Die „Samia“ von Menander und ihr politischer Bezug zum Hellenismus unter besonderer Berücksichtigung Athens


Essay, 2007
17 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Menanders Biographie

3. „Samia“ (Das Mädchen aus Samos)

4. Abfassungszeit der Samia

5. Der Lamische Krieg (323/2 v. Chr.) und seine Auswirkungen auf Athen

6. Die Reflektion der athenischen Politik in Menanders „Samia“

7. Schluss

8. Literatur

9. Anmerkungen

1. Einleitung

Der Hellenismus, eine Spätepoche der griechischen Antike (336-30 V. Chr.), war eine Zeit der großen Eroberungsfeldzüge, des kulturellen Austausches, des aufsteigenden Weltbürgertums und nicht zuletzt auch eine Zeitperiode des unerschöpflichen Humors. Nicht nur die meisten Formen des Witzes, sondern auch viele Witze der Weltliteratur gehen direkt oder indirekt auf hellenistische Überlieferungen zurück. Die Komödienschreiber Griechenlands (vor allem Athens) erdichteten seinerzeit zahlreiche Lustspiele und Parodien, die in den großen Theater bei den Festspielen, den Dionysien und Lenäen, vor zahlreichen Zuschauern aufgeführt wurden. Allein die unzähligen Fragmente, sowie die wenigen vollständigen Stücke der hellenistischen Komödien, die wir besitzen, genügen als Beweis, dass sich mit der überragenden Komik des Hellenismus über Jahrhunderte der Komödiengeschichte nur die weltberühmten Lustspiele des Shakespeares messen konnten.

In der „Klassischen Zeit" Griechenlands (550-336 v. Chr.) lebten die Komödien von den spöttischen Anspielungen auf die Politik, die in der Heimatpolis nicht immer tadellos war. Komödienschreiber, wie der Athener Aristophanes, sind mit ihren gesellschaftskritischen Spaßparodien bis heute in Erinnerung geblieben und gelten als Begründer der „Alten Komödie". Vergleicht man nun die „Alte Komödie" der „Klassischen Zeit" mit dem Humor der „Nea", der „Neuen Komödie" des Hellenismus, fallen die Unterschiede zwanglos auf. Die Komödienschreiber der „Nea", von denen Menander, Philemon und Diphilos heute die Bekanntesten sind, dämpften die lauten, scharfen, übersprudelnden und politisch angehauchten Gefühlsausbrüche der Protagonisten der „Alten Komödie zu etwas Neuem. Sie erschufen einen wärmeren, innerlichen von Gegensätzen geprägten, komplexen Humor. Wer darüber lächelte, musste nicht nur kultiviert sein, sondern auch diesen edlen Humor nacherleben können, sei es zuhause, auf den öffentlichen Plätzen der Heimatpolis oder auf den Reisen durch das hellenistische Weltreich, das Alexander der Große (356-323 v. Chr.) mit seinem triumphalen Eroberungszug (334-328 v. Chr.) erschuf. Mit jeder neuen Unterwerfung durch Alexanders Truppen schmolz die Bedeutung der einst in der „Klassischen Zeit" Griechenlands mächtigen Polis, wie Athen, Sparta und Korinth. Sie alle unterstanden der militärischen Übermacht des makedonischen Großreiches und seiner autoritären Politik. Die Reaktionen auf diesen Umstand von Seiten der Künstler des Hellenismus waren unterschiedlich. Einige erhoben die mächtigen makedonischen Herrscher förmlich in die Luft und verewigten sie in Statuenform als goldene Halbgottheiten, andere zogen sich in ein gesellschaftliches Dasein, fernab der Politik zurück und ließen sich von anderen Dingen inspirieren. Dieses Essay widmet sich einem von ihnen - dem athenischen Komödienschreiber Menander.

Zuallererst beschäftigen wir uns mit der Biographie von Menander. Danach charakterisieren wir sein Werk und befassen uns besonders mit dem Stück „Samia" (Das Mädchen aus Samos), welches heute zu den besterhaltenden Komödien des Hellenismus zählt. Zum Schluss überprüfen wir, in wie Fern sich die politische Situation Griechenlands, vor allem aber Athens, in der „Samia" widerspiegelt, um dessen Wert für uns Historiker zu bestimmen.

