Die NS-Gemeinschaft "Kraft durch Freude" - Staatliche Wohltat für die Arbeiterschaft?


Seminararbeit, 2007
26 Seiten, Note: 1,5

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung.

II. Die NS-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“..
A. KdF – Wohltat für die Arbeiterschaft?..
1. Zielsetzung der KdF-Tätigkeiten
a) Regeneration, Motivation und gefühlte Erhöhung des Lebensstandards
b) Subjektive Statuserhöhung – Integration der Arbeiterschaft..
c) Ruhigstellung der Arbeiterschaft
d) Stärkung des Heimatgefühls, körperliche Ertüchtigung und Auslandswirkung..
e) Propaganda
f) Herrschaftsstabilisierung
2. Das Verhältnis zwischen Zielsetzung und Realität...
a) Propagandistische Utopien
b) Beschränkung auf die Freizeit...
c) Teilnehmerzahlen...
3. Die Erfolge von KdF.
4. Der Preis der KdF-„Wohltaten“
B. KdF in der Selbstdarstellung – „Begegnung von Marxisten und KdF-Reisenden“...

III. Zusammenfassung..

Anhang.
A. Die NS-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“ – Gründung und Tätigkeitsbereiche.
1. Schönheit der Arbeit.
2. Feierabendgestaltung.
3. Sport..
4. Das Deutsche Volksbildungswerk
5. Der KdF-Wagen
6. Reisen, Wandern und Urlaub
B. „Begegnung von Marxisten und KdF-Reisenden“ (Der Angriff, 6. Mai 1936).
Quellen- und Literaturverzeichnis

Einleitung

Die [...] NS-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“ (KdF) war die populärste Organisation im NS-Regime. [...] Mit dem umfassenden Wirken dieser Organisation sollte vorrangig die Arbeiterschaft in die "Volksgemeinschaft" integriert werden. [...] KdF-Veranstaltungen sollten der Entspannung und der Regeneration zur Erhöhung der Arbeitsleistung dienen, wozu auch die Verbesserung und Verschönerung der Arbeitsplätze mit Kantinen, Sportstätten oder Grünanlagen gehörte. Die Organisation KdF, die den Zugang zu bisher bürgerlichen Privilegien anbot, diente letztlich der Vorstellung einer klassenlosen Gesellschaft im Sinne der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft.[1]

So leitet das Deutsche Historische Museum Berlin im Rahmen des ‚Lebendigen Virtuellen Museums Online’ (LeMO) den Artikel über die NS-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“ ein. Das ist Ausdruck und vermutlich Mitursache einer Meinung über KdF, die sich bis heute hält: Es entsteht beim Leser das Bild der populären Organisation, die zum Wohle der Arbeiterschaft für Entspannung und Regeneration sorgt und ihr zum Zwecke der Integration bürgerliche Privilegien öffnet. „Kraft durch Freude“ als Inbegriff großzügiger ‚staatlicher’[2] Wohltaten, als „Bonusprogramm“ des NS-Staats, als Zuckerbrot des Hitler-Regimes für die Arbeiterschaft.

Untersucht man die Entstehung und Entwicklung sozialstaatlicher Verbesserungen seit der Kaiserzeit, findet man hinter den meisten vordergründigen Motiven tiefer liegende Zielsetzungen, die staatliches Handeln in einen größeren Kontext rücken und schlüssiger erklären können. Oftmals sind „Errungenschaften“ bei näherer Betrachtung gar nicht wirklich neu, häufig sind „großzügige Wohltaten“ eher notwendige Zugeständnisse. Um die Frage zu klären, ob es sich bei „Kraft durch Freude“ tatsächlich um ein staatliches Wohltatenprogramm gehandelt hat bzw. welche Intention die Verantwortlichen mit ihr verfolgten, lohnt es sich, die Organisation einer näheren Untersuchung zu unterziehen.

Dazu muss zunächst die Zielsetzung analysiert und anschließend mit der realen Umsetzung der Pläne verglichen werden. Die zielführenden Fragen sind: Was hat KdF versprochen? Welche Versprechungen hat KdF warum gemacht? Und welche Versprechen hat KdF gehalten, welche Erfolge konnte die NS-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“ verbuchen? Abschließend sollen die Erfolge mit evtl. KdF-Nachteilen aufgerechnet werden.

Untersucht wird im Wesentlichen die Zeit zwischen KdF-Gründung 1933 und Beginn des Krieges 1939. Zwar bestand KdF bis 1945 weiter, die Zielsetzungen, Aufgabenfelder und Vorgehensweisen während des Krieges haben sich jedoch erheblich verändert und würden eine eigenständige Analyse erfordern.

Die Quellenlage zur NS-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“ ist sehr gut. Neben zahlreichen überlieferten Reden von Verantwortlichen, allen voran DAF-Chef Robert Ley, liegen KdF-Leistungsberichte, Überblickszusammenfassungen zu mehrjährigen KdF-Jubiläen, Propagandapublikationen verschiedenster Art sowie eine Fülle an Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln von und über „Kraft durch Freude“ vor. Die Herausforderung ist also nicht, passende Quellen zu finden, sondern eine repräsentative Auswahl daraus zu treffen, um die Zielsetzung von KdF zu verdeutlichen, ohne auf sämtliche sich endlos wiederholende Propagandaformulierungen einzugehen.

Von der Forschung wurde „Kraft durch Freude“ selten als sozialpolitische Komponente des NS-Staates untersucht. Die einzige ansatzweise vollständige Abhandlung über die KdF-Zielsetzung ist die Münchener Dissertation von Wolfhard Buchholz.[3] Die Stuttgarter Dissertation von Bruno Frommann[4] bringt für das untersuchte Gebiet neben einigen neuen Statistiken keine darüber hinaus gehenden Erkenntnisse. Für den hingegen mehr als ausführlich bearbeiteten Bereich der KdF-Reisen ist besonders die aktuelle Arbeit von Wolfgang König[5] recht aufschlussreich. Aus der Fülle weiterer Untersuchungen zu diesem Thema sei noch der Aufsatz von Friedhelm Vahsen[6] erwähnt, der jedoch bezüglich der KdF-Motivationen weitgehend ebenfalls auf Buchholz zurückgreift. Weitere Werke lieferten punktuell nützliche Denkanstöße und werden an entsprechender Stelle eingeführt.

Um die Ausbreitung lexikalischen Wissens im Darstellungsteil zu vermeiden, wurde der grundlegende Überblick über die Aufgabenfelder der NS-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“ in den Anhang verlegt.

II. DIE NS-GEMEINSCHAFT „KRAFT DURCH FREUDE“

KdF – Wohltat für die Arbeiterschaft?

Betrachtet man die umfassende Breite der KdF-Tätigkeit[7] und behält dabei im Hinterkopf, dass die dadurch primär besser gestellte Gesellschaftsgruppe vorgeblich die Arbeiterschaft sein sollte, könnte man auf den ersten Blick schnell zu dem Schluss gelangen, dass die NS-Verantwortlichen damit den sozialistischen Teil ihrer Wahlkampfversprechen einlösen wollten. Großartige Angebote zu günstigsten Preisen, von denen jeder Arbeiter profitieren konnte, egal wie hoch sein Einkommen war. Das hört sich nach einem Füllhorn staatlicher bzw. parteipolitischer Wohltaten an. Andererseits verwundert, dass gerade das NS-Regime diese Wohltaten uneigennützig und ohne Gegenleistung angeboten haben soll. Es stellt sich also die Frage nach den Beweggründen, die hinter KdF standen: Welche Zielsetzung verfolgte die NS-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“? Daneben müssen die offiziellen und hintergründigen Ziele mit der Realität verglichen werden: Wurden die Ziele und Versprechen von KdF verwirklicht und erfüllte die Gemeinschaft ihren Zweck?

Zielsetzung der KdF-Tätigkeiten

Die Kernstücke der KdF-Arbeit betrafen die Freizeitgestaltung. Nach heutiger Vorstellung ist dies ein Bereich, in dem private Anbieter agieren. Reise- oder Kulturveranstalter offerieren ihre Angebote als Dienstleister mit Gewinnerzielungsabsicht, kein Sportverein würde auf die Idee kommen, mit Verlusten zu kalkulieren. „Kraft durch Freude“ allerdings erzielte keinerlei Gewinne, ja arbeitete noch nicht einmal kostendeckend.[8] Die Zielsetzungen heutiger Akteure, die sich auf den Sektoren der ehemaligen KdF-Tätigkeit bewegen, passen also offenbar nicht auf die NS-Zeit. Wenn KdF nicht wirklich rein karitativ gewesen sein sollte, muss es andere Handlungsmotivationen für das umfassende KdF-Angebot gegeben haben.

