Die Stadtentstehung von Neustadt an der Orla


Seminararbeit, 2002

22 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Gliederung:

Einleitung

1. Die Urkunde von 1120
1.1. Graf Wichmann
1.2. Die Besitzverhältnisse im Orlagau
1.3. Der Name Nova villa

2. Die Entstehung Neustadts
2.1. Die planmäßige Stadtgründung
2.2. Die wirtschaftlichen Motive der Stadtgründung
2.3. Politische Motive der Stadtgründung
2.3.1. Der Kaltenborner Besitz
2.3.2. Nach der Urkunde von 1179
2.3.3. Die Lobdeburger
2.3.4. Neustadt und Arnshaugk

Schlussbemerkung

Literaturliste

Die Stadtentstehung von Neustadt an der Orla

Einleitung:

Die Entstehung der Stadt Neustadt an der Orla ist bis heute rätselhaft. 1120 wurde erstmals eine Siedlung namens „Nova villa “, als Schenkung zur Ausstattung des Klosters Kaltenborn, erwähnt. Nachdem das Dorf 1145 in einer weiteren Besitzbestätigung nochmals genannt wurde, verliert sich danach jede Spur des Ortes. Stattdessen begegnet uns 1287 das planmäßig angelegte und wirtschaftlich schon entwickelte Neustadt. Die Frage nach dem Verhältnis der beiden Siedlungen zueinander, spaltet die Forschung in zwei Teile. Behaupten die einen Nova villa sei eine direkte Vorgängersiedlung der Stadt, sprechen sich die anderen dafür aus, dass Neustadt eine vollkommene Neugründung darstellt.

Auch wenn es zur endgültigen Klärung dieser Frage an detaillierten siedlungsarchäologischen und namenskundlichen Befunden fehlt, wird hier der Versuch unternommen, Indizien zu finden, die eine der beiden Thesen erhärten.

Dazu soll im ersten Teil die Urkunde von 1120 näher betrachtet werden, um zu ermitteln, unter welchen Umständen sie abgefasst wurde und um den Charakter der Siedlung näher zu bestimmen.

Der zweite Teil der Hausarbeit untersucht die etwa 150 Jahre, die zwischen beiden Urkunden liegen. Hier werden die beiden Thesen anhand von wirtschaftlichen, politischen und städtebaulichen Kriterien diskutiert.

1. Die Urkunde von 1120

In einer Urkunde vom 15. April 1120 bekundet der Halberstädter Bischof Reinhard, dass ihm sein Verwandter[1], ein Graf Wichmann, für die Gründung eines Klosters in Kaltenborn bei Sangershausen 267 Hufen schenkte.[2] Die Güter verteilten sich auf das Bistum Halberstadt und die Pfalzgrafschaft Sachsen, auf Thüringen [„in Thuringia“] und den Orlagau [„in pago Orlan“]. Die Bauernstellen im Orlagau umfassten wiederum zwei Gruppen von Dörfern: Zum einen mit Drognitz, Beuthen und Rauschengesees 3 Dörfer südwestlich der Saale, zwischen Ziegenrück und Leutenberg. Zum anderen 4 Dörfer an der oberen Orla, im engsten Umkreis von Neustadt: 8 Hufen in Kospoda [„Coscebodhe“], eine Bauernstelle in Dreitzsch [„Dhretis“], 5 Hufen in Moderwitz [„Modhelwice“] und 6 Hufen in dem neuen Dorf neben diesen [„in Nova villa iuxta illam“].

Vor der Klärung des Namens „Nova villa“ und der Lokalisierung des Ortes ist es notwendig, die Besitzverhältnisse im Orlagau zu thematisieren. Wie kam Graf Wichmann in den Besitz der Güter im Orlagau und weshalb verschenkte er diese an das Kloster Kaltenborn?