2. Menanders Biographie

In diesem Kapitel werden wir versuchen, die Biographie des Komödienschreibers Menander zu rekonstruieren. Leider sind wir dabei nur auf einige wenige Daten und Fakten angewiesen, da über das Leben des Dichters von der Antike bis heute sehr wenig überliefert wurde.

Aus den amtlichen Theaterchroniken Athens (Didaskalien) wissen wir, dass im Jahr 342/341 v. Chr., dem wohlhabenden Bürger Diopeithes aus dem attischen Demos Kephisia ein Sohn namens Menander geboren wurde. Des Weiteren erfahren wir anhand eines griechischen Inschriftensteines, der in Rom gefunden wurde und heute als verschollen gilt, dass Menander in seiner Jugend den Ephebendienst (militärische Grundausbildung) absolvierte und anschließend als Wachsoldat an der attischen Grenze stationiert war. Während dieser Zeit lernte er Epikur kennen, den späteren Philosophen und Gelehrtem, der an der Athener Akademie den radikalen Materialismus[1] dozierte. Die philologische Forschung ist über die Beziehung Menanders zu Epikur, sowie über eine literarische Abhängigkeit der beiden, geteilter Meinung. Einige Wissenschaftler erkennen an, dass Menanders Komödien Epikurs philosophische Ansichten unverkennbar widerspiegeln, andere wiederum sind skeptisch und sehen hinter der Gemeinsamkeit der Gedanken bloß eine allgemeingültige Zeiterscheinung. Im Gegensatz zur „Klassischen Zeit", in der die polisinterne Demokratie unter den Bürger Athens gefördert wurde, fand im Hellenismus eine Umorientierung statt. Die Bürger wurden, nicht zuletzt auch wegen der politischen Machtlosigkeit der eigenen Polis, zu Kosmopoliten (Weltbürgern) und zogen sich immer mehr in ihre eigene Privatsphäre zurück. Epikurs extrem individualistische Lehre, das Leben auf möglichst angenehme Weise zu führen, ließ sich jedenfalls hervorragend mit den Zeitumständen vereinbaren. Sie konzentriert sich entweder direkt, wenn man den optimistischen Philologen glaubt, oder auch indirekt, falls man dem Skeptizismus zugeneigt ist, in den Komödienstücken Menanders.

Im Anschluss an den Militärdienst wurde Menander ein Schüler des Philosophen Theophrast, der sein Interesse augenfällig auf ethische und moralische Fragen im Hinblick auf die persönliche Lebensführung innerhalb der Polis lenkte. Dank der Nähe zu Theophrast erklärt sich Menanders gutes Verhältnis zum Aristoteles-Schüler Demetrios von Phaleron, der Theophrast half, Aristoteles ehemalige Schule aufzubauen. Demetrios von Phaleron war hochgebildet: er war Philosoph, Wissenschaftler, sowie Staatsmann in einer Person. Ab dem Jahre 317 v. Chr. führte er als makedonischer Parteigänger und Antidemokrat in Athen ein gemäßigtes Regime, bis er 307 v. Chr. durch Demetrios Poliorketes entmachtet und aus der Polis verbannt wurde. Bei der anschließenden Säuberung Athens durch den aufgebrachten Demos von allen Anhängern der makedonischen Herrschaft war auch Menander, der mit Theophrast und Demetrios von Phaleron verkehrte, die beide in gutem Verhältnis zu Kassandros (König von Makedonien, 306-297) standen, zeitweilig in Gefahr.