Regeneration, Motivation und gefühlte Erhöhung des Lebensstandards

Wir schickten unsere Arbeiter nicht auf eigenen Schiffen auf Urlaub oder bauten ihnen gewaltige Seebäder, weil uns das Spaß machte oder zumindest dem einzelnen, der von diesen Einrichtungen Gebrauch machen kann. Wir taten das nur, um die Arbeitskraft des einzelnen zu erhalten und um ihn gestärkt und neu ausgerichtet an seinen Arbeitsplatz zurückkehren zu lassen. KdF überholt gewissermaßen jede Arbeitskraft von Zeit zu Zeit, genau so wie man den Motor eines Kraftwagens nach einer gewissen gelaufenen Kilometerzahl überholen muss.[9]

Aus diesen Worten des DAF-Pressereferenten wird schnell klar, dass KdF keineswegs eine karitative, funktionslose Wohltat war. Die hier erklärten Ziele waren Stärkung und Neuausrichtung. Da die leistungsfähige Arbeitskraft nach NS-Ansicht „den wertvollsten, unentbehrlichsten und entscheidendsten Faktor für die wirtschaftliche und politische Erstarkung und Unabhängigkeit Deutschlands“[10] darstellte, versuchten die Nationalsozialisten, die Arbeitsleistung aller Erwerbstätigen zu optimieren, Erhalt und Stärkung der Leistungskraft wurden zu zentralen Anliegen. In der Freizeitgestaltung erkannte man bereits damals ein Mittel zur Regeneration und Erhöhung der Arbeitskraft, sie diente der Unterstützung der Arbeit.[11] Im Normalfall sollten die Feierabend- und Wochenendangebote genügen, um bei durchschnittlicher Arbeitsleistung die Arbeitskraft zu erhalten. Um sie sogar noch zu steigern, schien man sich der Urlaubsreisen zu bedienen.[12]

Neben dieser leicht verständlichen psycho-physischen Entspannungswirkung, die organisierte Freizeit meistens mit sich bringt, spielte vor allem der Aspekt der Motivationserhöhung eine wichtige Rolle. Anreize steigern die Leistungsbereitschaft. Das können im Hinblick auf die Arbeitswelt materiell höhere Löhne, jedoch auch andere, immaterielle Vergünstigungen sein. Als eine solche Ersatzvergütung kommt das KdF-Programm in Betracht, denn die Aussicht auf subventionierten Urlaub, auf betriebliche Sportangebote oder andere an gute Arbeitsleistung gebundene „Lebensfreuden“ wirkt motivationsfördernder als monotoner Arbeitsalltag. Die Arbeitsfreude war nach NS-Auffassung ein Element der Lebensfreude, sodass sich eine Steigerung der allgemeinen Lebensfreude auch positiv auf die Arbeitsleistung auswirkte.[13] Die Bezeichnung „Kraft durch Freude“ drückt folglich die Idee aus, aus der Freude neue Lebens- und Arbeitskraft zu generieren. Auch die Verbesserungen und Verschönerungen der Arbeitsumgebung durch das Amt Schönheit der Arbeit fallen in diesen Bereich: „Schöne Arbeit ist wirtschaftlich“.[14]

Unser deutscher Arbeiter ist in der Lage, sich zu begeistern und glücklich zu sein. Diese Begeisterungsfähigkeit und ihre Erfüllung ist ein Bestandteil seiner Leistungsgrundlage. Wenn unser Arbeiter einmal im Jahr durch eine Urlaubsfahrt glücklich gemacht wird – und es ist unser Bestreben, ihn möglichst zu verwöhnen, – dann kehrt er freudiger zu seiner Arbeitsstelle zurück.[15]

Eng verbunden mit der Erhöhung der Motivation allgemein war die gefühlte Erhöhung des Lebensstandards als Ziel der KdF-Tätigkeit. Trotz Wirtschaftsaufschwungs und Vollbeschäftigung in der Vorkriegszeit kam es nur zu einer relativ geringen Entwicklung der materiellen Löhne; rüstungsbedingt war der Produktionsanteil an Verbrauchsgütern verhältnismäßig gering, sodass das Masseneinkommen nicht deutlich erhöht werden konnte, ohne eine unerfüllbare Nachfrage zu erzeugen.[16] Gleichzeitig stiegen jedoch der Bedarf an Arbeitskräften und die geforderte Arbeitsleistung ständig.[17] Wenn man die materiellen Löhne nicht anheben konnte, war man also gezwungen, über den „immateriellen Lohn“ den Lebensstandard zu erhöhen.

[Es hat] die absolute Höhe des Einkommens in den letzten Jahren wohl keine wesentliche Erhöhung erfahren können, [doch wurde] trotzdem jeder schaffende Volksgenosse durch die NS-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“ in die Lage versetzt, mit seinem Einkommen relativ mehr anzufangen.[18]

Die geringen Preise der KdF-Freizeitangebote und die dadurch entlasteten Haushaltskassen halfen dabei, das Gefühl materieller Verbesserung und höheren Lebensstandards zu erzeugen: „Theater, Vergnügungen, Sport, Schulung, Reisen, alles steht zur Verfügung, um den Lebensstandard des deutschen Arbeiters zu heben.“[19] Die „organisierte Pflege der Leistungskraft in der Freizeit“[20] war also eine wesentliche, wenngleich nicht die einzige Funktion der KdF-Tätigkeit.[21]

Subjektive Statuserhöhung – Integration der Arbeiterschaft

Die Schönheiten des Lebens sind nicht mehr alleiniges Vorrecht der Besitzenden, sondern ‚Kraft durch Freude’ sorgt dafür, dass gerade euch Arbeitern und Arbeiterinnen die Schönheit der Berge, Flüsse und Meere, die Kunst der Theater und Konzerte, die Wohltaten des Sports und der körperlichen Ertüchtigung erschlossen werden.[22]

Aus diesen Worten Robert Leys lässt sich eine weitere Zielsetzung des KdF-Programms erkennen: Die Öffnung ehemals exklusiver, der vermögenden und gebildeten Bürgerschicht vorbehaltener Betätigungsfelder, wie etwa Seereisen, Theaterbesuche oder elitärer Sportarten für die breite Masse und explizit für die Arbeiterschaft. Gefördert wurde die Teilnahme der Arbeiterschaft einerseits durch günstige und damit auch für finanzschwächere Schichten erschwingliche Preise, andererseits durch die ausdrückliche Einladung an die Arbeiter, wodurch auch Bildungsfernere ohne Scheu für das Theater oder Menschen, die noch nie Urlaub gemacht hatten, für KdF-Reisen gewonnen werden sollten. Diese Öffnung exklusiver Freizeitbereiche verfolgte mehrere Intentionen. Zum einen könnte man die angebliche Aufhebung der Klassengegensätze und die dadurch erweiterten Freizeitgestaltungsmöglichkeiten dem Bereich der Motivationssteigerung mittels besonderer Anreize zuordnen. Maßgeblich war jedoch insbesondere die Aufwertung des Sozialprestiges der unteren Klasse, deren Freizeitgestaltung nun Elemente einer bislang höherklassigen Gesellschaftsschicht enthielt. Es ging vor allem um eine scheinbare, eine gefühlte Statuserhöhung, die bereits die theoretische Möglichkeit der Teilnahme an bislang exklusiven Angeboten mit sich brachte, um das gesteigerte Selbstwertgefühl der Arbeiter[23], um das, was Joachim Fest die „Utopie der Klassenversöhnung“[24] nannte; es stellt sich die Frage, welche Rolle KdF für die Verwirklichung einer NS-„Volksgemeinschaft“ spielte.

