Überlegungen zu Feridun Zaimoglus "Liebesmale, scharlachrot"

Eine türkisch-deutsche Analyse


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2009
37 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. „Liebesmale, scharlachrot“ (Feridun Zaimoglu)
1.1 Von `Almanya` ins `Homeland`
1.2 `aschk` (Liebe)
1.3 Deutschländer
1.4 `Deukische Kultur`

Literaturverzeichnis

1. „Liebesmale, scharlachrot“ (Feridun Zaimoglu)

[1] Anhand des Romans „Liebesmale, scharlachrot“ von Feridun Zaimoglu wird insbesondere auf Eigenheiten und Schwierigkeiten bei der Verständigung und gegenseitigen Akzeptanz von Menschen mit türkischer und Menschen mit deutscher Herkunft eingegangen.

Zaimoglu bietet mit seinem Roman einen literarischen Diskussionsboden, in dem er die Gesellschaft und ihre Mitglieder dazu anregt, ihre Vorstellung von einer Integration zu hinterfragen. Auf ironische Weise präsentiert er sowohl die Vorurteile von türkischer Seite gegenüber den Deutschen[2] - und damit auch gegenüber den in Deutschland lebenden Türken[3] - als auch die Klischees, mit denen die Deutschen ihre türkischen Mitbürger behaften.

Insbesondere geht er dabei auf das traditionelle Weltbild der Türken ein sowie auf die Kluft, die sich innerhalb der Türken ergibt, weil die in Deutschland aufgewachsenen Türken oft an Vorstellungen festhalten, die in der Türkei selbst bereits überholt sind. Damit wurden die `deutschen Türken` sowohl in ihrem Wohnort Deutschland als auch in ihrem Herkunftsland Türkei zu Fremden.

Des Weiteren kritisiert er die Integrationsbestrebungen der deutschen Gesellschaft, die sich nach der Meinung Zaimoglus als die `bessere Gesellschaft` fühlt und damit die Initiative für eine deutsch-türkische Multikulturalität allein von türkischer Seite erwartet, und zwar im Sinne einer `Deutschwerdung` der Türken. Das heißt, die deutsche Gesellschaft hält ihre türkischen Mitbürger im Grunde nur dann für integrationsfähig, wenn diese möglichst alle deutschen Lebensformen und Erwartungshaltungen übernehmen und eigene Traditionen dafür aufgeben.

Auf diese Weise versucht Zaimoglu mit seiner Literatur eine kulturelle Verständigung zwischen Deutschen und Türken herzustellen und dadurch die jeweilige Vorstellung von Integration in ein neues Licht zu rücken.

I. Anmerkungen zur gesellschaftskritischen Aufgabe von Literatur:

Mittels Literatur können gesellschaftliche Gegebenheiten auf unverfängliche Weise reflektiert und dargestellt werden. Es werden zwar bestimmte Ansichten des Autors offenbart, die jedoch keine festen Positionen festlegen, sondern Möglichkeiten zur Diskussion bieten und damit ein Probehandeln ohne Folgen für die soziale Praxis möglich machen. Literatur stellt somit ein Speicher- und Transportmedium dar, indem man zwar überindividuelle Semantiken, Leitdifferenzen und Kollektivsymboliken, Wahrnehmungs-, Deutungs- oder Erzählmuster sehen kann, was aber nicht heißt, dass sich ihre Funktion darin beschränken muss. Die Kenntnis solcher Funktionen kann aber die Erkenntnis über einen ganz bestimmten Text durchaus erleichtern. `Eine kulturorientierte Literaturwissenschaft und eine textbasierte Kulturwissenschaft gehen Hand in Hand.`[4]

