Michel de Certeau: "Die Kunst des Handelns" - Überprüfung der Theorie an der Ernst-May-Siedlung in Bornheim


Seminararbeit, 2011
14 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. Michel de Certeau: Meister der Theorie des „Alltags “
1. Ernst May: sein Anliegen
2. Die Siedlung Bornheimer Hang
3. Praxis der Massen
4. Produktion des alltäglichen Handelns
5. Kreatives Vorgehen der Massen

II. Philosophie des Alltagshandeln
1. Strategie und Taktik
2. Urbane Praktiken und das städtische Konzept
3. Dialektischer Kampf von Oben und Unten
4. Die Definition des Gehens
5. Tatsache- und Konzeptstadt: Von der Realität zur Utopie

III. Fazit

IV. Literaturverzeichnis

Einleitung

Eine soziologische Studie in der Ernst-May-Siedlung in Bornheim: „Ein interdisziplinäres Projekt, bestehend aus Studenten der Architektur, der Kunstgeschichte, der Kunstpädagogik, der Soziologie und vom Werkbund Hessen, sollte im Rahmen eines Seminars ‚Die Nutzung und Aneignung urbaner öffentlicher Räume in einer Wohnsiedlung in Frankfurt am Main’ den freien Raum analysieren und Lösungen erarbeiten.“[1]

Anknüpfend an diesem Projekt beabsichtigt diese Arbeit, die Theorie der „Kunst des Handelns“ des berühmten französischen Historikers und Soziologen Michel de Certeau anhand von Interviewmaterial und Beobachtungen, die in der Ernst-May-Siedlung in Frankfurt gemacht wurden, zu überprüfen und herauszufinden, in wieweit die Ernst-May-Siedlung in Bornheim diese Theorie bestätigt.

I. Michel de Certeau: Meister der Theorie des „Alltags “

Michel de Certeau (1925-1986), war ein Historiker und Spezialist der Mystik, Mitglied der Ecole freudienne seit ihrer Gründung, bewandert in Philosophie, Linguistik, Ethnologie und Soziologie. Sein wichtigstes Werk ist die „Kunst des Handelns“.

Er ist eigentlich ein Meister der Theorie des „Alltagslebens“.

Er widmet sein populäres Werk dem einfachen Mann, oder wie er ihn am besten nannte „dem Helden des Alltags“.[2]

Wie sein Arbeitsgebiet schon andeutet, hatte Certeau sich mit vielen Bereichen der Geisteswissenschaften beschäftigt und auch Theorien bezüglich des Alltagslebens aufgestellt.

Um seine Theorie der „Kunst des Handelns“ zu überprüfen, wurde Ernst May Siedlung in Bornheim, als Projekt-Gegenstand gewaehlt.

Warum die Ernst-May-Siedlung?

„Die Ernst-May-Siedlungen in Frankfurt waren zu ihrer Entstehungszeit über die Landesgrenzen hinaus wegweisend und galten als architektonische Avantgarde-Projekte. In den letzten Jahren wurde ihre Bedeutung zunehmend wieder entdeckt und ihre Gestaltung soweit wie möglich dem Originalzustand angeglichen.

Einzig der Freiraum, der öffentliche Bereich, die Plätze und die gemeinschaftlichen Nutzungen konnten nicht rekonstruiert, optimiert oder an heutige Bedingungen angepasst werden.“[3]

Im Rahmen dieser Studie wurden mehr als 50 Personen, darunter auch Einwohner und „Experten“[4], interviewt. Außer den geführten Interviews wurden auch Beobachtungen durchgeführt, die bestimmte Aspekte der Siedlung, wie z.B. die architektonische Struktur, die Türen der Häuser, Fenster der Wohnungen, Eingänge, die Innen- und Hinterhofe und die Grünanlagen etc. dokumentierten.[5]

Zum Schluss wurde all dieses Material Mitte August 2011 in dem Gebäude des Werkbund Hessen ausgestellt.