Der große Erfolg der bisherigen Arbeit der NS-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“ liegt in der durchschlagenden Wirkung auf das Selbstgefühl der Menschen. Jeder hat auf den ersten Blick erkannt, dass wir ernst machen, die Klassengegensätze auch in den kleinsten Ansprüchen des Einzelmenschen zu überwinden.[25]

Zwei Aspekte waren für die Integration der Arbeiterschaft wichtig: Das eigene Statusbewusstsein und ein Bereich, den Buchholz das „Wir-Bewusstsein“ der Bevölkerung nennt.[26] Während sich die Aufwertung des Statusbewusstseins über die Nivellierung der früheren Unterschiede bezüglich der Möglichkeit zu exklusiver Freizeitgestaltung vollzog, sollte das „Wir-Bewusstsein“ auf zwei Wegen entstehen. Zum einen abstrakt, mittels propagandistischer Vermittlung der Idee und der Alternativlosigkeit der Volksgemeinschaft, zum anderen durch das konkret erlebte Wir-Gefühl, wie es beispielsweise auf KdF-Reisen oder anderen geselligen Veranstaltungen entstehen sollte. Während die Arbeiterschaft bislang nur selten Zugehörigkeitsgefühle zum Rest der Gesellschaft entwickelt hatte, ja sogar regelmäßig diejenigen, denen ihre unterprivilegierte Lage geschuldet war, als ihre Feinde betrachtete,[27] erkannten die Nationalsozialisten „die ungeheuere Bedeutung einer Einordnung des Arbeitertums in die Nation.“[28] Die Arbeiter mussten also erst integrationsfähig gemacht und anschließend harmonisch in die Volksgemeinschaft eingefügt werden. Dazu war es nötig, sowohl Selbst-, als auch Fremdbetrachtung der Arbeiterschaft aufzuwerten, um einen Bruch zwischen den Gesellschaftsschichten zu vermeiden. Diese Nivellierungsfunktion übernahm KdF, die Freizeitgestaltungsmöglichkeiten von „Arbeitern der Faust“ und „Arbeitern des Kopfes“ unterschieden sich in der Theorie nicht mehr, womit der Status der Arbeiterschaft den ehemals höher stehenden Bürgerschichten angeglichen wurde. Jeder sollte sehen, dass die Kluft zwischen Arbeitern und restlicher Gesellschaft überbrückt, die Arbeiter gleichgestellt wurden, wie es Hitler schon 1924 prophezeit hatte:

Der deutsche Arbeiter wird nicht über den Umweg schwächlicher Verbrüderungsszenen in den Rahmen der deutschen Volksgemeinschaft gehoben, sondern durch bewusstes Heben seiner sozialen und kulturellen Lage, so lange, bis die schwerwiegendsten Unterschiede als überbrückt gelten dürfen.[29]

So sah es beispielsweise der erste Leiter von KdF, Horst Dreßler-Andreß, als seine Mission an, den Gegensatz von Arbeit und Kultur zu beseitigen.[30] Die KdF-Arbeit diente zu einem großen Teil dazu, „die Arbeiter zu einem gleichberechtigten Glied der deutschen Volksgemeinschaft“[31] hochzustilisieren. Hand- und Kopfarbeit wurden gleichrangig behandelt, ja die Wichtigkeit und außergewöhnliche Stellung des Arbeiters in der Propaganda durch populistische, vordergründig arbeitnehmerfreundliche Rhetorik[32] sogar immer wieder extrem betont.[33] Auf den neu gebauten KdF-Schiffen „Wilhelm Gustloff“ und „Robert Ley“ gab es folgerichtig auch keine Klasseneinteilung mehr, um zu zeigen, dass alte Privilegien Besserverdienender überwunden seien.[34] Die ehemalige „Upper-Class“ sah sich nun der Arbeiterschaft in ihren einstigen Exklusivbereichen gegenüber und konnte daran den „neuen Stellenwert“ dieser ehemaligen Unterschicht ablesen. Diese Öffnung der bürgerlichen Privilegien für die Arbeiterschaft, deren öffentliche Rangaufwertung, welche ihre „neue Stellung“ ihnen selbst und der ganzen Gesellschaft deutlich vor Augen führte, die Illusion einer klassenlosen Volksgemeinschaft, in der Arbeiter und Industrielle Seite an Seite Urlaub machten und das „Wir“ erleben konnten, die soziale Integrationskraft und schließlich die rassistische Grunddefinition dieser Volksgemeinschaft legten die Grundlagen für den Weltkrieg und die NS-Rassenpolitik. Denn eine geschlossene Volksgemeinschaft ließ sich leichter in den Krieg führen als zersplitterte und konkurrierende, sich gegenseitig misstrauende Gesellschaftsschichten, als eine Arbeiterschicht im Klassenkampf.

Hier gibt es nicht mehr einer gegen den anderen, sondern der Unternehmer ist ein Soldat, der Arbeiter ist ein Soldat. Wir alle sind Soldaten der Arbeit.[35]

War also die Idee der Volksgemeinschaft Voraussetzung für die Geschlossenheit im Krieg, so war KdF Voraussetzung für die Aufrechterhaltung der Illusion dieser Volksgemeinschaft.

Ruhigstellung der Arbeiterschaft

Und bald werden KdF-Fahrten so selbstverständlich sein, dass niemand sich mehr vorstellen kann, es sei einmal anders gewesen – es hätte einmal eine Zeit gegeben, in der der Arbeiter seine Groschen in so genannte Streikfonds zahlte, die nur den politischen Zwecken marxistischer und bolschewistischer Drahtzieher dienten, nicht aber, um dem deutschen Arbeiter ein besseres Leben zu schaffen. Heute dienen diese Groschen und Markstücke, die einstmals die Arbeitsmöglichkeit und damit auch das Leben des deutschen Arbeiters zerstörten, dazu, ihm ein freieres, schöneres, reicheres Dasein zu ermöglichen – Reisen, Seefahrten, Theaterstücke, Sport, Wandern, Segeln, Konzerte – Dinge, die früher nur den „Reichen“, den „Kapitalisten“ zugänglich waren.[36]

Eng verbunden mit der Integration der Arbeiterschaft in eine „Volksgemeinschaft“ war die Notwendigkeit ihrer Ruhigstellung. War gerade das Proletariat früher häufig Ausgangspunkt revolutionärer Unruhen gewesen, sollte es jetzt, jedenfalls in der NS-Propaganda, zur staatstragenden Schicht werden. In der Darstellung des bisherigen Zustandes wurden folglich auch die 1933 mitsamt den Gewerkschaften abgeschafften Streikfonds als politische Instrumente marxistisch-bolschewistischer „Drahtzieher“ verkauft, die keinerlei Nutzen für den deutschen Arbeiter hatten. Es war ein verständliches Anliegen, die beseitigten Kampfmittel der Arbeiterschicht als geringen Verlust im Vergleich zu den NS-Errungenschaften der Freizeitgestaltung erscheinen zu lassen. Nur wenn es gelang, die Arbeiterschaft zufrieden zu stellen und ihr keinen Anlass zur Beschwerde zu geben, sie also mittels Belohnungen, Vergünstigungen und Anreizen zu ködern, konnte der Betriebsfrieden, ja der Wirtschaftsfrieden allgemein aufrecht erhalten und die Rufe nach Mitbestimmung, Autonomie und Organisierung in Gewerkschaften auf ein kontrollierbares Minimum gedrückt werden. Das war Grundvoraussetzung für das Funktionieren der neu strukturierten, auf Leistungsmaximierung ausgelegten NS-Wirtschaft, die nach dem Führerprinzip aufgebaute, durch die DAF kontrollierte Betriebe, staatliche Wirtschaftslenkung und keinerlei Pluralismus oder autonome Tarifparteien vorsah.[37] Solange die breite Masse das Gefühl hatte, im Vergleich zur Weimarer Republik eher besser als schlechter gestellt zu sein, hielt sich ihre Motivation zur Auflehnung in Grenzen. Daher musste dieses Gefühl – und nicht etwa eine tatsächliche, objektiv-messbare Besserstellung – erzeugt und konserviert werden. Aufgabe von KdF war also die Beantwortung der Frage

Wie erhalten wir dem Volke die Nerven, in der Erkenntnis, dass man nur mit einem nervenstarken Volk Politik treiben kann?[38]

Stärkung des Heimatgefühls, körperliche Ertüchtigung und Auslandswirkung

Auch in ganz anderen Bereichen lagen Aufgaben von „Kraft durch Freude“. Denn neben der Leistungssteigerung mittels Regeneration und Motivation, der sichtbaren Integration der Arbeiterschaft in die „Volksgemeinschaft“ und der Ruhigstellung des Proletariats gehörten auch Aspekte wie „das Kennenlernen des Vaterlandes"[39] und die Stärkung der Heimatverbundenheit, angestrebt vor allem durch die innerdeutschen Urlaubsreisen, oder die körperliche Ertüchtigung der Bevölkerung im Rahmen des KdF-Breitensports zu den Zielen der NS-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“. Und wie alle bislang dargestellten Gebiete der KdF-Tätigkeit, dienten selbst die Sportangebote nicht einfach nur dem Wohlbefinden der Bevölkerung, sondern folgten einer umfassenden Gesamtkonzeption:

