Max Weber im "stahlharten Gehäuse der Hörigkeit"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011
16 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

2 Vita
2.1 Eckpunkte
2.2 Therapierbar?

3 Polar technomodern
3.1 Der Siegeszug des Rationalismus
3.1.1 „Capitalism UnLtd“
3.1.2 Bürokrati sierung - Bureau
3.1.3 Mythos & Romantik
3.2 Die Entzauberung der Welt
3.2.1 Unbestechliche Entscheidungstheorie
3.2.2 Kritische Masseneffekte, Massendefekte
3.2.3 Deutsche Untertanen

4 Protestantische Geister
4.1 Katholiken, Calvinisten, Puritaner & Co.
4.2 Akkumulationsprozess
4.3 Reformierte Ethik

5 Krupps' devote Armierungen
5.1 Die technologische Überlegenheit des Okzidents
5.2 Das bedrohte Subjekt
5.3 Heroisch-tragischer Mensch

6 Bibliographie

2. Vita

2.1 Eckpunkte

Max Weber wird am 21.4.1864 in Erfurt geboren. Dem Bildungsbürgertum zuzurechnend - sein Vater wird später noch Reichstagsabgeordneter werden - kann er von Anfang an alle Register seiner privilegierten Herkunft ziehen: entstammend aus „gutem Hause“, im Saloon seiner Eltern geben sich das „who-is-who“ des sich eben gebärenden Deutschen Reiches, Wilhelminia „at its finest“, die Klinke in die Hand. Max kennt vor allem Mommsen, die wohl erwähnenswerteste, weil herausragendste und prominenteste Figur dieser Runden, der klassische Gelehrte, Althistoriker der Alten Schule und explizites Lob über seine Dissertation verlierend.

Habilitiert, folgt er zweimal Freiherr Philippovich von Philippsberg auf dessen Ordinariat. Früh aber schon stellen sich Nervenschwierigkeiten ein - mehrmals wird Weber im Laufe seines Lebens seine Lehrtätigkeit unterbrechen müssen. Verheiratet mit seiner Großcousine Marianne, einer Industriellentochter, fällt er später vor allem durch intensivere Bekanntschaften mit Mina Tobler und Else Jaffé auf. In Zusammenhang mit letzterer fällt auch der Name seines Bruders, Alfred. In frühen Jahren eher „rechts“ zu verorten - er sympathisiert mit dem Alldeutschen Verband und verlässt diesen, da er sich nicht radikal genug in der „Polenfrage“ gegen die Deportation billiger Landarbeiter ausgesprochen habe - wandert er später etwas nach links und zählt zu den Gründern der liberalen DDP. Inzwischen hat er auch mit Koryphäen wie Tönnies, Simmel, Sombart die Deutsche Gesellschaft für Soziologie gegründet.

Beeindruckt muss Weber die Weltausstellung in St. Louis haben - ihr verdankt er die detaillierten Reflexionen über den kapitalistischen Erfolg Amerikas im Zuge (aber auch hinführend schon) dieses wegweisenden Aufenthalts. Auch partizipiert Weber als Gutachter in Versailles, was es zu untersuchen gab, ist aber nicht ganz klar. Vielleicht die sich fratzenhaft brechenden Trauergestalten der Alten Eliten, die sich noch 1871 in Säbelrasselei und militaristischem Brimborium im Spiegelsaal gefielen? Entsprechend die Beteiligung am Verfassungskonvent von Weimar, seine Ratschläge zu Präsidialamt & Mehrheitswahl werden aber nicht berücksichtigt. Vom „Heidelberger Mythos“ ist nun die Rede - die Soirées seines Vaters sind nun die seinen. Man kennt sich und das sind unter anderem Namen wie Naumann, Heuss, Jaspers, Lukács, Bloch. Weber stirbt am 14. Juni 1920 in München.[1]

