Die Aunjetitzer Kultur in Deutschland

Eine Kultur der Frühbronzezeit vor etwa 2300 bis 1600/1500 v. Chr.


Fachbuch, 2011
74 Seiten

Leseprobe

Vorwort

Eine Kultur, die zwischen etwa 2300 und 1600/1500 v. Chr. zunächst in Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt sowie später auch im östlichen Niedersachsen und in Brandenburg existierte, steht im Mittelpunkt des Taschenbuches »Die Aunjetitzer Kultur in Deutschland«. Die nach dem Fundort Aunjetitz (Únetice) in Böhmen bezeichnete Aunjetitzer Kultur gilt als eine der wichtigsten Kulturen der Frühbronzezeit. Sie war gebietsweise in Tschechien, der Slowakei, in Deutschland, Polen und Österreich verbreitet. Geschildert werden die Anatomie und Krankheiten der damaligen Ackerbauern, Viehzüchter und Bronzegießer, ihre Siedlungen, Kleidung, ihr Schmuck, ihre Keramik, Werkzeuge, Waffen, Haustiere, Jagdtiere, ihr Verkehrswesen, Handel, ihre Kunstwerke und Religion.

Verfasser ist der Wiesbadener Wissenschaftsautor Ernst Probst, der sich vor allem durch seine Werke »Deutschland in der Urzeit« (1986), »Deutschland in der Steinzeit« (1991) und »Deutschland in der Bronzezeit« (1996) einen Namen gemacht hat. Das Taschenbuch »Die Aunjetitzer Kultur in Deutschland« ist Dr., Gretel Gallay, Professor Dr. Hans-Eckart Joachim, Professor Dr. Horst Keiling, Professor Dr. Rüdiger Krause, Dr. Friedrich Laux und Dr. Peter Schröter gewidmet, die den Autor mit Rat und Tat bei seinen Recherchen über Kulturen der Frühbronzezeit unterstützt haben.

Bronzegießer,

»Fürsten« und Kannibalen

Die Aunjetitzer Kultur

Als Dr. med. Cenek Ryzner (1845–1923) in den 1870-er Jahren im böhmischen Únetice (Aunjetitz) ein urgeschichtliches Gräberfeld untersuchte, ahnte er nicht, welche Bedeutung dieses einmal erlangen würde. Denn nach jenem Fundort mit 31 Gräbern hat man später eine der wichtigsten Kulturen der Frühbronzezeit benannt. Ryzner, der Distriktsarzt von Roztoky bei Prag und Heimatforscher war, publizierte 1880 seine Ausgrabungsergebnisse und verzichtete dabei auf einen Kulturbegriff.

Ungeachtet dessen sprachen einige Prähistoriker am Ende des 19. Jahrhunderts spontan von Funden oder Gräbern des Typs Únetice. Der Name »Úneticer Kultur« tauchte erstmals in dem 1910 erschienenen »Handbuch der Tschechischen Archäologie« auf. Das Werk wurde von den Prager Prähistorikern Karel Buchtela (1864–1946) und Lubor Niederle (1865–1944) verfasst. Der Ausdruck Úneticer Kultur ist heute noch in Tschechien und in der Slowakei gebräuchlich. In Deutschland und Österreich dagegen verwendet man den deutschsprachigen Begriff »Aunjetitzer Kultur« oder »Aunjetitz-Kultur«.

Es gab aber auch Versuche, noch andere Namen in die Fachliteratur einzuführen. Doch der nach dem mährischen Fundort Menín (Mönitz) geprägte Name » Mönitzer Kultur«1 konnte sich auf Dauer ebenso wenig durchsetzen wie der auf einem mitteldeutschen Fundort fußende Ausdruck » Leubinger Kultur«2.

Die Aunjetitzer Kultur ist gegen Ende der Jungsteinzeit aus der Glockenbecher-Kultur3 und der Schnur-keramischen Kultur4 hervorgegangen. Weil die Aunjetitzer Leute die Gewinnung sowie die Verarbeitung von Kupfer und Bronze beherrschten, markiert ihre Kultur den Beginn der Frühbronzezeit.

Nach heutiger Kenntnis existierte die Aunjetitzer Kultur von etwa 2300 bis 1600/1500 v. Chr. Sie war während der Frühstufe in Böhmen, Mähren, der Südwestslowakei, Schlesien, Niederösterreich, Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt verbreitet. In der Spätstufe gab es sie auch im östlichen Niedersachsen sowie in Brandenburg und im Südwesten Großpolens.