Das dichterische Handwerk des Komödienschreibers erlernte der junge Menander zunächst durch Nachahmung der Tragödien und Komödien, die er alljährlich am Dionysosfesten im Theater sah, und anschließend durch die dramaturgischen Unterweisungen des Komödiendichters Alexis, der möglicherweise mit ihm verwandt war. Im Jahre 321 trat Menander mit seiner ersten Komödie („Orge", d. h. der „Jähzorn") an die Öffentlichkeit und gewann den ersten Preis bei den athenischen Dionysien. Dieser Sieg blieb jedoch eine der wenigen Ausnahmen, denn Menanders geniale, akribisch-genaue Art, mit der er seine Stücke gestaltete, war zu seiner Zeit nicht besonders publikumswirksam. Die Zuschauer und Preisrichter im Theater fühlten sich bei Menanders Aufführungen häufig überfordert und gaben bei der Bewertung im Komödienagon anderen den Vorrang, nämlich den Schreibern, die ihnen handfeste Drastik und Turbulenz in Form von Prügelszenen lieferten[2]. Dennoch verfasste Menander im Verlauf von gerade mal dreißig Schaffensjahren mehr als einhundert Komödien, aber nur achtmal entschied sich das Publikum zu seinen Gunsten. Erst nach seinem Tod, Menander ertrank mit 52 Jahren (291/290) beim Baden im Piräus, erlangte er die allerhöchste Bewunderung. Seine Komödien wurden von den römischen Komödiendichtern vielfach rezitiert und wieder aufgeführt. Vor allem wurde die Sprache des Dichters bewundert. Heute besitzen wir nur einige wenige Stücke von Menanders Werk, die (fast) vollständig erhalten geblieben sind. Die meisten seiner Komödien wurden uns in fragmentarischer Form überliefert. Zu den Stücken, die die Jahrtausende am besten überstanden haben, gehört heute das Komödienstück „Samia" (Das Mädchen aus Samos). Dieses soll uns nun im weiteren Verlauf dieses Essays beschäftigen.

3. „Samia“ (Das Mädchen aus Samos)

Bis zum Beginn des 20. Jh. besaß man von Menanders „Samia" nur einen einzigen Vers. Dieses änderte sich schlagartig, als im Jahre 1907 der Papyrus „Cairensis" und damit vier Stücke des Menanders, unter denen auch „Samia" zu finden war, veröffentlicht wurden. Jedoch bestand die Komödie damals nur aus 341 Versen, was ungefähr einem Drittel der vollständigen Abfassung entsprach. Im Jahre 1969 fand man unter dem ägyptischen Sand weitere Textfragmente des Stückes und ergänzte es bis auf 738 Verse. Dieser Vervollständigungsprozess dauert bis heute an, denn immer wieder werden bei Ausgrabungen Teile des Menanderischen Werkes gefunden, damit wird das Werk durch diese Funde ergänzt.

Die „Samia" ist in insgesamt fünf unterschiedlich lange Akte unterteilt, welche wiederum aus mehreren Szenen bestehen. Schauplatz der Handlung ist Athen. Auf der Bühne werden zwei Häuser aufgebaut. In dem einen wohnt der reiche Demeas mit seiner Konkubine Chrysis, dem Adoptivsohn Moschion und zahlreichem Dienstpersonal. Das Nachbarhaus gehört dem armen Nikeratos, der dort mit seiner Frau und Tochter Plagon lebt. In Abwesenheit der beiden Väter, die sich gemeinsam auf einer Handelsreise nach Byzanz befinden, verführt Moschion beim Adonisfest Plagon, die schwanger wird und ein Kind gebärt. Etwa zur selben Zeit verliert Chrysis, die Konkubine des Demeas, ihr Kind und bietet Plagon und Moschion an, ihr uneheliches Kind solange zu übernehmen und als ihr eigenes auszugeben, bis das Paar die Einwilligung zur Heirat von ihren Vätern bekommt. Kurz vor Schluss des ersten Aktes treffen die beiden Väter von ihrer Reise zu Hause ein, und der Zuschauer erfährt, dass beide Väter bereits von sich aus die Verheiratung ihrer Kinder beschlossen haben. Demeas schickt kurz nach seiner Wiederkehr den Sklaven Permanon auf den Markt, damit er alles nötige für die Hochzeit einkauft. Doch es sollte alles anders kommen, als geplant. Zu Beginn des zweiten Aktes wird Demeas zufällig Zeuge eines Gesprächs, aus dem er erfährt, dass Moschion und Chrysis ihn hintergangen haben, und das Kind, welches sie bei sich trägt, aus dem Verhältnis zwischen den beiden stammt. Voller Wut vertreibt Demeas seine geliebte Konkubine aus dem Haus. Chrysis flüchtet daraufhin in das Haus des Nachbarn Nikeratos und findet dort Unterschlupf. Demeas ist fassungslos, wagt aber nicht, über diese schockierenden Verdächtigungen mit seinem Sohn Moschion zu sprechen. Als aber Moschion sich für Chrysis und das Kind einsetzt, fühlt sich Demeas in seinem Verdacht bestätigt, sucht nach Beweismitteln und Zeugen, wie dem Sklaven Permanon, der von den anderen Beteiligten vorher eingeweiht wurde. Bei dem Gespräch zwischen Demeas und Permanon äußert sich der Sklave zu dem Vorfall äußerst ungeschickt, so dass Demeas sich irrtümlich in seinen Verdächtigungen erneut bestätigt sieht, die Fassung verliert und in seiner rasenden Wut den ängstlichen Permanon davonjagt. Demeas beschließt zum Ende des zweiten Aktes, alle Schuld auf Chrysis zu schieben, sie habe Moschion verführt, als er betrunken war.

