Mahlabfall her. Tierknochen und -zähne vom Brandstattbühel bei Schwarzach stammen vom Rind, Schwein, Schaf und der Ziege, die als Haustier gehalten wurden. Schafe, Ziegen und Schweine sind in Horn durch Fleischbeigaben in Gräbern nachgewiesen.
In einer Siedlungsgrube von Neusiedl an der Zaya (Niederösterreich) wurde das Skelett eines verkrüppelten, zehn bis zwölf Jahre alten männlichen Hundes mit einer Widerristhöhe von 52 Zentimetern entdeckt. Dem behinderten Tier ist zu Lebzeiten ein Teil des Hinterbeins abgetrennt worden. Der Wiener Archäozoologe Erich Pucher interpretierte diesen Fund als liebevolle Bestattung eines geschätzten Haustieres. Komplette Hundeskelette sind ansonsten in mitteleuropäischen Siedlungsgruben jener Zeit selten.
Die Pferde stammten vielleicht — wie manche Prähistoriker glauben — von Züchtern der Thraker und Kimmerier und wurden vermutlich komplett mit Zaumzeug weiterveräußert. Darauf deutet eine Reihe von Funden thrakokimmerischer Trensen und Beschläge aus Adelsgräbern und Bronzedepots hin.
Im Blauen Bruch bei Kaisersteinbruch (Burgenland) kam der Halswirbel eines Pferdes zum Vorschein, in dem eine bronzene Pfeilspitze steckte. Warum dieses Tier einem Pfeilschuss zum Opfer fiel, ist nicht zu ergründen.
Rätsel geben einige Skelette von Wildtieren aus der »Wallburg« Stillfried auf. Der Archäozoologe Erich Pucher identifizierte diese Funde als Reste von Rothirschen (Cervus elaphus), Wölfen (Canis lupus) und
Zeichnung auf Seite 39:
Berittener Krieger der Urnenfelder-Kultur
mit Angriffswaffen (Schwert, Lange)
und Schutgwaffen (Helm, Brustpanger, Schild, Beinschienen),
wie sie an verschiedenen Fundorten in Österreich
und im übrigen Europa gum Vorschein kamen.
Zeichnung von Friederike Hilscher-Ehlert, Königswinter, für das Buch »Deutschland in der Brongegeit« (1996) von Ernst Probst
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