Die ältesten Funde aus der Frühstufe in Mitteldeutschland (Thüringen, Sachsen, Sachsen-Anhalt) sind etwas jünger als die ältesten Hinterlassenschaften in Mähren, dem Kerngebiet der Aunjetitzer Kultur. Nach Ansicht der meisten Prähistoriker sind die Aunjetitzer in Mitteldeutschland aber nicht etwa geschlossen aus Mähren oder Böhmen eingewandert. Vielmehr machte sich im wesentlichen die einheimische Bevölkerung die Errungenschaften der Aunjetitzer aus dem Gebiet des heutigen Tschechien zu eigen.

Im östlichen Niedersachsen sind die typischen Erzeugnisse dieser Kultur erst in deren Spätstufe nachweisbar. In ihrer Nachbarschaft behaupteten sich noch Bevölkerungsgruppen, die auf dem Niveau der späten Jungsteinzeit standen. In Teilen von Sachsen (Oberlausitz), Sachsen-Anhalt (Altmark), Brandenburg (Niederlausitz, Uckermark) wurden die Metallurgie, Töpferei, Bestattungssitten und Religion der Aunjetitzer erst in beziehungsweise gegen Ende der Spätstufe übernommen.

Dank der Untersuchungen von zahlreichen Skelettresten aus Gräberfeldern weiß man einiges über das Aussehen der Aunjetitzer. In Mitteldeutschland waren sie im Vergleich zu den jungsteinzeitlichen Bauern relativ hochwüchsig. Dort erreichten die Männer einer Stichprobe zufolge eine Körperhöhe von durchschnittlich 1,71 Metern und die Frauen von 1,60 Metern. Der bisher größte Mann maß 1,78 Meter, die größte Frau 1,66 Meter. Ansonsten ähneln die Skelette am ehesten denjenigen der Schnurkeramiker.

Der Berliner Anthropologe Herbert Ullrich beschrieb 1963 die Schädel der Aunjetitzer Lokalgruppe von Großbrembach (Kreis Sömmerda) in Thüringen als ungewöhnlich lang, sehr schmal und extrem hoch. Das Kinn war höher als bei heutigen Menschen. Der zweite Backenzahn brach früher durch, als es jetzt allgemein der Fall ist.

Diesen Menschen war meistens kein langes Leben beschieden. In Mitteldeutschland lag das durchschnittliche Sterbealter der Männer bei 37 Jahren und das der Frauen bei 35,8 Jahren. Das entspricht den ungünstigen Verhältnissen in heutigen Entwicklungsländern. Als Ursachen für den – gemessen an unseren Erwartungen – frühen Tod gelten ein entbehrungsreiches Leben, schwere Arbeit, Hungerperioden, schlechte medizinische Versorgung bei Krankheiten und Unfällen. Des weiteren gab es häufig Komplikationen bei der Geburt, wobei Mutter und Kind den Tod fanden. Zudem starben viele Kleinkinder in den ersten Lebensjahren.

Von den 108 im Gräberfeld von Großbrembach bestatteten Menschen haben nur 17,4 Prozent der Männer das 40. Lebensjahr überschritten und bei den Frauen sogar nur 4,3 Prozent. Jeder vierte Erwachsene in Mitteldeutschland litt damals an Karies (Zahnfäule). Anzeichen von Parodontose sind bei mehr als 80 Prozent der Männer und Frauen erkennbar. Manchmal waren sogar schon Kinder und Jugendliche davon betroffen.

Interessante Aufschlüsse über den Zustand der Zähne lieferte die Untersuchung von Gebissen aus Gräbern in Großbrembach. Dabei wurden starker Abschliff der Zähne, Karies mit Zahnverlust als Folge, entzündliche Prozesse, häufig Zahnstein und außerdem nicht angelegte Zähne erkannt.

Ein Schädel aus Großbrembach hatte eine schwere Deformation am rechten Rand des Hinterhauptsloches, die anormale Kopfhaltung und -bewegung bewirkte. Am Schädel einer Frau von Großbrembach fand man Veränderungen, die von einem Tumor, Knochenmetastasen oder einem Sarkom stammen könnten, was wohl zum Tode führte. Ein etwa zwanzigjähriger Mann aus Schönewerda (Kyffhäuser-Kreis) in Thüringen litt unter einer linksseitigen Kiefer-Gaumenspalte.

