Sicherheit und Innovationen im Bergbau Ende des 19. Jahrhunderts


Bachelorarbeit, 2011

36 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Hauptteil
2.1. Absturz im Schacht
2.1.1. Innovationen bei der Fahrtechnik
2.1. Sicherheitsverordnungen
2.1. Fazit
2.2. Verschüttung
2.2.1. Abbautechnik
2.2. Sicherheitsverordnungen
2.2. Fazit
2.3. Schlagwetter- und Kohlenstaubexplosionen
2.3.1. Ursachen
2.3.2. Innovationen bei der Bewetterung
2.3.3. Innovationen bei der Sprengarbeit
2.3.4. Innovationen bei dem Geleucht
2.3. Sicherheitsverordnungen
2.3. Fazit
2.4. Allgemeine Sicherheitsbestimmungen und Gesetze

3. Schluss

Anhang

Abkürzungen

Quellenverzeichnis

Glückauf Zeitschrift

Sonstige Quellen

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Unter den mancherlei Beschäftigungen, wodurch sich der Mensch das tägliche Brot erwerben muß, ist die Arbeit des Bergmanns wenig lohnend, mit vielen Gefahren verbunden und sein Los darum nicht beneidenswert.1

Mit diesen Worten eröffnet Johann Eduard Heuchler, seines Zeichens Professor der Zeichenkunst an der Bergakademie im sächsischen Freiberg, im Jahre 1867 sein Buch „Des Bergmanns Lebenslauf“, in dem er die unterschiedlichen Stationen im Arbeitsleben eines zeitgenössischen Bergmanns beschreibt. Auffällig ist, dass er hier schon im ersten Satz auf die Gefährlichkeit dieses Berufs zu sprechen kommt. Und tatsächlich gehörte die Arbeit unter Tage im 19. Jahrhundert zu den gefährlichsten Berufen überhaupt. Der Bergmann musste sich darüber im Klaren sein, dass er sich mit jeder Schicht aufs Neue enorm vielen spezifischen Gefahren aussetzte, was nicht selten zur Folge hatte, dass er unter Tage schwer verwundet wurde oder gar sein Leben ließ. Und sollte er das Glück gehabt haben, nicht verunglückt zu sein, waren gesundheitliche und psychische Folgeschäden wie zum Beispiel Silikose dafür verantwortlich, dass ein Hauer mitunter nicht älter als 35 Jahre wurde.2

Doch der Steinkohlebergbau boomte im 19. Jahrhundert eminent, denn das „schwarze Gold“ stellte aufgrund seiner hohen Energiedichte „die entscheidende energetische Basis für die industrielle Revolution dar“ und war darüber hinaus noch wichtigster Rohstoff bei der Eisen- und Stahlerzeugung, weshalb man es als doppelten „Beschleuniger der Industrialisierung“ ansehen konnte.3 Gerade weil 1847/9 der erste Kokshochofen in Mühlheim gebaut wurde und dies eine neue Ära für Kohle und Stahl einleitete, wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Steinkohlebergbau im Ruhrrevier radikal ausgeweitet und die Förderleistung um ein Vielfaches gesteigert.4 Dadurch stieg freilich das Unfallrisiko für die Bergleute ebenfalls erheblich an. Das Spannungsverhältnis von Sicherheit der Arbeiter und Produktionsinteresse der Unternehmer ist dabei besonders bedeutsam. Dies und noch vieles mehr sind Gründe, warum die Betrachtung der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts für die Sicherheit im Bergbau von entscheidender Wichtigkeit ist.

Die vorliegende Arbeit setzt sich mit diesen spezifischen Gefahren im Bergbau auseinander und zeigt auf, welche Innovationen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts dazu beitrugen, die Sicherheit der Bergleute adäquat zu optimieren. Innovationen, die man per definitionem als freiwilligen „Bruch mit Gewohnheiten durch die Anwendung neuer Verfahren oder Objekte“ verstehen kann,5 sind für die Optimierung der Bergbausicherheit von höchster Bedeutung. Und gerade im 19. Jahrhundert hat die Sicherheitstechnik unter Tage einige revolutionäre Innovationen erlebt.