2.2 Therapierbar?

Als man in der Stunde Null die Trümmer ein weiteres Mal beiseite kehrt, entdeckt man auch ihn wieder: insbesondere der Strukturalismus wie bei Parsons wird hier anknüpfen und Weber avanciert zu recht zu dem deutschen Klassiker. Das mag damit zu tun haben, dass er nicht wie Schopenhauer und Nietzsche oder Marx (deren letztere er stark rezipiert hat) über Juden wettert, ja sich sogar dezidiert gegen Ploetz ausspricht, der in dieselbe Kerbe des Antisemitismus schlägt und einstmals zum „guten Ton“ der Wissenschaft gehört zu haben scheint. So räumt er zwar ein, es könne sich lohnen, den Rat seines Psychiaters zu befolgen und darwinistische[2] Ansätze zu verfolgen, von privaten Verfehlungen abgesehen, die aber immer - so Hennis - der Gefahr eines biographischen Reduktionismus auflaufen können, kann man Weber politisch im Kontext seiner Zeit kaum Vorwürfe machen. Ja, er leidet unter seiner Epoche. Freilich ist es die Zeit der Psychophysik nach Wundt und des Freud'schen Unbehagens, doch haben seine masochistischen Neigungen, seine angeblichen Probleme den ehelichen Pflichten nachzukommen (über die sich Marianne noch streng viktorianisch bei der Mutter per Brief beschwert, sich aber wundern sollte bei sovielen Liebeleien), seine Zusammenbrüche nicht andere Ursachen als die Psychologisierung des Zeitalters? Und muss man, wie Radkau, noch jede schmutzige Delikatesse post mortem der letzten Anverwandten durchkauen oder verfällt man damit nicht nur einer modernen, allzu menschlichen Sensationslüsternheit?[3]

3. Polar technomodern

3.1 Der Siegeszug des Rationalismus

3.1.1. „Capitalism UnLtd“

Aber was ist modern? Max Weber definiert es. Als letzter Universalgelehrter, noch ganz faustisch[4] also holistisch, der noch Nationalökonom, Jurist, Soziologe, Philosoph, Historiker in einem ist, zieht sich doch eine große Kontinuität durch sein Denken: die Ratio. Also doch anti-faustisch, denn der ist ja noch dem Chthonischen verhaftet und auch keineswegs Standard seinerzeits - sowohl Romantik, Neue Heimatlichkeit, als auch Mythen machen sich breit. Von vielen wird das „Neue Zeitalter“ als Magie erfahren. Weber hält dem den Rationalismus entgegen, die Logik, die wissenschaftliche Abgeklärtheit. Sachen, ja Dinge, müssen erwiesen werden, belegt, abgesichert, müssen hinterfragbar sein, ja, bedürfen letzter Gründe. Guter Gründe. Es ist auch eine Zeit der Spekulation. Alte Gewissheiten wanken, neue müssen sich erst noch verdient machen. Seitenweise Eisenbahnverklärung als Ausdruck einer Technologiehörigkeit, im Gedicht beispielsweise und da fangen die Ambiguitäten und Doppeldeutigkeiten, die Polyvalenzen schon an. Es ist eine Zeit des Umbruchs und des Wandels, soviel ist klar.

Um die religiösen Rettungsanker ist es schlecht bestellt. Nietzsches „toller Mensch“, der zwar nachweislich selbst verrückt (oder toll, aber das wäre zu modern gelesen) ist, Lichtbringer & Opfer, kann sich gerade noch über das Marktgeschrei hinwegsetzend bemerkbar machen.[5] Doch ohnehin schon interessieren die Geschäfte mehr und jeder geht seiner Wege, die Frühindustrialisierung und der Protokapitalismus sind ja bereits Erbe Manchesters oder Venedigs. Der Staat macht sich breit, insbesondere entlang der Bahnen eines Smith[6], Ricardo, an den Schienensträngen des Empires, dann der Imperien angeschlossen. Eisern verlegt und unabwandelbar wie die mathematischen Gesetze der Statistik. Die Große Zahl verschafft sich auch im Utilitarismus seine philosophische Unterfütterung, was zählt sind die vielen. Der Einzelne bleibt dabei auf der Strecke, nicht nur der Landstreicher, Vagabund und Abenteurer. Ob Marx' Kapitel über die Verelendung[7] anhand der Blutgesetzgebung [& Boden] zum Zutrieb der Fabrikkonglomerate in Form superfluider, gedrückter und verschleißbarer Arbeitskraft, der Massenexodus nach Übersee oder später dann das Herz Jüngers', welches sich immer mehr als das Conrads'[8] zu entpuppen scheint.

