Vergleich von Adipositas-Programmen für die ärztliche Praxis


Essay, 2011
10 Seiten

Leseprobe

Strukturierte Adipositasprogramme im Vergleich

Ernährungsberatung von Übergewichtigen und Adipösen als zweites wirtschaftliches Standbein für den niedergelassenen Arzt

Von Sven-David Müller, M.Sc.

Übergewicht und Adipositas sind zunehmende Probleme!

Die Zahl der Übergewichtigen nimmt nicht nur in den Industrienationen, sondern auch den Schwellenländern zu. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat Adipositas zur globalen Epidemie erklärt. Dennoch spielt Ernährungsberatung in der ärztlichen Praxis noch immer eine untergeordnete oder sogar keine Rolle. Die hohe Adipositas-Inzidenz und die Prävalenz ernährungsabhängiger sowie ernährungsmitbedingter Krankheiten erfordert aber eine qualifizierte Ernährungsberatung. Das Kassenarztsystem ermöglicht dem Arzt die Abrechnung von Diät- und Ernährungsberatung praktisch nicht. Eine Kostendeckung ist nicht möglich. Aufgrund standesrechtlicher Einschränkungen darf der Kassenarzt als Freiberufler jedoch auch keiner gewerblichen Tätigkeit nachgehen. Es besteht aber die Möglichkeit Ernährungsberatung als Igelleistung, neben der Praxistätigkeit oder in praxisparallelen Centren anzubieten. Dabei kommen eine Vielzahl von Anbietern auf den Arzt zu und bieten Ihre Franchise-Modelle an.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Statistisches Bundesamt, 2002, Wiesbaden

Übergewicht und Adipositas in Deutschland

Die Kosten, die durch Fehlernährung hervorgerufen werden, berechnete das Deutsche Kompetenzzentrum Gesundheitsförderung und Diätetik für das Jahr 2000 auf 144,64 Milliarden Mark (Datengrundlage BMG, 1990, Alte Bundesländer 83,511 Mrd. DM, Neue Bundesländer 23,823 Mrd. DM = 107,334 Mrd. DM). Im Jahr 2001 lagen die direkten und indirekten Ausgaben für fehlernährungsbedingte Krankheiten nach Hochrechnung der Gesellschaft bei mindestens 148,575 Mrd. DM. Das ist rund ein Drittel der Gesamtkosten im Gesundheitswesen. Nach Angaben des Bundesministeriums für Gesundheit treten 64 Prozent der Todesfälle in Deutschland in Folge ernährungsbedingter und ernährungsabhängiger Erkrankungen auf. In Deutschland leiden rund 60% der erwachsenen Bevölkerung an Übergewicht (BMI > 25). Rund 20% der Bevölkerung weisen ein behandlungsbedürftiges Übergewicht (BMI ≥ 30 = Adipositas) auf [1, 2]. Allein Im Zeitraum von 1985 bis 1990 war ein Anstieg der Übergewichtigen mit einem BMI > 30 von 16,5% auf 19,3% bei den Frauen und von 15,1% auf 17,2% bei den Männern zu beobachten 3. Auch bei Kindern ist die Tendenz steigend. Bereits bis zu 23% der deutschen Kinder und Jugendlichen weisen Übergewicht und Adipositas auf. Dass der Prävention eine große Bedeutung zukommt, wird noch dadurch verdeutlicht, dass 85% der übergewichtigen Kinder auch als Erwachsene übergewichtig sind. [4, 5] Trotz oder gerade weil das Angebot an vermeintlichen Lösungsansätzen in Form von Diätkonzepten, Arzneimitteln, sonstigen Schlankheitsmitteln und Gewichtsreduktions-programmen immens ist, nimmt die Zahl der Betroffenen nicht ab, sondern zu. Aufgrund der Begleit- und Folgeerkrankungen der Adipositas (z.B. KHK, Diabetes mellitus Typ 2) ist eine stetige Erhöhung der Krankheitskosten zu erwarten, die nicht nur die Sozialversicherungsträger, sondern auch die Patienten selbst belasten. In Deutschland ergaben Ergebnisse von Schätzungen für das Jahr 1995 für die Adipositas und ihre Folgekrankheiten Kosten in Höhe von rund 21 Milliarden DM [2, 6]. Es ist davon auszugehen, dass die aktuellen Kosten viel höher liegen. Es stellt sich die Frage, ob Adipositas als Erkrankungsform in der Bevölkerung und insbesondere vom Gesundheitssystem nicht ernst genug genommen wird oder sogar die Therapiekonzepte - soweit denn vorhanden - an der falschen Stelle ansetzen. Die große Anzahl an Betroffenen ist ansonsten nur schwer zu erklären.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Gesundheitssurvey 1998, Robert-Koch-Institut, Berlin