Was war der ausschlaggebende Grund, dass gerade in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts so viele Innovationen zur Sicherheit der Bergleute eingeführt wurden?

Wieso traten in einigen Bereichen der Bergbautechnik sehr viele und in anderen Bereichen vergleichsweise wenig Innovationen auf?

Wie stellt sich das Verhältnis von technischen Errungenschaften sowie wissenschaftlichen Erkenntnissen auf der einen und gesetzlichen Verordnungen sowie behördlichen Anforderungen und sozialpolitischen Gesetzen auf der anderen Seite dar?

Dies sind Fragen, die an diese Thematik gestellt und im Zuge der Arbeit beantwortet werden sollen.

Die Gliederung dieser Arbeit wird sich an den spezifischen Gefahren orientieren. Zunächst wird in dieser Einleitung Auskunft über das Thema „Sicherheit und Innovationen im Bergbau Ende des 19. Jahrhunderts“ gegeben und die verwendete Literatur sowie die besonders eminenten Quellen vorgestellt. Im Hauptteil der Arbeit geht es dann ganz konkret um die Entwicklung der Sicherheit anhand signifikanter Unfallkategorien, wie Absturz im Schacht, Steinfall und Verschüttung sowie Schlagwetter- und Kohlenstaubexplosionen. Dabei wird zuerst auf die technischen Innovationen im Bereich der Sicherheit eingegangen. Doch wie schon zuvor erwähnt, ist das Zusammenspiel der Technik mit der Sozialgeschichte der behördlichen Legislativen besonders wichtig, sodass im letzten Abschnitt eines jeden Gliederungspunktes stets gerade die, die spezifischen Risiken betreffenden, Sicherheitsmaßnahmen und Bergpolizeiverordnungen vorgestellt werden. Darüber hinaus jedoch wird im letzten Punkt der Arbeit noch auf allgemeine Unfallverhütungsvorschriften und Berggesetze eingegangen. Zuletzt wird noch ein obligatorisches Fazit aus den Erkenntnissen, die diese Arbeit liefert, gezogen und ein kurzer Ausblick auf spätere Zeiträume gegeben, um Ansätze für weitere Betrachtungsweisen dieses Themas zu geben.

Das Thema Sicherheit und Bergbau wurde in den letzten Jahren aus mehreren Perspektiven intensiv beleuchtet. Doch besonders in den letzten drei Dekaden fand in der historischen Betrachtung der Montanindustrie ein Paradigmenwechsel statt, wobei nun stärker auf die strukturelle Sozialgeschichte der Industrialisierung und die „Mining Community“ des Ruhrreviers eingegangen wird.6 Noch um die Mitte des 20. Jahrhunderts war die Sicherheit im Bergbau nicht Gegenstand der wissenschaftlichen Betrachtung. So haben beispielsweise Wilhelm Gumz und Rudolf Regul zwar mit dem Titel „Die Kohle. Entstehung, Eigenschaften, Gewinnung und Verwendung“ eine umfassende Übersicht über den Bergbau und das Produkt Kohle sowie dessen Verwendung geschrieben, jedoch erlangen der Bergmann und seine Sicherheit darin keinerlei Betrachtung, obwohl durchaus Stichworte wie Schlagwetter und Grubengas fallen.7 Der Bergmann selbst, der mit „oft heldenhaftem Einsatz“ den Gefahren trotzte,8 wurde erst in den letzten 30 Jahren zum interessanten Forschungsgegenstand. Besonders Evelyn Kroker, Klaus Tenfelde und Michael Farrenkopf haben sich in den letzten Jahrzehnten eindringlich mit dem spannenden Problem beschäftigt und Farrenkopf ist der Meinung, dass Grubenunglücke „ein integraler Bestandteil der Montangeschichte“ sind und „aus diesem Grund aus der historischen Erforschung des Bergbaus nicht ausgeblendet werden“ dürfen.9 Infolgedessen haben er und Evelyn Kroker einen sehr umfangreichen Katalog aller bekannten „Grubenunglücke im deutschsprachigen Raum“ zwischen 1575 und 1994 zusammengestellt, aus dem sich sehr anschaulich entnehmen lässt, welche Arten von Unglücken es überhaupt gab, wie sie entstanden, wie viele Opfer - ob tot oder verletzt - sie forderten und welche Unfälle besonders häufig auftraten. Unabhängig von diesem Katalog ist die Monografie „Schlagwetter und Kohlenstaub“, die in dieser Arbeit auch noch besonders häufig Verwendung finden wird. In dieser „ungekürzten und geringfügig überarbeiteten“ Dissertation Michael Farrenkopfs geht es um ein ganz besonders wichtiges Sicherheitsproblem unter Tage,10 das vor allem im Betrachtungszeitraum „den Ruhrbergbau im Verlauf seiner Geschichte in unterschiedlicher Anzahl und Stärke getroffen hat“ und außerordentlich viele Opfer forderte: Schlagwetter- und Kohlenstaubexplosionen.11