Nicht mehr um ihrer selbst willen werden die Leibesübungen heute in Deutschland betrieben, sondern in stetem Bewusstsein der Erfüllung einer Pflicht gegenüber der Forderungen der nationalsozialistischen Weltanschauung.[40]

„Kraft durch Freude“ war außerdem bestrebt, nicht nur nach innen, sondern auch auf das Ausland zu wirken. Man konnte den bereisten Nationen zum einen die Leistungsfähigkeit deutscher Freizeitorganisation, zum anderen die Harmonie der Volksgemeinschaft vor Augen führen. Die deutschen Urlauber hingegen sollten durch den unmittelbaren Kulturvergleich die Vorzüge der Heimat umso mehr zu schätzen lernen.[41] Allerdings darf man nicht vergessen, dass Landgänge auf politisch konforme Zielländer beschränkt blieben, ein Kulturaustausch mit Regimekritikern also kaum möglich war.[42]

Propaganda

Die bislang angeführten Motive wurden alle mehr oder weniger direkt auch von den Funktionären als KdF-Ziele genannt.[43] Daneben gab es aber einen Bereich, der nicht öffentlich als Ziel ausgegeben wurde; denn um das Volk auf den richtigen Politik-Kurs zu bringen, bediente das Regime sich ebenfalls der NSG „Kraft durch Freude“: Einen wesentlichen, vielleicht sogar den wichtigsten Teil der KdF-Zielsetzung stellte die Vermittlung von NS-Herrschaftspropaganda und Gedankengut dar. Es lag nahe, die bei KdF gebündelten und gleichgeschalteten Möglichkeiten der Freizeitgestaltung weltanschaulich zu durchdringen. Alle Angebote folgten einer Doppelstruktur in ihrer Zielsetzung: Die Arbeitskraft sollte ohne Frage regeneriert, das Arbeitsklima verbessert, die Motivation gesteigert, die Heimat entdeckt und der Körper ertüchtigt werden. Das alles bildete den Vordergrund der KdF-Arbeit. Dabei sollt jedoch im Hintergrund immer deutlich zum Ausdruck kommen, wem die Begünstigten das alles zu verdanken hatten.[44] Es ließen sich mehrere Fliegen mit der KdF-Klappe schlagen, tatsächlich-praktische Maßnahmen und Verbesserungen umsetzen und gleichzeitig propagandistisch ausschlachten. So wurden die KdF-Reisen als „Geschenk des Führers an seine Arbeiter“ dargestellt.[45] Auch das Volksmotorisierungsprogramm und der Bau des Seebades auf Rügen waren sehr populär, ließen sich extrem gut propagandistisch nutzen und als großartige, zukunftsweisende Projekte des NS-Regimes ausgeben.

Neben der Propagandawirkung, welche die KdF-Tätigkeiten an sich entfalteten, also der Imageverbesserung durch die Veranstaltung großzügiger Maßnahmen oder gigantische Visionen, bot „Kraft durch Freude“ auch einen idealen Nährboden für die direkte Vermittlung ideologischer Inhalte. Alle KdF-Programme wurden durch das Volksbildungswerk auf ihren weltanschaulichen Inhalt überprüft.[46] Was lag näher, als die unzähligen Veranstaltungen für Propaganda und Indoktrinierung zu nutzen. Wenn man schon gut gelaunte Arbeiter bei einem Volksfest, auf einem KdF-Schiff im Gemeinschaftsraum, in einer Wandergruppe oder einer Fußballmannschaft versammelt hatte, konnte man ihnen auch ohne großen Aufwand durch weltanschaulich geschultes Personal die Inhalte der NS-Ideologie schmackhaft machen und dabei von der zwanglosen Stimmung, einem gewissen „Stammtischeffekt“, der Dankbarkeit für die ermöglichte Teilnahme sowie unter Umständen auch von Alkoholkonsum profitieren. Auch wenn sicher nicht alle KdF-Teilnehmer so einfach durch derartige Beeinflussungen oder Anreize von den Zielen des NS-Staates zu überzeugen waren, wird sich in jedem Fall ein nicht zu unterschätzender Prozentsatz enger an Staat und Partei gebunden gefühlt haben als zuvor. War Propagandavermittlung bei Reisen, Feierabendveranstaltungen oder Sportangeboten gezielt genutzter Effekt neben anderen, so stellte sie für das Deutsche Volksbildungswerk die Hauptaufgabe dar. Im Rahmen der Volksbildung konnten Menschen auf subtilere Weise erreicht werden, als es die Parteipropaganda vermocht hätte. DAF-Geschäftsführer Otto Marrenbach war sich dieser Tatsache bewusst:

Volksbildungsarbeit ist weltanschauliche Erziehung der von der Partei nicht erfassten Volksgenossen.[47]

Die „Überzeugungsarbeit“ mittels KdF sollte folglich auf bewusster und unbewusster Ebene verlaufen, mittels direkter Vermittlung von NS-Ideologie sowie unterbewusster Erzeugung von Dankbarkeit und positiver Einstellung zum Nationalsozialismus. Natürlich wurde dieser Aspekt in den offiziellen Darstellungen nicht betont. Die Tätigkeiten der NSG sollten ja gerade als großzügig, wohltätig und frei von Hintergedanken erscheinen. In besonders hohem Maße baute das NS-Regime auf die Wirkung von Propaganda und die NS-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“ bot glänzende Möglichkeiten für deren effektive Verbreitung. Dies war kein überraschender Nebeneffekt der kompletten Bündelung aller Freizeitangebote, sondern kalkulierter Hauptzweck dieser Institution. Wenn man schon Freizeit zugestand, musste diese wenigstens „sinnvoll“ gestaltet, instrumentalisiert werden:[48]

Die Ausnützung der Freizeit steht [...] nicht im freien Belieben des Einzelnen. [...] Für uns ist die Bestimmung von Sinn und Zweck der Freizeitgestaltung also notwendig gebunden an eine Führung durch eine Weltanschauung [...][49]

Herrschaftsstabilisierung

„Kraft durch Freude“ war eines evident nicht: funktionslose Wohltat für die Arbeiterschaft. Im Gegenteil, die NS-Gemeinschaft verfolgte weit gefächerte Ziele. Während in der Selbstdarstellung vor allem Regeneration der Arbeitskraft, Motivationssteigerung, Volksertüchtigung, Stärkung der Heimatverbundenheit und insgesamt Aufwertung des Arbeiterstatus betont wurden, spielte daneben die doppelte Propagandawirkung eine zentrale Rolle, direkt mittels Indoktrination im Rahmen der Veranstaltungen, indirekt über den Weg der Einschmeichlung beim Volk. Sucht man nach einem gemeinsamen Nenner all dieser Bereiche, so gelangt man bis ans Fundament des Nationalsozialismus. Alle angeführten Ziele lassen sich einer Aufgabe unterordnen: „Kraft durch Freude“ diente breit angelegt der Stabilisierung des NS-Regimes, denn der Sozialfrieden war unabdingbare Voraussetzung für die Persistenz der NS-Herrschaft.[50] Die Herstellung desselben war zunächst in erster Linie an die Verringerung der Arbeitslosigkeit gebunden, denn die Mehrheit der Arbeiterschaft war der Meinung, „dass ihr die Vorteile dieser Organisation (KdF, Anm. d. Verf.) wenig nützen können, wenn der Arbeiter andererseits nicht in der Lage sei, die eigene Familie ordentlich zu ernähren.“[51] Doch als dieses Problem 1936 weitestgehend gelöst war, wurden zunehmend sozialpolitische Aufwertungen und bewusstseins-ideelle Verbesserungen von Belang, begann die Zeit der „weltanschaulichen Parolen“.[52] Mit dem Erhalt der Arbeitskraft und des Betriebsfriedens sollte die Wirtschaft stabilisiert, mit der Befriedigung sekundärer Arbeiteransprüche die politische Sprengkraft der Arbeiterschaft entschärft und mittels Propaganda die NS-Ideologie so tief wie möglich indoktriniert werden. Das Grundziel sämtlicher KdF-Tätigkeiten war also die Stabilisierung der NS-Herrschaft in verschiedensten Bereichen.

Das Verhältnis zwischen Zielsetzung und Realität

Welche Ziele die Verantwortlichen mit der NS-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“ verfolgten, ist damit umschrieben. In einem zweiten Schritt soll nun die Frage geklärt werden, ob bzw. in welchem Umfang die offiziellen Versprechen und die hintergründigen Ziele verwirklicht wurden.