Ein Aunjetitzer aus Großbrembach hatte sein ganzes Leben lang beim Gehen erhebliche Probleme. Sein linker Oberschenkelknochen war 2,5 Zentimeter kürzer als der rechte. Er hinkte deswegen und verspürte stärkere Beschwerden in den Kniegelenken sowie im überbelasteten rechten Hüftgelenk. Außerdem dürfte er infolge der pathologischen Gelenkmechanik unter Kreuz- und Rückenschmerzen gelitten haben. Derselbe Mensch hatte auch x-förmig abgespreizte Unterschenkel (X-Beine) und leicht im Kniegelenk angewinkelte Beine. Bei jedem Schritt rieben sich seine Knie aneinander und verursachten Schmerzen beim Gehen.

Bei manchen Skelettresten sind Spuren von Gewalteinwirkung erkennbar. Das war bei drei Schädeln aus dem Massengrab bei Reidewitz nahe Freist-Elben (Kreis Mansfelder Land) in Sachsen-Anhalt der Fall. Sie weisen rundliche Löcher mit scharfem Bruch auf, weswegen der Tod bald nach der Verletzung eingetreten sein muss.

Allein aus Großbrembach sind drei Schädeloperationen nachgewiesen. Zwei davon scheinen wegen der auffallenden Ähnlichkeit von Größe und Form der Öffnung im Schädel sowie wegen der gleichen Schabetechnik vom selben Medizinmann ausgeführt worden zu sein. Im ersten Fall ist die Operationswunde vollständig verheilt, und der Patient hat den Eingriff viele Jahre überlebt. Im zweiten Fall wurde die Trepanation etwa ein Jahr vor dem Tod vorgenommen, der dann infolge eines Schlages eintrat. Schädeloperationen waren auch bei den Aunjetitzern in Tschechien und in der Slowakei üblich.

Nach Funden aus Unterteutschenthal (Saalkreis) in Sachsen-Anhalt und Werlaburgdorf5 (Kreis Wolfenbüttel) in Niedersachsen zu schließen, trugen die Aunjetitzer eine Kleidung aus gewebten Stoffen.

In Unterteutschenthal lag ein zehn mal sechzehn Zentimeter großes Gewebefragment in einem Grab. Das leicht verfilzte Tuch hat Kettfäden aus Flachsgarn und Schussfäden aus Schafwolle. In Werlaburgdorf stieß man auf eine fast kreisrunde Grube von 1,30 Meter Durchmesser und 60 Zentimeter Tiefe. Vermutlich handelte es sich um die Kellergrube eines abgebrannten Webstuhlgebäudes, wovon 13 walzenförmige Webgewichte zeugen. Nicht selten sind an Bronzeringen Gewebeabdrücke sichtbar.

Als eine typische Gewandnadel der Aunjetitzer Leute gilt die so genannte »zyprische Schleifennadel«. Sie verdankt ähnlichen Funden auf der Mittelmeerinsel Zypern ihren Namen, obwohl es auch in Ägypten vergleichbare Nadeln gab. Dennoch gelten diese bronzenen Nadeln als heimische Erzeugnisse. »Zyprische Schleifennadeln« wurden des weiteren an Fundstellen der Straubinger Kultur in Südbayern entdeckt. Sie behaupteten sich in einigen Gebieten bis zur Zeit der Hügelgräber-Kultur.

Aus der Frühstufe der Aunjetitzer Kultur sind bisher in Mitteldeutschland kaum Hinweise auf Siedlungen bekannt. Vielleicht waren sie so gebaut, dass sie keine Spuren im Boden hinterließen. Dagegen konnte man für die Spätstufe zahlreiche offene Siedlungen mit festen Häusern sowie einige unbefestigte und befestigte Höhensiedlungen, gelegentlich auch bewohnte Höhlen, nachweisen. Die gestiegene Zahl der Fundplätze sowie eine Art von »Landesausbau« – zum Beispiel in der Oberlausitz – deuten auf eine Zunahme der Bevölkerung hin.

Als ein besonderer Aufenthaltsort diente die Diebeshöhle6 bei Uftrungen (Kreis Sangerhausen) in Sachsen-Anhalt. In dieser Höhle haben Schatzsucher, Heimatforscher sowie Prähistoriker gegraben und dabei Hinterlassenschaften der Aunjetitzer Kultur entdeckt. Einer der ehemaligen Bewohner verlor in der Höhle durch einen Felssturz sein Leben.

