Auf freiem Grund mit freiem Volke – Zur ideologisch-propagandistischen ‚Faust’-Rezeption im NS-Staat


Seminararbeit, 2007
18 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

A. Einleitung

B. Zur ‚Faust’-Rezeption im NS-Staat
I. Die Goethe-Rezeption im Nationalsozialismus
II. Die ‚Faust’-Rezeption im Nationalsozialismus
1. Verwirklichung des ‚faustischen Strebens’ in der NS-Politik
2. Auf freiem Grund mit freiem Volke
3. Faust und Führer
4. Schuld und Rechtfertigung
5. Kontraproduktive Szenen

C. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

A. Einleitung

Jede Betrachtung der Goethe’schen ‚Faust’-Dichtung kann nur eine Annäherung sein. Wie wohl kein anderes Werk der deutschen Literatur eröffnet die Lektüre des ‚Faust’ eine Unzahl verschiedener Deutungsmuster, wirft jedoch gleichzeitig umso mehr neue Fragen auf, je tiefer man in die Materie eindringt. Goethe gilt als der deutsche Dichter schlechthin und in seinem großen Werk nimmt wiederum die ‚Faust’-Dichtung eine herausragende Stellung ein. Müsste man ein Standardwerk der deutschen Literatur benennen, den wohl einzigen Klassiker, an dem wirklich kein Abiturient in Deutschland unbehelligt vorbeikommt und der auch deswegen die bekannteste Publikation des berühmtesten deutschen Dichters sein dürfte, würde man wohl unweigerlich den ‚Faust’, speziell den ‚Faust’ I, nennen. Selbst diese bewusste Häufung von Superlativen kann nur unzureichend den Stellenwert der ‚Faust’-Dichtung in Deutschland bis heute widerspiegeln.

Ein ‚Klassiker’ zu sein ist jedoch manchmal ein zweischneidiges Schwert. Denn je größer der Ruhm eines Werkes, desto größer ist auch die Versuchung, dieses für ideologische Zwecke auszulegen und zu missbrauchen. „Was wertender Diskussion endgültig enthoben scheint, läuft Gefahr, als Beuteobjekt verschlissen zu werden. Groß ist die Begehrlichkeit von Gruppen und Systemen, den Schmuck der fremden Federn sich selbst zugute zu halten, das vor allen Ausgezeichnete unter Exklusivvertrag zu nehmen.“[1]

Der Nationalsozialismus in Deutschland von 1933-1945 war ein solches System, das sich den Luxus einer kompletten weltanschaulichen Untermauerung seiner totalitären Herrschaft gönnen wollte oder musste und dazu fremde Federn gut gebrauchen konnte. In der Machtübernahme sahen die ‚Herrenmenschen’ den Höhe- und Zielpunkt deutscher Geschichte, den endlich erreichten Idealzustand. Ein typisches Element derartiger Herrschaftssysteme ist die Ideologisierung, die Umdeutung bestehender Denkmuster. „Gerade autoritäre staatliche Systeme [begeben] sich auf die Suche nach literarischen Aushängeschildern und [modeln] sich die erkürten Autoren so zurecht, dass sie systembegründend, -stabilisierend und –verherrlichend erscheinen.“[2]

Was lag also näher, als den größten deutschen Dichter, den bislang freilich ganz unsozialistischen Dichterfürsten, und sein berühmtestes Werk, den ‚Faust’, in die Propaganda einzubauen, um das politische System auf eine bereits in der Klassik gelegte literarische Basis zu stellen?

Ziel dieser Arbeit ist es, die ideologisch-propagandistische Rezeption von Goethes ‚Faust’ im Nationalsozialismus auf die Fragestellung hin zu untersuchen, ob bzw. inwiefern sie systembegründend, -stabilisierend und –verherrlichend war. Dabei werden besonders missbrauchte Textstellen ebenso betrachtet werden wie solche, die propagandistisch schwer verkäuflich waren und deswegen lieber ignoriert wurden.. Eine umfassende Betrachtung der Wirkungsgeschichte der ‚Faust’-Dichtung im Zeitraum von 1933 bis 1945, die sowohl die kritisch-neutrale, als auch die ideologisch gefärbte ‚Faust’-Forschung dieser Zeit, die sowohl die propagandistische Verwendung, als auch die dramaturgischen Aufführungsbesonderheiten[3] untersucht, würde bei Weitem den Rahmen sprengen. Daher soll es im Folgenden lediglich um die ideologisch-propagandistische Rezeption durch regimenahe Kreise gehen.

B. Zur ‚Faust’-Rezeption im NS-Staat

Bevor die Verwendung des Werkes selbst durch das totalitäre Regime der NS-Zeit betrachtet wird, soll ein kurzer Blick auf die allgemeine Rezeption des Dichters Goethe in dieser Zeit geworfen werden.