Während dieser Untersuchung wurden insgesamt 3 Bürgertreffs einberufen, und bei dieser Gelegenheit wurden auch sehr interessante Interviews und Beobachtungen gemacht. Wie die Interviews dokumentiert haben, veränderte sich die demographische Zusammensetzung der Siedlung während der letzten 30 Jahre sehr. In dieser Zeit zogen sehr viele Einwanderer in die Siedlung, was in der Siedlung zu einer „Multi-Kulti-Beziehung“[6] führte.

Wie kam es zu dieser Siedlung und wer ist ihr Schöpfer - Ernst May? Was sagt uns die Geschichte dieser Siedlung und was bezweckte May, der immer noch als einer der ruhmreichen Architekten Deutschlands betrachtet wird, mit diesen Wohnanlagen?

1. Ernst May: sein Anliegen

Der Frankfurter Baustadtrat Ernst May[7] baute mit Herbert Boehm in der Zeit von 1925 bis 1930 am Bornheimer Hang diese große Wohnsiedlung, die später „Ernst-May-Siedlung“ genannt wurde. May war sozial engagiert und wollte durch die Wohnanlagen nicht nur die Lebenszustände der sozial schwachen Menschen verändern, sondern sie auch durch ihr Habitat zu „neuen Menschen erziehen“. In der von ihm herausgegebenen Zeitschrift „Das Neue Frankfurt“ beschreibt er die Ziele der Architekten der neueren Generation so:

„Die Architekten des Neuen Bauens eint über alle Grenzen der Länder hinaus ein warm empfundenes Herz für alle Menschen in Not, sie sind ohne soziales Empfinden undenkbar, ja man kann geradezu sagen, daß diese Schar die sozialen Momente bewußt in den Vordergrund des Neuen Bauens stellt.“[8]

Die Bauprojekte begleitend gab May, ab 1926 mit anderen zusammen die Zeitschrift Das Neue Frankfurt heraus, die als Sprachrohr und zur breiten und leicht verständlichen Information der Bevölkerung dienen sollte. Darin vertrat er eine Abkehr von den überkommenen Wohn- und Gestaltungsvorstellungen.

2. Die Siedlung Bornheimer Hang

Die Siedlung Bornheimer Hang ist eine von mehreren Wohnsiedlungen in Frankfurt, die durch die Initiative Mays gebaut wurden.

„Der Bau wurde durch die Verwendung industriell vorgefertigter Teile beschleunigt, so dass in vier Jahren 1234 Wohnungen fertiggestellt werden konnten. Die Gebäude mit Flachdächern besitzen funktional optimierte Grundrisse und einen hohen Freiraumbezug mit einer aufgelockerten Zeilenbauweise und Dachterrassen. Neben Wohnblocks wurden in der Siedlung auch einige Reihenhäuser errichtet. Insgesamt umfasst die Siedlung etwa 1540 Wohnungen (2- und 3-Zimmer-Wohnungen von 55 bis 65 m2), ausgestattet mit Frankfurter Küche und Zentralradio. Bauherr war die Aktiengesellschaft für kleine Wohnungen.

Das am Ende der Wittelsbacherallee geplante Gemeinschaftshaus wurde ebenfalls nicht verwirklich, so dass der Platz für den Bau einer Kirche zur Verfügung stand. Die Fläche unter den in zwei Reihen stehenden Platanen in der Wittelsbacher Allee diente lange Zeit als Marktplatz.“[9]

Die Außenmauern der ‚Burg’ bestehen aus 3- bis 4-stöckigen Mehrfamiliensiedlungshäusern, davor sind unbelebte Rasenflächen (Wäschestangen) . Im Innenbereich des Areals gibt es einige Einfamilienhäuser. Ihre privat genutzten Gärten (hinter den Häusern liegend) sind nicht einsichtig.