Propagandistische Utopien

Es wurde bereits erwähnt, dass die propagandistische Ausschlachtung geplanter Zukunftsprojekte NS-typisch war. „Kraft durch Freude“ bot gleich zwei solcher gigantischer Visionen: Seebäder für 20.000 Besucher und Volksmotorisierung. Lange bevor auch nur ein einziger Arbeiter in den Genuss von KdF-Wagen oder Arbeiter-Strandbad kam, schmückte sich das Regime mit den Lorbeeren dieser Projekte, was nicht unwesentlich zu dem Bild von KdF als freigebiger NS-Organisation beitrug. Dass tatsächliche Umsetzbarkeit dabei im Vergleich zur propagandistischen Verwertbarkeit von Anfang an keinen allzu großen Stellenwert besaß, zeigt unter anderem die Tatsache, dass Robert Ley während des Krieges – und damit zu einem Zeitpunkt, an dem schon die Fertigstellung des einzig überhaupt begonnenen Seebades in weite Ferne gerückt war – großzügig sogar 10 solcher Bäder versprach.[53] Die Realität spielte für die Propaganda jedoch keine Rolle, solange die Illusion aufrecht zu erhalten war. Solange zumindest noch die Aussicht auf den eigenen Volkswagen bestand, mögen die über 300.000 Käufer noch erfreut über die Errungenschaften des NS-Staates auf die Auslieferung ihres bezahlten Fahrzeugs gewartet haben. Dass das „großzügige Regime“ in der Zwischenzeit ihr Geld für die kriegsbedingte Produktion von Kübelwägen verwendete, lässt zumindest die Deutung zu, dass es sich dabei um eine kalkulierte Fügung gehandelt haben könnte, die neben dem Propagandaeffekt des KdF-Wagen-Programms auch noch einen Geldsegen von über 350 Mio. RM mit sich brachte. Kurz gesagt: Kein einziger Badegast übernachtete jemals in einem KdF-Seebad, kein einziger KdF-Wagen wurde an einen Käufer ausgeliefert. Die Propaganda baute jedoch weiterhin auf diese Projekte. Die tatsächliche Realisierung war nicht vorrangig wichtig, solange die Illusion aufrecht erhalten werden konnte.

Beschränkung auf die Freizeit

Ebenso verhielt es sich mit dem KdF-Programm im Allgemeinen: Eine konsequente Realisierung des propagierten Ziels der Arbeiterintegration war häufig weder gewünscht noch möglich. Denn bei allen tatsächlichen und scheinbaren Verbesserungen, die KdF mit sich brachte, kam es nicht zur Realisation eines Gesellschaftssystems gleichrangiger Mitglieder, sondern blieb die Anpassungswirkung bestenfalls auf die Freizeit beschränkt. „Kraft durch Freude“ war kein Wundermittel, das gesellschaftliche Schranken bei einem gemeinsamen Ausflug einreißen wollte oder konnte. Arbeiter blieb Arbeiter, Unternehmer blieb Unternehmer,[54] es kam nicht zu einer objektiven Rangerhöhung der Arbeiter; eine Nivellierung oder Verschmelzung wurde nur soweit angestrebt, wie sie zum Erhalt des sozialen Friedens nötig war. Insofern trifft es Joachim Fests Wort von der „Utopie der Klassenversöhnung“ recht gut; sozialistische Gleichheit aller Bevölkerungsteile in allen Lebensbereichen war nie das Ziel des NS-Regimes. In der Freizeit sollte der deutsche Arbeiter offiziell die gleichen Möglichkeiten haben wie der Industrielle, sollte es keine Unterschiede mehr geben, sollten die Mitglieder der Volksgemeinschaft gleichrangig sein. Im Alltag war Gleichrangigkeit oder Gleichberechtigung hingegen nicht erwünscht:

Im Betrieb muß befohlen und gehorcht werden. Das muß so sein. Das muß auch der Soldat, das muß überhaupt jeder, wenn etwas geleistet werden soll. Rangunterschiede müssen sein. Das sieht auch jeder vernünftige Mensch ein. Aber außerhalb des Betriebes sind die Menschen nur Volksgenossen zu Volksgenossen. [...] Es ist kein Unterschied mehr da.[55]

Teilnehmerzahlen

„Kraft durch Freude“ sprach mit seinen Angeboten vor der Hand in erster Linie die Arbeiterschaft an. Diese stellte zwischen 1933 und 1939 ca. 50% der gesamten erwerbstätigen Bevölkerung, war also die mit Abstand größte Berufsgruppe.[56] Alle KdF-Teilnehmergruppen, vor allem die Reisegesellschaften, sollten Abbild der Volksgemeinschaft sein, also in ihrer Zusammensetzung die prozentuale Verteilung der Berufsgruppen widerspiegeln.[57] Mindestens 50% aller Veranstaltungs- und Reiseteilnehmer hätten nach dieser Vorgabe folglich Arbeiter sein müssen. In offiziellen Berichten liegt die Arbeiterquote tatsächlich meistens deutlich über 50%,[58] im ‚Völkischen Beobachter’ waren gar alle Reisenden als „Arbeitskameraden“ klassifiziert.[59] Die selbst auferlegte Voraussetzung der Bedürftigkeit als Zulassungskriterium zu KdF-Reisen wurde offiziell zu 95-100% eingehalten.[60]

Doch bereits die NS-Propaganda hatte mit Gerüchten zu kämpfen, wonach in der Realität keineswegs die Quoten und Voraussetzungen eingehalten wurden.[61] Man widersprach diesen „Verleumdungen“ zwar[62], doch nach heutigen Erkenntnissen waren sie durchaus berechtigt, denn die Auswertung von SD-Überwachungsberichten ergibt ein anderes Bild als das der KdF-Arbeiter-Reisen: demnach waren nur etwa 17,3% der KdF-Kreuzfahrer Arbeiter, den mit 37,8% weitaus größten Anteil der Reisenden stellten Angestellte. Fasst man Angestellte, Beamte, Freiberufler und Handwerker in Abgrenzung zur Arbeiterschicht zu einem ‚Mittelstand’ zusammen, stellte diese Gruppe sogar über 60% der Reiseteilnehmer.[63] Auch von Bedürftigkeit konnte bei vielen Teilnehmern keine Rede sein, etwa 60% der Reisenden hatten ein Monatseinkommen, das deutlich über dem Durchschnitt von ca. 150 RM lag.[64] Gerade die propagandistisch besonders hervorgehobenen Seereisen waren also, auch aufgrund ihres Preises von etwa einem durchschnittlichen Monatseinkommen, eher Reisen für den Mittelstand als für die Arbeiterschaft. In der Zeit von 1934 bis 1939 nahmen etwa 131.000 Arbeiter an den KdF-Seereisen teil. Das entspricht einer Quote von nur 0,66%.[65] Ein relativ großer Teil dieser 131.000 Arbeiter reiste zudem aufgrund besonderer Verdienste auf Firmenkosten, sodass die Zahl derjenigen, die sich einen Exklusivurlaub tatsächlich aus eigener Kraft leisten konnten, marginal blieb.[66] Bei den Landreisen lag der Arbeiteranteil mit ca. 23% nur unwesentlich höher und ebenfalls weit unter der offiziellen Quote von 50%.[67]

Im Bereich der Volksbildung bewegt sich die Zahl der teilnehmenden Arbeiter ebenfalls um die 23%, eine Zahl, die nach Buchholz in etwa auch für die übrigen Tätigkeitsbereiche passen könnte.[68]. Auch wenn hierfür keine konkreten Zahlen vorliegen, dürfte evident sein, dass der Sollwert von 50% kaum erreichte werden und „Kraft durch Freude“ nicht zurecht das Prädikat „Wohltat für die Arbeiterschaft“ beanspruchen konnte. Offenbar mussten die Teilnehmerzahlen beschönigt werden, um mit der verbreiteten Propaganda übereinzustimmen. Es kam darauf an, die KdF-Tätigkeit als Errungenschaft für die Arbeiterschaft zu vermarkten, die als Hauptprofiteur erscheinen sollte. Das stützt die These von der Primärfunktion der Propagandawirkung und der illusorischen Integrationskraft. Denn die 99,5% der Arbeiter, die nicht an Reisen teilnahmen, konnten durch diese auch keine Regeneration erwarten. Doch die Hoffnung, eines Tages selbst auf einem KdF-Schiff fahren zu können, wie die vielen Standesgenossen, von denen in der Propaganda die Rede war, also die subjektive Aussicht auf und die objektive Eröffnung dieser Möglichkeit, dürften die Motivation zur Arbeit und die Identifikation mit dem ‚großzügigen’ Regime, jedenfalls temporär, deutlich gesteigert haben. So spricht einiges für die Ansicht, KdF sei – zielgemäß und kalkuliert – nicht aufgrund der tatsächlichen Leistungen populär und erfolgreich gewesen, sondern aufgrund der Propagandawirkung.[69]