In diesem Sinne ist Literatur als ein kulturelles Artefakt zu betrachten. Literatur ist immer auch abhängig von dem jeweils kulturellen Umfeld, in dem sie entstanden ist. Rehbein[5] bezeichnet Literatur deshalb als sichtbares oder beobachtbares Zeichen kultureller Prägung. Literatur ist das Ergebnis kulturellbedingter Vorstellungsmuster, die in der Literatur vom jeweiligen Individuum ihren Niederschlag finden und damit anderen zugänglich gemacht werden. Weil aber eigene Vorstellungsweisen auch dafür verantwortlich sind, wie man die Welt um sich herum wahrnimmt, sind literarische Werke von einer bestimmten Sichtweise des jeweils Schreibenden geprägt. Deshalb sollte bei der Reflexion von Lektüren bedacht werden, dass das Bild, das man in einem Text zu erkennen glaubt, sowohl die kulturelle Prägung des Autors als auch dessen Meinung zeigen kann. Bei alledem ist ferner zu bedenken, dass der jeweilige Text von unterschiedlichen Lesern auch verschieden verstanden wird.

In der Literatur befasste man sich bereits im 18. Jahrhundert, als im Zuge der Industrialisierung und der wissenschaftlichen Aufklärung auch erste Weltreisen unternommen wurden, mit kulturell geprägten Denkweisen und stereotypen (Rassen-) Theorien. Herder, Goethe und Forster entwickelten in dieser Zeit erste Ideen zu einer Transkultur.

So beschreibt Herder zum Beispiel die Vorstellung einer auf Nationen begrenzten Kultur als in gewisserweise `blind`. Damit meint er, dass die Mitglieder innerhalb einer Nation auf sich selbst fixiert bleiben und sich damit zeitgleich von anderen Einflüssen, die außerhalb dieser nationalen Grenzen stehen, verschließen. Eine Nation als solche sei insofern blind, da ihre Sichtweise auf eigenes Wissen begrenzt bleibe.[6]

Goethe selbst reiste viel und sah in Literatur, die innerhalb eines Kulturkreises entstand, eine Vermittlungsfunktion für Andere und damit den Weg zu einer Weltliteratur. Forster war einer der Ersten, der im 18. Jahrhundert erkannte, dass auch Reiseberichte immer aus einer subjektiven Wahrnehmung zu verstehen sind und nicht als neutrale Tatsache hingenommen werden können. Er erkannte, dass Texte auch von stereotypen Vorstellungen geprägt sein können, und übte Kritik an der vermeintlichen Objektivität, indem er versuchte, von Anderen geschriebene Berichte selbst erneut zu reflektieren.[7] Dadurch wurde klar, dass selbst literarisches Schaffen immer auch ein Ausdruck des eigenen Horizontes ist.

„Die Grenzen unserer Sprache sind die Grenzen unserer Welt.“[8]

II. Zu untersuchende Fragestellungen beim Roman von Zaimoglu:

Vor dem Hintergrund der gesellschaftskritischen Funktion von Literatur soll bei der – unter 1.1, 1.2 usw. folgenden - Betrachtung des modernen Romans „Liebesmale, scharlachrot“ von dem Konstrukt der Nation Abstand genommen und nach einer Vermittlungsfunktion für eine deutsch-türkische Transkultur gesucht werden.

„Diese in der Imagologie übliche implizite Vorstellung eines kollektiven Bewußtseins auf nationaler Ebene widerspricht der geschichts- und sozialwissenschaftlichen Erkenntnis von Nation als einem wirkmächtigen diskursiven Konstrukt, mit der die traditionelle essentialistische Auffassung von der Nation als einer vorgegebenen Wirklichkeit längst verabschiedet ist.“[9]

Im Zuge dessen soll Zaimoglus ironischer Umgang mit türkischen und deutschen Vorstellungsmustern herausgearbeitet werden, was zu einem besseren Verständnis für fremdwirkende Mitbürger beitragen sowie deren Akzeptanz fördern soll.

Dabei soll auch diskutiert werden, ob der deutsch-türkische Schriftsteller eine Brücke zwischen beide Länder schlagen möchte, oder ob er versucht, sie voneinander abzugrenzen: Betrachtet er kulturelle Unterschiede eher als Hindernis oder als Bereicherung für eine Gesellschaft? Stellt er die Türkei und Deutschland als Heimat oder Fremde dar?