I. Die Goethe-Rezeption im Nationalsozialismus

„Goethe ist für die kommenden Zeiten erbitterter Kämpfe nicht brauchbar, weil ihm die Gewalt einer typenbildenden Idee verhaßt war und er sowohl im Leben wie im Dichten keine Diktatur eines Gedankens anerkennen wollte, ohne welche jedoch ein Volk nie ein Volk bleibt und nie einen echten Staat schaffen wird.“[4]

1930 drückte das die Meinung des NS-Chefideologen Alfred Rosenberg über Goethe aus. Der Dichter wurde zunächst von den NS-Größen gemieden, sei es aus Gleichgültigkeit, Unkenntnis oder Berührungsangst.[5] Es stellt ja auch eine besondere Schwierigkeit dar, Goethe und sein Werk mit den Vorstellungen der NS-Weltanschauung in Verbindung zu setzen: Seine ganze Person als Freimaurer und übernationaler Weltbürger, als Verkünder gewaltfreier Humanität und Pantheist, als von Thomas Mann so bezeichneter „kerndeutscher Unpatriot“ bzw. „internationaler Patriot“[6] machten ihn denkbar ungeeignet für die Vereinnahmung durch die Nationalsozialisten.[7] Er war „zu urban, zu weltbürgerlich, zu vorurteilslos, zu differenziert“[8] um einfach adaptiert werden zu können, wie es beispielsweise Schiller, Kleist oder Hölderlin geschah, die ohne größere Umschweife als Identifikationsobjekte und Legitimationsfolien herangezogen wurden.[9] Es gab unübersehbare und scheinbar unüberwindliche Widerstände gegen eine völkische Adaption Goethes.[10]

Wenngleich es also keinen „öffentlichen Kult um den Dichterfürsten“ während der NS-Zeit gab[11], so unterblieb dennoch der Versuch nicht, ihn nach und nach trotzdem systemtauglich zu deuten und zu nutzen, zu harmonisieren.[12] Er war als größter Name der Geschichte der deutschen Literatur zu wichtig, um einfach übergangen werden zu können. So ‚verdeutschte’ Adolf Bartels Goethe bereits 1932 auf recht gezwungen wirkende Weise:

„Man wird es in jüdischen und judengenössischen Kreisen bestreiten, daß der moderne Nationalsozialismus mit Goethe zusammenhängt, aber der Beweis ist zu liefern. Goethe war nicht bloß seinem Wesen nach ausgesprochener Deutscher – wie hätte er sonst der größte deutsche Dichter werden können? -, er hat sich auch jedesmal, wenn es darauf ankam, zum Deutschtum bekannt.“[13]

Auch Alfred Rosenberg scheint seine oben zitierte Meinung von 1930, die Rolle Goethes für das NS-Regime betreffend, bis 1936 relativiert zu haben:

„Die in letzter Zeit verschiedentlich auftauchenden herabziehenden Ansichten über Goethe könnten von der nationalsozialistischen Bewegung in keiner Weise geteilt werden. Goethe sei nach wie vor, auch für uns Nationalsozialisten, einer der erhabensten Geister, die unser Volk hervorgebracht hatte. Die ehrfurchtslosen Versuche, dieses Genie durch alle möglichen Freimaurersagen herunterzuziehen, müssten auf das Schärfste abgelehnt werden.“[14]

Selbst der Goethe-kritische Hitler zeigte sich angesichts des Goethe-Wortes „Im Anfang war die Tat“ (V. 1237) großzügig bereit, ihm „vieles nachzusehen“.[15] Und einige Aspekte aus Goethes Leben, wie etwa seine Skepsis liberalen Regierungsformen gegenüber oder die Ablehnung der Judenemanzipation, waren neben aller erzwungener Utilitarisierung des Dichters tatsächlich gut für die Propaganda des NS-Regimes zu gebrauchen.[16]

Hier soll es jedoch nicht primär um die nationalsozialistische Goethe-Rezeption im Allgemeinen gehen, sondern um die wesentlich speziellere und teilweise auch ganz anders gelagerte ‚Faust’-Rezeption. Daher sei zusammenfassend nur festgehalten, dass die Gestalt Goethes für die NS-Führung eine ambivalente war: Einerseits spielte er als größter deutscher Dichter eine äußerst wichtige und nicht zu übergehende Rolle. Je mehr Goethe instrumentalisiert wurde, desto deutlicher trat andererseits zu Tage, dass seine Weltanschauung mit der zeitgenössischen Ideologie nicht ohne Weiteres gleichzuschalten war. „Zu keinem Zeitpunkt war Goethe den Deutschen so fern und so fremd wie in der Zeit des Nationalsozialismus. […] Der Abstand [von der NS-Ideologisierung] zur aufklärerischen Humanität Goethes konnte nicht größer sein.“[17]

II. Die ‚Faust’-Rezeption im Nationalsozialismus

Nahezu unberührt von den Diskussionen um die Rolle Goethes im NS-Staat blieb sein ‚Faust’. Er wurde nicht nur als die größte Dichtung in deutscher Sprache, sondern zugleich als das entscheidende Weltanschauungsbuch bezeichnet,[18] galt während der NS-Zeit als größte dichterische Selbstoffenbarung des deutschen Geistes.[19]

[...]