Die Erfolge von KdF

Unabhängig von der Aufrichtigkeit ihrer Handlungsmotivationen war KdF populär und erfolgreich.[70] Es wurden zwar nicht primär die propagierten Ziele wie Gleichberechtigung oder Regeneration der Arbeiterschaft verfolgt und erreicht, doch war KdF trotzdem eine wichtige Stütze des NS-Staates. Denn das Hauptanliegen, die gefühlte Integration der Arbeiterschaft in die Gesellschaft und ihre propagandistische Durchdringung, gelang.[71] Von der tatsächlichen wie scheinbaren Begünstigung der Arbeiterschaft ging eine höhere Integrationskraft aus als von jedem staatlich ausgeübten Terror[72] und die Leistungsbereitschaft stieg bei vielen tatsächlich dank positiver Einstellung aus innerem Antrieb.[73] Daneben wurde ohne auf großen Widerstand zu stoßen die Privatheit der Freizeitgestaltung aufgelöst und auch dieser Lebensbereich zur Ideologiebildung instrumentalisiert[74], selbst wenn manch einer es geschafft haben mag, sich, wie von Frese sicherlich zu pauschal dargestellt, auch auf KdF-Veranstaltungen in die „Privatheit zurückzuziehen“ und den Becircungen der Ideologen zu widerstehen.[75] Zwar profitierten die Arbeiter de facto weit weniger von „Kraft durch Freude“ als das Regime sie glauben machen wollte, doch darf man darüber die Anzahl derjenigen nicht vergessen, denen KdF tatsächlich zum häufig ersten Urlaub ihres Lebens verhalf. Denn auch wenn nur ca. 20% der Reiseteilnehmer Arbeiter waren, so ist es doch eine bei aller Kritik beachtliche Leistung von KdF, die Arbeiterschaft überhaupt salon- und reisefähig gemacht zu haben, sie, wenn schon nicht gleichgestellt, so doch immerhin verbal integriert und bis zu einem gewissen Punkt tatsächlich besser gestellt zu haben. „Solange eine propagandistische Tragfähigkeit bestand, war es letztlich ohne Belang, daß das soziale Ansehen der Arbeiterschaft nur im Bewußtsein der Deutschen existierte [...]“[76]

Und selbstredend profitierten alle tatsächlichen Teilnehmer, gleich welcher Schicht, von den genutzten Angeboten, sei es in Form von Erholung und Regeneration, sei es in Form von Bildung, körperlicher Ertüchtigung oder Reiseveranstaltungen. Und das waren nicht wenige: 60,8 Mio. im Feierabendbereich, 20,5 Mio. beim KdF-Sport, 6,3 Mio. im Rahmen des Deutschen Volksbildungswerks, 34 Mio. KdF-Reisende und hunderttausende in verschönerten Betrieben.[77] Damit gilt KdF wohl zurecht als die populärste und massenwirksamste Organisation im NS-Staat[78] und erfüllte die selbstgesteckte Aufgabe der Herrschaftsstabilisierung in der Gesamtbevölkerung in hohem Maße, wobei die hofierte Arbeiterschicht realiter nur etwa ein Fünftel der Begünstigten ausmachte.

Der Preis der KdF-„Wohltaten“

Das Volk […] will das Schöne und Erhabene sehen und genießen. Das, was ihm das Leben so oft und hartnäckig vorenthält […], eine Welt des Wunders und des holden Scheins […] »Also Brot und Spiele!« unken Besserwisser. Nein, »Kraft durch Freude!«[79]

Staatliche Wohltat war die NS-Gemeinschaft nie. Vielmehr verkörperte sie das Zuckerbrot des NS-Regimes. So darf man bei der Betrachtung die damit untrennbar verbundene Peitsche nicht vergessen: Alle KdF-Wohltaten waren erkauft mit dem Verlust sämtlicher Mitbestimmungs- und Autonomierechte. „Kraft durch Freude“ war das Zugeständnis an die Bevölkerung, das mit der Zerschlagung der Gewerkschaften 1933 nötig geworden war. Um die Gesellschaft, insbesondere die große Gruppe der Arbeiterschaft, ruhig zu stellen, versorgte man sie – und hier muss Joseph Goebbels aus der Position eines Besserwissenden widersprochen werden – mit „Brot und Spielen“. Mit der Befriedigung der Bedürfnisse nach gesellschaftlicher Anerkennung, nach Erholung und Verbesserung des Lebensstandards ging die politische Entmündigung einher.[80] Als „sozialpolitisches Bonbon“[81] sollte KdF über den Verlust sämtlicher Gestaltungsmöglichkeiten hinwegtrösten. Denn selbst wenn die Arbeiter von einigen Punkten des KdF-Programms profitierten, waren sie doch nur noch Erfüller oktroyierter Aufgaben. Auf Augenhöhe geführte Verhandlungen über Verbesserungen wichen politisch motivierten Zugeständnissen, die gemacht wurden, wenn und soweit nötig[82]

KdF in der Selbstdarstellung – „Begegnung von Marxisten und KdF-Reisenden“

Um beispielhaft die Selbstinszenierung der NS-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“ zu verdeutlichen, soll abschließend eine KdF-Karikatur analysiert werden, erschienen im „Angriff“ vom 6. Mai 1936, also zur Blütezeit der KdF-Tätigkeitsentfaltung vor Kriegsbeginn.[83] „Der Angriff“ – ursprünglich Gau-Zeitung der Berliner NSDAP – erschien zum untersuchten Zeitpunkt werktäglich reichsweit mit einem Umfang von ca. 16 Seiten als „Tageszeitung der Deutschen Arbeitsfront“[84] und sprach in relativ hoher Auflage auf breiter Front stark propagandistisch geprägt die NSDAP-nahe Arbeiterschaft mit tagesaktuellem Geschehen an. Eine Karikatur hat im Vergleich zu Textpropaganda den Vorteil der Zwanglosigkeit und übermittel ihren Inhalt subtiler, über den Humor der Leser.

Die Karikatur zeigt den haushohen KdF-Dampfer „Der Deutsche“ mit zahlreichen entspannten Passagieren an Deck, am Bug weht die KdF-Hakenkreuzfahne. Im Hintergrund ist eine Insel mit Palmen zu erkennen, im Vordergrund offenbar ein Hafen, in den das Schiff gerade einläuft. Am Pier stehen einige Personen, die durch eine Fahne mit Sowjetstern, Hammer und Sichel als „Marxisten“ zu erkennen sind. Sie rufen den Passagieren an Deck zu „Haltet aus, deutsche Genossen, bald befreien wir euch aus den Klauen des Hitlerismus“. Die KdF-Reisenden antworten „Laßt euch nur Zeit, Kinder, es eilt nicht!“

Die KdF-Selbstdarstellung ruft hier gleich mehrere Assoziationen hervor: Zunächst fällt auf der Bildebene die enorme Größe des Schiffes auf. Das erste KdF-eigene Schiff „Der Deutsche“ symbolisiert, zusätzlich durch die Hakenkreuzfahne gekennzeichnet, technische und logistische Leistungsfähigkeit, ja Überlegenheit des Nationalsozialismus. Die Palmen im Hintergrund sollen zeigen, wie weit die KdF-Touristen in der Welt herumkommen können. Diese stehen ganz entspannt an der Reling, einer neben dem anderen, ohne erkennbare Standesmerkmale, was die erfolgreiche Volksgemeinschaftspolitik versinnbildlicht. Die Marxisten stehen an Land und beobachten die reisenden Deutschen; während der Marxismus steht, drückt das (noch!) fahrende Schiff deutsche Dynamik aus. Auch die Positionen der Personen ist interessant: Die Deutschen schauen „von oben herab“ auf die Marxisten. Oben zentral steht der Schiffsname „Der Deutsche“, möglicherweise ausdrückend, dass der Deutsche generell über den anderen Völkern steht, daneben die wehende Hakenkreuzfahne.