Die Aunjetitzer lebten in kleinen Gruppen über das Land verstreut. Ihre beachtlich großen Häuser waren aus Pfosten konstruiert. Bei den früher als »Grubenhütten« bezeichneten Bauten handelte es sich vielleicht um Wirtschaftseinrichtungen. Neben den Behausungen lagen oft Abfallgruben. Zwei Hausgrundrisse wurden im Braunkohlerevier von Esbeck bei Schöningen7 (Kreis Helmstedt) in Niedersachsen freigelegt. Einer davon hatte die Ausmaße 27 mal sechs Meter. Ähnlich groß waren die Häuser in der Siedlung von Brezno in Tschechien.

Eine größere Siedlung hatten die Aunjetitzer auf dem Mühlberg bei Großbrembach8 (Kreis Sömmerda) in Thüringen gegründet. Ihre Einwohnerzahl wird auf etwa 80 bis 130 Menschen geschätzt. Dieser langgestreckte Höhenzug war nicht befestigt.

Aus Mitteldeutschland sind bisher zwölf zum Teil nachweislich mit Gräben und Wällen geschützte Höhensiedlungen der Aunjetitzer Kultur bekannt. Solche »Burgen« wurden offenbar vor allem entlang von Fernhandelswegen errichtet, die sich teilweise über Hunderte von Kilometern verfolgen lassen. Sie liegen im Vorgelände von Gebirgspässen, in der Nähe von Furten, aber auch an Weggabelungen oder -kreuzungen.

Nach Ansicht des Dresdener Prähistorikers Klaus Simon wurden die befestigten Höhensiedlungen teilweise in der Nähe oberflächennaher, ergiebiger Erzvorkommen angelegt. So befindet sich die Befestigung auf der Schalkenburg bei Quenstedt9 (Kreis Mansfelder Land) in Sachsen-Anhalt inmitten eines Kupferschiefergebiets. Die »Burgen« von Querfurt und Langenstein waren weniger als zehn Kilometer von leicht zugänglichen Erzlagerstätten entfernt. Demnach könnte deren Ausbeutung in der Hand von Bewohnern dieser Höhensiedlungen gelegen haben.

In Mitteldeutschland beträgt die Entfernung zwischen den Aunjetitzer »Burgen« mindestens 15 Kilometer bis maximal 35 Kilometer. Im Schutz solcher Befestigungen hielten sich vielleicht Handwerker und Händler sowie ein »Fürst« mit ihren Familien auf, die von der umliegenden bäuerlichen Bevölkerung mit Nahrungsmitteln versorgt wurden. Die Vorbilder für derartige Anlagen sind in Böhmen und weiter entfernt im Gebiet an der mittleren Donau zu suchen.

Als Standort für befestigte Höhensiedlungen wurden meistens kleine Bergsporne mit steilen Felshängen gewählt. Sie waren häufig nur an einer Seite zugänglich und manchmal von einer Flussschlinge umgeben. Die mitunter einzige, nur wenige Meter breite Verbindung zum Hinterland ließ sich mit geringem baulichen Aufwand durch Wälle beziehungsweise Mauern und Tore schützen. So war es bei den »Burgen« von Dohna10 (Kreis Sächsische Schweiz), Löbsal11 (Kreis Riesa-Großenhain), Mutzschen12 (Muldentalkreis) in Sachsen sowie in Bad Kösen13 (Burgenlandkreis) und Langenstein14 (Kreis Halberstadt) in Sachsen-Anhalt der Fall.

Bisher ist kaum etwas über die Innenbebauung der Aunjetitzer »Burgen« bekannt. Dunkle Verfärbungen auf dem Weinberg bei Grabe (Unstrut-Hainich-Kreis) in Thüringen, die durch einen helleren Geländestreifen voneinander getrennt sind, können möglicherweise von Hausgrundrissen stammen. Ob es innerhalb der mitteldeutschen Höhensiedlungen eine der Führungsschicht vorbehaltene »Akropolis« gab, wie in donauländischen Anlagen nachgewiesen wurde, ist unbekannt.

Wie zuvor die Bauern der Jungsteinzeit säten und ernteten auch die Aunjetitzer die Getreidearten Gerste (Hordeum vulgare), Emmer (Triticum dicoccon) und Einkorn (Triticum monococcum). Verkohlte Reste von Emmer und eine fragmentarisch erhaltene steinerne Getreidemühle wurden in einer Vorratsgrube von Döbeln-Masten (Kreis Döbeln) in Sachsen entdeckt. Darauf standen fünf Tongefäße der Aunjetitzer Kultur. Überbleibsel von Emmer und Einkorn lagen auch in einer Siedlungsgrube von Werlaburgdorf in Niedersachsen. Häufig sind Abdrücke von Getreidekörnern auf Tongefäßen zu finden.