Ferner soll die eigene Position Zaimoglus herausgearbeitet werden:

Was stellt für Zaimoglu Eigenes und was Fremdes dar? Welche Rolle spielt für ihn das Fremdsein als Türke in der Fremde Deutschland? Oder gibt es für ihn gar kein Fremdsein mehr und sieht er sich selbst als Bindeglied zwischen zwei Ländern und möchte in seinem Roman die Ungültigkeit eines national begrenzten Kulturverständnisses deutlich machen?[10]

III. Zum Autor und zum Inhalt des Romans:

Der Autor Feridun Zaimoglu wurde 1964 in Bolu in der Türkei geboren, er lebt seit mehr als dreißig Jahren in Deutschland und seit 23 Jahren in Kiel. Er studierte Kunst und Humanmedizin und arbeitet heute als Schriftsteller, Drehbuchautor und Journalist.[11]

Sein Roman besteht aus einem Briefwechsel, zwischen dem Türken Serdar und dem Türken Hakan, die beide in der Stadt Kiel in Deutschland leben. Serdar, der als Intellektueller dargestellt wird, als `Haiku-schreibender`[12] Philosoph, hat sich spontan für einige Wochen zu seinen Eltern an die türkische Ägäis begeben. Dort möchte er Distanz zu seinen Kieler `Frauengeschichten` bekommen und neue Ideen für seine Haiku-Gedichte sammeln. In Kiel ging seine dreijährige Beziehung mit Anke auseinander, und von weiteren kurzen Liebschaften sowie von seiner Geliebten, Dina, möchte er für die nächsten Wochen am türkischen Strand nichts hören. Allerdings muss er zu seiner Schmach feststellen, dass er, seit seinem Eintreffen dort, `keinen mehr hoch bekommt`. Er beginnt den Briefwechsel zu seinem in Kiel verbliebenen arbeitslosen Freund Hakan und schildert diesem seine Potenzsorgen. Es entsteht ein reger Briefkontakt zwischen den Beiden, zu dem sich in den nächsten Wochen auch Dina und Anke gesellen. Beide Frauen ahnen noch nichts von ihrer jeweiligen Nebenbuhlerin.

Serdar ist die zentrale Figur im anderen Land und alle Briefe seiner Freunde aus Deutschland drehen sich um ihn. Anke möchte ihn per Post zurückerobern und taucht schließlich persönlich in der Türkei auf. Dina führt einen intellektuellen Briefwechsel mit ihm und beendet die Beziehung schließlich per Brief, da sie über Dritte erfährt, dass sie nicht die einzige Frau an Serdars Seite war.

Hakan ist in Deutschland ständig auf Arbeitssuche, flieht vor dem Gerichtsvollzieher und überlebt nur durch kleinere Diebstähle. Er hat sich gerade in seine nymphomane Nachbarin Jacqueline verliebt und gibt sein Geld für sie aus. Nebenbei versucht er Serdars Gefühlschaos zu ordnen und ist eigentlich dessen Ratgeber in allen Dingen. Schließlich fliegt Hakan auf Serdars Wunsch ebenfalls an die Ägäis, denn Serdar hat sich mittlerweile in die türkische Rena verliebt und braucht seinen Kieler Freund, damit dieser die nahende Anke vor Ort von Rena und Serdar fernhalten kann. So treffen sich zwei `Deutschländer` und die Deutsche in der Türkei. Anke erkennt, dass sie bei Serdar keine Chance mehr hat und landet trostsuchend bei Hakan `im Bett`. Noch in der Nacht verlässt sie Hakan und mietet sich für weitere zwei Wochen in ein Hotel ein, um sich – schon mal in der Türkei – wenigstens zu erholen. Serdar wird von seinem Nebenbuhler um Rena, Baba, in derselben Nacht niedergeschlagen und anschließend von Hakan, der zufällig in diese Szene gerät, ins Krankenhaus gebracht. Hakan fliegt daraufhin wieder zurück nach Deutschland, und Serdar folgt ihm, sobald er wieder gesund ist. Rena und Baba bleiben am Ende des Romans verschwunden, obwohl Serdars Mutter die Adresse von Rena herausfindet. Während seines Rückfluges nach Deutschland bekommt Serdar zum ersten Mal wieder, dank einer Stewardess, seine Potenzprobleme in den Griff. Der letzte Brief ist ein Liebesbrief von Serdar aus Deutschland an Rena.