Die dazugehörige Textebene spielt aus einer sich offenbar überlegen fühlenden Position ganz deutlich mit dem Mittel der Ironie. Denn die aus ihrer Sicht heilsverkündenden Worte der Marxisten lösen bei den KdF-Urlaubern nicht die erwartete Reaktion aus. Vielmehr läuft das Versprechen der Befreiung völlig ins Leere, keiner der Touristen will befreit werden, für die Deutschen ist es eher amüsant, die Bemühungen der „Kinder“ mit anzusehen.

Punktgenau trifft diese Karikatur die Zielsetzung der NS-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“. Der deutsche Arbeiter, oder genauer gesagt jeder Deutsche, der von KdF profitiert, sollte unempfindlich gemacht werden gegen die Vereinnahmungsversuche anderer Länder. KdF sollte die Masse durch Anreize und Vergünstigungen, durch Propaganda und Versprechungen, durch Beeindruckung und Illusionen eng an Führer, Staat und Partei binden. Alle Deutschen sollten das Gefühl haben, dass es ihnen in ihrem Staat gut geht, besser als allen anderen Nationen. Kein Volksgenosse sollte mit Gewalt für sein Land vereinnahmt werden, das KdF-Zuckerbrot konnte diese Aufgabe häufig leichter und besser erfüllen.

Wer einmal in seinem Leben über die Grenzen des Vaterlandes in eine andere Welt hineinschauen konnte – und sei sie noch so gesegnet mit Palmen, Bananen und ewig scheinender Sonne – der ist gefeit gegen alle noch so verführerische Ideen, die ihm ein Paradies auf Erden versprechen. Er weiß jetzt, was die zusammengeballte Kraft einer Nation auch für ihn selbst bedeutet.[85]

Zusammenfassung

War „Kraft durch Freude“ also staatliche Wohltat oder, nach Aly[86], „Gefälligkeit“ für die Arbeiterschaft? Die Antwort fällt mit einem Blick auf die Ziele der NS-Gemeinschaft leicht: Sämtliche Angebote aus dem vielfältigen KdF-Programm, von Feierabendgestaltung mit Kunst, Unterhaltung und Kultur über Volksbildung und Sportveranstaltungen bis zu Reisen, Wandern und Urlauben, hatten verschiedene Motive. Auf der primären, vordergründigen Ebene sollten die Anreize und Erholungsmöglichkeiten der Regeneration und Steigerung der Leistungskraft sowie der Motivationserhöhung dienen, die Öffnung ehemals bürgerlicher Privilegien zu einer scheinbaren Besserstellung der Arbeiterschaft, einer subjektiv erlebten Rangerhöhung und damit letztlich zur Perfektionierung der Illusion einer funktionierenden Volksgemeinschaft führen. Daneben hatte KdF auf der sekundären Ebene eine doppelte Propagandaaufgabe. Über geschultes Personal wurde auf KdF-Veranstaltungen direkt NS-Herrschaftsideologie verbreitet, indirekt sollten die „Wohltaten“ bei den Profiteuren Dankbarkeit und Loyalität erzeugen. Zusammenfassen lässt sich die Zielsetzung von „Kraft durch Freude“ als Herrschaftssicherung.

Bei all dem stand nicht die konkrete Umsetzung der vorgegebenen Ziele im Vordergrund, sondern deren Illusion. Eine klassenlose Gesellschaft war nie das Ziel der NS-Eliten. Essentiell war es nicht, die Arbeiter besser zu stellen oder ihren Status aufzuwerten, essentiell war, den Arbeitern das Gefühl einer Besserstellung zu geben. Denn während offiziell die Arbeiter die größten Nutznießer der Vergünstigungen waren, zeigen die Teilnehmerzahlen hingegen ein anderes Bild: Gerade die stark beworbenen Urlaubsreisen waren eher Reisen des Mittelstandes, die Arbeiterschaft war bei allen KdF-Veranstaltungen deutlich unterrepräsentiert. Außerdem wurden utopische Großprojekte wie beispielsweise der KdF-Wagen wider besseres Wissen selbst dann noch stark propagandistisch genutzt, als ihre Unrealisierbarkeit schon lange feststand. Und schließlich blieben alle versprochenen Aufwertungen der Arbeiterstellung auf die Freizeit beschränkt.

Einerseits kann man die Erfolge von KdF nicht leugnen: Etwa 235 Mio. Menschen nahmen bis 1938 an KdF-Veranstaltungen teil. Wenngleich organisierte Freizeitgestaltung keine Erfindung des NS-Staates war[87], bereits in der Weimarer Republik Urlaub oder günstige „Volksreisen“ bekannt waren[88] und KdF daher viele vorhandene Strukturen übernehmen konnte, so war es doch die NSG „Kraft durch Freude“, welche die gesamte Freizeitgestaltung zentral bündelte, ihr eine neue Dimension gab und vielen Arbeitern zum ersten Urlaub ihres Lebens verhalf.[89] Die subjektive Aufwertung der Arbeiterschaft im Bewusstsein der Bevölkerung und im Selbstbewusstsein der Arbeiter gelang in Teilbereichen gut, sodass sie, verbunden mit dem propagandistischen Ausschlachten der sozialen Wohltaten und den tatsächlichen Verbesserungen des Arbeiterstatus, als wichtige Voraussetzung zur Integration der Arbeiterschaft in die Volksgemeinschaft und tragende Stütze der NS-Herrschaft und damit schließlich auch als Grundlage des Arbeiterselbstverständnisses der BRD gelten kann.

Bei allen tatsächlichen und vermeintlichen Verbesserungen muss aber andererseits ihr Preis immer mit bedacht werden: In einem System, das seine Akzeptanz „durch eine Mischung von Repression, Terror, Zuckerbrot, Erfolg und Komplizenschaft“[90] erlangte, verkörperte KdF das Element des Zuckerbrots. Dem stand die Peitsche in Form von zerschlagenen Gewerkschaften, Verlust sämtlicher Autonomie- und Mitbestimmungsrechte sowie ständiger Ideologisierung gegenüber. Der soziale Aufstieg der Arbeiter war also teuer bezahlt, KdF war das sozialpolitische Bonbon, das man den Arbeitern zugestand, um sie bei Laune zu halten. Dazu verschränkte man Freizeit mit ideologischen Zielen, Indoktrination mit scheinbar enpolitisierter Unterhaltung. Von staatlicher Wohltat kann also keine Rede sein.

Das Historische Museum Berlin hat mit seinem virtuellen Lexikonartikel insoweit Recht, als KdF tatsächlich sehr populär war und durch umfassendes Wirken letztlich die Vorstellung einer klassenlosen Gesellschaft im Sinne der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft befördern sollte. Hingegen fehlt der zentrale Aspekt der Ideologisierung darin ebenso wie die Betonung der Scheinwirkung: Denn nicht primär Entspannung und Regeneration integrierten die Arbeiter, nicht Arbeitsplatzverschönerung und Betriebssport, sondern die Illusion der gesellschaftlichen Aufwertung und der Nivellierung sozialer Unterschiede. Die Arbeiterschaft profitierte im Verhältnis zu ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung unterdurchschnittlich von KdF, doch ihr Profitieren erhielt einen herausgehobenen Stellenwert. Die NS-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“ war in weiten Teilen die „Welt des Wunders und des holden Scheins“, als die Joseph Goebbels sie charakterisierte.

[...]


[1] http://www.dhm.de/lemo/html/nazi/innenpolitik/kdf/index.html (21. Juni 2007).

[2] Trägerin von KdF war die DAF, selbst wiederum Unterorganisation der NSDAP. Von staatlicher Wohltat zu sprechen, wäre also genau genommen falsch. Aufgrund der starken Verschränkung von Staat und Partei im Nationalsozialismus ist aber durchaus anzunehmen, dass KdF nicht zwingend als NSDAP-abhängiges Programm, sondern eher als „von der Führung kommend = staatlich“ wahrgenommen wurde. Aufgrund ihrer Aufgaben und Zielgruppen passt die NSG „Kraft durch Freude“ auch besser in den Bereich staatlicher Tätigkeiten, als in den eng-parteispezifischen Kontext. Eine NSDAP-Mitgliedschaft war nicht notwendig, um KdF-Mitglied zu werden. KdF war also zwar organisatorisch Teil der Partei, funktionell aber m.E. eher Teil des Staates.

[3] Wolfhard Buchholz, Die nationalsozialistische Gemeinschaft "Kraft durch Freude". Freizeitgestaltung und Arbeiterschaft im Dritten Reich, Univ. Diss. München 1976.

[4] Bruno Frommann, Reisen im Dienste politischer Zielsetzungen, Univ. Diss. Stuttgart 1992.