Neben der verwendeten Literatur ist vor allem die Auswertung spezifischer Quellen wesentlich. Denn gerade im Betrachtungszeitraum dieser Arbeit, der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, wurde die Zeitschrift „Glückauf. Berg- und Hüttenmännische Zeitung“ ins Leben gerufen. Die erste Ausgabe dieser Zeitung erschien am Sonntag den 1. Januar 1865 als „Beilage zur Essener Zeitung“ mit den folgenden, fast schon heroisch klingenden, Worten:

Für jeden, der an der wirtschaftlichen Entwickelung unseres Landes Interesse nimmt, gibt es sicher nichts Lehrreicheres und zugleich Erfreulicheres, als an der Hand der erläuternden Statistik zu beobachten, wie der vaterländische Bergbau, namentlich die Steinkohlen- Gewinnung und die mit dem Bergbau eng verschwisterte Eisen-Industrie, von schwachen Anfänge ausgehend, sich zu der jetzigen Größe und Bedeutung emporgerichtet hat.12

Innerhalb dieser zunächst einmal, später sogar zweimal wöchentlich erscheinenden Zeitung wird nun stets von technischen, geschichtlichen, statistischen, volkswirtschaftlichen und bergrechtlichen Neuerungen sowie vielem mehr rund um den Bergbau berichtet, weshalb sie sich für diese Arbeit als außerordentlich wichtig erweist.

2. Hauptteil

Im Hauptteil dieser Arbeit soll es nun anhand dreier spezifischer Gefahren darum gehen, welche technischen und rechtlichen Innovationen zur Vorbeugung dieser Risiken beigetragen haben: Absturz im Schacht, Verschüttung und Explosionen. Natürlich ereigneten sich im Bergbau noch wesentlich mehr Gefahren, doch hier soll aufgrund ihrer Häufigkeit und ihrer verheerenden Ausmaße nur auf diese drei Hauptgefahren eingegangen werden. Gerade für die Sicherheitsbestimmungen, die bezogen auf jeden Unterpunkt sowie am Ende noch einmal allgemein zur Betrachtung kommen sollen, ist ein Artikel aus der Glückauf Zeitschrift prädestiniert. 1894 überreichte Frédéric Delafond dem internationalen Kongress für Unfallverhütung in Mailand einen Artikel über die „Maßregeln zur Verhütung von Unfällen im Bergbaubetriebe nebst den damit erzielten Resultaten“,13 worin er einige sehr wichtige Sicherheitsbestimmungen, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Frankreich beschlossen worden waren, zusammenfasste. Dieser Artikel wurde in der Glückauf Zeitschrift abgedruckt und soll hier an einigen Stellen zur Anwendung kommen.