Was in Zaimoglus Roman genau unter `Deutschmännern` in der Türkei und unter `Kanakstern` in Deutschland und wie die Sicht der Deutschen auf diese Identitäten zu verstehen ist, kann der Leser in den insgesamt 42 Briefwechseln erfahren.

1.1 Von `Almanya` ins `Homeland`

Serdar und Hakan, stellen zwei unterschiedliche Typen dar, die, jeder auf seine Weise, mit dem Anspruch auf Multikulturalität umzugehen versuchen.

Serdar soll einen akademisch gebildeten Türken repräsentieren, der versucht, den Erwartungen an eine Integration in Deutschland durch Anpassung gerecht zu werden. Er, der sich selbst als `Assimil-Ali` bezeichnet und seine Überlegenheit mit selbstgeschriebenen Haiku-Gedichten zum Ausdruck bringen möchte, bekommt ausgerechnet während seines `Homeland-Aufenthaltes` in der Türkei `keinen mehr hoch`. Für Serdar ist es das Schlimmste, was `einem Kanakster` zustoßen kann.

„Du weißt, was für eine unmenschliche Strafe das für mich ist, für mich, den man nördlich der Elbe `den Löwen von Istanbul` nannte.“[13]

Hakan dagegen repräsentiert das Bild des `rauen Türken`, den `harten Kanaken`, weil er auch in Deutschland weiter in türkischen Traditionen lebt und damit zum Rand der deutschen Gesellschaft gezählt wird.

„Kanake, ein Etikett, das nach mehr als 30 Jahren Immigrationsgeschichte von Türken nicht nur Schimpfwort ist, sondern auch ein Name, den `Gastarbeiterkinder` der zweiten und vor allem der dritten Generation mit stolzem Trotz führen.“[14]

Nachdem die erste Gastarbeitergeneration in Deutschland nicht, wie ursprünglich geplant, nach einigen Jahren der Gastarbeit wieder in die Türkei zurückkehrte, sondern in Deutschland blieb und die nächste Generation, die so genannten `Kanaken`, in Deutschland aufwuchs, war die Türkei schließlich für diese zweite `Kanakengeneration` nur noch ein Urlaubsort und kein Heimatland mehr. Ihr Leben spielte sich vorwiegend in Deutschland ab. Den Titel `Kanake` tragen sie inzwischen mit Stolz, bedeutet er doch, dass sie sich als eigene Identität innerhalb Deutschlands behaupten können, wo sie eigentlich nur dann als integrierbar gelten, wenn sie sich in ihrer Lebensweise nicht mehr von Gewohntem unterscheiden lassen. Diese `Kanakengeneration`, die in Deutschland aufgewachsen ist, eine deutsche Schule besucht hat und die deutsche Sprache spricht, zeigt Verhaltensweisen, die der deutschen Gesellschaft orientalisch und fremd erscheinen. Türkische Glaubensvorstellungen und familiäre Traditionen, die von Generation zu Generation weitergetragen werden, sind dem deutschen Gastland unbekannt und damit unheimlich und werden deshalb oft als fremd kategorisiert. Deshalb wird die Bezeichnung `Kanake` von Deutschen als abwertendes Schimpfwort benutzt, um zu zeigen, dass `diese Kultur` im Vergleich zur deutschen eine `minderwertige Kultur` darstelle, die ihren Platz nicht in Deutschland habe, sondern hier nur geduldet werde. Diese Verhaltensweise stellt die jetzige Generation von `Kanaken` in einen zusätzlichen Konflikt, neben ihrem internen Generationenkonflikt. Sie fühlen sich in keinem der beiden Länder wirklich willkommen.[15]