Die erste Überlegung trifft sicherlich in soweit zu, dass Adipositas in unserer Gesellschaft selten als eine therapiebedürftige Erkrankung angesehen wird. Im Jahr 2000 beschrieb die WHO die Adipositas erstmalig als chronische Krankheit 1, in Deutschland ist sie jedoch als solche vom Gesundheitssystem noch nicht anerkannt. Lediglich die Folgen der Adipositas haben diese Anerkennung und ermöglichen damit eine Kostenerstattung durch die gesetzlichen Krankenkassen. Wie aber verhält sich die ärztliche Seite? Aus einer Analyse von Krankenkassendaten einer repräsentativen Stichprobe aller Versicherten der AOK Dortmund aus dem Jahr 1990 geht hervor, dass nur bei 6,2% der Untersuchten die Diagnose „Adipositas“ oder „Übergewicht“ auf ärztlichen Abrechnungsscheinen vermerkt war. Setzt man diese Zahl in das Verhältnis zur Anzahl der tatsächlich Betroffenen, so wird deutlich, dass die meisten Fälle von den niedergelassenen Ärzten nicht wahrgenommen wurden. 2 Diese Tatsache ist nicht weiter verwunderlich, hält man sich die aktuelle Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) vor Augen: Im Rahmen der GOÄ lassen sich über die Kassenärztlichen Vereinigungen diagnostische und therapeutische Maßnahmen bei Adipositas nur dann abrechnen, wenn diese im Zusammenhang mit einer Begleit- und Folgeerkrankung der Adipositas stehen. Es ergibt sich zwar in Bezug auf Adipositas eine weitere Einnahmemöglichkeit für Ärzte im Rahmen der individuellen Gesundheitsleistungen (iGel- Liste), jedoch müssen die Kosten für solche Leistungen wie Ernährungsschulung von den Versicherten selbst getragen werden. 7 Die notwendige Akzeptanz bei den Patienten ist, insbesondere wenn der präventive Charakter im Vordergrund steht, nicht in ausreichendem Maße vorhanden. Seit dem 1.7.2000 ist Prävention zwar wieder Aufgabe der gesetzlichen Krankenkasse, die Ausgaben pro Versicherter betragen allerdings nur 5,- DM jährlich - „ein Tropfen auf einem heißen Stein“! Eine Abrechnungsfähigkeit ist aber nur gegeben, wenn die Berater entsprechend den Anforderungen der gesetzlichen Krankenkassen qualifiziert sind. Für Mediziner ist die nur gegeben, wenn sie das Curriculum Ernährungsmedizin absolviert haben. Es fragt sich, warum diese Konzepte langfristig so geringen Erfolg bewirken. Eine der Hauptursachen besteht sicherlich darin, dass die Personen nach Abschluss der Programme wieder auf sich selbst gestellt sind. Sinnvolle Adipositasprogramme sind dauerhaft, also lebensbegleitend, angelegt. Den Adipösen muss in einem partnerorientierten Programm vermittelt werden, dass nur eine dauerhafte Umstellung des Lebensstils und des Ernährungsverhaltens erfolgreich ist. Unter Alltagsbedingungen setzen sich ansonsten die alten Gewohnheiten meist nach wenigen Wochen oder Monaten wieder durch und das Ausgangsgewicht wird schnell wieder erreicht oder sogar noch überschritten13. Es ist somit nicht verwunderlich, dass es nur 20 bis 30% der Teilnehmer gelingt, anhand einer Ernährungs- und Verhaltenstherapie das reduzierte Körpergewicht über 3 Jahre oder länger zu stabilisieren14. Die Umgewöhnung an neue Verhaltensweisen stellt einen sehr langsamen und schwierigen Prozess dar. Zudem ist die Anzahl der Angebote an effektiven Therapiekonzepten äußerst gering. Der größte Teil der Bevölkerung versucht im Alleingang seine Pfunde loszuwerden oder setzt auf dubiose Schlankheitsmittel und unseröse Diätkonzepte, die nicht den wissenschaftlichen Anforderungen entsprechen.