Im dritten Akt stellt Menander das Geschehen hinter der Schilderung des ambivalenten Gefühlslebens des Demeas. Dieser sieht sich veranlasst, die Wahl zwischen der Konkubine und seinem Ziehsohn, die er beide liebt, zu treffen. Er entscheidet sich für den Letzteren.

Akt vier stellt den Höhepunkt der Verwicklungen zwischen den Protagonisten dar. Zu Anfang ist Nikeratos bestürzt und erbost über Demeas Rausschmiss von Chrysis und will diesen zur Rede stellen. Er schickt Moschion vor, der mit Demeas die Aussprache suchen soll. Doch wieder einmal unterdrückt die gegenseitige Rücksichtsnahme die Wahrheit und sorgt für weitere Verwicklungen. Nun tritt Nikeratos in den Vordergrund und wird auf die falsche Fährte des Inzests gelenkt. Eine zügellose Hasstirade gegen Moschion folgt, in der dieser von Nikeratos als der „schrecklichste aller Eheschänder“ beschimpft wird. Demeas solle die Konkubine verkaufen und den Sohn enterben. Nikeratos rennt anschließend in sein Haus, um Chrysis davonzujagen. Endlich durchschaut Moschion den Irrtum und gesteht Demeas, dass Plagon die Mutter des Kindes ist. Im Anschluss an diese Offenbarung rennt Moschion davon und überlässt dem Vater die Besänftigung des wütenden Nikeratos, der in der Zwischenzeit seine Tochter Plagon dabei beobachtet hatte, wie sie das Kind stillte. Nikeratos ist bestürzt, verliert die Fassung und will das Kind ins Feuer werfen. Er sieht sich als Opfer eines Komplottes und lässt sich erst mit Mühe von Demeas beruhigen, in dem er ihm versichert, dass Moschion seine Tochter Plagon zur Frau nehmen wird.

Zu Beginn des fünften Aktes erfolgt ein Rollentausch, so dass nun Moschion den Gekränkten spielt. Er ist außer sich vor Wut über die Unterstellung seines Ziehvaters und will diesem einen Schreck einjagen, indem er vorgibt, als Söldner nach Baktrien (Afghanistan) oder Karien (Kleinasien) zu ziehen und Plagon nicht zu heiraten. Nun verliert der gutmütige Demeas zum Schluss doch die Geduld und liest Moschion gehörig die Leviten. Nachdem das Verhältnis zwischen Vater und Sohn endlich geklärt und die Ordnung in der Familie wiederhergestellt ist, kann die Hochzeit des Liebespaares endlich stattfinden.

Wie wir gerade festgestellt haben, handelt es sich in dem Stück „Samia“ hauptsächlich um ein familiäres Missverständnis, das durch allzu große Rücksichtsnahme, mit der Demeas und Moschion einander begegnen, verursacht wird. Moschion will dem Vater wegen des Verhältnisses mit Plagon keinen Kummer bereiten und verschweigt deshalb, dass das Kind von ihm ist. Demeas seinerseits verbirgt vor ihm aus Rücksicht und Scham die Beziehung zur Hetäre Chrysis. Aus diesem Schuldbewusstsein kommt es zu keiner Aussprache zwischen den beiden, so dass sich in Folge dessen Missverständnisse anbahnten. Um auf die Charakterschwächen der Protagonisten hinzuweisen, legt Menander denen Lieblingswörter in den Mund, wie z.B. „Rücksicht“, „Scham“ und Ähnliches.

Menander wurde bei der Gestaltung der Charaktere offensichtlich durch seinen Lehrer Theophrast inspiriert, der etwa zur gleichen Zeit, als Menander mit dem Komödienschreiben anfing, eine bedeutende Typologie über menschliche Schwächen[3] veröffentlichte.