In Deutschland stehen sie unter dem Erwartungsdruck der Anpassung und bleiben fremd, wenn sie ihre eigenen Traditionen leben. In der Türkei sind sie nach Jahrzehnten fremd, weil sich das `dort` in der Zwischenzeit auch verändert hat. Zudem müssen sie sich in der Türkei oft für ihre inzwischen auch `deutschen Angewohnheiten` rechtfertigen. Ihre Traditionen sind deshalb in beiden Ländern fremd.

Aus diesem Konflikt erwachsen damit für die Türken in Deutschland zwei Möglichkeiten. Entweder sie passen sich an deutsche Erwartungen an und geben eigene Grundsätze teilweise auf, beziehungsweise nähern sich in ihren Vorstellungen dem Fremden an und formen einen neuen `deutschtürkischen Mischmasch`, mit dem beide Seiten in Einverständnis leben können; oder sie betonen in besonderer Weise ihr `Kanakstadasein`, um sich so einen persönlichen Platz innerhalb der fremden Gesellschaft zu schaffen, der sie trotz einer abgewerteten Stellung innerhalb dieser Gesellschaft als etwas Besonderes hervorhebt.

Individuen innerhalb einer Gruppe haben das Bedürfnis zu einer ihnen eigenen Identität. Wird ihnen ihre Eigenheit in der Gruppe nicht zugestanden, ergeben sich aus diesen, nicht als gleichberechtigt anerkannten Individuen, neue Milieus oder Gesellschaftsgruppen, die nur bedingt in die Gesamtgesellschaft integriert werden wie in Zaimoglus Roman die `Kanaken`.[16]

Serdar sieht sich in Zaimoglus Roman als eine, in der islamischen Kultur beheimatete, Elite. Eine neue intellektuelle Schicht unter der islamischen Gesellschaft, die Demokratisierung und Modernisierung verbindet und selbstreflektiert handeln möchte.[17] Hakan dagegen behauptet seinen Platz in Deutschland, indem er sich über die kulturellen Klischees lustig machen kann. Integration bedeutet für Hakan nicht, seine türkische Identität aufzugeben, und Serdars Assimilationsversuche sieht er zum Scheitern verurteilt, da dieser vor `lauter Philosophie und Intellektualität vergessen habe, was es bedeutet, ein Türkenmann zu sein`. Sinnbildlich ausgedrückt durch seine `Schlappschwänzigkeit`.

Die Zwitterstellung von Serdar wird besonders deutlich in seinem ersten Brief an Hakan. Serdar schildert seine Ankunft in der Türkei. Zaimoglu räumt sogleich zu Beginn mit der Vorstellung auf, jeder Türke fliege freudigen Herzens in seinen Herkunftsort zurück. Bei Serdar stellt sich diese Freude nämlich nicht so recht ein. Daraufhin beginnt man sich zu fragen, ob Serdars Heimat überhaupt in der Türkei zu sehen ist.

„Und nicht eine Zähre wischte ich vom trän`gen Auge, nicht einen Freudenstich versetzte mir meine Ankunft hier, nicht eine Sekunde beschleunigte mein Juwelenherz seinen Rhythmus, als ich hier eintraf.“[18]