[...]


[1] Vgl. die beiden kurzen Webbiographien, loc. cit.

[2] S. Weber, loc. cit. Die „Entstehung der Arten“, Darwin, loc. cit. gibt das alles ohnehin nicht her. In den Informationen zur politischen Bildung 163, loc. cit., S. 31 findet Weber zwar noch mit „Auslese“ und dem „höherentwickelten Typus“ Eingang (ähnlich: Der Nationalstaat und die Volkswirtschaftspolitik, in: Kaesler, loc. cit., S. 22 ff. ), es bekriegt sich aber in der Biologie niemals jemand intraspecies. Bestenfalls zur Selektion durch Zuchtwahl (Konkurrenz, Tod im Komment nur im Versehen und unintendiert), ein Prozess den unzählige Generationen entscheiden, keine Sturmtruppe. Außerdem sind Ökosysteme weitgehend stabil und autark, ohne große Fluktuationen (auch aufgrund der Abhängigkeit von vermeintlich hier diagnostizierten Räuber-Beute­Populationen über die Nahrungskette). Man könnte Darwin nicht mehr missverstehen. Die Tatsache, dass man existiert beweist im Prinzip schon die optimale Anpassung des Menschen als Gattungswesen. Wer seinen evolutiven Rahmen selbst verändert (die Umwelt ist ja eine weitgehend konstante Variable qua Ökologie), fällt sowieso aus den Gesetzmäßigkeiten der Evolution heraus. Wenn man sich dabei eine Gefängnisgesellschaft schafft, züchtet man eben Insassen. Usf. Bei Peukert, loc. cit. verteidigt er sogar „Neger“.

[3] Vgl. den Zeit-Artikel, loc. cit.

[4] Hat nun, ach! Was nicht alles studiert... Ähnlich Goethe, loc. cit. S. 20. Ein klassisches deutsches Ideal von dem er sich natürlich freimachen muss, paradox aber auch hier der Werdegang gegenüber der Forderung einer unvermeidbaren Schwerpunktsetzung nachzugehen. Überhaupt der „jack of all trades“, der „Allrounder“, nicht nur nutzloses Feindbild, sondern teuflisch. Da immer etwas besser informiert, gefährliches Halbwissen, geschäftsschädigend, Synergieeffekte?

[5] Die Tatsache, dass er eine Laterne am helllichten Tage vor sich herschwingt, ändert nichts daran, dass die Geschäfte weiterlaufen. Man könnte sogar sagen der Tod Gottes wird als exklusives Produkt gehandelt, für wen auch immer daraus Profit zu schlagen ist und das sind so einige. Vgl. Nietzsche, loc. cit.

[6] Von hier etwa kommt Weber, dem Preis für 1oo Bushel Weizen etc. Interessant auch wie akribisch hier schon der Gesamtmarkt - alles - statistisch erfasst ist. Und immer kann etwas Unvorhergesehenes passieren, sowie riesige Silbermengen, die dann das Gold aufwerten usw. Smith, loc. cit.

[7] Insbesondere z. B. „Der Ausbeutungsgrad der Arbeitskraft“, ff., Marx, loc. cit.

[8] Die Entdeckung des tieferen Kongos korrespondiert quasi mit der „Schwärzung“ des „Africa within“ (Berlin 1878) in den durch Landflucht zu Molochen mutierenden Ballungsräumen. Zum Abenteuer des Herzens wird nicht nur der Trip des Kolonialbeamten, sondern auch der Gang durchs Londoner Soho.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Max Weber im "stahlharten Gehäuse der Hörigkeit"
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (GSI)
Veranstaltung
Der Aufstand gegen den Bürger – Zivilisationskritik & politischer Radikalismus im 20. Jahrhundert
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
16
Katalognummer
V179681
ISBN (eBook)
9783656022138
ISBN (Buch)
9783656021650
Dateigröße
495 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
weber, gehäuse, hörigkeit, stahlhart, verstehen, max
Arbeit zitieren
Oliver Köller (Autor), 2011, Max Weber im "stahlharten Gehäuse der Hörigkeit", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/179681

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