Volk, Nation, Minderheit: im Dickicht der Definitionen läßt sich so leicht kein passendes Etikett für die offiziell anerkannte Volksgruppe der Sorben in Deutschland finden. Diese Arbeit setzt sich mit ethnologischen Konzepten von Ethnizität und ethnischer Identität auseinander, und versteht sich nicht in erster Linie als Beitrag zur empirischen Forschung über die Sorben. Die theoretische Auseinandersetzung findet gleichwohl anhand des Beispiels der Sorben statt, und stützt sich dabei sowohl auf Literatur wie auch auf eigene Beobachtungen. Das Ziel ist dabei nicht, eine vollständige Analyse sorbischer ethnischer Identität zu versuchen, sondern anhand einzelner Zusammenhänge – der Entstehung eines sorbischen Nationalismus, der Rolle der Sorben in der DDR und der politischen Auseinandersetzung um das von der Umsiedlung bedrohte Dorf Horno in Brandenburg - die kontextabhängige und diskursive Herausbildung spezifischer Ethnizitätskonzepte aufzuzeigen, um damit die sorbische Ethnizität als Diskurs, der nur unter Bezugnahme auf andere, umgebende Diskurse verstanden werden kann, zu begreifen.
Inhaltsverzeichnis
- 1. Vorbemerkung
- 1.1. Eine sehr kurze Geschichte der Sorben
- 1.2. Eine knappe Skizze der heutigen Situation
- 2. Einleitung und Fragestellung
- 3. Begriffsbestimmung
- 3.1. Ethnie, Ethnizität, ethnische Identität
- 3.2. Suche nach objektivem Sorbisch-Sein
- 3.3. Ethnizität ohne ethnische Gruppe?
- 3.3.1. Das Verschwinden der Sorben - die essentialistische Erklärung
- 3.3.2. Die konstruktivistische Erklärung
- 3.3.2.1. Das Selbstbestimmungsrecht der Völker
- 3.3.2.2. Multikulturalismus
- 3.3.3. Ethnizität als essentielle Qualität
- 3.4. Diskurs
- 3.4.1. Ethnische Identität als Diskurs
- 3.4.2. Zwei Möglichkeiten: Mikro- oder Makroebene?
- 4. Drei sorbische Ethnizitätsdiskurse
- 4.1. Die sorbische Nation
- 4.1.1. Erfundene Nationen
- 4.1.2. Wie entsteht eine Nation?
- 4.1.3. Vor dem Erwachen
- 4.1.4. Die sorbische Wiedergeburt
- 4.2. Die Sorben in der DDR
- 4.2.1. Wertungen und Widersprüche
- 4.2.2. Geschichtsbild und Ziele der Nationalitätenpolitik
- 4.2.3. Integration statt Unterschied
- 4.2.3.1. Verordnete Integration
- 4.2.3.2. Probleme der Integration
- 4.2.3.3. Chancen der Integration
- 4.3. Einschub: Wendezeiten
- 4.4. Horno
- 4.4.1. Der Kontext
- 4.4.2. Instrumentalisierte und authentische Identität
- 4.4.3. Was bedeutet „Sorbisch“ in Horno?
- 4.4.4. Das sorbische Siedlungsgebiet
- 4.4.5. Gegenargumente
- 4.4.6. Schlußfolgerungen
Zielsetzung und Themenschwerpunkte
Diese Arbeit untersucht ethnologische Konzepte von Ethnizität und ethnischer Identität anhand des Beispiels der sorbischen Bevölkerung. Das Hauptziel ist nicht eine umfassende empirische Studie der Sorben, sondern die Aufdeckung der kontextabhängigen und diskursiven Entstehung spezifischer Ethnizitätskonzepte. Die sorbische Ethnizität wird dabei als ein Diskurs verstanden, der sich nur im Bezug auf andere, umgebende Diskurse definiert, nicht durch die Sorben als reine ethnische Gruppe.
- Konzepte von Ethnizität und ethnischer Identität
- Die historische Entwicklung der Sorben
- Der Einfluss von Diskursen auf die sorbische Identität
- Die sorbische Situation in der DDR
- Fallstudie Horno: Authentische vs. instrumentalisierte Identität
Zusammenfassung der Kapitel
Die Vorbemerkung bietet einen kurzen Überblick über die Sorben, ihre Geschichte und ihre aktuelle Situation. Die Einleitung formuliert die Forschungsfrage. Kapitel 3 befasst sich mit der Definition von Ethnie, Ethnizität und ethnischer Identität, beleuchtet verschiedene Erklärungen für das (scheinbare) Verschwinden von Ethnien und diskutiert den Begriff des Diskurses im Kontext ethnischer Identität. Kapitel 4 analysiert drei sorbische Ethnizitätsdiskurse: den Diskurs der sorbischen Nation, die Situation der Sorben in der DDR und eine Fallstudie des Ortes Horno. Die Kapitel 4.1 bis 4.4.5 untersuchen verschiedene Aspekte dieser Diskurse, ohne auf die Schlussfolgerungen einzugehen.
Schlüsselwörter
Sorben, Wenden, Ethnizität, ethnische Identität, Diskurs, Nation, Minderheit, DDR, Integration, Identität, Lausitz, konstruktivistische Erklärung, essentialistische Erklärung, Multikulturalismus, Selbstbestimmungsrecht der Völker.
Häufig gestellte Fragen
Wer sind die Sorben?
Die Sorben (auch Wenden genannt) sind eine slawische Minderheit, die in der Lausitz in Deutschland lebt und offiziell als Volksgruppe anerkannt ist.
Was ist der Unterschied zwischen essentialistischer und konstruktivistischer Identität?
Die essentialistische Sicht sieht Identität als feste Qualität, während die konstruktivistische Sicht Identität als einen sozialen Prozess und Diskurs versteht.
Welche Rolle spielten die Sorben in der DDR?
In der DDR wurde eine Nationalitätenpolitik verfolgt, die einerseits die Integration förderte, andererseits aber oft Unterschiede zugunsten eines einheitlichen sozialistischen Bildes einebnete.
Warum ist das Dorf Horno in der sorbischen Debatte wichtig?
Horno war ein durch den Braunkohletagebau bedrohtes Dorf, an dem sich die politische Auseinandersetzung um sorbische Identität und Heimatverlust zuspitzte.
Was bedeutet „Ethnizität als Diskurs“?
Es bedeutet, dass sorbische Identität nicht statisch ist, sondern durch politische und gesellschaftliche Gespräche und Umstände immer wieder neu definiert wird.
- Quote paper
- Sibylle Roderer (Author), 1998, Ethnizität der Sorben, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/181078