Öfters legte man Getreidemühlen sogar mit ins Grab, was wohl aus religiösen Motiven geschah. Vielleicht sollten die Toten im Jenseits ebenfalls mahlen können. In einem Grab von Dresden-Gostritz wurde ein Bruchstück von einem Mahlstein (Unterlieger) von 39 mal 26 Zentimeter Größe mit maximal 14 Zentimeter Dicke geborgen. Der dazugehörige Läuferstein (Reibekugel) hatte einen Durchmesser von neun Zentimetern. Mit dem Läuferstein sind die auf den Mahlstein geschütteten Getreidekörner zerquetscht worden.

Tierknochen aus einer Siedlungsgrube bei Sundhausen (Kreis Nordhausen) in Thüringen zeigen, dass die Aunjetitzer mit der Zucht von Rindern, Schweinen, Schafen und Ziegen als Haustiere vertraut waren. Andere Reste aus derselben Grube belegen die gelegentliche Jagd auf Rothirsche (Cervus elaphus) und Rehe (Capreolus capreolus). Die Aunjetitzer hielten auch Pferde als Reittiere. In Gleina (Burgenlandkreis) und in Köllme (Saalkreis), beide in Sachsen-Anhalt gelegen, wurde je ein komplettes Pferdeskelett in der Nähe menschlicher Gräber entdeckt.

Die Töpfer der Aunjetitzer Kultur modellierten Henkeltassen, Schalen, Näpfe und Krüge. Hinzu kamen zahlreiche grobe Wirtschaftsgefäße zum Kochen und Aufbewahren von Vorräten. Koch- und Vorratsgefäße fand man beispielsweise in Döbeln-Masten (Sachsen).

In der Frühstufe ähnelten manche Formen und Verzierungselemente der Keramik – wie Ritzlinien und Fransenmuster – bis ins Detail der Keramik in Böhmen. Zuweilen ahmten die Aunjetitzer Töpfer formschöne Schöpfungen fremder Kulturen nach, wie ein Fund aus Nienhagen (Kreis Halberstadt) in Sachsen-Anhalt beweist. Dort wurde die Nachbildung eines Vaphiobechers geborgen, die Gefäße wie den Fund der Mykenischen Kultur von Vaphio in Griechenland zum Vorbild hatte.

Im thüringischen Wandersleben15 (Kreis Gotha) kam ein tönernes Objekt mit runden Einstichen zum Vorschein, das von dem Prähistoriker Detlef W. Müller aus Halle/ Saale als »Stempel« gedeutet wurde. Dieser Fund gehört nach Auffassung des Wiener Prähistorikers Gerhard Trnka zu den rätselhaften tönernen »Brotlaib-Idolen«, deren Funktion umstritten ist. Manche Experten betrachten sie als Kultobjekte, Webgewichte oder Gusstiegel. »Brotlaib-Idole« kennt man aus Deutschland, Österreich, Tschechien, der Slowakei, Ungarn, Rumänien, Serbien, Oberitalien und Polen. Sie sind mit unterschiedlichen Einstichen versehen.

Nach Ansicht des Mainzer Prähistorikers Hans-Jürgen Hundt (1909–1990) erlangte der Metallguss in Mitteleuropa zur Zeit der Aunjetitzer Kultur ein nie zuvor gekanntes Ausmaß. Dieser Aufschwung der Gusstechnik wäre ohne das Legieren des Kupfers mit Zinn unmöglich gewesen. Zwar beherrschte man bereits in der ausgehenden Jungsteinzeit das Gießen größerer Objekte aus Kupfer, doch die Herstellung kleinerer Gegenstände in Kupferguss war damals nicht durchführbar. Erst die Beifügung des Zinns zum Kupfer machte das Metall für solche Zwecke ausreichend geschmeidig. Die Rohgüsse wurden je nach Bedarf geschmiedet, genietet, graviert und gepunzt.

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Details

Titel
Die Aunjetitzer Kultur in Deutschland
Untertitel
Eine Kultur der Frühbronzezeit vor etwa 2300 bis 1600/1500 v. Chr.
Autor
Jahr
2011
Seiten
74
Katalognummer
V180332
ISBN (eBook)
9783656030195
ISBN (Buch)
9783656030577
Dateigröße
1733 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Bronzezeit, Frühbronzezeit, Aunjetitzer Kultur, Aunjetitz-Kultur, Archäologie
Arbeit zitieren
Ernst Probst (Autor), 2011, Die Aunjetitzer Kultur in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/180332

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