Die praxisparallelle Adipositasberatung

Die verschiedenen Programme integrieren in der Regel Ernährungsberatung in Gruppen und proteinmodifiziertes Fasten mit diätetischen Lebensmitteln. Das Programm sollte sich über einen Zeitraum von mindestens 3 Monaten erstrecken und auch eine dauerhafte Betreuung über Jahre ermöglichen. Die bewerteten Programme schließen die Bestimmung der Körperkompartimente und deren Verlaufsentwicklung anhand von Körperfettmessungen mittels bioelektrischer Impedanz Analyse (BIA) oder Infrarotspektroskopie ein. Zusätzlich ermöglichen verschiedene Anbieter den Verkauf von sogenannten Vitalstoffprodukten, auf der Basis von Vitaminen, Mineralstoffen sowie sekundären Pflanzenstoffen eine „orthomolekulare Therapie“. Schon jetzt zahlt der Bundesbürger schon rund 75 Mrd. DM für die Gesundheit und Fitness aus eigener Tasche (17). Wichtige Hinweise für die Einrichtung einer praxisparallelen Gesundheitsberatung:

- Inhaber des Centrums sollte ein niedergelassener Arzt nicht sein
- Der niedergelassene Arzt ist Vertragsarzt oder Berater des Gesundheitszentrum
- Das Gesundheitszentrum ist getrennt von der Kassenarztpraxis und ist zeitlich (außerhalb der Sprechzeiten) oder örtlich (eigenen Eingang) getrennt, (verfügt über einen, eigenes Telefon, (...) gesondert ausgewiesen Miete, getrennte Miete
- Das Gesundheitszentrum schließt Arbeitsverträge mit den Mitarbeitern ab
- Die ärztliche Tätigkeit als Berater findet außerhalb der Sprechzeiten statt Gesellschaftsform GmbH oder Ein-Personengesellschaft oder GbR (Anmeldung beim Gewerbeamt)
- Eigenes Personal, ev. Praxispersonal mit zweiter
- Steuerkarte Steuerberater und Rechtsbeistand erforderlich

Werden diese Punkte nicht eingehalten, führt das zu standesrechtlichen Problemen sowie Konsequenzen und es kann die Umsatzsteuerpflicht der gesamten Praxiseinnahmen nach sich ziehen. Zu den Anbietern von strukturierten Adipositasprogrammen für den Arzt gehören unter anderem die Unternehmen PreCon GmbH und Co KG, FormMed HealthCare AG, Bodymed AG, sowie Insumed/Peloid GmbH.

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Details

Titel
Vergleich von Adipositas-Programmen für die ärztliche Praxis
Autor
Jahr
2011
Seiten
10
Katalognummer
V181009
ISBN (eBook)
9783656037316
ISBN (Buch)
9783656037767
Dateigröße
452 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Übergewicht, Adipositas, Formmed, Bodymed, PreCon, Optifast, Modyfast, Sven-David Müller, Diätassistent, Abnehmen, schlank, Diabetesberater
Arbeit zitieren
M.Sc. Sven-David Müller (Autor), 2011, Vergleich von Adipositas-Programmen für die ärztliche Praxis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/181009

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