Serdar, der in der Türkei als `Deutschländer` gesehen wird und in Deutschland als Türke, ist nirgendwo richtig zu Hause. Es gibt für ihn keine eindeutige Heimat. In beiden Ländern ist er nur halb zuhause und bleibt jeweils halb ein Fremder. Möglicherweise ist er sogar mit großen Erwartungen in seine vermeintliche Heimat geflogen - in der er aber nie gelebt hat, sondern die er nur aus Erzählungen seiner Eltern als Heimat kennen gelernt hat -, um dann vor Ort festzustellen, dass ihm `sein gewohntes Deutschland` fehlt, genauso wie ihm hier die Türkei als heimatlicher Mythos fehlte und er eventuell hoffte, in der Türkei seine Sehnsucht nach Heimat stillen zu können. Dort wird ihm klar, dass er weder in Deutschland noch in der Türkei wirklich `zu Hause` sein kann. In jeder Gesellschaft bleibt er fremd, weil er zu viel aus der jeweils `anderen Kultur` mitbringt; sich auf eine der beiden Gesellschaftsformen beschränken und festlegen, dass kann er nicht mehr. Serdar hat seine Identität auf den Hintergründen beider Kulturkreise aufgebaut. Er gehört zur ersten Generation der `Kanaken`. Er wurde in Deutschland geboren und von seinen türkischen Eltern, die mittlerweile wieder in `ihre Heimat Türkei` zurückgekehrt sind, erzogen. Andererseits hat er deutsche Schulen besucht und kennt als Lebensort nur Deutschland; die Türkei kennt er nur als Besuchsort, und so lebt er irgendwo `zwischen den Stühlen`.

„Ich fragte mich also, was ich Bauernlümmel mit der Gnade der späten Bildung eigentlich hier zu suchen habe, ob ich, wenn nicht meine Klasse, die auf der Strecke zwischen Ackerland und Fabrikhalle krepierte, so doch irgendeine marginale Zugehörigkeit verrate. Ich fühle mich wie ein Luxuskümmel in einer Hartschalenwelt, oben Sonne, unten Sand, und mein Arsch schwebt und schwebt, ein Ballon in den Gefilden aus Furzluft.“[19]

Serdar gerät plötzlich aus dem modern denkenden Deutschland in sein eher traditionell türkisches Elternhaus und sieht sich als beidseitiger Vermittler einer Multikulturalität.

Zaimoglu arbeitet hier mit den Bildern von türkischer Tradition und deutscher moderner Weltanschauung:

In Deutschland hat sich die traditionelle Aufgabenverteilung von Mann und Frau zumindest in den Städten verschoben. Nur noch selten findet man hier deutsche Familien mit einer Struktur, die in der (ländlichen) Türkei weitestgehend den Alltag ausmacht, wenn man von der modernen Entwicklung der Großstädte absieht: Die Frau ist für die `Innenpolitik` der Familie wie kochen, putzen und Kinder erziehen zuständig, während sich der Mann um die `Außenpolitik` kümmert wie das Ansehen und den Schutz der Familie sowie das Geldverdienen. In Deutschland sind viele Mütter inzwischen ebenso berufstätig wie der Mann, und die Kinder verlassen bereits lange vor ihrer Hochzeit das Elternhaus und leben in Wohngemeinschaften oder Appartements, in denen sich die jungen Leute selbst versorgen.

Serdars Mutter wird ganz im Stereotyp einer türkischen Hausfrau dargestellt. Sie kocht und putzt und wünscht sich `natürlich`, dass ihr Sohn eine türkische Jungfrau heiratet. Sein Vater, der in den 1970er Jahren als Arbeiter für einige Jahre nach Deutschland ging, sieht das etwas lockerer und wäre auch mit einer deutschen Schwiegertochter einverstanden, Hauptsache sein Sohn hat überhaupt irgendwann eine Frau. Nur bei der Aufgabenverteilung von Mann und Frau sieht es der Vater weiter gern traditionell.

An Serdars Vater macht Zaimoglu deutlich, dass auch der Vater nur bis zu einem gewissen Grad andere Vorstellungsmuster akzeptieren kann. Die Frauenwahl überlässt er zwar seinem Sohn; aber hätte er gesehen, dass sein Sohn sich in Deutschland sein Spiegelei selbst zubereitet, würde er ihn einen `Gottesabtrünnigen` schimpfen.[20]

Das Kochen bleibt Serdars Mutter vorbehalten und nur das Grillen gilt als spezielle Männeraufgabe. Ausgerechnet als Serdar den Fisch grillen soll, legt er diesen direkt auf die Heizspirale und der Fisch verbrennt.