[1] Günther Mahal, Der tausendjährige Faust. Rezeption als Anmaßung, in: Gunter Grimm (Hrsg.), Literatur und Leser. Theorien und Modelle zur Rezeption literarischer Werke, Stuttgart 1975, S. 181-195.

[2] Mahal, Der tausendjährige Faust (1975), S. 181.

[3] Es sei nur die Inszenierung des Faust II durch Gustav Gründgens 1942 am Staatlichen Schauspielhaus Berlin erwähnt.

[4] Alfred Rosenberg, Der Mythus des 20. Jahrhunderts. Eine Wertung der seelisch-geistigen Gestaltenkämpfe unserer Zeit, München 1930, S. 509.

[5] Karl Robert Mandelkow, Goethe in Deutschland. Rezeptionsgeschichte eines Klassikers, Bd. 2 (1918-1982), München 1989, S. 78.

[6] Thomas Mann, Goethe als Repräsentant des bürgerlichen Zeitalters, in: Bürgin, Hans (Hrsg.), Thomas Mann, Schriften und Reden zur Literatur, Kunst und Philosophie, Bd. 2, Frankfurt a. M. und Hamburg 1968, S. 62-89, S. 75.

[7] Mandelkow, Goethe in Deutschland (1989), S. 78.

[8] Mahal, Der tausendjährige Faust (1975), S. 184.

[9] Mandelkow, Goethe in Deutschland (1989), S. 79.

[10] Thomas Zabka, Vom „deutschen Mythos“ zum „Kriegshilfsdienst“. Faust-Aneignungen im nationalsozialistischen Deutschland, in: Möbus, Frank / Schmidt-Möbus, Friederike / Unverfehrt, Gerd (Hrsg.), Faust. Annäherung an einen Mythos, Göttingen 1995, S. 313-331, 313.

[11] Zabka, Faust-Aneignung (1995), S. 314.

[12] Mandelkow, Goethe in Deutschland (1989), S. 79.

[13] Adolf Bartels, Das Goethejahr 1932. Goethe und der Nationalsozialismus, in: Deutsches Schrifttum 24 (1932), Nr. 1.

[14] Boguslaw Drewniak, Das Theater im NS-Staat. Szenarium deutscher Zeitgeschichte 1933-1945, Düsseldorf 1983, S. 170.

[15] Zabka, Faust-Aneignung (1995), S. 316.

[16] Drewniak, Das Theater im NS-Staat (1983), S. 170.

[17] Lothar Ehrlich, Der fremde Goethe. Die Deutschen und ihr Dichter, in: Studien des Instituts für die Kultur der deutschsprachigen Länder Nr. 18, Sophia-Universität, Tokio 2000 (http://www.info.sophia.ac.jp/g-areas/DE-GoetheSymEhrlich.htm, 25. Mai 2007).

[18] Reinhard Buchwald, Das Vermächtnis der deutschen Klassiker, Leipzig 1944, S. 152.

[19] Ernst Beutler, Einhundertfünfzig Jahre ‚Faust’. Über Irrwege und Umwege zum Verständnis der künstlerischen Einheit des Werks, in: Abendblatt und Erstes Morgenblatt der Frankfurter Zeitung vom Sonntag, 3. November 1940, S. 4.

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Details

Titel
Auf freiem Grund mit freiem Volke – Zur ideologisch-propagandistischen ‚Faust’-Rezeption im NS-Staat
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für deutsche Philologie)
Veranstaltung
Goethe - Die Faust-Dichtungen
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
18
Katalognummer
V180490
ISBN (eBook)
9783656032137
ISBN (Buch)
9783656032441
Dateigröße
550 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Eine tadellose Leistung, die - von einigen marginalen Formalia abgesehen - buchstäblich keine Wünsche offen läßt und zudem in einem Stil verfaßt ist, den man stets gerne und mit Gewinn liest. (Korrekturanmerkung)
Schlagworte
Goethe, Faust, Faust-Rezeption, Rezeption, NS-Staat, Nationalsozialismus, Auf freiem Grund, mit freiem Volk, Ideologie, Propaganda, Faust I, Faust II, Wirkungsgeschichte
Arbeit zitieren
Lukas Strehle (Autor), 2007, Auf freiem Grund mit freiem Volke – Zur ideologisch-propagandistischen ‚Faust’-Rezeption im NS-Staat, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/180490

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