[5] Wolfgang König, Volkswagen, Volksempfänger, Volksgemeinschaft. "Volksprodukte" im Dritten Reich – Vom Scheitern einer nationalsozialistischen Konsumgesellschaft, Paderborn 2004.

[6] Friedhelm Vahsen, Freizeiterziehung als Sozialpolitik. Die Kulturarbeit der NS-Wohlfahrt, in: Otto, Hans-Uwe (Hrsg.): Soziale Arbeit und Faschismus. Volkspflege und Pädagogik im Nationalsozialismus, Bielefeld 1986.

[7] Siehe Anhang A.

[8] Buchholz (1976), S. 213 ff.

[9] Gerhard Starcke, Die Deutsche Arbeitsfront, Berlin 1940, S. 10 f.

[10] Buchholz (1976), S. 121, zur tatsächlichen Umsetzung siehe aber unten.

[11] König (2004), S. 193.

[12] Buchholz (1976), S. 122; Vahsen (1986), S. 142.

[13] Buchholz (1976), S. 152.

[14] Eberhard Aleff, Das Dritte Reich. Edition Zeitgeschehen, Hannover 1979, S. 122.

[15] Bodo Lafferentz, Urlaub und Erholung, in: Bericht. Weltkongress für Freizeit und Erholung. Hamburg vom 23. bis 30. Juli 1936. Bearbeitet im Internationalen Zentral-Büro "Freude und Arbeit", Berlin 1937, S. 375.

[16] Dieter Grosser, Die nationalsozialistische Wirtschaft, in: Das Argument (32) 1965, S. 1-11, 6.

[17] Buchholz (1976), 156; vgl. dazu auch die Rede Robert Leys zur Gründung von KdF, in: Unter dem Sonnenrad, S. 16.

[18] Günther Adam, Aus der Arbeit der NS-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“ im Gau Berlin, Berlin 1938, S. 271.

[19] Der Angriff, 5. Oktober 1935, S. 12.

[20] Siegel (1989), S. 91.

[21] Sogar Primärfunktion nach Vahsen, S. 147.

[22] Robert Ley, in: Völkischer Beobachter, 30. April 1935.

[23] Vahsen (1986), S. 148, Buchholz (1976), S.

[24] Joachim Fest, Hitler – Eine Biographie, München 2003, S. 1036.

[25] Völkischer Beobachter, 8. Juli 1935.

[26] Buchholz (1976), S. 377.

[27] Ebend., S. 381.

[28] Deutsche Sozialpolitik, Bericht der Deutschen Arbeitsfront, Berlin 1937, S. 20.

[29] Adolf Hitler, Mein Kampf, München 1943, S. 373.

[30] Horst Dreßler-Andreß, Die Freizeitgestaltung in Deutschland, Karlsruhe 1936, S. 126.

[31] Starcke (1940), S. 7.

[32] Rüdiger Hachtmann, Ein Koloß auf tönernen Füßen. Das Gutachten des Wirtschaftsprüfers Karl Eicke über die Deutsche Arbeitsfront vom 31. Juli 1936, München 2006, S. 16.

[33] Buchholz (1976), S. 385.

[34] Buchholz (1976), S. 282.

[35] Robert Ley, Wir alle helfen dem Führer, München 1937, S. 15 f.

[36] Wilfried Bade, Deutschland erwacht. Werden, Kampf und Sieg der NSDAP, Hamburg 1933.

[37] Dazu ausführlich z.B. Hachtmann (2006), S. 14 ff.

[38] Adolf Hitler, in: Karl Busch (Hrsg.), Unter dem Sonnenrad. Ein Buch von KdF, Berlin 1938, S. 16.

[39] Robert Ley, in: Arbeitertum, 1. Dezember 1933, S. 4.

[40] Reichssportführer Hans von Tschammer und Osten, zitiert nach Winkler (1961), S. 34.

[41] So jedenfalls Frommann (1992), S. 112.

[42] Buchholz (1976), S. 277.

[43] Siehe dazu Frommann (1992), S. 110 ff; Buchholz (1976), S. 9 ff.

[44] Frommann (1992), S. 280.

[45] Claudia Schneider, http://www.shoa.de/kdf.html (2. Juli 2007).

[46] Vgl. Anhang A.

[47] Otto Marrenbach, zitiert nach Hans-Joachim Winkler, Legenden um Hitler, Berlin 1961, S. 34.

[48] Monatshefte für NS-Sozialpolitik 1936, S. 417.

[49] Schuster, Die soziale Aufgabe der Freizeitgestaltung, 1936, zitiert nach Vahsen (1986), S. 142.

[50] Buchholz (1976), S. 399.

[51] Gestapobericht Hannover vom 18. August 1935 (250), S. 54, zitiert nach Aleff (1979), S. 122.

[52] Buchholz (1976), S. 401.

[53] König (2004), S. 208.

[54] Siegel (1989), S. 91.

[55] Robert Ley, Arbeitertum, 15. März 1935.

[56] Buchholz (1976), S. 362.

[57] Ebend., S. 363.

[58] U.a.: Der Angriff, 14. Mai 1935; Arbeitertum, 15. Oktober 1935; Ley, Deutschland ist schöner geworden, S. 87.

[59] Völkischer Beobachter, 14. September 1935; Buchholz (1976), S. 363.

[60] Starcke (1940), S. 161;

[61] Buchholz (1976), S. 364.

[62] So wurden „Schmarotzer“ als Volksschädlinge gebrandmarkt und mit Strafe bedroht, Frommann (1992), S. 139.

[63] Buchholz (1976), S. 367; sehr ähnliche Zahlen ermittelte auch Frommann (1992), S. 267 f.

[64] Ebend., S. 369.

[65] Ebend., S. 368.

[66] Ebend., S. 369.

[67] Ebend., S. 370; Frommann (1992), S. 267.

[68] Buchholz (1976), S. 373.

[69] Kurt Riess, Jedes Jahr ins Paradies. Das Geschäft mit dem Urlaub, Hamburg 1973, S. 135.

[70] Frommann (1992), S. 281.

[71] Buchholz (1976), S. 408.

[72] Ebend., S. 397.

[73] Ebend., S. 137; Vahsen (1986), S. 150.

[74] Ebend., S. 156.

[75] Matthias Frese, Betriebspolitik im "Dritten Reich". Deutsche Arbeitsfront, Unternehmer und Staatsbürokratie in der westdeutschen Großindustrie 1933–1939, Paderborn 1991, S. 454.

[76] Buchholz (1976), S. 410.

[77] Siehe Anhang A.

[78] http://www.dhm.de/lemo/html/nazi/innenpolitik/kdf/index.html (7. Juli 2007).

[79] Joseph Goebbels, Rede vor Reichskulturkammer und KdF, 26. November 1937, zitiert nach Aleff (1979), S. 110.

[80] Vahsen (1986), S. 156.

[81] Hachtmann (2006), S. 23.

[82] Titel nach König (2006), S. 206.

[83] Der Angriff, 6. Mai 1936, S. 6, zu Abbildung und Darstellung siehe Anhang B.

[84] So der Untertitel, vgl. bspw. Der Angriff, 6. Mai 1936, S. 1.

[85] Arbeitertum, 15. Mai 1936.

[86] Götz Aly, Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus, Frankfurt/Main 2005, S. 19.

[87] Tilla Siegel, Leistung und Lohn in der nationalsozialistischen "Ordnung der Arbeit", Opladen 1989, S. 90.

[88] Christine Keitz, Reisen als Leitbild. Die Entstehung des modernen Massentourismus in Deutschland, München 1997, S. 124 ff.

[89] Wenn auch bei weitem nicht so vielen wie versprochen.

[90] Schmidt (2003), S. 59.

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Die NS-Gemeinschaft "Kraft durch Freude" - Staatliche Wohltat für die Arbeiterschaft?
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Historisches Seminar)
Veranstaltung
Von Bismarck bis Blüm. Der deutsche Sozialstaat 1881-1990
Note
1,5
Autor
Jahr
2007
Seiten
26
Katalognummer
V180486
ISBN (eBook)
9783656032694
ISBN (Buch)
9783656032472
Dateigröße
675 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nationalsozialismus, Kraft durch Freude, Deutsche Arbeitsfront, KdF, NS-Gemeinschaft, Sozialstaat
Arbeit zitieren
Lukas Strehle (Autor), 2007, Die NS-Gemeinschaft "Kraft durch Freude" - Staatliche Wohltat für die Arbeiterschaft?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/180486

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