Damit wird klar, dass Serdar als `Deutschländer` mit den Traditionen seiner Eltern überfordert ist. Sein Versuch, in beiden Kulturen gleichermaßen leben zu können, scheitert bereits bei diesem Türkeiaufenthalt. Serdars Streben nach einer bikulturellen Identität und seine damit verbundenen Bemühungen, unbedingt als `multikultureller` Intellektueller zu gelten, enden in einer Sackgasse.

Der `Ghetto-Kanaksta` Hakan ist dem intellektuellen Serdar in kultureller Hinsicht voraus. Er erkennt ganz richtig, dass Serdar unbedingt seine Anpassungsfähigkeit unter Beweis stellen muss, um den `Alemanburschis` und `Kanakstern` zu zeigen, was Multikulturalität bedeutet.

„[...] ich glaub, du hast ein Projekt laufen von wegen: die Auswilderung des Türk ins Heimische [...]. Dein Problem ist, du guckst von oben nach unten, anstatt dass er von unten nach oben lugt, und das, du Arsch, is n Problem mit euch Assimil-Alis. Ihr seid Dudenschwätzer, also geht ihr nach Definitionen, nur, Pint und Muschi sind einfach da und warten, dass die Säfte quirlen.“[21]

In Kiel fährt Hakan, der sich selbst als `ganze Kanaksteridentität` sieht, mit deutschen Freunden an den Ostseestrand. Die Deutschen (`Alemanheios`) beschreibt er als durchgeknallt, denn sobald sich im grauen, kalten Deutschland ein Sonnenstrahl zeigt, machen sie die verrücktesten Sachen. Er, Hakan, der die Sonne aus seiner Heimat Türkei im Überfluss kennt, lächelt über die deutsche `Sonnenanbeterei`. Trotzdem kommt Hakan mit an den FKK-Strand, auch wenn ein solches Unterfangen im Gegensatz zum türkischen Alltagsbild steht.

„Ich hab gedacht, Hakan, du bist jetzt auf diesem fremden Boden so lange zugange, dass du das lässig siehst mit nackten Körpern. [...]

Was soll ich mich schämen? Wenn sich Kulturen unterscheiden, dann eben in Pint- und nicht in Pigment-Angelegenheiten, dann bin ich eben der Scheißbimbo, der sich und seine Körperteile nicht unter Kontrolle hat, scheiß drauf. Jeder von uns Moguffen tummelt sich ja irgendwie in Stammesnähe.

[...]


[1] Vgl.: Zaimoglu, Feridun: Liebesmale, scharlachrot. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2002

[2] Im Folgenden werden die Ausdrücke `Deutsche` und `Türken` sowie deren mögliche Abweichungen zum besseren Verständnis verwendet. Sie sind in keiner Weise als Kategorisierung, oder Klischee zu verstehen.

[3] S.o.

[4] Vgl.: Krah, Hans: Einführung in die Literaturwissenschaft Textanalyse. Verlag Ludwig, Kiel 2006, S. 39

[5] Vgl.: Rehbein, Jochen: The cultural apparatus. Thoughts on the relationship between language, culture and society. In: Bührig, K.&ten Thije, J. (eds) Beyond misunderstanding. The linguistic reconstruction of intercultural discourse. Benjamins, Amsterdam u.a.: S. 43-96

[6] Vgl.: Herder, Johann Gottfried: Ideen zur Philosophie der Geschichte der Menschheit. Hanser Verlag, München 2002, S. 305

[7] Vgl.: Forster, Georg: Reise um die Welt. Insel Verlag, Frankfurt 1983, S. 16 ff