Hinter der Kirche ist ein großer Platz ungenutzt , daran ein Schild, das darauf hinweist, dass es sich um Privateigentum handelt . Die auf der rechten Seite gelegene Siedlung erscheint burgartig, die engen Eingänge verbergen den dahinter liegenden großen Innenbereich. Der Weg durch die Siedlung wird auch als Durchgangsweg benutzt.[10]

3. Praxis der Massen

Die wichtigsten Hypothesen Certeaus, die wir in dieser Arbeit überprüfen wollen, sind:

- dass die Konsumenten seit ewig im alltäglichen Leben List und Finte beherrschen, um sich im gesellschaftlichen Leben durchzusetzen;
- dass ein Raum immer durch die fortwährende Bewegung (Handlung-Praxis) der Massen geschaffen wird;
- und dass der Held des Alltags seine Wege und Räume stetig durch die unauffällige Praxis erobert und strukturiert.

Obwohl diese Studie im Rahmen eines wissenschaftlichen Projekts durchgeführt wurde, müssen wir trotzdem das Ergebnis dieser Arbeit relativieren, da die konkrete Untersuchung in der Ernst-May-Siedlung in einer kurzen Zeitspanne durchgeführt wurde.

Um über die Hypothese Certeaus eine fundierte Aussage machen zu können, hätte man mehr Informationen und vor allem mehr Zeit gebraucht. Nichtsdestotrotz wurden anhand von durch die Studenten gemachten Beobachtungen und Interviews relativ gute Ergebnisse erzielt.

4. Produktion des alltäglichen Handelns

Michel de Certeau führte Forschungen durch, um das Anonyme und das Alltägliche zu definieren. Deshalb versuchte er fast auf allen Kontinenten „die Produktion des alltäglichen Handelns“ und die praktischen Erfindungen der Konsumenten herauszufinden. Bei den Erfahrungen, die er machte, kam er zu dem Schluss, dass die Masse der Konsumenten, „der Held des Alltags“, der dominierenden Ordnung entfloh, während er sich ihr unterordnete. Es schien so, als wenn die Konsumenten sich untergeordnet hätten, aber dabei hatten sie das dominierende System umorganisiert, um sich zu behaupten.[11]

Nach Certeau sind die Produkte des alltäglichen Handelns praktische Erfindungen, welche „unsichtbar“ sind, da sie sich in den von den Systemen der „Produktion“ definierten und besetzten Bereichen verbergen.[12] Es sind keine „großen“, „pompösen“ oder gar „epochemachenden“ Taten, aber wie ein stetiger Wassertropfen, der den Stein höhlt, untergraben sie auch die herrschende Ordnung. Um das zu veranschaulichen, führt er die Lage der Indianer während der Kolonialzeit an; dass die Indianer sich der amerikanischen Ordnung äußerlich assimilierten, aber im Innern „fremd“ blieben. „Sie entflohen dieser Ordnung, ohne sie zu verlassen.“[13]

Für ihn sind die Alltagspraktiken einfache Handlungen der Massen wie Sprechen, Lesen, Unterwegssein, Einkaufen, Kochen etc. und haben einen taktischen Charakter.[14]

Könnte man etwa diese Theorie auch in der Ernst-May-Siedlung bestätigt finden, indem man die Lage der Einwanderer, Kinder und Jugendlichen mit den Indianern vergleicht? Verhalten sich nicht etwa auch die Einwanderer in Deutschland so, dass sie vorgeben, „sich der gültigen Ordnung äußerlich zu assimilieren“, aber im Innern „für sich“ bleiben? Entfliehen die Einwohner, die einen ausländischen Ursprung haben, in der Ernst-May-Siedlung der Ordnung, die vorherrscht, ohne sie zu verlassen?

Jedenfalls ist es sehr interessant, wenn man in beiden Fällen (Indianer und Einwanderer) die gleichen Verhaltensmuster beobachtet. In den Interviews beschweren sich zahlreiche deutsche Einwohner darüber, dass die Einwanderer, sogenannte Ausländer, „sich abkapseln und lieber unter sich bleiben und nach ihren Regeln leben“. Wie z.B. die Wirtin des Ratskellers dieses Verhalten zur Sprache bringt:

[...]