2.1. Absturz im Schacht

Zunächst sei nun Bezug auf die Fahrtechnik genommen, die sich im 19. Jahrhundert revolutionär verbesserte und auch maßgeblich dazu beitrug, die Arbeit unter Tage sicherer zu machen. Hier sind vor allem die bergpolizeilichen Bestimmungen von großer Bedeutung, die mit ihren Verboten und Erlässen über die anzuwendende Art der Fahrung bestimmten.

2.1.1. Innovationen bei der Fahrtechnik

Bis weit in das 19. Jahrhundert hinein waren Leitern, sogenannte Fahrten, das einzige Mittel, in das Bergwerk einzufahren. Die zunehmende Teufe machte dies allerdings mit der Zeit unmöglich, da der Kraftaufwand für die Bergleute bei „Fahrzeiten von bis zu einer Stunde“ enorm groß war. Außerdem waren aus betriebswirtschaftlicher Sicht 30% der Muskelkraft, die zum Abbauen der Kohle verwendet werden konnte, an der Fahrte vertan.14 Aus dem Oberharz kam schließlich die Erfindung, die das ein- und ausfahren wesentlich kräfteschonender ausfallen ließ: Die Entwicklung der sogenannten Fahrkunst.15 Fahrkünste waren „lange, an einem Waagebalken pendelnd im Schacht aufgehängt Stangen mit Tritten“, die durch den „mechanisch angetriebenen Waagebalken ständig auf- und abbewegt“ wurden.16 Sie war nach Eduard Heuchler für die Bergleute nützlich „um nicht nur Zeit für die Arbeit zu gewinnen, sondern auch ihre Kräfte zu schonen.“17 Gleichzeitig waren die Fahrkünste auch zur Wasserhaltung einsetzbar.18 Es gab mehrere Arten von Fahrkünsten. Zu unterscheiden sind einerseits die ein- bzw. zweitrümigen Systeme,19 die andererseits wiederum entweder nur aus hölzernen Gestängen, einer Verbindung von hölzernen Gestängen und Drahtseilen oder nur aus Drahtseilen bestanden.20 Die eintrümigen Systeme, die vornehmlich in Cornwall, aber auch im Ruhrkarbon angewandt wurden, besaßen nur ein Gestänge. Der Bergmann stieg auf das Trittbrett und ließ sich anheben, stieg daraufhin auf eine daneben angebrachte Plattform und wartete auf das nächste Trittbrett, um zur nächsten

Plattform zu gelangen und so weiter.21 Die gängigere Version der Fahrkünste war die Zweitrümige. Dort hatte man zwei Gestänge. Der Bergmann musste „nun jeweils in dem Moment von einer zur anderen Stange hinüberwechseln, in welchem die Umkehrung der Bewegungsrichtung erfolgte und die Stangen für einen Augenblick stillstanden. So wurde er jeweils um eine Hubhöhe nach oben oder, wenn er in umgekehrtem Sinne die Stangen wechselte, nach unten gebracht.“22

Diese Form der Fahrung kam im Ruhrgebiet nur spärlich zur Anwendung. Grund waren nicht zuletzt die spezifischen Risiken des Abstürzens, die das zwar kräfteschonende, jedoch auch - bei beispielsweise nassen Trittbrettern - gefährliche System mit sich brachte.23 In Belgien und im Saarkarbon hatte man für dieses Problem extra größere, von Metallgittern umgebene Sicherheitsplattformen eingeführt, „die nach jedem Hub eng nebeneinander zum Stillstand“ kamen und der Bergmann bequem zur nächsten Plattform hinübersteigen konnte.24