[8] Wittgenstein, Ludwig: Tractatus logico-philosophicus (Logisch-Philosophische Abhandlung). Suhrkamp Verlag GmbH und Co. KG, Frankfurt 1999

[9] Florack, Ruth: Stereotypenforschung als Baustein zu einer Interkulturellen Literaturwissenschaft. In: Akten des X. Internationalen Germanistenkongresses Wien 2000, Band 9, Peter Lang AG, Europäischer Verlag der Wissenschaften, Bern 2003, S. 38

[10] Vgl.: Florack, Ruth: Stereotypenforschung als Baustein zu einer Interkulturellen Literaturwissenschaft. In: Akten des X. Internationalen Germanistenkongresses Wien 2000, Band 9, Peter Lang AG, Europäischer Verlag der Wissenschaften, Bern 2003, S. 41

[11] Vgl.: Zaimoglu, Feridun: Liebesmale, scharlachrot. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2002

[12] Haiku: japanische Gedichtform. Meist nur aus drei oder vier Zeilen bestehend.

[13] Zaimoglu, S. 12

[14] Zaimoglu, Feridun: Kanak Sprak - 24 Mißtöne vom Rande der Gesellschaft. Rotbuch Verlag GmbH, Berlin 2007, S. 9

[15] Vgl.: Zaimoglu, Feridun: Kanak Sprak - 24 Mißtöne vom Rande der Gesellschaft. Rotbuch Verlag GmbH, Berlin 2007, S. 9 ff

[16] Vgl.: Laux, Lothar, „Persönlichkeitspsychologie“. W. Kohlhammer GmbH, 1. Auflage Stuttgart 2003. S. 242 und 260 Vgl.: Erll, Astrid/Gymnich Marion: Interkulturelle Kompetenzen. Klett Lernen und Wissen GmbH, Stuttgart 2007, S. 30 Vgl.: Hansen, Klaus P.: Kultur und Kulturwissenschaft – Eine Einführung. 3. Auflage, Francke Verlag, Tübingen 2003, S. 234

[17] Vgl.: Roche, Jörg/Wormer, Jörg (Hg.): Transkulturalität im europäisch-islamischen Dialog. LIT VERLAG Dr. W. Hopf, Berlin 2007, S. 90

[18] Zaimoglu, Feridun: Liebesmale, scharlachrot. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2002, S. 9

[19] Zaimoglu, S. 13

[20] Zaimoglu, S. 28

[21] Zaimoglu, S. 18 und 24

Ende der Leseprobe aus 37 Seiten

Details

Titel
Überlegungen zu Feridun Zaimoglus "Liebesmale, scharlachrot"
Untertitel
Eine türkisch-deutsche Analyse
Hochschule
Universität Kassel  (Germanistik)
Veranstaltung
Transkulturelle Literatur
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
37
Katalognummer
V180480
ISBN (eBook)
9783656032182
ISBN (Buch)
9783656032502
Dateigröße
521 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Es handelt sich hierbei um den dritten (literarischen) Teil einer Examensarbeit. Der erste Teil (soziologische und psychologische Überlegungen zu Kultur, Sprache und Gesellschaft) ist noch unveröffentlicht. Der zweite Teil (sprachwissenschaftliche Analyse) wurde bereits unter dem Titel `Training zur interkulturellen Kommunikation` veröffentlicht.
Schlagworte
Feridun, Zaimoglu, Türkei, Deutschland, türkisch, deutsch, Türken, Deutsche, Kultur, Roman, Liebesmale, scharlachrot, Kanaksprak, Kanake, Deutschtürke, Sprache, Almanya, Türkiye, Homeland, Kanaksta, Literatur, multikulturell, Integration, Assimilation, Anpassung, Diaspora, transkulturell, Transkultur, Multikultur, interkulturell, Serdar, Hakan
Arbeit zitieren
Corinna Baspinar (Autor), 2009, Überlegungen zu Feridun Zaimoglus "Liebesmale, scharlachrot", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/180480

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