In der „Samia" bringen Schein, Scham, Scheinwissen und mangelnde Kommunikation die Hochzeit der beiden jungen Leute, die von allen Protagonisten des Stückes als richtig und wünschenswert anerkannt wird, beinahe zum Scheitern. Die Parallelen zu den Spätwerken des Euripides (Tragiker, 480-406 v. Chr.) und seine psychologischen Studien[4] sind in der Dramatik der „Samia", besonders im Vergleich mit der Tragödie „Ion"[5], deutlich zu erkennen. Sowohl Euripides als auch Menander greifen dabei auf die erkenntnistheoretische Diskussion des 5. Jh., wie sie in der Schrift des Sophisten Georgias von Leontinoi (483-385 v. Chr.), „Über das Nichtseiende" fassbar ist, zurück. Georgias beweist dort drei Hauptthesen: 1. Es gibt nichts. 2. Wenn es doch etwas gäbe, könnten wir es nicht (richtig) wahrnehmen. 3. Und selbst, wenn wir in der Lage wären etwas wahrzunehmen, könnten wir es einem anderen nicht mitteilen. Gerade den zweiten und dritten Punkt des Beweisganges könnte man als Ausgangspunkt mancher euripidesscher Tragödien und eben auch der „Samia" ansehen.

Nun widmen wir uns dem politischen Kontext des Stückes „Samia". Dieses stellt sich als Herausforderung dar, denn zunächst einmal müssen wir die Abfassungszeit des Stückes bestimmen, da wir nur dadurch den genauen politischen Zeitrahmen erfassen können. Dieser soll uns dazu dienen, die Reflektion der politischen Situation in Athen in der „Samia" zu untersuchen. Dabei liefert uns Menander in dem Stück einige wenige Hinweise zur chronologischen Einordnung. Diesen werden wir nun im Einzelnen nachgehen.

unerfreuliche Verhältnisse! Byzanz! Wermut, bitter alles! Apollon! Dies hier aber: / die reine Freude für die Armen. Athen heißgeliebt, / wie möchte dir zuteil werden alles, was du verdienst, /damit wir selbst in allem äußerst glücklich sind, / die wir die Stadt lieben!“ Hierbei handelt es sich um einen typischen Gruß eines heimkehrenden Atheners, der in diesem Fall nach der kontrastierenden Notiz über Byzanz im patriotischen Sinne, als doppelt wirksam auf das Athenische Publikum, aufzufassen ist. Dieser Abschnitt ist für den weiteren Verlauf des Essays bedeutungsvoll und soll uns später noch einmal beschäftigen. Für die Datierung der „Samia" ist hierbei vor allem wichtig, dass Menander direkt auf die Verhältnisse in Athen eingeht. In der Rede des Demeas wird Athen als „von den Armen heißgeliebt" bezeichnet, was mit anderen Worten heißen könnte, dass Athen damals, aus ökonomischer Sicht, eine „arme Polis" war[6]. Eben diese Textstelle lässt viele Forscher vermuten, dass die Situation, in der sich die „Samia" abspielt, auf die Zeit nach dem Lamischen Krieg (322 v. Chr.) zurückzuführen ist, der Athen in schwere wirtschaftliche Not stürzte und es endgültig um seine politische Bedeutung brachte. Der Rest der Philologen und Historiker, die gegen diese Auffassung sind, rechtfertigt die Spätabfassung mit der formalen Meisterschaft des Stückes, welche nur einem erfahrenen Dichter zuzutrauen ist. Tatsächlich tritt Menanders einzigartige Kunst, aus erstarrten Komödientypen menschliche Charaktere werden zu lassen, in der „Samia" deutlich zu tage, und auch die Antike berichtet uns von einer Entwicklung des Dichters. Jedoch ist die Anzahl der Überlieferungen von Menanders Werk zu gering, um durch einen Vergleich der Stücke eine zeitliche Entwicklung des Schreibstils Menanders festzustellen. Bei einem genialen Dichter, wie Menander, kann man nicht unzweifelhaft ausschließen, dass dieser schon in jungen Jahren dazu fähig war, ein solch intelligentes Stück wie die „Samia" zu verfassen. Es erscheint sehr viel plausibeler die Datierung der „Samia" mit den historischen Fakten zu belegen, also mit der Anspielung auf die Armut in Athen, die den Zeitraum kurz nach dem Ende des Lamischen Krieges widerspiegelt.