Die Erfindung der gedrehten Eisendrahtseile von Oberbergrat Julius Albert revolutionierte 1834 die Fördertechnik. Die Seile waren leichter, dünner und trotzdem wesentlich reißfester als die zuvor verwendeten Hanfseile.25 Eigentlich lag es nahe, die Belegschaft nun auch über die Förderseile ein- und ausfahren zu lassen. Die Technik war vorhanden, jedoch scheute man sich, sie zu erlauben. In der 15. und 16. Ausgabe des ersten Jahrgangs der Glückauf Zeitschrift wird auf die Entwicklung des Seilfahrens eingegangen: Über die Fahrte in immer „größere Teufen hinabzusteigen“ wurde mit der Zeit immer lästiger und es „machte sich auch das Bedürfnis geltend“ neue Methoden des Fahrens zu entwickeln.26 Den „Einwirkungen des anstrengenden Fahrens auf den Fahrten auf Leistung und Gesundheit der Bergleute“ musste unbedingt Abhilfe geschaffen werden. Hohe Kosten der eigentlich recht praktischen Fahrkünste wurden gescheut, sodass „die allgemeinere Einführung der Fahrkünste nur auf einige Gegenden beschränkt“ blieb.27 So nutzte man sehr häufig die Gelegenheit, „sich des Förderseils zu bedienen, an dem die gewonnenen Massen aus den Schächten gehoben wurden“, was jedoch „ohne Anwendung besonderer Vorsicht“ häufig zu Unglücken führte.28 Daraufhin folgte ein langjähriges Hin und Her von Verboten und Erlässen in Bezug auf das Seilfahren, die im folgenden Punkt näher betrachtet werden sollen.

2.1. Sicherheitsverordnungen

1843 und 1844 wurde erstmals vom Essener Bergamt eine Erlaubnis zum Seilfahren ausgesprochen. Doch die Berliner Zentralbehörde hatte ihre Zweifel und zog 1845 die Erlaubnis zurück.29

Um die häufigen, durch das nun wieder unerlaubte Seilfahren verursachten, Unglücksfälle zu vermeiden, zog in den 1850er Jahren erneut „die Bergbehörde in Preußen die Frage in Erwägung, ob es nicht zweckmäßiger sei, das Seilfahren zu gestatten.“30 Die Bergpolizeiverordnung vom 17. Dezember 1859 legte erste Regeln, jedoch „in zweckmäßiger Weise nur das Nöthigste“ fest.31 Jedoch war seitdem das Seilfahren erlaubt und wurde auch nie wieder verboten. Darüber hinaus wurde im Jahre 1878 in Frankreich eine Kommission eingesetzt, „um die Sicherheitsbestimmungen für die zur Mannschaftsfahrung dienenden Förderseile festzustellen“.32 Ebenfalls in Frankreich wurden am 2. Mai 1892 „Sicherheits- Barrieren“ in den Schächten und Füllörtern eingeführt, die „ein Hereinstürzen von Menschen und Material verhindern“ sollten.33 Ein Zeichen dafür, dass die Bestimmungen im Laufe des Jahrhunderts immer weiter spezifiziert wurden, um das Seilfahren möglichst sicher zu machen.

2.1. Fazit

Nachdem die Erlaubnis zum Seilfahren erteilt worden war, dauerte es noch mehr als zehn Jahre, bis sich diese Methode wirklich in den Köpfen der Bergleute als sicherere Alternative manifestierte und noch oft kletterte die Belegschaft lieber über die Fahrten ein und aus.34 Doch nachdem sich die Möglichkeit einmal als wirklich sichere Wahl herausgestellt hatte, stieg die Zahl der Seilfahrten vor allem in den 1860er Jahren sehr stark an. „1862 erreichte die Zahl der Gruben mit künstlichen Fahrungen schon 23“ und 1865 hatten „bereits 52 Zechen mit einer Belegschaft von 20,100 Mann die Seilfahrungen eingeführt.“35 Und es ergab sich, dass „die Zahl der Verunglückten […] relativ die geringste bei der erlaubten Seilfahrt“ war.36 Bei den Fahrkünsten ergaben sich ebenso geringe Gefahren und sie schonten Gesundheit und Arbeitskraft in gleichem Maße, jedoch war die Installation wesentlich teurer und aufwendiger und der Zeitverlust höher, sodass sich das Seilfahren letztendlich flächendeckend durchsetzte. In der Glückauf Zeitschrift heißt es, es sei zu „hoffen, daß bald den Bergleuten aller Zechen […] die Wohlthat des Seilfahren zu Theil werden möge.“37