[1] Inhaltsangabe des Seminars: Barboza, Amalia, Dr.: Seminar: "FreiRaum" Nutzung und Aneignung urbaner öffentlicher Räume Goethe-Universität Frankfurt am Main, SoSe 2011.

[2] Michel de Certeau, Einführung, Kunst des Handelns, Merve Verlag, Berlin 1988, S.9.

[3] Ebd.

[4] Die Experten waren meistens Ladenbesitzer aus dem Stadtviertel, die nicht unbedingt in der Siedlung wohnten, aber die mit ihrer Beobachtung sehr nützliche Informationen lieferten.

[5] Siehe, http://freierraum.wordpress.com/

[6] Siehe, Interview mit dem Pizza-Ladenbesitzer. http://freierraum.wordpress.com/

[7] Ernst May (27. Juli 1886 in Frankfurt – 11. September 1970 in Hamburg) war ein deutscher Architekt und Stadtplaner. Zwischen 1925 und 1930 war er als Siedlungsdezernent der Stadt Frankfurt verantwortlich für die Schaffung wegweisender Siedlungen mit erschwinglichem Wohnraum. Aufgrund des von ihm dort vorgeschlagenen innovativen Konzepts der dezentralen Siedlungen wurde May 1925 als Stadtbaurat in seine Heimatstadt Frankfurt am Main berufen, wo er unter Oberbürgermeister Ludwig Landmann das Hochbau- und Siedlungsamt leitete. Um die Wohnungsnot in Frankfurt zu lindern, initiierte May unter Ausnutzung seiner neuen Machtfülle das großangelegte Wohnungsbauprogramm „Neues Frankfurt“, das auf zehn Jahre angelegt war. Zusammen mit Martin Elsässer und einem großen Stab an fortschrittlichen Architekten suchte May nach Wohn- und Siedlungskonzepten, die nicht nur erschwinglichen Wohnraum schaffen, sondern auch die sozialen und hygienischen Probleme des herkömmlichen Wohnungsbaus vermeiden sollten. May und seine Mitarbeiter setzten dabei auf eine einfache und industrialisierte Bauweise mit vorgefertigten Bauteilen, funktional optimierten Grundrissen und einem hohen Freiraumbezug mit einer aufgelockerten Zeilenbauweise und Dachterrassen. Er verknüpfte dabei die Ansätze der Gartenstadtbewegung mit den Zielen des Neuen Bauens.

[8] Ernst May, in Das Neue Frankfurt 1928.

[9] http://freierraum.wordpress.com/

[10] Beobachtungen, die durch die Studenten gemacht wurden, siehe: http://freierraum.wordpress.com/

[11] Michel de Certeau, Kunst des Handelns, Merve Verlag, Berlin 1988, S.7.

[12] Michel de Certeau, Allgemeine Einführung, Kunst des Handelns, Merve Verlag, Berlin 1988, S. 12.

[13] Michel de Certeau, Kunst des Handelns, Merve Verlag, Berlin 1988, S. 14.

[14] Michel de Certeau, Kunst des Handelns, Merve Verlag, Berlin 1988, S. 24.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Michel de Certeau: "Die Kunst des Handelns" - Überprüfung der Theorie an der Ernst-May-Siedlung in Bornheim
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main  (Soziologie - sozialwissenschaftliche Theoriebildung)
Veranstaltung
„FreiRaum“ Nutzung und Aneignung urbaner öffentlicher Räume
Note
2,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
14
Katalognummer
V180028
ISBN (eBook)
9783656026549
ISBN (Buch)
9783656026150
Dateigröße
505 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Michel de Certeau, : Die Kunst des Handelns, Ernst-May-Siedlung, Theorie des „Alltags', Alltagshandeln
Arbeit zitieren
Sadik Usta (Autor), 2011, Michel de Certeau: "Die Kunst des Handelns" - Überprüfung der Theorie an der Ernst-May-Siedlung in Bornheim, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/180028

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