Im nächsten Kapitell werden wir uns deshalb die Ereignisse des Lamischen Krieges und seine Auswirkungen auf Athen anschauen.

[...]


[1] Epikur küfte seine Lehre an die Atomisten Leukipp und Demokrit an, die einen radikalen Materialismus vertraten. Nach Epikurs Erkenntnistheorie kommen Sinneseindrücke durch Ausfluss aus den Gegenständen, die aus Atomen zusammengesetzt sind, zustande. Ebenso besteht die Menschliche Seele, die mit dem Tod vergeht, aus Atomen. Götter werden als unvergängliche Atomkonstellationen aufgefasst. Es kam wesentlich darauf an, vor diesem Hintergrund ein Leben in heiterer Zurückhaltung zu führen, zu meiden, was Schmerz und Belastung mit sich brachte, und zu suchen, was Freude und Vergnügen schenkte. Dazu gehörte auch, dass man sich aus dem „Stress“ politischer Aktivitäten heraushielt und ein zurückgezogenes Leben führte, im Kreis der Freund und der Familie. So etwas wie Schicksal gab es nicht mehr, und den Zufall hatte man nicht in der Hand. So blieb es das Leben auf möglichst angenehme Weise zu führen und alle Lasten zu ignorieren. (Vgl.: Delius C., Gatzemeier M., Sertcan D., Wünscher K., Geschichte der Philosophie. Von der Antike bis Heute, Bonn 2005, S. 17; Gehrke H.-J. in: Gehrke H.-J., Schneider H. (Hg.) in: Geschichte der Antike. Ein Studienbuch, Stuttgart/ Weimer 2000, S. 217.)

[2] Bekannt sind uns die Stücke von Diphilos oder Philemon und die Namen von 60 weiteren Komödiendichtern. (Vgl.: Menander, Samia. Griechisch/ Deutsch, Helmut Offermann (Hg. und Überstz.), Stuttgart 1980, S. 107.)

[3] Die „Charaketere“ Theophrasts sind in der Zeit nach 319 v. Chr. entstanden. In der Schrift werden dreißig Charakterskizzen dargestellt. In diesen Skizzen stellt Theophrast menschliche Schwächen und kleine, oft lächerliche Fehler des Alltags vor. Moralische Defekte und grobe Laster werden dort nicht beschrieben. (Vgl.: Steinmetzt P. in: Klose D.,(Übers., Hg.,), Theophrast, Charaktere. Griechisch/ Deutsch, Stuttgart 1970, S. 93).

[4] Euripides war ein Meister in der Darstellung des Seelenlebens seiner Helden. Insbesondere zeigte er in seinen Stücken die tiefgründige Leidenschaft der weiblichen Seele. (Vgl.: Mickisch H., Basiswissen der Antike. Ein Lexikon, Stuttgart 2006, S. 104, s. v. Euripides.)

[5] Im „Ion“ verkündet Hermes, dass sein Bruder Apollon, der Vater Ions, vorhabe, seinen Sohn dem athenischen König Xuthos, der Ions Mutter Kreusa geheiratet hat, als eigenes Kind durch einen Orakelspruch unterzuschieben. Um nicht alles im Chaos enden zu lassen, löst Euripides die verworrenen Handlungsfäden durch Athena als dea ex machina, die durch ihr Machtwort alles erklärt. (Vgl.: Zimmermann B., Die griechische Komödie. Frankfurt am Main, 2006, S. 194.)

[6] Möglicherweise handelt es sich hierbei auch um eine bitterböse ironische Anspielung auf die armen Bürger, die nach dem Lamischen Krieg ihr Bürgerrecht verloren haben (siehe Kapitel 5. ).

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Die „Samia“ von Menander und ihr politischer Bezug zum Hellenismus unter besonderer Berücksichtigung Athens
Hochschule
Universität Kassel
Veranstaltung
Kommunikation in Athen
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
17
Katalognummer
V180020
ISBN (eBook)
9783656025689
ISBN (Buch)
9783656026198
Dateigröße
701 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Menander, Athen, Samia, Hellenismus, Essay, Antike, Komödie, Klassische Zeit, Menandros, Lamische Krieg, Politik in Samia
Arbeit zitieren
Andrej Wolf (Autor), 2007, Die „Samia“ von Menander und ihr politischer Bezug zum Hellenismus unter besonderer Berücksichtigung Athens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/180020

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