Im Jahr 1867 fuhren schließlich mehr als die Hälfte aller Bergleute mit dem Seil ein und aus, woraufhin sich die Zahlen der in den Schächten tödlich Verunglückten extrem verringerten.38

Bei dieser Sicherheitsinnovation ist sehr schön zu sehen, dass die behördlichen Sicherheitsbestimmungen maßgeblichen Anteil an der Entwicklung hatten. Die Technik des Seilfahrens war im Grunde genommen schon längst erfunden, da sie der Kohleförderung grundsätzlich nicht unähnlich war. Es änderten sich im Laufe des Jahrhunderts nur noch einige Formen der Förderung, beispielsweise die Einführung der Elektrizität, sowie ein paar Verbesserungen der eindeutigen Signal- und Informationsübertragung mittels Telefon oder Grubentelegraph.39 Die Sicherheitsbestimmungen und bergpolizeilichen Verbote und Erlasse sorgten jedoch schließlich dafür, dass das Seilfahren sicherer wurde. Stand vor 1867 mit 22% der Todesfälle noch der Absturz im Schacht auf Platz zwei der Hauptursachen für tödliches Verunglücken unter Tage, war der Anteil um 1914 nur noch bei 6,67% und dies auch meistens nur wegen zwar tragischer, jedoch nicht häufiger Einzelfälle.40

Platz eins der tödlichen Unfallursachen war und blieb die Verschüttung durch Stein- und Kohlenfall.

2.2. Verschüttung

Der Bergmann scheut Gefahren nicht, Ihn schreckt selbst nicht der Tod; Und lösen auch zu seinem Grab Sich krachend Felsenwände ab, Er denkt: So will es Gott.41

Der Stein- und Kohlenfall war im gesamten Verlauf des 19. Jahrhunderts die Hauptgefahr unter Tage. Noch in den 1880er und 1890er Jahren verursachte das unerwartete Loslösen von Gesteinsbrocken und Kohle 40% aller tödlichen Unfälle.42 Doch nicht immer endeten Unfälle dieser Art tödlich. Oft waren leichte oder mittelschwere Verletzungen oder Erkrankungen, die zu Invalidität und frühem Tod führten, die Folge.43 Auf einen tödlich Verunglückten kamen dabei 12,6 nicht-tödliche Unfälle, die jedoch zu mindestens vier Wochen Arbeitsunfähigkeit führten. „Kleinere Verletzungen, Quetschungen oder Hautabschürfungen“ waren ohnehin alltäglich und „größere Unfälle die Regel“.44 Der Grund für die großen Unfallzahlen war das im 19. Jahrhundert angewandte Abbauverfahren, was nun kurz vorgestellt werden soll.

2.2.1. Abbautechnik

Das Abbauverfahren des deutschen Bergbaus war der sogenannte „Streichende Pfeilerrückbau“, dieser war bis in die 1880er Jahre nahezu ausschließlich verbreitet.45 Innovationen gab es auf diesem Sektor das gesamte Jahrhundert hindurch wenige. Zunächst baute man die Kohle im Ort ab, ließ dabei aber alle paar Meter Pfeiler stehen. Diese baute man dann im nächsten Schritt, dem „Abpfeilern“, gleichsam auf dem Rückweg wieder ab.46 Zum zusätzlichen Abstützen dienten sogenannte Stempel, die meist nur aus Holz gefertigt waren. Metall kam erst nach der Jahrhundertwende zum Einsatz.47 Das zu Bruch gehen abgebauter Hohlräume beim Abpfeilern oder Rauben des Stempels stellte dabei eine besonders hohe Stein- und Kohlenfallgefahr dar und das Stehenlassen einiger Pfeiler bedeutete Abbauverluste von bis zu 30%.48 Letzteres war wohl der ausschlaggebendere Grund, dass in den späten 1890er Jahren der Pfeilerrückbau gegenüber neueren Stoß- und Strebbauverfahren mit Schüttelrutsche zurücktrat.49