1.1. Graf Wichmann und die Besitzverhältnisse im oberen Orlagau

Graf Wichmann war der letzte Vertreter einer kaum näher bekannten thüringischen Adelsfamilie.[3] Da seine Ehe kinderlos blieb und er den religiösen Reformbewegungen der Zeit nah stand, begann er im zweiten Jahrzehnt des 12. Jahrhunderts seinen gesamten Besitz zugunsten geistlicher Institutionen zu veräußern. Er beschenkte die Bischofskirchen von Halberstadt und Mainz, sowie das Stift St. Marien in Erfurt. Ferner verwendete Wichmann Güter für die Ausstattung des Chorherrenstifts in Ettersburg und die Gründung des Klosters Kaltenborn.[4]

Aus einer Papsturkunde des Jahres 1152[5] erfahren wir nachträglich, dass Graf Wichmann die 50 Hufen um das spätere Neustadt durch einen Tausch mit dem Kloster Bursfelde an der Weser erhalten hatte[6], dem er dafür sein, dem Kloster sehr viel näher gelegenes, Gut Lipprechterode überließ. Doch auch Bursfelde war nur kurz im Besitz der Güter an der Orla gewesen. Dieser Transaktion war ein Tausch mit dem Kölner Erzbischof Friedrich (1100-1131) vorausgegangen. Für die Güter an der Orla hatte der Erzbischof den Hof Wicheln bei Arnsberg in Westfalen erworben.

In einer sehr kurzen Zeit erfolgen also nacheinander drei Herrschaftswechsel: Vom Erzbistum Köln an das Kloster Bursfelde, von Bursfelde an den Grafen Wichmann und von ihm an das Kloster Kaltenborn. Diese drei Besitzwechsel zeigen, dass das Gebiet an der Orla zu Beginn des 12. Jahrhunderts einen gewissen Wert darstellte. Denn weder das Kloster Bursfelde, noch Graf Wichmann hätten das Gebiet eingetauscht, wenn sie sich nicht Vorteile für den Herrschaftsaufbau versprochen hätten. Möglicherweise gibt uns die Erwähnung eines ‚neuen Dorfes’ auch einen Hinweis darauf, dass sich gegen Ende des 11. Jahrhunderts eine aktive Siedlungs- und Rodungstätigkeit in diesem Raum vollzog. Da etwa in gleicher Zeit auch die aktivere kirchliche Erschließung dieser Gegend, vom benachbarten Neunhofen aus einsetzte, könnte dies die These vom besonderen Wert des Orlagaus zu Beginn des 12. Jahrhunderts für klösterliche und adlige Interessen am Besitzausbau erhärten.

Das Kloster Kaltenborn blieb etwa 60 Jahre lang im Besitz dieser Gebiete, benutzte ihn also nicht als Tauschobjekt. In der Folgezeit lies sich Kaltenborn den Besitz in detaillierter Aufzählung der einzelnen Güter mehrfach bestätigen. Unverändert bleibt er in der Bestätigung durch Papst Eugen III. von 1145.[7] Alle anderen Bestätigungen weisen Veränderungen auf. Die Interpretation, der auf den Namen Lothars III. und Ulrichs von Halberstadt ausgestellten und auf 1136 bzw. 1180 datierten Urkunden[8], wird dadurch erschwert, da es sich hierbei um verfälschende Nachzeichnungen auf der Grundlage älterer, echter Urkunden handelt.[9]. Beide Fälschungen gehen auf eine Urkunde Kaiser Friedrichs I. von 1179 zurück.[10] Zwar ist auch diese Urkunde kein Original, sondern eine verfälschende Nachzeichnung der Zeit um 1277, aber es besteht kaum ein Zweifel daran, dass die Nachrichten über den Gütertausch und damit auch die Güterlisten zu jenen Bestandteilen gehören, die die Kaltenborner Fälscher unverändert übernahmen.[11]

Diese Urkunde hält einen Tausch zwischen Kaiser Friedrich I. und dem Kloster Kaltenborn fest. Der Kaiser erhielt die Kaltenborner Besitzungen in Thüringen und im Orlagau, die er dem Grafen von Orlamünde zu Lehen gab. Die Kaltenborner erwarben im Gegenzug Einkünfte in der Nähe Kaltenborns.