Wenigstens im Ausbau der Hauptstrecken gab es einige technische Entwicklungen. So wurde die Methode der Türstock- oder Schalholzzimmerung zum Stützen der Strecke gegen den Gebirgsdruck in den 1870er Jahren durch den Einsatz von Eisen extrem verbessert. Erstmals auf der Zeche Prosper in Bottrop erprobt, „war diese Form um die Jahrhundertwende bereits auf 70 Ruhrzechen anzutreffen“.50

[...]


1 Heuchler, E.: Des Bergmanns Lebenslauf, Freiberg 1867, S. 5, im Folgenden zitiert als: „Heuchler:

Lebenslauf“.

2 Arnold, W.; Junghans, R.; Wagenbreth, O.: Die Entwicklung der technischen Sicherheit beim Vordringen in die Tiefe und bei der Rettung gefährdeter Bergleute, in: Arnold, W. (Hrsg.): Eroberung der Tiefe, Leipzig 1977, S. 174-184, hier: S. 178, im Folgenden zitiert als: „Arnold, Junghans, Wagenbreth: Sicherheit“.

3 König, W. u. Weber, W.: Netzwerke Stahl und Strom 1840-1914, in: König, W. (Hrsg.): Propyläen

Technikgeschichte, Bd. IV, Berlin 1990, im Folgenden zitiert als: „König: Propyläen IV“.

4 Radkau, J.: Technik in Deutschland. Vom 18. Jahrhundert bis heute, Frankfurt/New York 1989, S. 130, im Folgenden zitiert als: „Radkau: Technik“.

5 Mahlerwein, G.: Art. Innovation, in: Jaeger, Friedrich (Hrsg.): EDN V, Stuttgart/Weimar 2007, Sp. 1004-1015, hier: Sp. 1004.

6 Farrenkopf, M.: Schlagwetter und Kohlenstaub. Das Explosionsrisiko im industriellen Ruhrbergbau 1850-1914, Bochum 2003, S. 13, im Folgenden zitiert als: „Farrenkopf: Schlagwetter“.

7 Gumz, W. u. Regul, R.: Die Kohle. Entstehung, Eigenschaften, Gewinnung und Verwendung, Essen 1954.

8 König: Propyläen, S. 28.

9 Farrenkopf, M.: Grubenunglücke in der historischen Forschung. Ansätze, Fragestellungen, Perspektiven, in: Kroker, E und Farrenkopf, M.: Grubenunglücke im deutschsprachigen Raum, Bochum 1999, S. 17-39, hier: S. 17, im Folgenden zitiert als: „Kroker, Farrenkopf: Grubenunglücke“.

10 Farrenkopf: Schlagwetter, S. 10.

11 Farrenkopf: Schlagwetter, S. 13.

12 Ein Rückblick, in: GL, 1 (1865), S. 1 f, hier: S. 1. - Bezüglich der Seitenzahlen sei zu erwähnen, dass die erste gebundene Zusammenfassung der Jahrgänge 1865-1868 keine durchgängige Seitenzählung aufweist. Deshalb wird hierbei die Seitenzahl innerhalb der jeweiligen Ausgabe angegeben. In späteren zusammengefasten Ausgaben werden die Seiten durchgängig nummeriert und auch dementsprechend angegeben.

13 Delafond, F.: Maßregeln zur Verhütung von Unfällen im Bergbaubetriebe nebst den damit erzielten Resultaten, in: GL 95 (1894), S. 1701-1703, hier: S. 1701, im Folgenden zitiert als: „GL, 95 (1894)“.