Die wichtigste Veränderung im Güterbestand von 1179 gegenüber der Urkunde von 1120 und ihrer Bestätigung 1145 betraf die Gegend um das spätere Neustadt: Statt den 1120 und 1145 aufgeführten 6 Hufen in Nova villa, wurden 1179 2 Bauernstellen im benachbarten Krobitz[12] genannt. Nach 1145 ist Nova villa urkundlich nicht mehr zu fassen. Aber auch von den anderen 7 Orten im Orlagau begegnet uns nach urkundlichen Zeugnissen ab 1179 für einhundert Jahre keiner mehr. Die weitere Entwicklung ist daher nur schwer zu fassen.

Neustadt an der Orla wurde erstmals 1287 urkundlich als „nova civitas“[13] erwähnt. Es besteht also eine zeitliche Differenz von mehr als 140 Jahren. Wenn man Nova villa als Vorgängersiedlung Neustadts in Betracht ziehen möchte, sollte man zuerst klären, ob Nova villa iuxta illam und nova civitas überhaupt den gleichen geographischen Ort meinen.

1.2. Der Name Nova villa

Der Begriff Villa bezeichnet eine unbefestigte menschliche Ansiedlung, einen Wirtschaftshof, einen Einzelhof oder ein Dorf, niemals aber eine Stadt.[14] Wenn man Villa mit Wirtschaftshof gleichsetzt, könnte man an die von Neustadt nur wenige hundert Meter entfernte Burg Arnshaugk denken. Dies erscheint aus zwei Gründen wenig wahrscheinlich. Zum einen ist es fraglich, ob Arnshaugk 1120 bereits bestand, zum anderen wurden Wirtschaftshöfe auf Rechnung des Grundherrn bewirtschaftet. Aus dieser Eigenschaft einige Hufen zu lösen und Erbzins und Lehn einem anderen Grundherrn zu übertragen, ist schwer denkbar.[15] Selbst wenn die zur Bewirtschaftung des Hofes daneben angesiedelten Hörigen mit Land ausgestattet waren, wäre es wenig praktisch, dieses Land weiter zu veräußern und damit die Einheit des Hofes zu sprengen.[16] Daher ist die Deutung Wirtschaftshof für villa unmöglich. Nova villa ist eine dörfliche Siedlung, neben Moderwitz.

Auch Neunhofen, ungefähr zwei Kilometer westlich von Neustadt, kann hier nicht gemeint sein, da es zum einen schon 1057 als „Nuenhoven“ erwähnt wurde und daher 50 Jahre später kaum noch als „der neue Ort“ bezeichnet worden wäre, zum anderen liegt es näher an Kospoda als an Moderwitz und hätte demnach nach Kospoda lokalisiert werden müssen.[17]

[...]


[1] Vgl. Lutz Fenske: Adelsopposition und kirchliche Reformbewegung im östlichen Sachsen, Göttingen 1977, Seite 180 und Anmerkung 180.

[2] Vgl. Codex diplomaticus Saxoniae regiae I,2, hrsg. von Otto Posse , Leipzig 1889, Nr.60 S.52; Inhaltsangabe und Erläuterungen bei Otto Dobenecker: regesta diplomatica necnon epistolaria historia Thuringae 1, Jena 1896, Nr.1150

[3] Zu Graf Wichmann vgl. Matthias Werner: Neustadt, Orlagau und Thüringen im 12./13. Jahrhundert- Die hochmittelalterlichen Rahmenbedingungen der Anfänge von Neustadt an der Orla, in: Werner Greiling [Hrsg.]: Neustadt an der Orla- Vom Ursprung und Werden einer Stadt, Rudolstadt, Jena 1997, Seite 15-78, hier Seite 38ff., sowie Lutz Fenske: Adelsopposition und kirchliche Reformbewegung im östlichen Sachsen, Göttingen 1977, Seite 180-187. Sowohl Fenske als auch Werner beziehen sich auf eine ungedruckt gebliebene Dissertation: Friedrich Hennig: Graf Wichmann von Thüringen- Der Gründer des Augustinerstifts in Kaltenborn, Halle 1943.

[4] Vgl. Werner, Seite 39

[5] Vgl. Mainzer Urkundenbuch, Band2: Die Urkunden seit dem Tode Erzbischof Adalberts I. (1137) bis zum Tode Erzbischofs Konrad (1200), Teil 1: 1137-1175, bearbeitet von Peter Acht, Darmstadt 1968, Nr.172, Seite318f.

[6] Vgl. Werner, Seite 39ff.

[7] Vgl. Christian. Schöttgen u.a.: Diplomataria et scriptores historiae Germaniae medii aevi 2, Altenburg 1755, Seite 697.

[8] Vgl. Monumenta Germania Historica: Die Urkunden der deutschen Könige und Kaiser, Band8: Die Urkunden Lothars III. und der Kaiserin Richenza, hrsg. von Emil von Ottenthal u.a., Berlin 1927, Nr. 90, Seite 139 ff. und Urkundenbuch des Hochstifts Halberstadt und seiner Bischöfe1, hrsg. von G. Schmidt, Leipzig 1883, Nr.284, Seite 247.

[9] Die Fälschung muss um 1277 stattgefunden haben und sollte dem Kloster Rechtstitel auf die Vogtfreiheit und auf Kirchenbesitz und Rodungszehnten in der näheren Umgebung verschaffen, vgl. Werner, Seite 19f. und Wolfgang Petke, in: Johann Friedrich Böhmer, Regesta Imperii IV, 1: Die Regesten des Kaiserreiches unter Lothar III. und Konrad III., Teil 1: Lothar III. 1125(1073)-1137, Köln- Weimar- Wien 1994, Seite 316ff.

[10] Monumenta Germania Historica: Die Urkunden der deutschen Könige und Kaiser, Band 10/3: Die Urkunden Friedrich I. 1168-1180, bearb. von Heinrich Appelt, Hannover 1985, Nr. 786, Seite 347ff.

[11] Vgl. Werner, Seite 20

[12] Krobitz liegt ca. 3,5 km südwestlich von Neustadt, bei der heutigen Ortschaft Weira

[13] Vgl. Christoph F. Ayrmann: Sylloge Anecdotorum 1, Frankfurt a.M. 1746, Seite269 und Otto Dobenecker: Regesta diplomatica necnon epistolaria historiae Thuringiae IV.,Jena 1896, 2729.

[14] Vgl. Eugen Haberkern u.a.[Hrsg.]: Hilfswörterbuch für Historiker- Mittelalter und Neuzeit, Tübingen, Basel 1995, 8. Auflage, Seite 643f. sowie, Herrmann, Seite 6f.

[15] Zur Ersterwähnung und zur Frage um die Gründung Arnshaugks siehe Kapitel 2.3.4.

[16] Vgl. Rudolf Herrmann: Die Entstehung Neustadts – Bausteine zur Geschichte Neustadts Heft5, Neustadt an der Orla 1914, Seite 6f.

[17] Zur Ersterwähnung Neunhofens vgl. Kapitel 2.2.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Die Stadtentstehung von Neustadt an der Orla
Hochschule
Universität Potsdam  (Historisches Institut)
Veranstaltung
Seminar: Stadtentstehung im Mittelalter: Der Sonderfall Potsdam
Note
1,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
22
Katalognummer
V17996
ISBN (eBook)
9783638224253
Dateigröße
539 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Stadtentstehung, Neustadt, Orla, Seminar, Stadtentstehung, Mittelalter, Sonderfall, Potsdam
Arbeit zitieren
Peter Schubert (Autor), 2002, Die Stadtentstehung von Neustadt an der Orla, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/17996

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