14 Farrenkopf: Schlagwetter, S. 50.

15 Ebd.

16 Suhling, L.: Aufschließen, Gewinnen und Fördern. Geschichte des Bergbaus, Reinbeck bei Hamburg 1983, S. 198, im Folgenden zitiert als: „Suhling: Aufschließen“.

17 Heuchler: Lebenslauf, S. 53.

18 Hartmann, C.: Ueber die zum Fahren der Bergleute in den Schächten angewendeten Maschinen, oder die sogenannten Fahrkünste, Quedlinburg u. Leipzig 1846, S. 9, im Folgenden zitiert als: „Hartmann: Fahrkünste“.

19 Krassman, T.: Fahrkünste - Vom Harz in die Welt, Bad Windsheim 2010, auf: http://www.mineral-exploration.com/mepub/fahrkunst.pdf (29.03.2011), im Folgenden zitiert als: „Krassmann: Fahrkünste“.

20 Hartmann: Fahrkünste, S. 6.

21 Krassmann: Fahrkünste, S. 2.

22 Suhling: Aufschließen, S. 198.

23 Farrenkopf: Schlagwetter, S. 53.

24 Krassmann: Fahrkünste, S. 2.

25 Suhling: Aufschließen, S. 196.

26 Lottner, H.: Das Seilfahren I, in: GL, 15 (1865), S. 1, im Folgenden zitiert als: „GL, 15 (1865)“.

27 Ebd.

28 Ebd.

29 Farrenkopf: Schlagwetter, S. 53.

30 Ebd.

31 GL, 15 (1865), S. 1.

32 GL, 95 (1894), S. 1701.

33 GL, 95 (1894), S. 1702.

34 Farrenkopf: Schlagwetter, S. 54.

35 GL, 15 (1865), S. 1.

36 Lottner, H.: Das Seilfahren II, in: GL, 16 (1865), S. 1 f., hier: S. 1, im Folgenden zitiert als: „GL, 16 (1865)“. 7

37 Das Seilfahren II, in: GL, 16 (1865), S.2.

38 Farrenkopf: Schlagwetter, S. 55.

39 Ebd.

40 Ebd.

41 Heuchler: Lebenslauf, S. 37.

42 Trischler: Arbeitsunfälle, S. 118.

43 Trischler, H.: Steiger im deutschen Bergbau. Zur Sozialgeschichte der technischen Angestellten 1815-1945, München 1988, S. 106, im Folgenden zitiert als: „Trischler: Steiger“.

44 Tenfelde, K.: Der bergmännische Arbeitsplatz während der Hochindustrialisierung (1890-1914), in: Conze, W.

u. Engelhardt, U. (Hrsg.): Arbeiter im Industrialisierungsprozeß, Stuttgart 1979, S. 283-335, hier: S. 325, im Folgenden zitiert als: „Tenfelde: Arbeitsplatz“.

45 Tenfelde: Arbeitsplatz, S. 299.

46 Tenfelde: Arbeitsplatz, S. 299 f.

47 Farrenkopf: Schlagwetter, S. 45 f.

48 Tenfelde: Arbeitsplatz, S. 300.

49 Ebd.

50 Farrenkopf: Schlagwetter, S. 46.

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Sicherheit und Innovationen im Bergbau Ende des 19. Jahrhunderts
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Geschichtswissenschaft)
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
36
Katalognummer
V180238
ISBN (eBook)
9783656029663
ISBN (Buch)
9783656029939
Dateigröße
556 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sicherheit, Innovation, Schlagwetter;, Kohlenstaub;, Geleucht;, Fahrkunst;, Bewetterung;, Glück auf;, Ruhrgebiet;, Sicherheitsverordnungen;, Sprengarbeit;, Verschüttung;, Absturz;
Arbeit zitieren
Alexander Batzke (Autor:in), 2011, Sicherheit und Innovationen im Bergbau Ende des 19. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/180238

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